Rendsburg, Theater, Ball im Savoy - P. Abraham, IOCO
9. Juli 2026
Paul Abraham war gegen Ende der 1920er Jahre und in den 1930er Jahren der gefragteste Operettenkomponist seiner Zeit, man nannte ihn sogar den „König der Jazz-Operette“. Mit seinen modernen Kompositionen, in denen er die traditionellen Operettenelemente mit Jazz-Rhythmen kombinierte, galt er als Erneuerer und Retter des etwas in die Jahre gekommenen Genres Operette.

Paul Abraham wurde 1892 in Österreich-Ungarn im donauschwäbischen Apatin geboren. Er entstammte einer jüdischen Familie, begann seine musikalische Ausbildung in Budapest, wurde Meisterschüler von Bela Bartok und Emmerich Kalman, setzte später seine Studien in Wien an der dortigen Hochschule für Musik und darstellende Kunst fort. Er begann seine Karriere in Budapest als Kapellmeister am dortigen Operettenhaus, komponierte Unterhaltungsmusik, Filmmusik und seine ersten Operetten. Mit „Viktoria und ihr Husar“ gelang ihm 1928 ein Sensationserfolg in Deutschland, zunächst in Leipzig, dann in Berlin und auf unzähligen weiteren deutschen Bühnen. Mit seinen nächsten Operetten „Blume von Hawaii“ und „Ball im Savoy“ wurde er um 1930 der bedeutendste und erfolgreichste Komponist der deutschsprachigen Operette des 20. Jahrhunderts.

Paul Abrahams Musikstil ist geprägt von leichter, beschwingter eingängiger Melodik, gepaart mit traditionellen und folkloristischen Elementen sowie mit Jazz-Rhythmen. Die Handlungen seiner Operetten sind meist charmant erzählte, spritzige und auch mal frivole Liebesgeschichten. Geschichten also, die die Menschen in schwierigen Zeiten unterhalten und ihnen Freude bereiten sollten. Innerhalb kurzer Zeit wurde er der am meisten bewunderte und europaweit am besten bezahlte Operettenkomponist. In London, Paris, und auch in New York feierte er mit „Ball im Savoy“ Triumphe. „Ball im Savoy“ wurde verfilmt, ebenso wie „Blume von Hawaii“ und „Viktoria und ihr Husar“. Seine Werke wurden auf Schallplatten eingespielt (zu jener Zeit noch ein Novum), und so galt er seinerzeit sogar als der weltweit erfolgreichste Komponist bei Betrachtung seiner Einnahmen und der Aufführungszahlen seiner Operetten.

Aufgrund seiner musikalischen Erfolge und dem damit verbundenen finanziellen Segen siedelte er 1930 von Budapest nach Berlin um. Doch dieser Höhenflug nahm 1933 ein jähes Ende. Paul Abraham, der sich nie um seine jüdischen Wurzeln geschert und auch nie praktizierender Jude war, mußte Berlin verlassen. Er ging zurück nach Budapest, doch nach dem Anschluß Österreichs wurde auch Budapest für ihn zu unsicher und er ging zunächst nach Paris, wo er die Möglichkeit hatte, seine neue Oper „Roxy und ihr Wunderteam“ zur Aufführung zu bringen und selbst zu dirigieren. Doch auch in Paris konnte er nicht bleiben, und schließlich gelangte er über Lissabon und Kuba in die USA nach New York. Doch ein Erfolg in Amerika blieb ihm versagt, auch Hollywood rief ihn nicht. Er schrieb dort ein Musical, „Tamburin“, welches jedoch nie zur Aufführung gelangte.
Eine zwischenzeitlich in Hamburg ins Leben gerufene „Paul-Abraham-Gesellschaft“ schaffte es, ihn im April 1956 nach Deutschland zurück zu holen. Sowohl physisch als auch psychisch angeschlagen starb er am 6. Mai 1960 infolge einer Krebserkrankung in Hamburg.

Das Schleswig-Holsteinische Landestheater würdigte Paul Abraham in der jetzt zu Ende gehenden Spielzeit mit einer bunt schillernden, Revue-artigen, erotisch eingefärbten „Ball im Savoy“-Inszenierung in der Regie von Edison Vigil, in deren Mittelpunkt natürlich Liebe, Eifersucht, Mißverständnisse und Verwechselungen stehen.
Das frisch verheiratete Ehepaar Madeleine und Aristide de Faublas kehrt aus ihren Flitterwochen zurück. Kurz nach ihrer Ankunft erhält Aristide eine Nachricht von seiner früheren Geliebten Tangolita. Er hatte ihr einst versprochen, sie zu einem Souper beim berühmten „Ball im Savoy“ einzuladen. Um sein Versprechen einzulösen, weiht er seinen Freund Mustapha ein, der ihm hilft, sich heimlich mit ihr zu treffen. Durch Zufall erfährt Madeleine von dem geplanten Treffen und beschließt, ihren Mann auf die Probe zu stellen. Verkleidet besucht sie ebenfalls den „Ball im Savoy“ und amüsiert sich dort mit dem jungen Célestin. Es kommt zu einigen komischen Situationen, Verwechselungen und Eifersuchtsszenen. Gleichzeitig sorgt Madeleines Freundin, die Jazzkomponistin Daisy Parker, die unter dem männlichen Künstlernamen José Pasodoble erfolgreich ist, für weitere Überraschungen.

