Paris-Vincennes, Parc Floral, Festival Classique au Vert 2026, Vanessa Wagner, IOCO
30.08.2026
ABSOLUTE MAXIMALISTISCHE MUSIK…
„I never decided to become a musician. I simply followed the only path that was open to me, and so I accepted all the hard work and deprivation that such a path could entail”, he explains in his fascinating autobiography WORDS WITHOUT MUSIC, Philip Glass (2001)
Ein sinnliches Erlebnis…
Vanessa Wagner (*1973), eine herausragende Persönlichkeit der französischen Klaviermusik – ausgezeichnet als Instrumentalistin des Jahres bei den Victoires de la Musique Classique 2026 -, beschreitet seit Jahren einen eigenständigen künstlerischen Weg an der Schnittstelle von klassischem Repertoire und zeitgenössischer Musik.
Ihr Spiel, klar und zugleich tiefgründig ausdrucksstark, findet eine besondere Resonanz in der Welt des amerikanischen Komponisten Philip Glass (*1937), in dessen Werk sie heute zu den inspiriertesten Interpretinnen zählt.
Dieses Programm lädt zum Eintauchen in die hypnotische und poetische Welt des Komponisten ein. Von Opening (1998), einem emblematischen Stück mit sich stetig wandelnden Motiven, bis hin zu den Etudes (1994/2012), wahren Experimentier-Feldern der Form und Empfindung, entfaltet Glass‘ Musik eine minimalistische Sprache von unerwartetem Reichtum in Dinstant Figures - Passacaglia (2017) und Dreaming Awake (2003) führen diese Erkundung in einer introspektiveren, fast schwebenden Atmosphäre fort.

Der Höhepunkt des Konzerts, die dreisätzige Sonate (2020), offenbar einen expansiveren Stil, in dem Wiederholung zu Atem, Architektur und Emotion wird. Unter Wagners Händen wird diese Musik organisch, lebendig und voller unendlicher Nuancen.
Ein Konzert wie ein sinnliches Erlebnis, in dem sich Zeit dehnt und jedes Motiv zu einer Landschaft wird.
Ein faszinierendes Werk…
Von seinen bescheidenen Anfängen bis zum internationalen Ruhm etablierte sich Glass als einer der einflussreichsten Komponisten des 20. Jahrhunderts. Als eine der führenden Figuren des Minimalismus, Schöpfer von Einstein on the Beach (1976) und Mitarbeiter von Ravi Shankar (1920-2012), Samuel Beckett (1906-1989) und Martin Scorsese (*1942) prägte er die klassische Musik, das Kino und die Popkultur.
Kranführer, Umzugshelfer, Klempner, Taxifahrer… Bevor Glass mit 41 Jahren zu einem der berühmtesten Komponisten der Welt wurde und von seiner Musik leben konnte, übte er viele verschiedene Berufe aus, um seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Und das ohne zu klagen!
Das klassische und moderne Elemente vereint…
Geboren am 31. Januar 1937 in Baltimore, übte dieser Sohn einer Bibliothekarin und eines Schallplatten-Händlers schon in jungen Jahren Flöte und Klavier. Im Laden seines Vaters entdeckte er sowohl klassische als auch „modern“ Musik, insbesondere Bela Bartók (1881-1945), Dmitri Schostakowitsch (1906-1975) und Igor Strawinsky (1882-1971).
Als Student in Chicago belegte er Kurse in Mathematik und Philosophie, bewunderte Charlie Parker (1920-1955) und John Coltrane (1926-1967) und sog die „the row energy of Bebop“ in sich auf. Er las und hörte die Musik der Zweiten Wiener Schule, die er jedoch „easily dismissed“, weil sie ihn nicht sonderlich berührte.
Glass, der an der renommierten Juilliard School of Music in New York eingeschrieben war, hatte nur ein Ziel: Komponist zu werden. Doch er empfand das seine „technique left something to be desired“ und war der Ansicht, dass er die grundlegenden Fertigkeiten noch erlernen müsse.
