Hamburg, Sascha Emanuel Kramer – Tenor, IOCO Interview, 03.06.2018

Hamburgische Staatsoper © IOCO

Hamburgische Staatsoper © IOCO

SASCHA EMANUEL KRAMER –  Im Interview

  Ein junger Tenor – Auf dem Weg nach oben

Von Rolf Brunckhorst

Studiert man die Vita von Sascha Emanuel Kramer, so reicht diese eigentlich für 3 bis 4 Personen aus. Geboren wurde er in Zürich, und schon als kleiner Junge entdeckte er während seiner Zeit in einem Knabenchor seine wahre Leidenschaft, nämlich das Singen. So war es nicht verwunderlich, daß er neben seinem Schulabschluß und dem Studium der Rechtswissenschaften (mit Auszeichnung) immer seine musikalische Ausbildung im Auge behielt. Am Tag nach Abschluß seines Studiums wurde er Mitglied des Opernstudios der Mailänder Scala. Zu seinen Lehrern zählten dort u.a. Luciana Serra und Renato Bruson. „Ich bin der Scala so unendlich dankbar dafür, was ich in dieser Zeit habe lernen können. Neben der großartigen sängerischen Betreuung war es besonders die Zusammenarbeit mit dem Regisseur Peter Stein, die mich inspiriert und gefestigt hat. Besonders fasziniert hat mich der mühelose persönliche Kontakt zu Peter Stein, der sogar ab und zu mit unserem Team nach den Proben ins nächste Restaurant steuerte“.

Sascha E. Kramer © Wolfgang Schmitt

Sascha E. Kramer © Wolfgang Schmitt

Nach seinem Scala-Debüt als Soldat in Wozzeck („Ich sang lediglich 4 Töne, die jedoch meine Welt veränderten!“,) sang Kramer den Monostatos in Peter Steins Neuinszenierung der Zauberflöte. Ab der Spielzeit 2016-17 ist Sascha Emanuel Kramer Mitglied des Internationalen Opernstudios der Hamburger Staatsoper, dies allerdings nur noch ein paar Wochen lang, dann wird Kramer Hamburg verlassen und als freiberuflicher Sänger tätig sein. Auch Hamburg wird er in guter Erinnerung behalten. Sehr gefreut hat ihn die enge Zusammenarbeit mit Kent Nagano, der ihn in der laufenden Spielzeit in diversen Produktionen eingesetzt hat. „Sehr dankbar bin ich der Hamburger Staatsoper dafür, daß sie mir bei Gastspielen nie Steine in den Weg gelegt hat. So konnte ich  in dieser Spielzeit sowohl an der neu eröffneten Nationaloper von Athen als auch an der Opéra de Toulon den Tamino in Neuinszenierungen der Zauberflöte wahrnehmen“. In Hamburg konnte er in den vergangenen beiden Spielzeiten sein Repertoire  mit dem Malcolm in Macbeth, dem Flute im Sommernachtstraum, dem Andres in Wozzeck, dem Borsa in Rigoletto, dem Kilian im Freischütz u.a. erweitern.  Zum Ende der Spielzeit übernahm und übernimmt Kramer gleich drei Hauptpartien neu. In Beethovens Fidelio debütierte er als Jaquino.

