Flensburg, Schleswig-Holsteinisches Landestheater, HEIDI – DAS FAMILIENBALLETT, 23.02.2019

Schleswig-Holsteinisches Landestheater

Stadttheater Flensburg © Stadttheater Flensburg

Stadttheater Flensburg © Stadttheater Flensburg

HEIDI – DAS FAMILIENBALLETT

erzählt eine packende und berührende Geschichte über die Freundschaft zwischen Menschen unterschiedlicher Generationen und verschiedener Herkunft, über Geborgenheit, Heimweh in der Fremde und den Umgang mit vermeintlich unumkehrbaren Schicksalen. Alle kleinen wie großen Zuschauer sind eingeladen, ein charakterstarkes, optimistisches Mädchen zu begleiten, das besonders auf eine Frage die Antwort zu finden versucht: Wo ist mein Platz in der Welt?


HEIDI – DAS FAMILIENBALLETT


Tanztheater von Katharina Torwesten
Heidi ist ein Waisenkind, das bei seiner Tante Dete lebt. Als diese eine Arbeit bei der reichen Familie Sesemann in Frankfurt angeboten bekommt, entschließt sie sich, Heidi ihrem Großvater in den Schweizer Bergen anzuvertrauen. Der mürrische, eigenbrötlerische Mann, der von allen „Alm-Öhi“ genannt wird, lebt zurückgezogen in einer abgelegenen Sennhütte. Mit seiner quirligen Enkelin kann er zunächst wenig anfangen, doch bald schließt der alte Griesgram Heidi ins Herz. Hoch oben auf der Alm blüht das kleine Mädchen richtig auf und genießt das Leben sowie die Natur in vollen Zügen. Mit Geißenpeter, dem Ziegenhüter, verbindet sie eine innige Freundschaft. Doch die unbeschwerte Zeit endet jäh, als Heidi von Tante Dete nach Frankfurt zu den Sesemanns geholt wird, um unter der Aufsicht des strengen Fräuleins Rottenmeier der gleichaltrigen Clara Gesellschaft zu leisten. Zum Glück verstehen sich die beiden Mädchen auf Anhieb und Clara, an den Rollstuhl gefesselt, ist von Heidis Lebensfreude fasziniert. Doch Heidi erträgt die laute Großstadt nicht, und die Sehnsucht nach dem Großvater, dem Geißenpeter und der vertrauten Bergwelt wird immer größer. Schließlich wird sie ganz krank vor Heimweh und darf zum Alm-Öhi zurückkehren. Als Clara sie in den Bergen besucht, geschieht etwas, das keiner für möglich gehalten hat …

23.02.2019 | 19.30 Uhr | Flensburg, Stadttheater

—| Pressemeldung Schleswig-Holsteinisches Landestheater |—

Hagen, Theater Hagen, Marguerite Donlon – Direktorin BallettHagen, IOCO Aktuell, 20.02.2019

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Theater Hagen

Theater Hagen bei Nacht © Stefan Kuehle

Theater Hagen bei Nacht © Stefan Kuehle

Marguerite Donlon – Neue Direktorin des BallettHagen

Die renommierte Choreographin Marguerite Donlon, *1966,  wird mit Beginn der Spielzeit 2019/20 Ballettdirektorin und Chefchoreographin des BallettHagen am Theater Hagen. Von 2001 bis 2013 wirkte die gebürtige Irin schon einmal überaus erfolgreich als Ballettdirektorin am Saarländischen Staatstheater in Saarbrücken, wo sie der Ballettcompagnie zu internationalem Ansehen verhalf.

Als Gastchoreographin arbeitete sie an großen wie kleinen Theatern in Europa und Übersee und ist auch dem Hagener Publikum aufgrund ihrer Arbeiten SOMA (im Ballettabend DANCING SOULS in 2017/18) sowie HEREOS – H (im Ballettabend BALLETT? ROCKIT! in 2014/15) bereits bekannt.

