Interview ANDREA SANGUINETI, Generalmusikdirektor Aalto-Theater Essen, IOCO

Interview ANDREA SANGUINETI, Generalmusikdirektor Aalto-Theater Essen, IOCO
Andrea Sanguineti copyright Giuseppe Orlando

Fokus auf Kreativität und künstlerische Exzellenz.

Der Dirigent Andrea Sanguineti wurde 1983 im italienischen Ligurien geboren. Seit der Saison 2023/24 Generalmusikdirektor des Aalto-Theaters Essen und der Essener Philharmoniker. Mit großem Charisma gelingen ihm hochmusikalische Dirigate von packender Intensität. Nach frühem Dirigierdiplom mit 23 Jahren am Mailänder Konservatorium und Studien in Genua, Wien und Mailand debütierte er 2008 in Hannover. Daran schlossen sich Stationen als Kapellmeister in Würzburg und eine fünfjährige Station als Generalmusikdirektor in Görlitz an. Heute ist er ein gefragter Gast an Spitzenhäusern wie ein gefragter Gast an Spitzenhäusern wie Zürich, der Deutsche Oper Berlin, der Oper Köln, dem Sydney Opera House und beim Savonlinna Festival. Sein Repertoire spannt sich von Belcanto und Verdi/Puccini über Wagner bis hin zu großen Sinfonien von Mahler, Bruckner und Strauss. In Essen hat er mit Produktionen wie Parsifal, Tosca, Aida und Macbeth fasziniert.

IOCO hat sich mit ihm unter anderem darüber unterhalten, welche spannenden aktuellen und zukünftigen Projekte in Essen anstehen, warum Abwechslung im Repertoire so wichtig ist, wie verschiedene Urlaubsorte sind, weshalb künstlerische Exzellenz unverzichtbar ist und warum der Fokus an unseren Theatern wieder stärker auf der Kunst liegen sollte.

IOCO: Sie haben Ihre musikalische Ausbildung in Italien absolviert. Können Sie uns etwas über Ihren Werdegang und Ihre prägenden Lehrer erzählen?

A. S.: Ich habe mein Dirigierdiplom am Konservatorium in Mailand bei Maestro Parisi absolviert. Zuvor erhielt ich meine grundlegende Ausbildung an der renommierten Universität für Musik und darstellende Kunst in Wien – zu jener Zeit eine Hochburg der großen Dirigiertradition, die auf Legenden wie Wolfgang Sawallisch zurückgeht. Diese Ausbildung war von einer enormen Strenge und einem Leistungsdruck geprägt, der heute wohl undenkbar wäre. Bevor ich das Dirigierstudium aufnahm, habe ich Klavier und – wie es damals noch verpflichtend war – Komposition studiert.

IOCO: Nach Ihrem Studium führte Sie Ihre Karriere nach Deutschland. Was hat Sie an der deutschen Opern- und Orchesterlandschaft besonders gereizt?

A. S.: Bevor ich nach Deutschland kam, habe ich ein Jahr als Solorepetitor im Opernstudio der Opéra du Rhin in Straßburg verbracht. Diese Erfahrung gab mir das nötige Rüstzeug, um die klassische Kapellmeister-Laufbahn im deutsch-österreichischen System einzuschlagen. Mein Wechsel über die Grenze war eine ganz bewusste Entscheidung. Denn nur in diesen Ländern ist es möglich, eine Karriere völlig ohne Kontakte und Agenturen zu beginnen – und zwar auf der untersten Stufe der musikalischen Nahrungskette: als Repetitor. An der Staatsoper Hannover, die für mich in jeder Hinsicht eine künstlerische Kraftzelle war, habe ich Bühnenproben begleitet, mit Sängern korrepetiert, die Tasteninstrumente im Orchester gespielt und die Bühnenmusik dirigiert. Nach wenige Monaten ergaben sich durch Vakanzen im Haus – weil Kapellmeisterstellen unbesetzt waren – erste Gelegenheiten. So durfte ich immer häufiger Vorstellungen als Einspringer übernehmen, bis hin zu eigenen Wiederaufnahmen.

IOCO: Seit 2023 sind Sie Generalmusikdirektor des Aalto-Theaters Essen. Wie kam es zu dieser Berufung und was hat Sie an der Aufgabe besonders interessiert?

A. S.: Meine Verbindung nach Essen wurde vor meiner Berufung durch eine Vielzahl von Gastdirigaten gefestigt. Diese hervorragende Beziehung und die fruchtbare künstlerische Zusammenarbeit haben die Entscheidung damals sicherlich maßgeblich beeinflusst. Die Aufgabe hat mich sehr gereizt, da die Essener Philharmoniker besonders im Konzertbereich eine Top-Adresse sind. Das verdanken wir auch unserem großartigen Saalbau der Philharmonie, wo wir unsere Konzertreihen im Wechsel mit den besten Orchestern der Welt präsentieren – und natürlich mit den besten Dirigenten, die der Markt zu bieten hat. Erst kürzlich standen Namen wie Riccardo Muti oder Fabio Luisi bei uns am Pult.

