Die wichtigsten Opernkomponisten: Von Monteverdi bis heute
Die Oper gehört seit ihrer Entstehung um das Jahr 1600 zu den faszinierendsten und vielschichtigsten Kunstformen der westlichen Kultur. Musik, Gesang, Bühnenbild, Dichtung und Schauspiel verschmelzen zu einem Gesamterlebnis, das Generationen von Zuschauerinnen und Zuschauern begeistert hat. Hinter diesem Reichtum stehen die bedeutendsten Opernkomponisten der Geschichte – von Claudio Monteverdi, der die Gattung quasi erfand, über Mozart, Verdi und Wagner bis hin zu Benjamin Britten im 20. Jahrhundert. Dieser Überblick stellt die wichtigsten Opernkomponisten und ihre Meisterwerke vor.
Die Anfänge: Monteverdi und die Geburt der Oper
Wer die Geschichte der Oper verstehen will, muss bei Claudio Monteverdi (1567–1643) beginnen. Er war es, der die theoretischen Ideen der Florentiner Camerata – eines Zirkels humanistischer Gelehrter, Dichter und Musiker, der die antike griechische Tragödie mit Musik wiederbeleben wollte – in klingende Wirklichkeit verwandelte. Sein L'Orfeo (1607) gilt als die erste vollständig erhaltene Oper der Musikgeschichte und ist bis heute ein lebendes Werk auf den Bühnen der Welt.
In L'Orfeo erzählt Monteverdi den antiken Mythos des Orpheus, der mit seiner Musik die Götter der Unterwelt rührt, um seine verstorbene Gattin Eurydike zurückzuholen. Das Werk vereint für seine Zeit revolutionäre Ausdrucksmittel: ein großes Orchester, differenzierte Rezitative und Arien sowie eine dramatisch zwingende Handlung. Mit L'incoronazione di Poppea (1643) schuf Monteverdi am Ende seines Lebens ein weiteres Meisterwerk – dieses Mal mit einem historisch-politischen Stoff aus der römischen Kaiserzeit und einer psychologischen Tiefe, die für das 17. Jahrhundert geradezu atemraubend ist.
Das Barockzeitalter: Händel und Purcell
Das Barockzeitalter brachte zwei der größten Opernkomponisten hervor, die das Genre in ganz unterschiedliche Richtungen entwickelten. Georg Friedrich Händel (1685–1759) ist der Meister der Barockoper schlechthin. In London, wo er den größten Teil seiner Karriere verbrachte, komponierte er für das adlige und bürgerliche Publikum eine Folge von Opern im Stil der Opera seria – ernsthaften, mythologischen oder historischen Sujets mit virtuosen Arien für die gefeierten Kastraten und Primadonnen der Zeit.
Sein Giulio Cesare in Egitto (1724) gilt als Krönung dieses Schaffens: Die Musik ist von unerschöpflichem melodischem Erfindungsreichtum, die Charakterisierung der Figuren – Caesar, Kleopatra, Ptolemaios – von bemerkenswerter Plastizität. Alcina (1735) begeistert mit dem farbenprächtigen Zauberwesen der Titelfigur und gehört zu den meistgespielten Händel-Opern der Gegenwart.
Henry Purcell (1659–1695) dagegen steht für die englische Tradition der Barockoper. Sein Dido and Aeneas (um 1689) ist zwar ein Kurzwerk von knapp einer Stunde Dauer, aber von einer emotionalen Unmittelbarkeit, die es zu einem der bewegendsten Werke der gesamten Operngeschichte macht. Didos abschließender Klagegesang – „When I am laid in earth" – ist eine der berühmtesten Arien überhaupt.
Die Klassik: Wolfgang Amadeus Mozart
Kein anderer Opernkomponist hat die Bühnenwerke des klassischen Zeitalters so nachhaltig geprägt wie Wolfgang Amadeus Mozart (1756–1791). In seiner kurzen Lebenszeit – er starb mit nur 35 Jahren – schuf er eine Reihe von Opern, die bis heute zum festen Repertoire jedes großen Opernhauses gehören und an psychologischer Tiefe, melodischer Erfindung und dramatischer Überzeugungskraft kaum zu übertreffen sind.
