Salzburg, Salzburger Festspiele, JEDERMANN – Hugo von Hofmannsthal, IOCO
Robert Carsens „Jedermann“ bleibt auch im dritten Jahr ein Höhepunkt der Salzburger Festspiele. Philipp Hochmair brilliert zwischen Lebensrausch und Todesangst in einer klugen, zeitgemäßen Inszenierung über Besitz, Vergänglichkeit und Menschlichkeit.
von Marcus Haimerl
Robert Carsens Inszenierung von Hugo von Hofmannsthals „Jedermann“ geht bei den Salzburger Festspielen bereits in ihr drittes Jahr und hat dabei nichts von ihrer szenischen Kraft und Aktualität eingebüßt. Zu Beginn erklingen Orgelklänge, ehe die Darsteller aus dem Salzburger Dom auf den Domplatz treten, einander begrüßen und sich über die Spielfläche verteilen. Die einleitenden Worte des Spielansagers werden nicht von einem Einzelnen gesprochen, sondern auf das gesamte Ensemble verteilt. Jeder übernimmt nur wenige Worte, aus denen sich nach und nach Hofmannsthals Ankündigung des Spiels zusammensetzt. Carsen setzt damit ein dezentes Zeichen: Jedermanns Geschichte wird aus der Gemeinschaft heraus erzählt – und führt am Ende wieder zu ihr zurück.
Hugo von Hofmannsthal greift für sein 1911 in Berlin uraufgeführtes „Spiel vom Sterben des reichen Mannes“ auf einen jahrhundertealten Stoff zurück. Wesentliche Vorbilder sind das spätmittelalterliche englische Moralitätenspiel „Everyman“ und Hans Sachs’ „Hekastus“. Im Mittelpunkt steht die zeitlose Frage, was von einem Menschen bleibt, wenn Besitz, gesellschaftliche Stellung und vermeintliche Freunde angesichts des Todes ihren Wert verlieren.

Mit dem „Jedermann“ beginnt am 22. August 1920 zugleich die Geschichte der Salzburger Festspiele. Max Reinhardt inszeniert das Stück auf dem Domplatz, Alexander Moissi spielt die Titelrolle. Die monumentale Fassade des Doms, die umliegenden Gebäude und selbst die Geräusche der Stadt werden Teil eines außergewöhnlichen Theaterraums. Abgesehen von wenigen Unterbrechungen gehört Hofmannsthals Werk seither zum festen Bestandteil der Festspiele und ist längst zu einem ihrer Markenzeichen geworden. Eine derart lange Tradition birgt freilich die Gefahr, zum alljährlich wiederkehrenden Ritual zu erstarren. Robert Carsen begegnet ihr seit 2024 mit einer Inszenierung, die Hofmannsthals Text unangetastet lässt, die gesellschaftlichen Verhältnisse jedoch konsequent in unsere Zeit überträgt. Ihm geht es dabei weniger um eine vordergründige Modernisierung als um die erstaunliche Beständigkeit jener Mechanismen, die Besitz, Macht und menschliche Vergänglichkeit miteinander verbinden.
Die Handlung folgt einem einfachen Prinzip. Jedermann führt ein Leben im Überfluss und vertraut auf die Sicherheit seines Vermögens. Mitten in einem ausgelassenen Fest wird er vor Gottes Gericht gerufen. Der Tod gewährt ihm einen kurzen Aufschub, um einen Begleiter für seinen letzten Weg zu finden. Doch weder der Gute Gesell noch die Vettern, Buhlschaft oder Mammon wollen ihm folgen. Erst Werke und Glaube bleiben an seiner Seite. Carsen holt diese Parabel mit wenigen, aber prägnanten Zeichen ins Heute. Jedermann fährt im auffällig goldenen Cabriolet auf dem Domplatz vor; Wohlstand wird hier nicht nur besessen, sondern mit sichtlichem Vergnügen ausgestellt. Auch die Kunst gehört dazu: Gustav Klimts „Adele Bloch-Bauer I“, Edvard Munchs „Der Schrei“ und Leonardo da Vincis „Salvator Mundi“ zählen zu seinen kostspieligen Statussymbolen.