Ähnlich wie das Publikum reagierte Kramer mit Kritik an der Inszenierung. „Die Vergewaltigungsszenen sind unlogisch und machen so für mich wenig Sinn. Jaquino ist doch eigentlich verliebt in Marzelline und würde ihr so etwas nicht antun. Vielleicht ist er aber mal etwas stürmisch geworden, aber so brutal wie auf der Bühne ist die Partie sicherlich nicht gemeint. Kramer selbst erntete nur Lob für seinen Jaquino, den er mit klarer klangschöner und in allen Lagen sicherer Stimme präsentierte. Da er sich auch als gewandter Darsteller erwies, war der Publikumsjubel absolut gerechtfertigt. Als einen absoluten Höhepunkt bezeichnet Kramer die Uraufführung der Oper Frankenstein von Jan Dvorak, in der er gleich vier verschiede Rollen übernommen hat. Seine Lieblingsrolle hier ist die des Ernst Frankenstein. „Die Person des Ernst ist eigentlich eine tragische Partie. Sein kleiner Bruder Wilhelm wurde Opfer der Kreatur seines großen Bruders Viktor Frankenstein. Ernst muß sich darüber beklagen, daß er als promovierter und weithin gebildeter Mann, der eigentlich der Vorzeige-Sohn einer jeden anderen Familie gewesen wäre, von seinem Vater einfach nicht gewürdigt wird, weil dessen Interesse mehr seinem Sohn Viktor und dessen Experimenten gilt.“ In seinem Auftritt in der Rolle des Jägers kann Kramer seinem lyrischen Tenor nachdrückliche Strahlkraft abgewinnen, die beinahe schon über das rein lyrische Fach hinausweisen will. Den weiteren Partien des Maats und des jungen Fischers verlieh Kramer mit einem Augenzwinkern einen etwas ironischen Beigeschmack. Die Kapitänsszene war ein wahres Vergnügen. Kramers Stimme paßte sich allen Partien und Stimmungen mühelos an. Als drittes Rollendebüt in kurzer Zeit übernimmt Kramer in der Premiere am 29. Juni die Tenorpartie in der Barockoper Miriways von Georg Phillipp Telemann, von der er selber sagt: „Ich mag Barockopern, ich habe drei sehr schöne Arien zu singen, die von der Testitur her zwar relativ zentral liegen. In der furiosen Schlussarie kommen dann aber auch für Barockopern ansonsten ungewöhnliche Höhen dazu – eine insgesamt schöne Partie!“ Der Premiere folgen noch sechs weitere Vorstellungen,  alle in der Opera Stabile. Mit einem Ausflug an die Oper von Shanghai, wo er den Tamino in der Jugend-Version der Zauberflöte („Erzittre Du feiger Bösewicht“) endet dann Kramers Hamburger Engagement.

Gerade rechtzeitig für dieses Interview hat er aufregende Nachrichten für seine Zukunft zu vermelden: Am Teatro Comunale di Bologna wird er erneut den Jaquino singen, Konzerte mit dem Klangforum Wien („Das Lied von der Erde“) führen ihn dieses Jahr noch nach Wien, Brüssel und wieder in die Hansestadt. An der Opéra de Bordeaux wird der Dirigent und GMD Marc Minkowski zudem Mozarts drei Da-Ponte-Opern als Zyklus innerhalb einer Woche aufführen, Kramer soll hierbei die Partien des Ferrandos (Cosi fan tutte), Don Ottavios (Don Giovanni) sowie des Don Basilios (Le Nozze di Figaro) übernehmen. Mehrere auswärtige Gastspiele (u.a. Japan) sind ebenfalls schon geplant. „Ich habe mir immer gewünscht, Mozart unter Herrn Minkowski singen zu dürfen. Mozart ist ohnehin zur Zeit perfekt für meine Stimme, und ich möchte unbedingt noch den Idomeneo und vor allem den Titus singen.“ Der erste Wunsch hat sich inzwischen erfüllt. Zu gönnen wäre es Sascha Emanuel Kramer, wenn sich seine Rollenwünsche auch in Zukunft verwirklichen würden.

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Berlin, Theater im Delphi, La Traviata – Pop-up-Opera, IOCO Interview, 13.04.2018

Puccini´s Toaster Pop-up-Opera © Sarah Ring

Puccini´s Toaster Pop-up-Opera © Sarah Ring

PUCCINI’S TOASTER – Eine  Pop-up Opera

IOCO Interview

Kerstin Schweiger sprach für IOCO  mit  Sarah Ring über ihr Projekt einer Pop-up-Opera in Berlin,  ihre Wünsche und Hoffnungen.

