München, Staatsoper, DIE WALKÜRE – Richard Wagner, IOCO
Richard Wagners Die Walküre an der Bayerischen Staatsoper begeistert mit einer hochkarätigen Besetzung und Vladimir Jurowskis inspiriertem Dirigat. Tobias Kratzers moderne Regie überzeugt mit starken Bildern, provoziert aber durch den Kontrast zur archaischen Wagnersprache.
von Hans-Günter Melchior
Eingebungen von oben

Also mal ganz ehrlich und schonungslos: Sprachpurist darf man nicht gerade sein, wenn man diese Wagneroper erlebt (und nicht nur diese). Da ist von seltsam altmodischen, oft missglückten Spracherfindungen die Rede: von Erkiesen und Mißwende und von seimig und umgleißen von Lohe und Harst und dergleichen mehr. Wobei Tobias Kratzer, der die Regie führt, gleichzeitig ein Auto auf die Bühne fahren lässt, mit dem der „Unhold“ Hunding vorfährt, wie ein moderner Routinier und eine Walküre in einem Flugzeug über München fliegt. Während es unten zumindest sprachlich wuselt wie im missglückten Mittelalter. Das Bodenpersonal wiederum reitet da mittelalterlich hoch zu Ross durch den Englischen Garten, eine Leiche über dem Sattel und erregt gleichsam in einer Art Wiedererkennung (zu was eigentlich?) Beifallsstürme im Publikum. Das alles sind isoliert für sich betrachtet recht gute moderne Einfälle. Die freilich nicht mit einer Sprache zusammenpassen, die weder durchgängig originell, schon gar nicht genial, noch einleuchtend ist. Verzeihung Richard Wagner. Verzeihung Tobias Kratzer.

Das soll nicht beckmesserisch klingen, es ist nur zuweilen störend bis zum Lachen reizend. Man hat sich vielleicht auch, als Wagner-Hörer und Bayreuth-Besucher inzwischen längst an die sprachlichen Eigenheiten und Sonderbarkeiten gewöhnt. Sie werden freilich überdeutlich und grenzen ans Lächerliche, wenn sie mit der Moderne konfrontiert werden. Hunding, eindrucksvoll Ain Anger, ist einer, der zum Beispiel aus einem schicken Auto steigt, er produziert selbstbewusst und wie ein Gewaltmensch seine Riesengestalt, betritt dann freilich die eher recht einfache Behausung eines bescheiden lebenden Mannes, mehr eine Hütte als ein Wohnhaus. Freilich spielt er recht großspurig den Hausherrn, eröffnet sofort dem ungebetenen Gast Siegmund –, den musikalisch und darstellerisch makellosen Joachim Backström verkörpert –, dass er den aus der Heimat Entflohenen und Verfolgten als Feind betrachtet und ihm lediglich eine Nacht gleichsam Asyl gewährt. Während am Morgen des grauenden Tages die Zeichen auf Kampf und Tod gestellt sind. Sieglinde, Hundings Noch-Ehefrau, und Siegmund verlieben sich sofort. Zart, einfühlsam, eindrucksvoll: Irene Roberts. Sie schläft mit Siegmund. Aber: Sie sind eng verwandt, Zwillingsgeschwister (Nur nebenbei: Nach § 173 Abs.3 StGB ist dies nur straflos, wenn die Beteiligten unter 18 Jahre alt sind. Ist dieser Einwand beckmesserisch? Na ja. Jedenfalls entspricht er der deutschen Gesetzeslage, im höheren Milieu mag das anders sein).

Sieglinde wird aus der Verbindung mit Siegmund schwanger. Jetzt kommen die „gestorbenen Unsterblichen“ zu Wort. Als hätte ihnen gerade die Unsterblichkeit im Tod die höhere Macht über die Lebenden verliehen. Fricka, Ekaterina Gubanova, die Gemahlin Wotans, den Nicholas Brownlee machtvoll verkörpert, erhebt Einwände. Mehr noch: Sie prangert den Ehebruch Sieglindes an. Der Konflikt zwischen Fricka und dem hin und her laborierenden, in seiner Entscheidung schwankenden Gemahl, tritt offen zutage. Fricka fordert die Bestrafung der Frevler. Genauer: Den Tod Siegmunds. Während Wotan zunächst eher milde gestimmt ist, muss er aber dem Drängen seiner Gemahlin nachgeben. So ist der Tod Siegmunds faktisch beschlossen. Einzig die ebenso heldenhafte wie letztlich machtlose Brünnhilde, Miina-Liisa Värelä, will Siegmund retten. Da greift Wotan, der gegenüber seiner Gemahlin im Wort steht, ein. Er zerschlägt das Schwert Nothung, das Siegmund aus der Weltesche gezogen und das ihm faktisch Unbesiegbarkeit verliehen hatte. Der wehrlose Siegmund wird getötet. Es sieht so aus, als empfange er den endgültigen Todesstoß nicht von Hunding, sondern von Wotan, um der Forderung Frickas Genüge zu tun, damit der Streit ein Ende findet. Brünnhilde hingegen muss sich gegenüber Wotan für ihren Versuch, Siegmund zu retten, rechtfertigen. Der Konflikt ist offen, eher abstrakt, eine rationale Entscheidung, die sich als Rechtsspruch, Urteil, eher tarnt als mit Gründen emotional untermauert werden kann. Wotan ist eine in sich zerrissene, zwiespältige Natur. Herrscher und Zauderer zugleich. Opportunist. So einen kann man als Regierenden nicht brauchen. Im Grunde seines Herzens steht er auf der Seite seiner Tochter Brünnhilde, glaubt aber, die Gesetzeslage und der Konflikt mit Fricka hätten ihn zu der Entscheidung gezwungen. Von Regierenden erwartet man indessen Charakter. Sieglinde ist indessen verzweifelt. Sie will sterben. Die von Brünnhilde prophezeite Geburt eines Kindes, dessen Vater Siegmund ist, hält sie am Leben. Sie wird die Mutter eines bedeutenden Sohnes werden. Davon freilich später. Wotan ist freilich wütend, weil ihm Brünnhilde zuwidergehandelt hat und Siegmund retten wollte. In einem schier endlosen Streit, der sich auch auf die übrigen Walküren ausdehnt, beharrt Wotan auf einer schweren Bestrafung Brünnhildes.

Die Rechtfertigungsversuche der Tochter weist er zurück – im Grunde, wie erwähnt, schweren Herzens, da er mit dem Herzen auf Brünnhildes Seite steht, ihr recht gibt. Letztlich ist er zu einem Kompromiss bereit: Brünnhilde wird in einen langen Schlaf versetzt. Ein Feuer umgibt ihre Schlafstatt schützend. Nur ein ihr ebenbürtiger Held kann sie retten. Loge legt das Feuer. Das dramatische Geschehen wird getragen von der eindrucksvollen Leistung des hervorragenden, bis in die Nuancen mitreißenden Orchesters unter der genialen Leitung seines Chefdirigenten Vladimir Jurowski. Sein Dirigat dringt geradezu mit äußerster Verständnisinnigkeit und Sensibilität in die seelischen Feinheiten der Partitur. Wobei ihm das hervorragende Orchester bis in die letzten Nuancen folgt. Trotz einiger Widersprüche der Inszenierung, wobei vor allem den Verfasser dieser Rezension die Diskrepanz zwischen antiquierter Sprache und modernem Anspruch störte, eine insgesamt erhebende, höchst bemerkenswerte Aufführung.