Le nozze di Figaro (1786) ist eine meisterhafte Komödie über Liebe, Eifersucht und Standesunterschiede nach Beaumarchais. Don Giovanni (1787) vereint das Komische mit dem Abgründigen und gehört zu den rätselhaftesten Werken der Operngeschichte. Die Zauberflöte (1791), Mozarts letztes großes Bühnenwerk, verbindet Märchen, Freimaurersymbolik und ernste Humanitätsideen zu einem einzigartigen Singspiel. Così fan tutte (1790) schließlich ist ein bitteres, hinreißendes Spiel über die Untreue im Sinne einer Grundbedingung menschlicher Natur.
Was Mozarts Opern so besonders macht, ist die Fähigkeit, in jeder Figur gleichzeitig das Komische und das Tragische, das Edle und das Schwache zu zeigen. Die Gräfin in Figaro ist zugleich verletzt und würdevoll; Don Giovanni ist böse und verführerisch; Pamina in der Zauberflöte ist stark und zerbrechlich. Diese menschliche Vielschichtigkeit hat Mozarts Opern unsterblich gemacht.
Belcanto und frühe Romantik: Rossini, Donizetti und Bellini
In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts dominierten drei italienische Komponisten die Opernbühnen Europas und schufen die goldene Ära des Belcanto – jener Kunst des „schönen Gesangs", bei der die menschliche Stimme im Mittelpunkt steht und mit Virtuosität und Ausdruckskraft zugleich brillieren soll.
Gioachino Rossini (1792–1868) war das erste Phänomen dieser Epoche. Der Barbier von Sevilla (1816) ist eine sprühende Buffa-Komödie mit unwiderstehlichem Witz und funkelnder Musik; Figaro gehört zu den bekanntesten Opernfiguren überhaupt. Gaetano Donizetti (1797–1848) schuf mit Lucia di Lammermoor (1835) eine der ergreifendsten Opern des gesamten Repertoires – die Wahnsinnsszene der Titelheldin ist für dramatische Sopranistinnen bis heute ein Gipfelpunkt.
Vincenzo Bellini (1801–1835) verband in seinen Opern melodische Schönheit von geradezu schmerzlicher Intensität mit einer subtilen Harmonik. Norma (1831) gilt als Krönung des Belcanto: Die Titelrolle zählt zu den anspruchsvollsten und schönsten Partien des gesamten Sopranfachs.
Giuseppe Verdi: Der Meister des musikdramatischen Ausdrucks
Giuseppe Verdi (1813–1901) ist für viele der größte Opernkomponist überhaupt. In einem Schaffen, das sich über sechs Jahrzehnte erstreckt und in drei klar unterscheidbare Phasen gliedert, hat er das Musikdrama grundlegend verwandelt und dem Melodrama eine psychologische Tiefe und eine politische Dimension gegeben, die vorher nicht denkbar schien.
Die frühe Phase beginnt mit Nabucco (1842), das mit dem Gefangenenchor „Va pensiero" zur Hymne des italienischen Risorgimento wurde und Verdis Ruhm über Nacht begründete. Die mittlere, reifste Phase bringt die großen Volksopern: Rigoletto (1851) mit dem berühmten Quartett und der schmerzhaften Geschichte des buckligen Hofnarren; La Traviata (1853), die Tragödie der Kurtisane Violetta mit Arien von unvergänglicher Schönheit; Aida (1871), ein Grand-opéra-Spektakel mit intimer Seelen-drama zugleich.
In der Spätphase – Verdi war bereits über sechzig – steigerte sich sein dramatisches Genie noch einmal. Otello (1887) nach Shakespeare ist eine erschütternde Eifersuchtstragödie, musikalisch ohne Pausen und Nummernstruktur, durchkomponiert wie ein einziger langer Atemzug. Falstaff (1893), komponiert im Alter von fast achtzig Jahren, ist eine sprühende, weisheitsvolle Komödie – Verdis letztes Wort auf der Opernbühne und zugleich eine der großartigsten Komödien der Musikgeschichte.
Richard Wagner: Das Gesamtkunstwerk
Richard Wagner (1813–1883) hat die Oper radikaler verändert als irgendein anderer Komponist vor oder nach ihm. Sein Konzept des Gesamtkunstwerks – der vollständigen Einheit von Musik, Text, Bühnenbild und Dramatik – stellte die bisherige Vorstellung der Oper als Folge abgeschlossener Nummern fundamental in Frage. Wagner schrieb stets seine eigenen Libretti und errichtete mit dem Bayreuther Festspielhaus ein eigenes Theater für seine Werke.