Theater Hagen / Marguerite Donlon, kommende Ballettdirektorin des BallettHagen © Maria-Helena Buckley

Theater Hagen / Marguerite Donlon, kommende Ballettdirektorin des BallettHagen © Maria-Helena Buckley

Zu ihrer Wahl zur Ballettdirektorin am Theater Hagen äußert sich Marguerite Donlon
in einer persönlichen Erklärung:

„Ich fühle mich geehrt, als neue Ballettdirektorin des Theater Hagen gewählt worden zu sein und freue mich auf die Zusammenarbeit mit Intendant Francis Hüsers und dem gesamten Team. In den vergangenen Spielzeiten hatte ich zweimal die Gelegenheit, in Hagen als Gastchoreographin mit dem Ballettensemble zu arbeiten, und habe die kreative und kollegiale Atmosphäre am Theater Hagen in dieser Zeit sehr geschätzt. Ich weiß, dass in vielen deutschen Städten die öffentlichen Haushalte unter Druck stehen und die Ausgaben für Kultur gekürzt werden. Ich freue mich, dass die Sparte Tanz auch weiter fester Bestandteil des Theater Hagen sein wird. Mit meiner Berufung übernehme ich die Verantwortung für das Ensemble, die künstlerische Weiterentwicklung und die Eröffnung neuer Perspektiven für den Tanz in Hagen. Die Übernahme der Leitung der Sparte Tanz am Theater Hagen ist ein Privileg und eine Herausforderung. Meine Maxime war und ist: Kultur ist für alle da, nicht nur für wenige. Der Tanz ist für Junge und Junggebliebene. Tanz ist ein zeitloses Medium und seine Sprache ist universell. Ich möchte gemeinsam mit dem Ensemble die Hagener Bürger einladen, die Kraft und Intensität des Tanzes mit uns zu erleben: auf der Bühne, in unseren Probenräumen und bei Begegnungen in dieser
Stadt.“

Francis Hüsers, Intendant des Theater Hagen, begrüßt die Entscheidung für Marguerite Donlon:

„Die Zusage von Marguerite Donlon ist ein überaus großer Glücksfall für das BallettHagen, für das gesamte Theater und für unser Publikum. Ich freue mich ganz außerordentlich, dass mit Marguerite Donlon eine als Ballettdirektorin in Deutschland bereits sehr erfolgreiche und erfahrene Persönlichkeit an das Theater Hagen kommt, die in enger Zusammenarbeit mit den anderen Sparten dem Ballett in Hagen eine erfolgreiche Zukunft sichert. Die Bedeutung, die dem Tanz als exponierte Kunstform hier seit längerem schon zukommt, wird mit Marguerite Donlon noch einmal enorm zu steigern sein. Ich persönlich freue mich, in der noch laufenden Spielzeit 2018/19 als Regisseur zunächst mit Francesco Nappa als Gastchoreograph an dem Doppelabend aus Purcells Oper DIDO AND AENEAS und der als Ballett aufgeführten WASSERMUSIK von Händel ein erstes spartenübergreifendes Projekt am Theater Hagen realisieren zu können, bevor ich dann ab der Spielzeit 2019/20 als Intendant in vielfältiger und innovativer Weise mit Marguerite Donlon als Ballettdirektorin zusammen arbeite.“

—| IOCO Aktuell Theater Hagen |—

Darmstadt, Staatstheater Darmstadt, Uraufführung Ballett Liliom – Tim Plegge, 22.02.2019

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Staatstheater Darmstadt

Staatstheater Darmstadt © IOCO

Staatstheater Darmstadt © IOCO

 Liliom – Handlungsballett – Nach Ferenc Molnár

Großes Tanzkino auf dem Rummelplatz des Lebens

Tim Plegges neues Handlungsballett Liliom (Uraufführung) ab 22. Februar 2019 am Staatstheater Darmstadt

Mit seiner neuen Kreation Liliom – basierend auf dem gleichnamigen Schauspiel von Ferenc Molnár – greift Choreograf und Ballettdirektor Tim Plegge zeitlosen Stoff auf: Die Suche nach einem besseren Leben und die damit verbundene Frage, ob ein Mensch aus seinen Mustern ausbrechen kann, bilden den roten Faden durch das Handlungsballett.