Die amerikanische Sängerin und Produzentin Sarah Ring und eine Gruppe junger professioneller Sänger, Musiker, Regisseure und Produzenten haben Puccinis Toaster gestohlen und mit diesem Requisit Berlins erste Pop-up-Oper in Berlin geschaffen. Gespielt wird im Theater im Delphi, einem ehemaligen Stummfilmkino in Berlin-Weißensee. Vier Produktionen wurde bisher „gemacht“, jeweils dazu ein passendes Ensemble gecastet. Die nächste Premiere dieser Pop-up-Opera ist

 La Traviata – 20. April 2018

Kerstin Schweiger (KS):  Ihr Projekt einer Pop-up-Oper klingt spannend; warum musste Puccini seinen Toaster dafür hergeben?  Berlin hat drei große Opernhäuser und ein Vielzahl kleiner Häuser, Gruppen und Projekte, die sich der Oper widmen. Warum braucht Berlin eine Pop-up-Opera?

Sarah Ring © Sarah Ring

Sarah Ring © Sarah Ring

Sarah Ring (SR): Es kann ja nie genug Oper geben! Aber wir denken auch, dass wir Aufführungen bieten können, die für ein Publikum erschwinglicher und weniger vorhersehbar sind als in den etablierten Häusern. In entspannter Atmosphäre und trotzdem von hoher Qualität. Außerdem nutzen wir sehr gerne Veranstaltungsorte mit Bar, wo man auch während der Aufführung Drinks genießen kann.

KS: Wie kam es zur Gründung von PUCCINI’S TOASTER?

SR: Caroline Staunton und ich hatten bereits an einem anderen Projekt zusammen gearbeitet, damit waren Regisseurin und Intendantin also gefunden. Rebecca Lang als Musikalische Leiterin, Dirigentin und Arrangeurin verstärkte das aktuelle Führungstrio und aktuell freuen wir uns über die Zusammenarbeit mit Wolfgang Berthold, der die neue Produktion von La Traviata inszeniert.

KS: Wie kam es zu dem ungewöhnlichen Namen für das Projekt?

SR: Es gibt eigentlich keinen konkreten Grund für diesen Namen, wir haben einige Wortspiele nach dem Kellertüren-Prinzip gemacht: das Bild von einem Toaster du dem Begriff Pop-up passt auch gut zusammen. Außerdem mögen wir die Metapher von einem knusprigen frischen Toast, der sonst nur schales Weißbrot wäre. Mussorgskys Toaster erschien uns ein bisschen obskur….

KS: Wie finden und besetzen Sie die vielen beteiligten Sänger und Musiker für eine große Oper?

SR: Das ist ein gutes Stück harter Arbeit! Wir verfolgen jeden Tipp, den wir erhalten, laden wie bei Traviata zu Vorsingen ein und ergänzen so unser gewachsenes Ensemble freiberuflicher Sängerinnen und Sänger. Unsere Musiker und den Chor für diese Produktion konnten wir durch die neugegründete Kreuzberger Kamerata gewinnen. Das Netzwerk von unglaublich talentierten Künstlern erweitert sich stetig.

KS: Was macht den besonderen Reiz aus, La Traviata in einem alten Stummfilmkino zu zeigen?

SR: Der Ort hat eine ganz eigene Atmosphäre – er steht für das rauschhafte Amüsement seiner Entstehungszeit und zeigt gleichzeitig deren Verblassen. Und um die Sehnsucht nach Rausch geht es ja auch in La Traviata, das ehemalige Delphi Stummfilmkino wird damit zu einem perfekten Bühnenbild mit großer suggestiver Kraft.

Puccini´s Toaster / Produktion Mimi im La Boheme © Sarah Ring

Puccini´s Toaster / Produktion Mimi im La Boheme © Sarah Ring

KS: Wie setzen Sie große Opern wie La Bohème oder La Traviata an einem räumlich begrenzten Ort wie dem Delphi um, wo es keine Hinterbühne und keinen Orchestergraben gibt?