Hofmannsthals Schuldknecht stammt bei Carsen nicht aus einer erkennbar anderen sozialen Schicht. Arthur Klemt erscheint im Anzug, an seiner Seite Nicole Beutler als elegant gekleidetes Schuldknechtsweib; Pressefotografen, Kamerateams und Polizisten umringen das Paar. Unwillkürlich denkt man an einen öffentlich gefallenen Geschäftsmann oder Politiker. Der Schuldknecht könnte aus demselben Milieu wie Jedermann stammen – nur hat sein Absturz bereits stattgefunden.
Besonders eindrucksvoll zeigt sich Carsens Zugriff in der großen Tischgesellschaft. Luis F. Carvalho (Bühne und Kostüme) benötigt dafür nur wenige Mittel: Vier Zierpflanzen flankieren zunächst den Platz, für die Begegnung zwischen Mutter und Sohn genügt eine Gartenbank, später bestimmen große runde Tische, goldene Stühle und eine Tanzfläche das Bild vor der Domfassade. Die Gäste tragen grelle Farben, Pailletten und teilweise freizügige Kreationen. Es wird getrunken, gekokst, geflirtet und ausgelassen getanzt. Was wie spontanes Partychaos aussieht, ist genau organisiert. Carsens Personenführung und Rebecca Howells Choreografie greifen dabei so gut ineinander, dass eine kontrollierte Enthemmung entsteht, die zu den stärksten szenischen Leistungen des Abends zählt. Dazu spielt das Ensemble 013 unter der musikalischen Leitung von Hannes Löschel live auf. Unterschiedliche Tanzstile und musikalische Einflüsse gehen lustvoll ineinander über. Zu Ferdinand Löschels „Last Dance“ wird auf den Tischen Breakdance getanzt, später erfasst eine gemeinsame Choreografie die gesamte Festgesellschaft. Carlos Gardels „Por una Cabeza“ begleitet den Tango von Jedermann und Buhlschaft, während Lukas Vogelsang als Dicker Vetter „I’m Gonna Live Till I Die“ im Stil Frank Sinatras anstimmt – ein Titel von treffender Ironie angesichts dessen, was wenig später geschehen wird. Jazzige und lateinamerikanische Rhythmen treiben das Fest schließlich immer weiter in den Rausch.

Joshua Miro Ebsen, Luis Marlon Franz, Jannik Görger, Lukas Hanus, Lea Kron, Aaron Röll und Laura Schlittke tragen als Tischgesellschaft wesentlich zum Gelingen dieser Szenen bei. Carsen zeichnet die Feiernden dabei keineswegs nur als dekadente Karikaturen. Man versteht, was an diesem Leben verführerisch ist. Gerade das macht den jähen Zusammenbruch umso wirkungsvoller. Mitten in den Rausch tritt der Tod, doch Carsen verzichtet auf jede konventionelle Schreckenssymbolik. Dominik Dos-Reis begegnet dem Publikum zunächst als Ministrant und tritt später vor Jedermann in Gestalt eines Kellners auf. Kein Skelett und keine Sense kündigen das Ende an. Dieser Tod wirkt beinahe kumpelhaft im Umgang mit Jedermann, und selbst die Festgesellschaft bleibt noch heiter. Erst als er sich zu erkennen gibt, kippt die Stimmung. Der Rotwein in Jedermanns Glas wird klar und farblos, und mit den Worten „– und verschone keinen …“ fliehen die eben noch Feiernden schreiend vom Platz.
Jedermann versucht zunächst noch mit dem Tod zu verhandeln. Bald muss er auch erkennen, dass ihn niemand auf seinem letzten Weg begleiten will. Einer nach dem anderen wendet sich von ihm ab. Besonders schlüssig ist die Begegnung mit Mammon. Kristof Van Boven trägt denselben schwarz-goldenen Brokatanzug wie Jedermann und erscheint damit wie dessen Doppelgänger. Besitz und Besitzer sind optisch kaum voneinander zu trennen.