Ein Stipendium ermöglichte ihm anschließend ein weiteres Studium in Paris bei Nadia Boulanger (1864-1966), einer für Strenge bekannten Lehrerin. In Paris lernte er auch Beckett und den indischen Sitar-Spieler Shankar kennen, mit denen er sich anfreundete: „Boulanger and Shankar passed on to me […] absolutely essential ideas about life and music“.

Die künstlerische Avangarde…
Nach einer langen Indienreise kehrte Glass nach New York zurück und führte ein unkonventionelles Leben. Er verkehrte in Kunstgalerien und in den Lofts von Künstlern wie Richard Serra (1938-2024), Robert Rauschenberg (1925-2008) und Sol LeWitt (1928-2007). Gemeinsam mit seiner Frau JoAnne Akalaitis (*1937) gründete er die Theatergruppe Mabou Mines (1970)!
Alle Zutaten für seinen Stil waren vorhanden: Theater, bildende Kunst: „I aspired to a very conceptual music, aligned with a theatre, an art, a dance and painting that were also very conceptual“, der Einfluss Indiens, Becketts und des Regisseurs Robert Wilson (1941-2025) auf den Begriff der Zeit.
Internationale Anerkennung…
Eines seiner ersten bedeutenden Werke, Music in Twelve Parts (1974), dauert über vier Stunden. Doch erst mit der Oper Einstein on the Beach, die beim Festival d’Avignon in Zusammenarbeit mit Wilson und der Choreografin Lucinda Childs (*1940) entstand, erlangte Glass internationale Anerkennung. „In the 1970s and 1980s, when I gave a concert in London, Paris, Rotterdam or Rome, the audience’s eyes would pop out of their heads: They were hearing something that no European could have given them. The music I was writing and playing at the time – and that I introduced to Europe – was fundamentally New York, and that’s what I wanted” erinnert sich Glass.
Ein minimalistischer Stil, der zwischen Faszination und Kritik schwankt…
Schnell als „repetitiv“ oder „minimalistisch“ abgestempelt basiert seine Musik auf dem Hinzufügen oder Weglassen von Motiven und bietet ein Zeitverständnis, das für westliche Zuhörer oft irritierend ist. Manche Kritiker sehen sie als „Pseudo-Meditation“ oder als „betäubende, herzzerreißende Musik“.
Ungeachtet dessen trägt dieser hypnotische und innovative Ansatz dazu bei, dass Glass zu einer Schlüsselfigur der zeitgenössischen Musik wird!
Ein vielseitiges und universelles Werk…
Glass hat eine Reihe von Opern – bis heute fünfzehn – vierzehn Sinfonien, neuen Streichquartette, Konzerte, Stücke für Solo-Klavier, aber auch Musik für das Theater – Georg Büchner (1813-1937), Beckett, Jean Genet (1910-1986) -, für das Kino – Roger Daldrey (*1944), Scorsese, Paul Schrader (*1946), Peter Weir (*1944) und Kooperationen mit Paul Simon (*1941), Mick Jagger (*1943), Leonard Cohen ( 1934-2016) und Aphex Twin (*1971) produziert.
Diese Vielseitigkeit mag überraschen, spiegelt aber das Ideal eines Musikers wider, der der Welt offen gegenübersteht und eine unstillbare Neugier besitzt.
Glass bewundert dennoch Karlheinz Stockhausen (1928-2007), Hans Werner Henze (1926-2012), Luigi Nono (1924-1990), Luciano Berio (1925-2003) und Pierre Boulez (1925-2016), wollte aber deren Weg nicht einschlagen: „It was abstract, very beautiful, but without great emotional impact“.
Glass etablierte sich als Komponist, der sowohl in der Tradition verwurzelt als auch der zeitgenössischen Welt gegenüber aufgeschlossen ist. Sein Werk, das als minimalistisch und doch zutiefst universell beschrieben wird, beeinflusst weiterhin klassische Musik, Film und Popkultur.