SR: Trotz der großen Chorszenen und des oft damit assoziierten Prunks ist La Traviata im Kern ein Kammerspiel. Und mit der konzentrierten Situation auf der Bühne des Delphi sowie einer kammermusikalischen Orchesterbesetzung kommt hoffentlich gerade dieser Aspekt, das Drama einer selbstbewussten, gegen Konventionen und konservative Moralvorstellungen kämpfenden Frau, besonders zur Geltung.

KS: Was ist das Besondere an dieser Inszenierung von La Traviata, warum sollte man es nicht verpassen?

SR: Ein tolles junges Ensemble, eine spannende, ohne Opernkonventionen und Ausstattungsprunk arbeitende Inszenierung, ein spektakulärer Spielort – allein diese drei Gründe sollten reichen, diese Produktion nicht zu verpassen!

KS: Was für Projekte stehen zukünftig an und was macht PUCCINI’S TOASTER außerhalb der jährlich 1-2 Neuproduktionen?

SR: Wir schauen uns nach noch mehr unterschiedlichen Veranstaltungsorten um und planen ein noch vielfältigeres Programm. Kürzlich hatten wir einen großen Erfolg mit einem Abend im Tangoloft mit einem Einakter von Menotti sowie Liedern und Chansons im zweiten Teil. und unserem Winterreise-Konzert mit 24 Sängerinnen und Sängern. Neues Licht auf das klassische Repertoire zu werfen wird immer Teil unseres Konzeptes sein, trotzdem wollen wir dies in künstlerischer Balance immer wieder mit kleineren Produktionen begleiten.

KS: Wie kann ich mich mit der Pop-up-Oper verbinden, gibt es Fördermöglichkeiten für Opernliebhaber und Toaster-Fans?

SR:
Jeder kann Teil des Toaster Teams werden, auf unserer website unter dem Button Mitgliedschaft finden sich verschiedene Angebote. Und natürlich freuen wir uns auf ein aufmerksames Publikum bei unseren Veranstaltungen, das diese weiter empfiehlt.

                                              https://puccinistoaster.com/

KS:  Wo steht PUCCINI’S TOASTER in 10 Jahren?
SR: Ich verspreche, wir werden noch da sein, mit Freude und Leidenschaft für die Oper arbeiten, das Talentpotential dieser Stadt auf die Bühne zu bringen und einem neugierigen Publikum vorzustellen

LA TRAVIATAPREMIERE:  20. APRIL 2018, 19:30 | 22. APRIL 2018, 17:00
THEATER IM DELPHI  –   GUSTAV-ADOLF-STR. 2, 13086 BERLINTICKETS AB €15 UNTER WWW.DELPHI.RESERVIX.DE, 01806 700 733, ODER AN ALLEN RESERVIX VORVERKAUFSSTELLEN.

 

—| IOCO Interview Puccinis Toaster |—

Gießen, Stadttheater, GMD Michael Hofstetter im Interview, IOCO, 23.11.2017

Stadttheater Giessen

Stadttheater Gießen © Rolf K. Wegst

Stadttheater Gießen © Rolf K. Wegst

  GMD Michael Hofstetter im Interview

„Das tiefgründige an der Oberfläche verstecken“

Ljerka Oreskovic Herrmann (LOH) führte für IOCO das folgende Interview mit Michael Hofstetter, *1961, seit 2012 Generalmusikdirektor am Stadttheater Gießen.

LOH: Ist die Operette eine veraltete, altmodische Theaterform?