Diese Suche wird dem ebenso charmanten wie aufbrausenden Hallodri Liliom schließlich zum Verhängnis. Sein freies Leben auf dem Rummelplatz mit Freundin Julie scheitert und seine Zuneigung mündet immer wieder in Gewalt. Als Julie ein Kind erwartet, lässt er sich aus finanziellen Nöten zu einem Raubüberfall hinreißen, der misslingt.

Die emotionalen Konflikte – Liebe, Verlust und Erkenntnis – zeichnet Plegge sehr körperlich mit einer differenzierten und poetischen Bewegungssprache nach. Gleichzeitig vermischen sich unterschiedliche Gefühlsebenen. Auch das Bühnenbild von Andreas Auerbach ist in Bewegung: Eigens entworfene, blinkende Lichtobjekte sorgen für das Rummelplatz-Feeling.

Musikalisch wie tänzerisch wird groß aufgefahren. Unter der Leitung von Michael Nündel begleitet das Staatsorchester Darmstadt die Tänzer*innen des Hessischen Staatsballetts, die in voller Besetzung tanzen. Gespielt werden große sinfonische Werke von Komponisten wie Rachmaninow, Schnittke, Martinc oder Gorecki, die den spätromantischen Gestus mit Brüchigkeit und Irritation verbinden.

Tim Plegge, Ballettdirektor des Hessischen Staatsballetts, begeisterte sein Publikum zuletzt mit dem Tanzstück Fake für Jugendliche und ihre Fans sowie in der vergangenen Spielzeit mit seinem Handlungsballett Eine Winterreise mit Musik von Hans Zender nach Franz Schubert. Ramon John erhielt für seine tänzerische Interpretation des Wanderers in Eine Winterreise den Faust-Theaterpreis 2018.

Matinee
Am 17. Februar findet um 11 Uhr eine Matinee zu Liliom im Kleinen Haus statt. Tim Plegge, Karin Dietrich, Judith Adam, Andreas Auerbach und Mitglieder des Hessischen Staatsballetts geben einen inhaltlichen Einblick und zeigen Ausschnitte.

—| Pressemeldung Staatstheater Darmstadt |—

Stuttgart, Staatstheater Stuttgart, Die sieben Todsünden – Seven Heavenly Sins, IOCO Kritik, 16.02.2019

Schauspielhaus Stuttgart, Zuschauerraum © Bjoern Klein

Schauspielhaus Stuttgart, Zuschauerraum © Bjoern Klein

Schauspielhaus Stuttgart

  Die sieben Todsünden – Kurt Weill /  Seven Heavenly Sins – Peaches

Kampf der Geschlechter, der Musik- und Geschmacksrichtungen 

von Peter Schlang

Spartenübergreifende Produktionen haben im größten Dreispartenhaus Europas, den Staatstheatern Stuttgart, eine lange Tradition. Dennoch mussten die Theaterfreunde – und das sind in diesen Fällen (eigentlich) immer Opernfreundinnen und -freunde – 23 lange Jahre warten, bis es am Samstag, dem 2. Februar 2019 unter drei neuen Intendanten wieder zu einer Neu-Inszenierung kam, an der maßgeblich und explizit Vertreter aller drei Sparten, also der Oper, des Balletts und des Schauspiels, beteiligt sind.

Die Staatstheater Stuttgart wuchten in einer Drei-Sparten-Produktion – Die sieben Todsünden von Kurt Weill und Bertolt Brecht – und mehr auf die Bühne