Das Konzert im Parc Floral in Paris-Vincennes am 30. August 2026:
Die ideale Klanglandschaft des Parc Floral…
Wagner nahm im Parc Floral im Rahmen des Festivals Classique au Vert 2026 eine außergewöhnliche Herausforderung an: Mit Auszügen aus Glass‘ Gesamt-Klavierwerk spielte sie fast zwei Stunden ohne Unterbrechung, so dass dem begeisterten Publikum schlechtweg der Atem ausging.
Eine lebendige Hommage an einen schon legendären Komponisten, der vor einigen Wochen seinen 90. Geburtstag feierte und heute hier in diesem wunderbaren Open-Air-Konzert gewürdigt wird. Glass ist ohne Frage eine der großen Schlüsselfiguren der amerikanischen Minimal Music, und das heutige Konzert ist Teil einer internationalen Hommage und auch der kürzlich erfolgten Veröffentlichung der Gesamteinspielung des Zyklus durch Wagner bei dem französischen Label InFiné Music. Diese mutige Wahl eines Programms, das ganz Glass gewidmet ist, der von einigen europäischen Puristen lange als Randkomponist betrachtet wurde, zeugt von der wachsenden Anerkennung seiner Etudes, die heute als essentielle Meilensteine des zeitgenössischen Klaviers gelten.
Diese beiden Study Booklets sind weit mehr als eine vorübergehende Modeerscheinung; einmal aufgeschlagen, können angehende Pianisten sie nicht mehr aus der Hand legen. „If I am to be remembered, it will be thanks to these Etudes, because everyone can play them“, prophezeite der amerikanische Komponist vor einigen Jahren. Und tatsächlich geschieht in diesen zwanzig Stücken von unendlich vielfältiger Länge und Atmosphäre etwas beinahe Unaussprechliches, etwas: Das die Seele berührt!
Wir waren darauf gespannt wie Wagner, eine Interpretin von Claude Debussy (1862-1918) und Sergei Rachmaninow (1873-1943), das Werk des amerikanischen Komponisten spielen wird, nachdem sie sich öffentlich zu Glass bekannt hatte – ein Schritt, der von ihren Fans als Schlüssel zum Werk-Verständnis des Komponisten gefeiert wurde: „La musique de Glass a revolutionné ma vie de pianiste“. Tatsächlich ist Wagner schon seit Längerem von den Etudes fasziniert! Diese faszinierende Reise begann 2013 in Perth mit Maki Namekawa (*1969), einer Freundin des Komponisten und Pionierin der ersten Gesamteinspielung der Werke im Jahr 2014. Seit 2019 lädt Wagner mit ihren Alben Inland (2019), Mirrored (2022), Study of the invesible (2022) und The Still Hours (2023) die Zuhörer dazu ein, Musik neu zu entdecken, die oft von jenen unterschätzt wird, die am Ende zugeben, sie nicht zu kennen. Musik, deren scheinbare Einfachheit die Frage aufwirft und beantwortet: Sind Schwierigkeiten und Virtuosität die Kennzeichen von Inspiration?

Ganz in Goldlamé, in erhabener Eleganz, tritt Wagner auf, verharrt in Gedanken, bevor ihre Hände den ersten Akkord des idealen Portikus, der Etude N° 1 anschlagen. Ihre Hände, die sie noch lange nach dem letzten Ton erhoben halten wird! Die Aufmerksamkeit, die sie den beiden abwechslungsreichen Reprisen des Hauptthemas widmet, gibt den Ton für ihre Herangehensweise vor: Jede Melodie-Linie, die Besonderheit jeder Etude zu erfassen, den Schlüssen, die allesamt wie gemeißelt wirken, den kunstvoll gestalteten Übergängen größte Aufmerksamkeit zu schenken und nicht zu vergessen, als Bonus den großen Bogen nachzuzeichnen, der sich über mehr als zwei Stunden von Etude N° 1 bis Etude N° 20 erstreckt. Noch weniger als am Ende des 1. Akts von Parsifal (1882) von Richard Wagner (1813-1883) in Bayreuth wird irgendjemand an Applaus denken… Die Stille, die Glass folgt, ist natürlich immer Glass!
