Lady Macbeth von Mzensk

„Lady Macbeth von Mzensk“ ist Dmitri Schostakowitschs Oper von 1934 nach Nikolai Leskow: Die Kaufmannsfrau Katerina Ismailowa, gefangen in einer lieblosen Ehe, beginnt eine Affäre mit dem Knecht Sergej und tötet für ihn Schwiegervater und Gatten. 1936 vom Prawda-Verriss „Chaos statt Musik“ vernichtet, gilt das Werk heute als Schlüsselwerk der Moderne.

Fakten zu „Lady Macbeth von Mzensk“

KomponistDmitri Schostakowitsch
LibrettoDmitri Schostakowitsch und Alexander Preis, nach der Novelle „Lady Macbeth aus dem Landkreis Mzensk“ von Nikolai Leskow (1865)
Uraufführung22. Januar 1934, Maly-Operntheater, Leningrad (Samuil Samossud)
SpracheRussisch (Originaltitel „Ledi Makbet Mzenskowo ujesda“)
Aufbau4 Akte / 9 Bilder
Spieldauerca. 2 Std. 40 Min.
GattungOper (tragisch-satirische Musikdramatik)
BedeutungSchostakowitschs radikalstes Bühnenwerk, dessen Verbot 1936 zum Schlüsselereignis im Konflikt zwischen Künstler und Stalinismus wurde.

Handlung

1. Akt

Im Haus der Kaufmannsfamilie Ismailow lebt Katerina Lwowna Ismailowa (Sopran) ein erstickend langweiliges Leben. Ihre Ehe mit dem schwächlichen Sinowij Borissowitsch (Tenor) ist kinderlos und lieblos, und ihr Schwiegervater Boris Timofejewitsch (Bass) tyrannisiert sie mit Vorwürfen und Misstrauen. Als ein Damm der Mühle bricht, reist Sinowij ab; Boris zwingt Katerina, ihm ewige Treue zu schwören. Unter den Knechten ist der neu eingestellte Sergej (Tenor), ein dreister Frauenheld. Im Hof demütigt das Gesinde grölend die dicke Köchin Aksinja; Katerina greift ein, und Sergej misst sich mit ihr in einem Ringkampf, der mit körperlicher Nähe endet. Noch am selben Abend dringt Sergej unter einem Vorwand in Katerinas Schlafkammer ein. Aus Verführung wird offene Begierde: Die beiden werden ein Liebespaar. So beginnt die Verstrickung, die Katerina vom Opfer der Verhältnisse zur Täterin machen wird – getrieben von Einsamkeit, erwachter Sinnlichkeit und der Sehnsucht nach einem anderen Leben.

2. Akt

Boris Timofejewitsch (Bass) ertappt Sergej (Tenor), wie dieser nachts Katerinas (Sopran) Kammer verlässt. Er lässt den Knecht auspeitschen und einsperren und befiehlt, seinen Sohn zurückzurufen. Um den Geliebten zu retten und sich zu befreien, vergiftet Katerina den alten Schwiegervater mit Rattengift im Pilzgericht; sterbend verflucht er sie, doch sie holt nicht den Priester rechtzeitig. Der erste Mord ist geschehen. Befreit setzen Katerina und Sergej ihr Verhältnis fort, nun ungehemmt. Da kehrt der Ehemann Sinowij (Tenor) heim und erkennt den Betrug. In einem Streit erschlägt Katerina ihn gemeinsam mit Sergej und verbirgt die Leiche im Keller. Ein erschütterndes Orchester-Zwischenspiel, die berühmte Passacaglia, steht an der Wende zwischen den Morden und deutet die innere Verfinsterung. Aus der zur Tat getriebenen Frau ist eine doppelte Mörderin geworden, die ihr Glück auf zwei Leichen baut und nichts mehr zu fürchten scheint.

3. Akt

Katerina (Sopran) und Sergej (Tenor) bereiten ihre Hochzeit vor, doch die verscharrte Leiche lastet auf Katerina. Ein betrunkener Landstreicher, auf der Suche nach Schnaps, bricht in den Keller ein und entdeckt den verwesenden Sinowij. Entsetzt eilt er zur Polizei. Die Polizisten, die zuvor missmutig über ihre Langeweile geschimpft haben, weil man sie nicht zur Hochzeit geladen hat, wittern ihre Chance. Mitten ins Fest platzt die Obrigkeit. Katerina erkennt, dass alles verloren ist; sie hält Sergej nicht zurück und streckt selbst die Hände hin. Beide werden verhaftet. Schostakowitsch zeichnet hier die korrupte, träge Staatsgewalt mit beißender Satire – ein Spiegel der Gesellschaft, die das Verhängnis erst möglich gemacht hat. Aus dem privaten Drama von Begierde und Gewalt wird so ein Bild allgemeiner Verrohung, in dem Schuld und Strafe ihren grotesken Lauf nehmen und das Liebespaar dem Strafsystem ausgeliefert wird.