Umso radikaler fällt ihre Trennung aus. Wenn Mammon ankündigt, Jedermann „ganz bloß und nackt in Not und Pein“ zurückzulassen, nimmt die Regie Hofmannsthals Worte in diesem Jahr buchstäblich: Hochmair wird vollständig entkleidet. Was zunächst wie ein provokanter Effekt erscheinen könnte, fügt sich folgerichtig in die Inszenierung. Brokat, Geld, Kunstschätze und gesellschaftliche Stellung sind verschwunden; zurück bleibt der Mensch – „nackt und bloß, so wie du kamst aus Mutter Schoß“. Für einen letzten, durchaus boshaften Seitenhieb sorgt Mammon selbst. Er fährt mit dem goldenen Cabriolet davon und ruft Jedermann noch zu: „Zieh was an! Ist peinlich …“ Gerade das Zusammenspiel von existenziellem Ernst und überraschender Komik macht diese Szene zu einem der stärksten Momente des Abends.
Mit Werke und Glaube ändert sich der Ton. Meike Droste, zuvor bereits als armer Nachbar zu erleben, erscheint nun als geschwächte Werke. Juliette Larats Glaube kommt ohne religiöse Überhöhung aus und reinigt mit Putzkübel und Wischmopp den Boden. Werke wäscht Jedermann die Füße, wenig später vollzieht er selbst diese Geste an den anderen. Der Wandel wird nicht mit Pathos ausgestellt, sondern durch eine einfache Handlung sichtbar: Der Mann, der zuvor besaß und verfügte, kniet jetzt vor seinen Mitmenschen.
Auch für Jedermanns Tod benötigt Carsen keinen großen Effekt. Er wird in einer Öffnung der Spielfläche zu Grabe gelegt. Danach treten sämtliche Darsteller weiß gekleidet und barfuß auf den Domplatz und legen sich nieder. Status, Besitz und äußerliche Unterschiede sind verschwunden. Jedermann ist jetzt tatsächlich jedermann.

Noch einmal erscheint Dominik Dos-Reis als Tod, jetzt ebenfalls weiß gewandet. Er wiederholt die zu Beginn vom Ensemble gesprochenen Worte des Spielansagers, allerdings in der Vergangenheit. Aus „Jetzt habet allsamt Achtung Leut / Und hört was wir vorstellen heut“ wird „Hattet ihr allsamt Achtung Leut / Und hörtet was wir vorgestellt haben heut“. Was angekündigt wurde, ist geschehen. Die Aufforderung, hinter dem sichtbaren Geschehen „die Lehr ausspüren“ zu müssen, bleibt bestehen.
Das unbestrittene Zentrum des Abends ist Philipp Hochmair. Er spielt den Jedermann nicht nur, er ist Jedermann. Seine enorme körperliche Energie verbindet sich mit einer herausragenden Sprachgestaltung. Hochmair setzt Betonungen genau, variiert Tempo, Lautstärke und Klangfarbe und lässt Hofmannsthals altertümliche Verse erstaunlich natürlich erscheinen. Nichts wirkt bloß deklamiert; die Sprache entsteht unmittelbar aus der jeweiligen Situation. Ebenso überzeugend gelingt ihm die innere Veränderung der Figur. Aus dem raumgreifenden, von sich und seiner Stellung überzeugten Lebemann wird ein verzweifelter und schließlich stiller, demütiger Mensch. Hochmair vollzieht diesen Weg ohne abrupte Brüche und ohne auf äußerliche Effekte angewiesen zu sein. Körperlichkeit und Sprachkunst verbinden sich zu einer Darstellung von bemerkenswerter Geschlossenheit.