 Stadttheater Giessen / GMD Michael Hofstetter © Werner Kmetisch

Stadttheater Giessen / GMD Michael Hofstetter © Werner Kmetisch

MH: Gar nicht. Ich finde man kann grundsätzlich jedes Theater altmodisch oder altbacken inszenieren. Oder man kann es sehr lebendig inszenieren. Ich glaube es ist eine Frage der Umsetzung. Und da ist in unserem Fall, die Arbeit von Balász Kovalik (Regisseur von Herbstmanöver) sicher ein unglaublich berührendes Meisterwerk geworden. Grundsätzlich, finde ich die Operette überhaupt nicht altmodisch. In moderner Form lebt sie sowieso weiter, sagen wir als Soap-Opera – nur ist sie im Original viel besser.

LOH: Liegt es vielleicht daran, dass man die Operette als „harmlos“ betrachtet, was sie ganz und gar nicht ist?

MH: Absolut. Es trifft genau ins Schwarze und hätte ich nicht besser sagen können. Man denkt, es ist harmlos, schöne Melodiechen, derweil steckt so vieles da drin, auch an ehrlicher Emotion, ein großes Stück Zeitgeschichte, wirklich ein Gesellschaftsspiegel.

LOH: Vielleicht weil man lacht, denkt man: „Es ist nicht so schlimm.“ Bei der Fledermaus hat man die Parodie und den Fasching, wo alles verhandelt wird – die ganz tiefen Emotionen.

Grabstaette Hugo von Hofmannsthal © IOCO

Grabstaette Hugo von Hofmannsthal © IOCO

MH: Ja. Ich denke dabei gleich an ein Zitat von Hugo von Hofmannsthal, der mal in einem Interview gesagt hat, er müsse das Tiefgründige verstecken. Dann fragt der Interviewer, aber wo: ‚An der Oberfläche, natürlich!’

LOH: Das sind wir wieder bei der Operette. Was macht für Sie das Faszinosum „Operette“ aus?

MH: Ich war zunächst Kirchenmusikstudent, und ich bekam in München eine Stelle an einem Tourneetheater als Studienleiter. Ich dachte, etwas nachdirigieren während meines Studiums wäre toll, es war ‚learnig by doing’, was wirklich unbezahlbar ist. Und natürlich war das Repertoire dieses kleinen Tourneetheaters im Landkreis München primär die Operette, zu 70-80%. Und so fing ich aus Neugierde an, auch um mein Kirchenmusikstudium dirigentisch zu unterfüttern. Ich verliebte mich aber dann in das Theater und wechselte wirklich von einem Tag auf den anderen, während meines Studiums, von Bach, Messiaen und Max Reger zu Johann Strauß, Kálmán und Max Greger, und ich landete so weich. Es ist keine intellektuelle Antwort, es ist eine Gefühlsantwort. Ich fühlte mich zuhause. Das gilt auch für die Kirchenmusik, aber die Begegnung mit der Operette war auf unerwartete Weise glücklich.

LOH: Aber ist denn das, was in einer Kirche stattfindet, nicht auch „in gewisser Weise“ Theater?! Und wenn wir wieder auf die Operette zurückkommen: Was macht eine gute Operette sowohl musikalisch als auch inhaltlich aus? Sind es die für die Wiener Operette geltenden „Dreiklänge“: Walzer-, Polka- und Marschmusik?