Am Ende klären sich alle Mißverständnisse auf, Aristide versöhnt sich mit Madeleine, und Daisy Parker heiratet Mustapha. Die Operette endet also mit einem glücklichen Ausgang, bei dem Liebe und Vertrauen über Eifersucht und Täuschung siegen.
Gleich die erste Szene im Vorspiel sprühte vor prickelnder Erotik, als Aristide und Madeleine von ihren Flitterwochen in Venedig sangen, sich bei schummriger blauer Beleuchtung im breiten Bett vergnügten, umrahmt von sich räkelnden halbnackten Tänzern und Statisten. Schön anzuschauen war das von Lukas Pirmin Wassmann entworfene Bühnenbild im Art-Déco-Stil, passend dazu die ebenfalls von ihm kreierten Kostüme, der Mode der 1920er Jahre entsprechend, nur noch eine Spur schriller und bunter. Fast ständig im Tanzrevue-Einsatz war die von Till Nau einstudierte Ballettcompagnie des Landestheaters, die ganz besonders beim Känguru-Step und beim Niagara-Fox mit ihren ausgefeilten Choreographien von nahezu artistischer Perfektion, und nicht nur dort, einen phantastischen Eindruck hinterließen und einen großen Anteil am Erfolg dieser Inszenierung hatten.

In der Partie der Marquise Madeleine de Faublas glänzte Malgorzata Roclawska mit ihrem bis in die hohen Lagen sicher geführten Sopran, den sie natürlich speziell in ihren Arien „Was hat eine Frau von der Treue?“ und „Toujour l'amour“ aufblühen lassen konnte. Herrlich komisch gelang ihr die Szene mit ihrem Verehrer, dem naiv-schüchternen jungen Anwalt Célestin (Jele Flügge in dieser Sprechrolle) in seinem hübsch bunt geblümten Abendanzug.
Christian Alexander Müller in der Partie des Marquis Aristide de Faublas konnte ebenfalls gesanglich und in seiner Darstellung als ihr angeblich untreuer Ehemann überzeugen, sei es im humorvollen Zusammenspiel mit seinem Freund Mustafa oder mit seiner Ex-Geliebten Tangolita.

Timo Hannig als Mustapha in seinem rötlichem Anzug mit Schnäuzer, weit offenem Hemd und breiter Brust war hier weniger der türkische Bei, sondern ganz der charmante Typ des Latin Lovers. Immerhin umgarnt er seine neueste Flamme Daisy mit seinem virilen, geschmeidigen Bass-Bariton und den Songs „Am Bosporus“ und „Wenn wir Türken küssen“, und nachdem er seine sechs geschiedenen Frauen bemühte, die ein gutes Wort für ihn einlegen sollten, dann klappte es auch mit seiner siebten Ehe, diesmal mit Daisy, mit der er das originelle Duett „Mister Brown und Lady Stern“, sowie „Ich hab' mich halt verliebt in dich“, und den absoluten Gassenhauer dieser Operette, „Es ist so schön am Abend bummeln zu gehn“ mit Charme und Witz im Duett sang.
Daisy Parker, alias Jazzkomponist(in) José Pasodoble, mit wallender roter Mähne, war stimmlich, schauspielerisch und auch tänzerisch perfekt besetzt mit Kara Kemeny. Auch hatte sie die meisten, die schönsten und die raffiniertesten Kostüme des Abends, in denen sie hinreißend aussah. Sei es das rot-weiß gestreifte Ensemble, das pinkfarbene Glitzerkleid oder der weiße Anzug à la Marlene Dietrich. In jedem ihrer Outfits machte sie eine glänzende Figur.

Wie eine Carmen mit gewissem Sex-Appeal wirkte Itziar Lesaka in ihren effektvollen Auftritten als Tangolita, die brasilianische Ex-Geliebte von Aristide. Insbesondere mit ihrem Auftrittslied „La bella Tangolita“ konnte sie ihrem dunklen Mezzosopran auch sinnliche Farben abgewinnen.
Kai-Moritz von Blanckenburg ergänzte in den Rollen des noblen Kammerdieners Archibald und des Savoy-Kellners Pomérol das homogene Ensemble hervorragend.
An diesem Abend in Rendsburg leitete Peter Geilich das bestens disponierte Schleswig-Holsteinische Sinfonieorchester. Es präsentierte wunderbar die klangliche Farbigkeit von Paul Abrahams herrlich orchestrierter Partitur, die neben Wiener Walzerseligkeit und schmissigen Jazz-Rhythmen von Swing bis Ragtime auch eine Prise balkanischer Weisen, ungarischer Folklore, und sogar einige Klezmer-Anklänge aufweist, und konnte diese durchaus faszinierende Mischung mit großartiger Präzision und Intensität herausstreichen. Auch die vorzüglich singenden und tanzenden Choristen des Landestheaters in ihren bunten Kostümen (Einstudierung Avishay Shalom) hatten einen maßgeblichen Anteil am Erfolg dieses Abends, der vom Rendsburger Publikum einhellig bejubelt wurde