Roxane Duran setzt als Buhlschaft vor allem auf körperliche Ausstrahlung und tänzerische Eleganz. Im Tango mit Hochmair entsteht ein sinnliches Paar, das sich stimmig in die Welt des Genusses und der Selbstinszenierung einfügt. Sprachlich bleibt ihre Gestaltung zurückhaltender. Hofmannsthals Verse erhalten bei ihr weniger Färbung und dynamische Abstufung, wodurch die Buhlschaft neben Hochmairs expressivem Spiel mitunter etwas blass bleibt.
Herausragend ist Dominik Dos-Reis als Tod. Mit schöner Sprachkultur und feinem Humor verzichtet er auf jede aufgesetzte Düsternis. Seine gelassene, fast beiläufige Art verleiht der Figur besonderen Reiz; selbst im weißen Schlussbild behält dieser Tod etwas beinahe Engelhaftes.
Christoph Luser überzeugt gleichermaßen als Guter Gesell und Teufel. Dass beide Figuren dasselbe Gesicht tragen, gehört zu den klugen Gedanken der Regie: Der Versucher kommt nicht von außen, sondern aus Jedermanns eigenem Umfeld. Luser gibt dem Guten Gesell joviale Vertrautheit, während sein Teufel eine zunehmend entfesselte Körperlichkeit entwickelt.

Meike Droste setzt bereits als armer Nachbar einen markanten Gegenpunkt zu Jedermanns Wohlstand und berührt später besonders als Werke. Ohne große Gesten verleiht sie der geschwächten Figur stille Eindringlichkeit. Juliette Larat gibt dem Glauben Ruhe und Bestimmtheit, Daniela Ziegler Jedermanns Mutter Würde und Wärme. In der Begegnung zwischen Mutter und Sohn wird für einen kurzen Augenblick auch dessen verletzlichere Seite sichtbar.
Kristof Van Boven zeichnet einen markanten Mammon und spielt dessen trockenen Humor geschickt aus. Arthur Klemt als Schuldknecht und Nicole Beutler als dessen Frau fügen sich ebenso stimmig in das Gesellschaftsbild ein wie Lukas Vogelsang und Daniel Lommatzsch als Dicker und Dünner Vetter. Jannik Görger gefällt als Hausvogt, Susanne Wende als Koch. Gemeinsam mit der Tischgesellschaft entsteht ein homogenes Ensemble, in dem auch kleinere Rollen sorgfältig eingebunden sind.

Robert Carsens „Jedermann“ bewahrt damit auch im dritten Jahr seine bemerkenswerte Frische. Die Inszenierung kann ausgelassen, komisch und sinnlich sein, findet aber ebenso zu leisen und berührenden Passagen und vertraut vor allem auf Hofmannsthals Text. Der Domplatz dient dabei nicht als bloße Kulisse, sondern wird zum festen Bestandteil des Spiels. Eine aufgesetzte Modernisierung hat dieser „Jedermann“ nicht nötig.
Philipp Hochmair trägt diesen Theaterabend in außergewöhnlicher Weise. Carsens entscheidender Gedanke reicht jedoch über die Titelfigur hinaus: Zu Beginn setzt sich die Ansprache des Spielansagers aus den Stimmen aller zusammen, am Ende spricht der Tod dieselben Worte allein und in der Vergangenheit. Das Spiel ist vorüber – die Aufforderung, daraus „die Lehr ausspüren“ zu müssen, bleibt. So stellt Carsen Hofmannsthals alte Fragen nach Besitz, menschlicher Nähe und Vergänglichkeit neu. Dass sie auf dem Salzburger Domplatz auch im dritten Jahr dieser Inszenierung nichts von ihrer Unmittelbarkeit verloren haben, ist das überzeugendste Argument für einen „Jedermann“, der längst Tradition geworden ist und dennoch erstaunlich gegenwärtig bleibt.