MH: Das stimmt wahrscheinlich, dass es von der Kirche zum Theater überhaupt nicht so weit ist. Das Tolle an der Operettenmusik ist, dass diese aufgeschriebene, notennotierte Musik sich nährt aus Musik, die nicht minutiös aufgeschrieben wurde. Das eine sind die Wiener Walzer, und die wurden in Wien sicherlich erst mündlich tradiert, durch die Strauß-Kapellen oder Tanzkapellen. Es waren Haydn, Schubert, die Ländler und Trios aufgeschrieben, aber nicht genuin erfunden haben; vieles kommt direkt aus dem Einflussbereich der alpenländlichen/volkstümlichen Musik. Auch das ungarische Element – Csárdás, Zigeunerkapellen – ist sicherlich keine Musik, die in ihren Ursprüngen genauestens notiert wurde, sondern vom Meister zum Schüler, von einem Musiker zum anderen Musiker durch das gemeinsame Musizieren weitergegeben wurde. Diese genialen Operettenkomponisten – wie Lehár, Kálmán oder Johann Strauß – schreiben es dann auf für ihre Kapellen. In dieser zweiten Generation, bei Lehár und Kálmán, kombinieren sie das Ganze mit der großen Blechbläserbesetzung des sinfonischen Orchesters sowie mit einem damals schon vom frühen Jazz angehauchten Schlagwerk. D.h. sie begründen und bereiten etwas vor, was später zum Big Band-Sound wird, und lassen mit diesem witzigen und raffiniert eingesetzten Schlagzeug und mit den raffiniert komponierten Bläsersynkopen das schwere Blech tanzen. Auch die frühe Filmmusik wäre ohne sie gar nicht denkbar.

LOH: Und inhaltlich?

MH: Da können wir gleich auf unser Stück kommen – auf Herbstmanöver. Das ist inhaltlich so grandios, schön, so einzigartig. Es gibt Szenen, die an Strindberg oder Szenen und Atmosphären, die an Tschechows Kirschgarten erinnern. Da gibt es Figuren, wie den alten Diener, da denkt man an den Firs aus dem Kirschgarten, der Jahrzehnte auf seine Herrschaft wartet, die irgendwo in der Stadt ist. Das Stück ist reich an tiefen Situationen und Emotionen Es findet sich aber auch brillantester jüdischer Humor, total spritzig, witzig, raffiniert, süffisant. Eine historische Aufnahme von 1908, auf der der Burgschauspieler Max Pallenberg eines der Couplets aus dem Herbstmanöver singt, lässt uns den virtuosen Esprit dieses Genres erahnen. Das ist von jüdischen Autoren für ein Publikum, dass das verstanden hat, geschrieben. Für so viel Selbstironie braucht es wahre Geistesgröße. Und dann die Liebesgeschichten, die verhandelt werden, die haben große Tiefe. Die Beziehung zwischen Riza und Lörenthy erinnert an Eugen Onegin. Der Unterschied ist nur, wenn die Musik hinzukommt, dann ist es in der Operette immer eine Musik, die so einen Tanzrhythmus hat – Walzer, Polka oder Marschryhthmen, bei Herbstmanöver viel Valse lento, weil das eben eine elegische Geschichte ist.

 Stadttheater Giessen / GMD Michael Hofstetter © Werner Kmetisch

Stadttheater Giessen / GMD Michael Hofstetter © Werner Kmetisch

LOH: Was macht die Besonderheit von Kálmáns Ein Herbstmanöver aus? Warum haben Sie sich für dieses Stück entschieden?

MH: Wir haben verschiedene Operetten geprüft, wobei ich noch einmal Balász Kovalik erwähnen möchte, der Unbezahlbares für unser Haus geleistet hat. Wir wollten ein unbekanntes Stück machen und uns nicht aus dem Kanon, der immer wieder gespielten Operetten, bedienen. Diese ganze Recherche unternahm Balász. Er fuhr nach Budapest in die Archive, immer wieder. Balász und mir war dann sehr schnell klar, dass wir mit der Operette Herbstmanöver, die meines Wissens achtzig Jahre nicht gespielt wurde, einen Schatz bergen können. So einen Fund wie diesen, macht man vielleicht ein Mal alle zehn Jahre, und bei den Proben hat sich das mehr und mehr bewahrheitet.

LOH: Warum verschwand dann diese Operette aus dem Repertoire? Kálmán war, auch wenn er es nicht zunächst nicht glauben wollte, mit dem Stück durchaus erfolgreich?!