Das gewaltigste Projekt der Operngeschichte ist Wagners vierteiliger Bühnenweihfestspielzyklus Der Ring des Nibelungen, an dem er mehr als zwanzig Jahre arbeitete. Die Tetralogie – Das Rheingold, Die Walküre, Siegfried und Götterdämmerung – dauert zusammen rund fünfzehn Stunden und entwirft eine mythologische Welt von atemberaubender Komplexität. Das Leitmotiv-System, bei dem musikalische Motive mit Personen, Gegenständen oder Ideen verknüpft werden, ermöglicht eine symphonische Verflechtung von nie dagewesener Dichte.
Tristan und Isolde (1865) gilt als das epochale Werk der Harmonik: Der berühmte „Tristan-Akkord" im Vorspiel markiert den Beginn der modernen Harmonik und beeinflusste die gesamte Musikgeschichte des 20. Jahrhunderts. Parsifal (1882), Wagners letztes Werk, ist ein mystisches Bühnenweihfestspiel über Schuld, Mitleid und Erlösung von unvergleichlicher Feierlichkeit.
Giacomo Puccini: Verismus und emotionale Unmittelbarkeit
Giacomo Puccini (1858–1924) ist der beliebteste Opernkomponist der Gegenwart – kein anderer Komponist füllt die Opernhäuser der Welt so zuverlässig. Puccini verband die Tradition des melodischen Reichtums der italienischen Oper mit den Tendenzen des Verismus – der naturalistischen Darstellung des alltäglichen Lebens, auch seiner dunklen und tragischen Seiten – und einer harmonischen Sprache, die impressionistische und exotische Elemente einschloss.
La Bohème (1896) ist die romantische Liebesgeschichte von Künstlern im Paris des 19. Jahrhunderts – mit Arien und Ensembles von solcher Eingängigkeit, dass sie sofort ins Herz treffen. Tosca (1900) ist ein knalliges Melodrama über Kunst, Macht und Selbstaufopferung; die „Scarpia-Akkorde" des Beginns gehören zu den bekanntesten Orchestermomenten der gesamten Opernliteratur. Madama Butterfly (1904) erzählt die erschütternde Geschichte der japanischen Geisha Cio-Cio-San mit einer Eindringlichkeit, die kaum zu ertragen ist.
Puccinis letztes Werk, Turandot, blieb bei seinem Tod 1924 unvollendet und wurde von Franco Alfano nach Puccinis Skizzen zu Ende komponiert. Die berühmte Tenor-Arie „Nessun dorma" hat das Werk in der Populärkultur unsterblich gemacht.
Richard Strauss: Zwischen Spätromantik und Moderne
Richard Strauss (1864–1949) steht an der Schnittstelle zwischen der spätromantischen Tradition und der Moderne des 20. Jahrhunderts. Seine Opern sind von einer orchestralen Üppigkeit und einer harmonischen Kühnheit geprägt, die selbst Wagner übertreffen – und zugleich von einer Fähigkeit zur lyrischen Schönheit, die ihn zum Erben Mozarts macht.
Salome (1905) nach Oscar Wilde versetzte das Publikum bei der Uraufführung in Dresden in Schock: Die musikalische Sprache ist dissonant und explizit, die Handlung moralisch provokativ. Elektra (1909) steigert diese Expressivität noch weiter und markiert den äußersten Punkt, bis zu dem Strauss auf dem Weg in die Atonalität vorstieß.
Mit Der Rosenkavalier (1911) vollzog Strauss dann eine überraschende Wende zurück zur Komödie und zur Sehnsucht nach dem Wien des 18. Jahrhunderts. Das Libretto von Hugo von Hofmannsthal – dem wichtigsten Textdichter in Strauss' Leben – verbindet Walzerseligkeit mit einer tiefen Melancholie über das Vergehen der Zeit. Das Schluss-Terzett der drei Frauenstimmen gehört zu den schönsten Momenten der gesamten Opernliteratur.
Das 20. Jahrhundert: Britten und Schostakowitsch
Das 20. Jahrhundert brachte eine Pluralität von Stilen und Ansätzen in die Oper, die von der Atonalität der Zweiten Wiener Schule bis zum Neo-Tonalen und Folkloristischen reichte. Zwei Namen ragen aus dieser Vielfalt besonders heraus.