Ausgewählt hatte man dafür das, sieht man von dem dafür benötigten Orchester-Apparat ab, in allen drei Bereichen solistisch wie den Chor- oder das Corps betreffend eher dünn besetzte „Ballett mit Gesang“ Die sieben Todsünden von Kurt Weill und Bertolt Brecht, welches der Choreograf Georges Balanchine bei den zwei deutschen Exilanten für Paris in Auftrag gegeben hatte. Da dieses „ballet chanté“, welches am 7. Juni 1933 am Théâtre des Champs-Élysées in Paris mit Lotte Lenya und Tilly Losch in den Hauptrollen uraufgeführt wurde, jedoch mit nur 35 Minuten Spieldauer selbst für die inzwischen im Stuttgarter Schauspielhaus fast zur Regel gewordenen pausenlosen Kurz-Abende viel zu kurz ist, suchte die für diese Ko-Produktion gewonnene Regisseurin Anna-Sophie Mahler nach Material und Wegen, um aus Brecht-Weills gerade aus Sicht des weiblichen Teils der Gesellschaft noch immer berechtigter Kritik an den gesellschaftlichen Verhältnissen einen halbwegs abendfüllenden Theaterabend zu basteln. Fündig wurde sie dabei bei der in den entsprechenden Kreisen zu einer Ikone der Freiheit und des Feminismus gewordenen kanadischen Punk- und Electroclash-Sängerin Peaches, die in ihrem unter dem Topos Seven Heavenly Sins firmierenden Teil der Produktion nicht nur ihre bekannten, teils zwanzig Jahre alten Songs life präsentieren, sondern sich auch sonst intensiv „performen“ und somit auf der Bühne des Schauspielhauses eine maßgebende Rolle einnehmen durfte.

Staatstheater Stuttgart / Die sieben Todsünden - Seven heavenly sins - hier : Josephine Köhler, Peaches, Louis Stiens © Bernhard Weis

Staatstheater Stuttgart / Die sieben Todsünden – Seven heavenly sins – hier : Josephine Köhler, Peaches, Louis Stiens © Bernhard Weis

Als weitere Erweiterung des Originals fügt die Regisseurin der von Brecht-Weill in zwei Teile gespaltenen Anna noch zwei Abspaltungen hinzu, wobei die beiden Ur-Annas der Haupthandlung der sehr präsenten und zu jeder Zeit äußerst intensiv agierenden und bis an ihre Grenzen gehenden Schauspielerin Josephine Köhler und dem nicht minder überzeugenden Halbsolisten und Nachwuchs-Choreografen der Stuttgarter Compagnie, Louis Stiens, anvertraut sind. Letztgenannter zeichnet auch für die Choreografie dieses Abends verantwortlich und wird so zum wichtigsten Akteur des Stuttgarter Balletts in dieser Ko-Produktion.

Als die beiden weiteren Inkorporationen Annas fungieren der bereits erwähnte Stargast Peaches, welche auch die meisten der in Weills Partitur enthaltenen Songs Annas übernimmt, und die mit dieser Produktion aus dem aktiven Tänzerinnendienst scheidende Melinda Witham, die der Stuttgarter Compagnie seit über vier Jahrzehnten angehörte und sich selbst als „eine der letzten Nachkömmlinge Crankos“ bezeichnet. Peaches ergänzt das Brecht’sche Original, das die in der katholischen Morallehre als die sieben Todsünden gebrandmarkten Untugenden Faulheit, Stolz, Zorn, Völlerei, Unzucht, Habsucht und Neid vorstellt, um sieben mit den gleichen Titeln versehene, aber nun eben als „himmlische Sünden“ bezeichnete Eigenschaften, die sich allerdings – entgegen der Verheißung in Titel und Begleit-Leporello – auf eine einzige reduzieren lassen, nämlich die Wollust oder eine uneingeschränkte sexuelle Freizügigkeit. Diese wird dann auch von den vier Anna-Abspaltungen in aller Freiheit und Ausführlichkeit demonstriert, wobei die Regie allerhand zusätzliches Text- sowie Ausstattungsmaterial bemüht und nicht nur die Bühnentechnik des Schauspielhauses gehörig in Bewegung bringt. Dies gilt im ersten Teil des Abends auch für die vier Sänger Elliot Carlton Hines, Christopher Sokolowski (Beides Mitglieder des internationalen Opernstudios), Gergely Németi und Florian Spiess, welche nicht nur die ihre Tochter immer anpeitschenden wie ausnehmenden Eltern Annas und deren zwei Brüder darstellen, sondern auch allerhand Personen verkörpern, denen die „vier Annas“ während ihrer unmoralischen Anschaffungstour für die Familie ausgeliefert sind.