4. Akt

Auf dem Weg nach Sibirien rastet ein Zug von Sträflingen an einem Fluss. Katerina (Sopran) und Sergej (Tenor) sind unter ihnen. Katerina, gebrochen, klammert sich noch immer an die Liebe, für die sie gemordet hat. Doch Sergej hat sich längst der jungen Mitgefangenen Sonjetka zugewandt; er verspottet Katerina und erbettelt von ihr die wollenen Strümpfe, um sie sogleich Sonjetka zu schenken. Katerina begreift den vollständigen Verrat. In einem ergreifenden Schlussgesang besingt ein alter Sträfling das endlose Leid der Verbannten. Als der Zug die Brücke überquert, stürzt sich Katerina in die eiskalten Fluten und reißt Sonjetka mit in den Tod. Gleichgültig setzt sich der Zug der Gefangenen wieder in Bewegung. Schostakowitsch verweigert jeden Trost: Aus der Mörderin wird am Ende selbst ein Opfer – einer Welt aus Lieblosigkeit, Gewalt und sozialer Kälte, die keine Erlösung kennt.

Rollen & Stimmfächer

RolleStimmfachBedeutung
Katerina Lwowna IsmailowaSopranJunge Kaufmannsfrau; aus Einsamkeit und Begierde wird sie zur Mörderin und zuletzt selbst zum Opfer – eine der großen dramatischen Sopranpartien des 20. Jahrhunderts
SergejTenorKnecht und Katerinas Liebhaber; charmant, skrupellos und untreu, treibt sie zu den Morden und verrät sie am Ende
Boris Timofejewitsch IsmailowBassSchwiegervater Katerinas; herrschsüchtiger Tyrann, der das Liebespaar entdeckt und von Katerina vergiftet wird (oft als Bass-Bariton besetzt)
Sinowij Borissowitsch IsmailowTenorKaterinas schwacher Ehemann; kehrt heim, erkennt den Betrug und wird von Katerina und Sergej erschlagen
SonjetkaAlt / MezzosopranJunge Mitgefangene auf dem Weg nach Sibirien; Sergej wendet sich ihr zu, sie stirbt mit Katerina im Fluss
Der alte ZwangsarbeiterBassSträfling im Schlussbild; sein Klagegesang über das Leid der Verbannten gibt der Oper ihren tragischen Ausklang

Berühmte Arien

ArieStimmeSzene
„Katerinas Monolog „Es kam das Fohlen zur Stute““Katerina (Sopran)1. Akt; einsame Selbstbetrachtung Katerinas, die ihr ödes Leben und ihre unerfüllte Sehnsucht offenbart – das psychologische Fundament der Figur.
„Passacaglia (Orchester-Zwischenspiel)“Orchester2. Akt; das berühmte sinfonische Intermezzo zwischen den beiden Morden, ein erschütternder Höhepunkt, der die innere Verfinsterung Katerinas hörbar macht.
„Berüchtigte Orchester-Zwischenspiele“OrchesterDie grellen, parodistisch-brutalen Interludien (u. a. die Liebes- bzw. Verführungsszene des 1. Akts) wurden 1936 von der Prawda als „Naturalismus“ und Lärm angegriffen.
„Schlussgesang im Lager „Im Wald, im tiefen Wald““Der alte Zwangsarbeiter (Bass) / Sträflingschor4. Akt; der ergreifende Klagegesang der Verbannten, vor dem sich Katerina in den Fluss stürzt – der tragische Schlusspunkt der Oper.

Themen & Kontext

Worum es wirklich geht

Im Kern erzählt die Oper von Begierde und Gewalt: Eine Frau, die in Langeweile, Lieblosigkeit und Unterdrückung erstickt, erwacht durch eine Affäre zum Leben und mordet, um ihr Glück zu sichern. Schostakowitsch verurteilt Katerina nicht, sondern zeigt sie zugleich als Täterin und als Opfer einer kalten, brutalen Gesellschaft. Die Männer um sie – Tyrann, Schwächling, Verführer – sind kaum besser. Aus erwachter Sinnlichkeit wird ein unaufhaltsamer Strudel aus Mord, Verrat und Selbstzerstörung. Am Ende bleibt kein Trost, nur die Erkenntnis, dass eine erstickende Ordnung Menschen erst zu Verbrechern macht.