MH: Super erfolgreich. Hunderte Male en Suite in Budapest, in Wien und in Berlin, wobei es in den jeweiligen Städten leicht unterschiedliche Fassungen gab. Wir haben in unsere Aufführung auch Musik aus der nicht gedruckten Budapester Uraufführung genommen – ein Duett von unfassbarer Schönheit für die beiden Hauptpartien Lörenthy und Riza komponiert. Alleine dieses Duett zu hören, lohnt bereits den Besuch der Vorstellung.

Warum das Stück aber, nachdem es ein Erfolg war, nicht mehr gespielt wurde, kann ich nur erahnen. Ein Erklärungsansatz könnte sein, dass diese Tartaren- und Husarengeschichte nach dem 1. Weltkrieg, als die Tartaren ins Giftgas geritten und umgekommen sind, nicht mehr gespielt werden konnte. Im ungarischen Original heißt das Stück Tatárjárás – ‚Tatarenplage’, weil die Tataren angeblich weniger ans Kämpfen dachten, sondern lieber ans Tanzen und an Frauen. Sie ziehen die feschen Uniformen an, weil sie damit bei den Frauen gut ankommen. Kálmán hat danach weiter komponiert und u.a. mit der Csárdásfürstin und der Gräfin Mariza sein geniales Erstlingswerk in gewisser Weise in den Schatten gestellt hat.

LOH: Ist nicht gerade die sogenannte „leichte Muse“ eine besonders schwere Angelegenheit?

MH: Die Operette braucht das Witzige. Und das soll jetzt kein Widerspruch zu dem sein, was ich vorher sagte, dieser Sprung von der Kirchenmusik zur leichten Muse und auch meine Erfahrung am Wiesbadener Theater, wo ich meine ersten Jahre nach dem Studium als Kapellmeister verbracht habe, ist: Dass es leichter sein kann, sich Tragödien und all diesen großen Themen zu nähern, als der leichten Muse. Verdi war, zumindest für mich, lange Zeit zugänglicher als Rossini. Es braucht vielleicht Lebenserfahrung, damit man das Augenzwinkernde verstehen kann, und das ehrliche, wahrhaftige menschliche Gefühl mit dem Leichtfüßigen und dem Esprit verbinden kann. Wenn das gelingt, ist das ganz besonders beglückend.

LOH: Zum Abschluss noch eine persönliche Frage: Sind Sie mit dem Linzer Operettenkomponisten Igo Hofstetter verwandt?

MH: Leider nicht, wäre schön. Es ist eine typische Musik der 50er Jahre, schöne Musik, aber ganz fein gemacht. Und er ist der geistige Erbe von Kálmán. Seine Musik ist sehr bläserlastig, dazu ein beschwingtes Schlagzeug, und schon fängt das Blech an zu tanzen. Eine ganz wunderbare Musik. Aber – meine Vorfahren kommen vom Chiemsee – wir  sind zu meinem großen Bedauern weder verwandt noch verschwägert. Schade.

LOH:  Herr Hofstetter, ich danke Ihnen für das anregende Gespräch

—| IOCO Interview Stadttheater Giessen |—

 

Berlin, Komische Oper, Barrie Kosky, IOCO Aktuell, Dezember 2015

Dezember 7, 2015 by  
Filed under IOCO Aktuell, Komische Oper Berlin

Komische Oper Berlin

Komische Oper Berlin / Barrie Kosky © Jan Windszus Photography

Komische Oper Berlin / Barrie Kosky © Jan Windszus Photography

Ein neues Feature von der australischen Rundfunkanstalt ABC über die Komische Oper und seinen Intendanten, Regisseur Barrie Kosky.

Der Beitrag berichtet aus dem „Backstage“ des Berliner Opernhauses, mit einem Gespräch mit Barrie Kosky, sowie mit beitreten Interviews verschiedener Sänger.

Das Radio-Feature wurde von dem australischen Musiker und Journalisten Breandáin O’Shea für die ABC produziert und ist in englischer Sprache.

Livestream und Podcast hier:

Radio-Feature Barrie Kosky Komische Oper Berlin

—| IOCO Aktuell Komische Oper Berlin |—