Als Scharnier zwischen diesem mehr oder weniger originalen ersten Teil und dem beschriebenen „Peaches-Intermezzo“ fungiert ein von Josephine Köhler mit viel Verve und allen darstellerischen Raffinessen vorgetragener Monolog der französischen Existenzialistin Virginie Despentes aus deren die Frauen stärkendem und verteidigendem Text „Die King-Kong-Theorie“, dessen ambitioniertes Programm im folgenden Peaches-Teil jedoch leider nicht aufgegriffen wird.

Staatstheater Stuttgart / Die sieben Todsünden - Seven heavenly sins - hier : Josephine Köhler, Peaches, Louis Stiens, Christopher Sokolowski, Gergely Nemeti © Bernhard Weis

Staatstheater Stuttgart / Die sieben Todsünden – Seven heavenly sins – hier : Josephine Köhler, Peaches, Louis Stiens, Christopher Sokolowski, Gergely Nemeti © Bernhard Weis

Interessanter und viel ergreifender gelingt der vierte und abschließende Teil dieses Patchwork-Abends. Hier lässt uns die äußerst realitätsnah und sehr berührend auftretende 64jährige Melinda Witham als gealterte Anna zu den Klängen von Charles Ives‘ „The unanswered question“ nicht nur an ihrem Abschied von der Bühne und damit vom öffentlichen gesellschaftlichen Leben teilhaben, sondern gewährt uns insgesamt anrührende Einblicke in die letzten und entscheidenden Phasen menschlichen Lebens und deren Wertigkeit. Diese Szene wird in Erinnerung bleiben und entschädigt auch für manche Ohren-Pein, welche zumindest dem älteren und  der eher klassischen Theaterkunst anhängenden Teil der Zuschauer an nicht wenigen Stellen des ohne Pause gespielten, neunzigminütigen Abends zugemutet wurde.

Dieser hat durchaus seine Reize und großen Momente, so etwa, wenn die Regisseurin den Lebenswandel Annas, genauer der ersten beiden Ihrer Alter-Egos, als Boxkampf arrangiert und dazu einen echten Boxring mit allem erforderlichen Beiwerk auf die Bühne stellt (Bühne: Katrin Connan, Kostüme Marysol del Castillo und Charlie Le Mindu sowie Courtesy of Peaches Collection) oder diesen nach Weills/Brechts Beitrag mit viel Rauch und Licht in den Bühnenhimmel aufsteigen lässt. Zuvor aber agieren die beiden erwähnten Anna-Darsteller Josephine Köhler und Louis Stiens auf ihm mit sportlichem Fleiß und zeitweise akrobatischer Meisterschaft, während das an drei Seiten um den Boxring platzierte Staatsorchester nicht nur das Publikum des Boxkampfes simuliert, sondern dem ersten Teil des Abends eine jederzeit verlässliche musikalische Basis verleiht. Unter der umsichtigen und souveränen Leitung Stefan Schreibers lassen die Musikerinnen und Musiker alle Nuancen und genre-überschreitenden Anspielungen der Weill‘schen Musik perlend, tänzerisch und mitreißend hörbar werden und verwandeln die Bühne des Stuttgarter Schauspielhauses so musikalisch in ein Tanzlokal oder Varieté der späten Zwanzigerjahre des letzten Jahrhunderts, während Peaches in ihrem Teil das Theaterpublikum eher in einen jetzt-zeitlichen, total angesagten Club entführt.

Staatstheater Stuttgart / Die sieben Todsünden - Seven heavenly sins - hier : Josephine Köhler und Peaches © Bernhard Weis

Staatstheater Stuttgart / Die sieben Todsünden – Seven heavenly sins – hier : Josephine Köhler und Peaches © Bernhard Weis

Dem Staatsorchester, vor allem seinen Disponenten und sonstigen Verantwortlichen muss man für diesen Abend aber noch ein weiteres großes Lob aussprechen, leisten doch seine Mitglieder nicht nur bei der dieser Besprechung zu Grunde liegenden ersten Repertoire-Aufführung der Sieben Todsünden im Schauspielhaus ihren Dienst. Im Opernhaus ging vielmehr zur selben Zeit eine Aufführung von Puccinis Madame Butterfly über die Bühne, und am Premierenabend war dort Cherubinis Medea gezeigt worden. Zwei Opern in nicht gerade kleiner Orchester-Besetzung zur gleichen Zeit – das verlangt nach größtem Respekt und zeugt von der großen organisatorischen wie personellen und musikalischen Substanz der Stuttgarter Staatsoper!