Historischer Hintergrund

Schostakowitsch komponierte das Werk 1930–1932 nach Leskows Novelle von 1865 und feierte 1934 mit der Leningrader Uraufführung einen internationalen Triumph. Das Blatt wendete sich 1936: Nachdem Stalin eine Moskauer Aufführung besucht hatte, erschien am 28. Januar in der „Prawda“ der anonyme Verriss „Chaos statt Musik“. Er brandmarkte die Oper als formalistisch, lärmend und „pornophon“. Das Werk verschwand für Jahrzehnte von den sowjetischen Bühnen. Erst 1963 brachte Schostakowitsch eine entschärfte Fassung unter dem Titel „Katerina Ismailowa“ heraus. Die Originalfassung von 1932 wurde im Westen wiederentdeckt und setzte sich später durch.

Warum Experten es wichtig finden

Die Prawda-Affäre gilt als Wendepunkt in Schostakowitschs Leben: Der Verriss „Chaos statt Musik“ war keine bloße Kritik, sondern eine existenzielle Drohung, die ihn vorsichtiger und doppelbödiger komponieren ließ. „Lady Macbeth von Mzensk“ markiert damit das Ende seiner avantgardistischen Frühphase und steht exemplarisch für den Konflikt zwischen schöpferischer Freiheit und Diktatur. Musikalisch beeindruckt das Werk durch grelle Kontraste, beißende Satire, expressive Wucht und die berühmte Passacaglia. Heute zählt es zu den meistgespielten Opern des 20. Jahrhunderts und gilt als Schlüsselwerk der musikalischen Moderne und der Auseinandersetzung mit dem Stalinismus.

Aufführungsnoten

Regie-Ansätze

Inszenierungen betonen meist den sozialkritischen und psychologischen Gehalt: das Eingesperrtsein Katerinas, die Brutalität der Männerwelt und die Satire auf Polizei und Obrigkeit. Die drastische Erotik und Gewalt wird heute überwiegend in der ungemilderten Originalfassung ausgereizt, oft in zeitlos-bedrückenden Bühnenräumen.

Bekannte Aufnahmen & Produktionen

Referenzcharakter hat die Einspielung der Originalfassung mit Galina Wischnewskaja unter Mstislaw Rostropowitsch (1978). Maßstäbe setzten zudem Aufnahmen unter Myung-Whun Chung sowie zahlreiche Live-Mitschnitte führender Häuser.

Was zwischen Inszenierungen variiert

Entscheidend ist die Wahl der Fassung: die ungestüme, drastische Originalfassung von 1932 („Lady Macbeth von Mzensk“) gegenüber der 1963 entschärften, geglätteten Spätfassung „Katerina Ismailowa“ (op. 114), in der erotische und musikalische Extreme zurückgenommen sind. Heute setzt sich fast durchweg die Originalfassung durch.

„Lady Macbeth von Mzensk“ bei IOCO

Häufige Fragen

Wer hat „Lady Macbeth von Mzensk“ komponiert?

„Lady Macbeth von Mzensk“ stammt von Dmitri Schostakowitsch. Uraufführung: 22. Januar 1934, Maly-Operntheater, Leningrad (Samuil Samossud).

Wovon handelt „Lady Macbeth von Mzensk“?

„Lady Macbeth von Mzensk“ ist Dmitri Schostakowitschs Oper von 1934 nach Nikolai Leskow: Die Kaufmannsfrau Katerina Ismailowa, gefangen in einer lieblosen Ehe, beginnt eine Affäre mit dem Knecht Sergej und tötet für ihn Schwiegervater und Gatten. 1936 vom Prawda-Verriss „Chaos statt Musik“ vernichtet, gilt das Werk heute als Schlüsselwerk der Moderne.

Welche berühmten Arien gibt es in „Lady Macbeth von Mzensk“?

Zu den bekanntesten Arien zählen „Katerinas Monolog „Es kam das Fohlen zur Stute““, „Passacaglia (Orchester-Zwischenspiel)“, „Berüchtigte Orchester-Zwischenspiele“.

Welche Stimmfächer singen die Hauptrollen in „Lady Macbeth von Mzensk“?

Katerina Lwowna Ismailowa (Sopran), Sergej (Tenor).

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