IOCO: In Essen haben Sie in den vergangenen Spielzeiten eine Reihe vielbeachteter Produktionen dirigiert – die Neuproduktionen „Rigoletto“ und „La fanciulla del West“ diese Spielzeit wurden von Publikum und Presse gefeiert. Worin sehen Sie die Gründe für diese künstlerischen Erfolge? Gibt es Produktionen oder musikalische Momente in Essen, die Ihnen besonders am Herzen liegen?

A. S.: Da ich vertraglich bedingt sehr viele Dirigate pro Jahr in Essen übernehme, ist die Bandbreite an Stücken und Ereignissen enorm. Die schönen Momente sind daher wirklich zahlreich. Mit großem Stolz und tiefer Dankbarkeit erinnere ich mich aber definitiv an unseren sehr erfolgreichen Parsifal in der vergangenen Saison. Die Gründe für diese Erfolge liegen in einer unermüdlichen Detailarbeit – angefangen bei den ersten Gesprächen über die Sängerbesetzung bis hin zu den Proben, bei denen ich absolute Exzellenz und eine extrem akribische Vorbereitung verlange.

IOCO: Als Generalmusikdirektor gestalten Sie das künstlerische Profil des Hauses maßgeblich mit. Die kommende Spielzeit wird mit Korngolds „Das Wunder der Heliane“ eröffnet – einer Oper, die nur äußerst selten aufgeführt wird. War es ein persönlicher Wunsch von Ihnen, dieses Werk nach Essen zu bringen? Und nach welchen Kriterien wählen Sie generell die Opern aus, die Sie selbst dirigieren?

A. S.: Ganz genau, Korngolds Das Wunder der Heliane war ein großer Wunsch von mir. Nachdem ich in früheren Jahren bereits Die tote Stadt dirigieren durfte, habe ich mich in Korngolds Musik verliebt. Das ewige Schweben der Linien sowie die hochspannende Klangtextur im Orchester sind nur einige der Gründe, warum seine Musik einfach viel öfter gespielt werden sollte. Meine Intendantin, die in ihrer Funktion die Stücke für das Musiktheater auswählt, war ohnehin auf der Suche nach einem solch komplexen Werk. So waren wir uns bei dieser Entscheidung sehr schnell einig.

An dem Haus, an dem ich Generalmusikdirektor bin, wähle ich meine Stücke nach verschiedenen Kriterien aus. Erstens natürlich mit Blick auf die Höhepunkte der Saison, bei denen der Chefdirigent einfach Präsenz zeigen muss. Zweitens schaue ich, welche Werke das Orchester maßgeblich prägen und künstlerisch weiterbringen. Und drittens ist mir eine ausgewogene Balance zwischen den verschiedenen Stilen sehr wichtig. Ich möchte definitiv nicht in der klassischen Schublade des reinen "Italo-Dirigenten" stecken – ein Phänomen, das man auf dem Markt leider oft sieht. Mein Repertoire ist stilistisch sehr breit gefächert, auch wenn mein Puccini und mein Verdi am häufigsten nachgefragt werden.

Andrea Sanguineti copyright Benne Ochs

IOCO: Vor einem Jahr wurde in der Presse über Spannungen zwischen Ihnen und einzelnen Ensemblemitgliedern berichtet. Ihre Sicht auf die Ereignisse wurde bislang kaum öffentlich dargestellt. Möchten Sie diese Gelegenheit nutzen, Ihre Perspektive zu schildern?

A. S.: Dieses Kapitel hat mich persönlich und künstlerisch sehr tief getroffen. Leider war mir damals die Möglichkeit verwehrt, öffentlich Stellung zu nehmen, da eine externe Prüfung der Fakten lief – die mich im darauffolgenden Juli übrigens vollständig entlastet hat. Ich wurde damals wie vom Blitz getroffen von den bösartigen und haltlosen Vorwürfen, die von einzelnen, anonymen Ensemblemitgliedern an die Presse weitergeleitet und vom Betriebsratsvorsitzenden weitergetragen wurden. 

Ein Jahr später kann ich darüber nur sagen: Wir erleben gesellschaftlich heute leider Zeiten, in denen Existenzen und öffentliche Interessen durch gezielte negative Schlagzeilen zerstört werden können, ohne dass man sich mühsam mit der Wahrheit auseinandersetzt oder das Urteil von Experten abwartet. Über meine vollständige Entlastung wurde damals nur am Rande einer Aufsichtsratsmitteilung berichtet – und bis auf wenige Zitate in Fachzeitschriften gab es keine vollständige Richtigstellung der vorherigen, belastenden Beiträge. Das ist sehr schade.

Ebenso bedauerlich ist es, dass ich in Essen bei Teilen des Ensembles auf keinen fruchtbaren Boden gestoßen bin. Obwohl man sich bei meiner Berufung ausdrücklich einen Generalmusikdirektor gewünscht hatte, der eine akribische Präsenz in der Vorbereitung zeigt, Einblick in die Strukturen nimmt und Hartnäckigkeit in der musikalischen Arbeit beweist, musste ich schnell feststellen, dass diese klare Linie manche verunsichert und in eine Abwehrhaltung gedrängt hat. Das Einfordern, über die eigene Komfortzone hinauszugehen, wird heute leider oft als persönlicher Angriff gewertet. Das ist schade für die Kunst, besonders in diesen krisenhaften Zeiten für die Kultur. Wir sollten als Künstler heute alle weniger auf Befindlichkeiten und vermeintliche Rechte beharren, sondern den Fokus wieder voll auf Kreativität und künstlerische Exzellenz richten.