Wagner demonstriert eindrucksvoll, wie sich jedes Stück perfekt in die sorgfältig geplante Struktur dieser beiden, über zwanzig Jahre entstandenen Bände einfügt. Das exquisit schwebende 5. Stück bereitet den Aufschwung des sensationellen 6. vor, dem einzigen, bei dem die Pianistin auf eine Wiederholung verzichtet – schade um dieses absolute Highlight der Partitur! Dessen Virtuosität an Franz Liszt (1811-1886) erinnert - verlangt dem Steinway-Flügel wohl einiges ab, sodass er in der Pause nachgestimmt werden muss. 7. Stück – wohl das längste – ist eine Trance, in der sich der Körper der Pianistin diskret hingibt. Die glückliche Rückkehr zur Ruhe im bewegenden 8. Stück – irgendwo zwischen dem Film Le Truman Show (1998) von Peter Weir (*1944), Musik von Glass und Burkhard Dallwitz (*1959) und Les marionnettes (2019), Chanson von Christophe (1945-2020) – erlaubt es ihr, mit neuer Kraft in das 9. Stück – das kürzeste, aber eines der atemberaubendsten – einzutauchen und das mit unwiderstehlich spielerischer Geschwindigkeit gespielt wird. Indem sie den sogenannten „Motorismus“ frei nach Albert Einstein (1879-1955) gewissermaßen in N° 10 mit äußerst abrupten Rucklern gegenüberstellt, zeigt Wagner, wie man die vom Komponisten hinterlassene Freiheit immer wieder aufs Neue ergreifen kann.
Nach einer kurzen Pause - „Si cela ne tenait qu’à moi, je ne ferais même pas de pause entre les deux cahiers“, erklärt Wagner – bietet N° 11 die perfekte Gelegenheit, die tiefen Lagen der neu gestimmten Klaviatur zu präsentieren. In N° 12, erscheint Franz Schubert (1797-1818) mehr denn je und Wagner wird mit zurückgeneigtem Kopf in eine andere Dimension eintauchen, nur um durch die doppelte Folge kristallklarer Arpeggien, die vor den Schlusstakten von ihrer ätherischen rechten Hand gespielt werden, wieder in die Realität zurückgeholt zu werden. Wir genießen den langen Nachklang am Ende der hochmelodischen N° 16. Und ohne erkennbare Müdigkeit, als wäre sie schon lange von Glass genährt worden, gelangt Wagner zum idealen Abschluss des Zyklus, der wahrhaft kosmischen Etude N° 20, die man sich gerne endloser vorgestellt hätte und die sie, nachdem der letzte Ton der linken Hand – das tiefste A auf dem Klavier – verklungen ist und ihre beiden Hände, lange in der Schwerelosigkeit, schließlich das Signal zur Rückkehr in die Realität gegeben haben, uns aber mit Bedauern zurücklässt.
In New York wird dem Komponisten mitgeteilt, dass jenseits des Atlantiks die französische Pianistin Wagner, ein Idealbild seiner Klavier-Werke – aber durchaus real – gespielt und veröffentlicht hat. So wurde nach der atemberaubenden Aufführung seiner Oper Akhnaton - Echnaton (1984) an der Opéra Nice – Côte d‘Azur in Nizza (Siehe auch IOCO-Kritik vom 25.11.2021) das zweite Kapitel des Glass-Jahres auf wunderbare Weise aufgeschlagen. Dieses Kapitel wird sich in Frankreich während der Saison 2025/2026 fortsetzen.
Siehe auch IOCO-Kritik: Satygraha (1980) an der Opéra National de Paris vom 10.04.2026)