Benjamin Britten (1913–1976) hat die englischsprachige Oper nach Jahrhunderten der Dominanz durch die deutschsprachige und italienische Tradition neu begründet. Peter Grimes (1945) erzählt die Geschichte eines Außenseiters an der englischen Küste mit einer Musik, die Britten sofort als den bedeutendsten englischen Opernkomponisten seit Purcell auswies. Die Zwischenspiele – die „Sea Interludes" – sind als konzertante Stücke weltberühmt. Brittons weitere Werke wie The Turn of the Screw, A Midsummer Night's Dream und Death in Venice haben sein Ansehen weiter gefestigt.
Dmitri Schostakowitsch (1906–1975) schuf mit Lady Macbeth von Mzensk (1934) ein Werk von explosiver, satirischer Kraft, das Stalins Zorn erregte und 1936 verboten wurde. Die Oper erzählt die Geschichte einer Kaufmannsfrau, die aus Leidenschaft und Verzweiflung zum Mord getrieben wird – mit einer Direktheit und Drastik, die noch heute schockiert und fesselt. Nach Jahrzehnten des Verbots gehört das Werk heute zu den meistgespielten russischen Opern des 20. Jahrhunderts.
Häufige Fragen zu den wichtigsten Opernkomponisten
Wer ist der berühmteste Opernkomponist aller Zeiten?
Eine eindeutige Antwort gibt es nicht, da „Berühmtheit" sich nach verschiedenen Kriterien bemessen lässt. Nach Aufführungszahlen ist Giacomo Puccini der meistgespielte Opernkomponist der Gegenwart. Nach künstlerischer Bedeutung und Einfluss auf die Musikgeschichte werden häufig Wolfgang Amadeus Mozart, Giuseppe Verdi und Richard Wagner als die überragenden Gestalten der Operngeschichte genannt. Mozart gilt vielen als das universellste Genie, Wagner als der revolutionärste Neuerer, Verdi als der menschlichste Dramatiker.
Wer hat die Oper erfunden?
Die Oper entstand um 1600 in Florenz im Umfeld der sogenannten Camerata, einem Kreis von Humanisten, der die antike griechische Tragödie mit Musik wiederbeleben wollte. Die ersten Opernwerke – darunter Dafne (1598, nur fragmentarisch erhalten) und Euridice (1600) von Jacopo Peri – sind das Ergebnis dieses Experiments. Als eigentlicher Schöpfer der Oper als Kunstform gilt jedoch Claudio Monteverdi, dessen L'Orfeo (1607) erstmals alle Mittel des neuen Genres zu einem vollständigen Kunstwerk zusammenführte.
Welcher Komponist schrieb die meisten Opern?
Gemessen an der schieren Zahl der Werke zählen Georg Friedrich Händel (über 40 Opern), Antonio Vivaldi (rund 50 Opern, viele verloren) und Gaetano Donizetti (über 70 Opern) zu den produktivsten Opernkomponisten der Geschichte. Im Bereich der Serienproduktion des 18. Jahrhunderts übertreffen diese Zahlen die meisten anderen Komponisten bei weitem. Im 19. und 20. Jahrhundert arbeiteten Komponisten wie Verdi oder Britten gezielter und schrieben weniger, aber sorgfältig ausgearbeitete Werke.
Was ist der Unterschied zwischen Verdi und Wagner?
Verdi und Wagner sind die zwei Giganten der romantischen Oper, aber ihre Konzepte könnten unterschiedlicher kaum sein. Verdi blieb der Tradition der Nummernoper treu – mit Arien, Duetten und Ensembles, die in sich geschlossen sind und melodischen Erfindungsreichtum in den Vordergrund stellen. Wagner hingegen entwickelte das Konzept des Gesamtkunstwerks: durchkomponierte Werke ohne Nummernstruktur, bei denen der symphonische Orchesterklang und das Leitmotiv-System die Hauptrolle spielen. Verdi setzt auf Stimme und menschliches Drama, Wagner auf Mythos und philosophische Idee.
Welcher Opernkomponist lebte am längsten?
Giuseppe Verdi wurde 87 Jahre alt (1813–1901) und ist damit einer der langlebigsten großen Opernkomponisten überhaupt. Richard Strauss wurde 85 Jahre alt (1864–1949). Bemerkenswert ist, dass beide Komponisten auch im hohen Alter noch Meisterwerke schufen: Verdi vollendete Falstaff mit fast achtzig Jahren, Strauss schrieb seine späten Vier letzten Lieder mit über achtzig.
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