IOCO: Ihr Repertoire umfasst ein außergewöhnlich breites Spektrum – von Mozart über Verdi und Puccini bis hin zu Korngold und Britten sowie großen sinfonischen Werken. Gibt es Komponisten oder Stilrichtungen, zu denen Sie eine besonders enge künstlerische Beziehung haben? Was fasziniert Sie an ihrer Musik?

A. S.: Für mich sind die verschiedenen Musikstile und die Gattungen der symphonischen Literatur wie die unterschiedlichen Urlaubsorte, die man im Laufe des Lebens besucht. Ich persönlich brauche eine große Abwechslung; ich kann nicht immer an derselben Bucht am Meer liegen. Wenn ich musikalisch von Mozart zum zeitgenössischen Thomas Adès springe, fühlt sich das an, als läge ich mal ein bisschen am Strand der Côte d’Azur, mal in Ligurien, dann wieder an den wunderbaren Seen in Österreich oder in Finnland – oder als würde ich im Winter wie im Sommer Sport in den schönen Alpen treiben. Nicht zu vergessen das großstädtische Flair und die Historie der wundervollen Metropolen dieser Welt. Mit der Musik verhält es sich ganz ähnlich: Die Neugier und die Liebe für dieses Kaleidoskop an Farben, Gerüchen und Architekturen hält mich ständig hungrig. Und das Faszinierende ist, dass es niemals endet. Selbst in einhundert Menschenleben würde man es nicht schaffen, alle Meisterwerke in ihrer Tiefe zu durchdringen.

IOCO: Gibt es eine Oper, die Sie heute wahrscheinlich nicht noch einmal dirigieren würden?

A. S.: Hoffentlich nicht! Auch wenn an einem Stück eventuell die Erinnerung an eine anstrengende oder zähe Produktion klebt: Jede Wiederholung ist eine neue Chance, frische Ideen, neue Aspekte und Ansätze zu recherchieren.

IOCO: Und umgekehrt: Ein Werk, das Sie unbedingt noch dirigieren möchten?

A. S.: Ach, die Liste ist sehr lang. Sie beginnt tatsächlich mit einer Oper, die mir seit fast 20 Jahren immer wieder entwischt: Il barbiere di Siviglia. Obwohl ich viele Ausschnitte daraus im Konzert dirigiert habe, hatte ich bisher noch keine einzige szenische Produktion davon – absolut verrückt! Meine wahren Träume sind jedoch im deutschen Repertoire angesiedelt: Nach TristanParsifalTannhäuser und dem Lohengrin in der nächsten Saison fühle ich mich nun definitiv bereit für den Ring.

IOCO: Sie dirigieren derzeit „Le nozze di Figaro“ beim Savonlinna Opera Festival, nachdem Sie dort bereits vor zwei Jahren mit „Don Giovanni“ ein sehr erfolgreiches Festivaldebüt gegeben haben. Was macht dieses Festival für Sie so besonders?

A. S.: Meine Mozart-Interpretation ist sehr speziell und alles andere als Standard. Ich lasse das Cembalo oder das Hammerklavier das Geschehen sehr stark mit Vor- und Akkoladen kommentieren – auch mitten in den musikalischen Nummern. Bei den Da-capo-Teilen oder Wiederholungen liebe ich Variationen, auch in den Gesangslinien, und ich schätze ein sehr kantiges, akzentuiertes Musizieren mit starken Kontrasten im Orchester. Diese Art der Interpretation kam bei Don Giovanni damals in Savonlinna so gut an, dass man mich glücklicherweise für die nächste Da-Ponte-Oper zurückgeholt hat. Dieses Festival liegt an einem der am schwersten zu erreichenden Orte Europas. Aber wenn man erst einmal da ist, vergisst man die Anstrengungen der Reise sofort. Die Landschaft, die Atmosphäre und diese wunderbare Burg, in der wir spielen, sind einfach herrlich.

IOCO: Neben Ihrer Tätigkeit in Essen sind Sie regelmäßig international gefragt – zuletzt etwa in Nizza und Amsterdam, in den kommenden Monaten wie bereits erwähnt in Savonlinna. Worauf freuen Sie sich in der kommenden Saison besonders? Gibt es Projekte, die Ihnen persönlich besonders am Herzen liegen?

A. S.: Wie Sie schon teilweise erwähnt haben, liegen die spannendsten Projekte im nächsten Jahr unbedingt in Essen, wo wir gleich zum Saisonstart Das Wunder der Heliane herausbringen. Im symphonischen Bereich freue ich mich ganz besonders auf Mahlers 1. Sinfonie, Strawinskys Le sacre du printemps, Richard Strauss' Tod und Verklärung sowie Respighis Pini di Roma und Fontane di Roma.