Dramaturgisch-theatralisch hinterließ diese, die Sparten vereinende Produktion wie schon angedeutet beim Berichterstatter einen zwiespältigen Eindruck. Zum einen bietet sie in etlichen Momenten durchaus gute Unterhaltung, zeugt von dem enormen technischen wie qualitativen Potential der drei Abteilungen der Stuttgarter Staatstheater und belegt darüber hinaus das hohe Niveau, auf dem hier für ein breites Publikum Theater gemacht werden kann. Andererseits hinterlässt die Aufführung beim kritischen Besucher doch einige Zweifel, ob man sie als ernsthaften Einwurf in der Me-Too-Debatte und als mutigen Beitrag zur Einforderung von Respekt für und vor Frauen oder gar zu deren Emanzipation betrachten kann.

So wird die im Programm-Leporello formulierte Ankündigung, die Inszenierung wolle Antworten auf die Frage geben, „wie man (als Frau?) raus aus der systematischen Gewalt und den strukturellen Zwängen komme“, ja überhaupt die „großen Fragen nach der Möglichkeit von individueller Freiheit und den Bedingungen für ein selbstbestimmtes Leben stellen“, an kaum einer Stelle umgesetzt. Wenigstens in Teilen wird dagegen ein anderes, im Programm gegebenes Versprechen eingelöst, nämlich, dass man (als Zuschauer/in) an diesem Abend „eine gute Zeit haben“ werde. Doch dies ist für ein solches Projekt und den dafür betriebenen immensen Aufwand dann doch etwas wenig, denn sowohl die Inszenierung des Brecht-Teils als auch das Arrangement der Peaches-Songs zur gleichnamigen Show bieten bestenfalls gehobenes Varieté- oder Revue-Niveau, bleiben aber leider eine tragfähige inhaltliche oder gar gesellschaftspolitische Aussage schuldig.

Staatstheater Stuttgart / Die sieben Todsünden - Seven heavenly sins - hier : Josephine Köhler und Peaches. Louis Stiens © Bernhard Weis

Staatstheater Stuttgart / Die sieben Todsünden – Seven heavenly sins – hier : Josephine Köhler und Peaches. Louis Stiens © Bernhard Weis

Wenn man sich allerdings das volle Haus bei den beiden ersten Aufführungen und den offenkundig bestens laufenden Vorverkauf für die kommenden Vorstellungen anschaut, dürfte dieses Defizit das Publikum keineswegs vom Weg ins Stuttgarter Schauspielhaus abhalten, sondern diesem vielmehr auch weiter ausverkaufte Abende und zudem eine Zielgruppe als Besucher bescheren, die man sonst in den Vorstellungen der Stuttgarter Staatstheater meist vergeblich sucht. Denn wann hat der Rezensent schon einmal die Begeisterung der neben ihm sitzenden jüngeren Frauen an deren Jauchzen und den von ihnen mitgesungenen Songs sowie sogar über den Boden spüren können, den das Trappeln der Füße eines begeisterten Teils des Publikums zum Beben brachte, dem man sonst eher in den Discos und Clubs der baden-württembergischen Landeshauptstadt begegnen dürfte?

So kann man diese neue Ko-Produktion der drei Stuttgarter Staatstheater-Sparten auch als äußerst gelungenen Marketing-Gag sehen, was angesichts eines sonst eher grauhaarigen Publikums in den „normalen“ Vorstellungen – zumindest von Schauspiel und Oper – keineswegs kleinzureden oder gar zu verurteilen ist.

Die sieben Todsünden von Kurt Weill / Bertolt Brecht im Schauspielhaus Stuttgart; weitere Vorstellungen am 17. und 25. 02. sowie am 02., 10., 23. und 30.03. 2019

—| IOCO Kritik Schauspielhaus Stuttgart |—

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