Bregenz, Bregenzer Festspiele, YUM! – Wen Liu, IOCO
Bei den Bregenzer Festspielen verbindet Wen Lius YUM! Musiktheater und Extended Reality zu einem schillernden Spiel zwischen Luxus und Abgrund. Hinter Glamour, Fake Food und digitaler Selbstinszenierung lauern Manipulation, Fake News und der Verlust von Wirklichkeit.
von Daniela Zimmermann
Uraufführung YUM! - Ein experimentelles XR‑Musiktheater zwischen Genuss und Abgrund (2023 – 2026)
Ein verführerischer Abend
Schon beim Betreten des Aufführungsortes beginnt die Verführung. Roter Teppich, man fühlt sich wie ein Ehrengast. Im Zentrum der Bühne ein festlich gedeckter Tisch mit elegant gekleideten und auserwählten Gästen. Dreizehn Personen sitzen an der Tafel, ein Platz bleibt leer. Großformatige Projektionen rahmen die Szenerie mit Bildern von Überfluss und Reichtum. Fantasievolle Kostüme und stilisierte Servicekräfte mit goldenen Köpfen verstärken den Eindruck einer vollkommen künstlich erschaffenen Traumwelt. Doch der schöne Schein trügt. Auf den Tellern liegt lediglich ein formloses Stück Götterspeise, das durch digitale Projektionen zu Kaviar und Hummer wird. Nicht das eigentliche Essen zählt, sondern seine perfekte Inszenierung. Die virtuelle Illusion ersetzt die Wirklichkeit. Und genau darin liegt die zentrale Aussage des Abends. Ein ständig präsentes Streichquartett begleitet das Geschehen, wie ein feiner Riss in der Oberfläche. Es erinnert an das Orchester der Titanic, das selbst im Untergang weiterspielte. So entsteht von Beginn an, eine Atmosphäre zwischen Eleganz, Verführung und unterschwelliger Bedrohung. Das Publikum spürt den Glanz dieser Welt und spürt doch, dass sich dahinter Leere und Selbsttäuschung verbergen.
Hinter YUM! steht die junge Komponistin und Medienkünstlerin Wen Liu, die das Werk gemeinsam mit Studio M.A.R.S. über drei Jahre hinweg entwickelte. Bereits ihr Konzeptpapier, das nur aus zwei Seiten bestand, überzeugte die Jury des FEDORA Digital Prize 2024 so sehr, dass sie zu einer von drei Nominierten gehörte. 2025 wurde YUM! dann schließlich mit dem renommierten FEDORA Digital Prize ausgezeichnet. Wen Liu schrieb nicht nur die Komposition, sondern auch das Libretto in englischer Sprache. Mit der Uraufführung bei den Bregenzer Festspielen zeigt YUM! uns eindrucksvoll, wie sich Oper, Extended Reality und hochaktuelle gesellschaftliche Themen zu einer Form des immersiven Musiktheaters verbinden lassen. Jede der singenden Figuren, hat ihre eigene musikalische Identität.

Im Mittelpunkt dieser schillernden Kunstwelt steht die von der Sopranistin Johanna Rusanen gesungene Madame D. Sie ist weitaus mehr als eine Gastgeberin. Sie verkörpert Sehnsucht, Verführung und den Traum von grenzenlosem Luxus. Ihr Name spielt bewusst mit Deutungen des Buchstabens „D“. Zunächst wecken Dream und Desire Assoziationen mit Glanz, Erfolg und Wunscherfüllung. Doch wenig später kommen dazu auch Begriffe wie Delusion, Dictator oder gar Disaster, wenn die Fassade, der Rausch, zu bröckeln beginnt. Ihre Stimme ist kontrolliert verführerisch und gefährlich gebieterisch zugleich. Um Madame D versammeln sich die Auserwählten wie die Motten ums Licht. Ihre Ausstrahlung, ihre Präsentation verweisen auf das System Überfluss und Reichtum.
Madame D‘s Butler, gespielt von Nurettin Kalfa, ist ihre rechte Hand. Er agiert für Sie im Hintergrund. Ihm obliegt die Organisation des Tisches. Am Ende schaltet er die Musik aus und zeigt ein anderes Gesicht. Er ist eine geheimnisvolle Person und die Klammer in diesem Stück. Anfang und Ende.
Mit am Tisch sitzt der narzisstische Influencer Luka, gesungen von dem jungen Tenor Adrian Autard, der konsequent in Hashtags spricht: „Luba Luka“. Und damit wird die digitale Sprache selbst zum kompositorischen Prinzip. Seine Gesangauftritte funktionieren wie ein digitaler Ohrwurm. Mini-Jingles, Pop-Klangräume und eine Musik, die schnell, rhythmisch präzise und unmittelbar auf Wirkung angelegt ist. Auch äußerlich ist Luka ganz auf Wirkung programmiert. Kostüme und Bühnenbild: Lisa Horvarth. Sehr passend, hervorragend zusammengestellt. In seinem lilafarbenen Glitzergewand und seiner üppigen lila Perücke, plus Goldkette, demonstriert er den Glamour und die perfekte Selbstinszenierung. Er möchte gesehen werden und vor allem Wirkung erzielen. Ständig kontrolliert er seine Likes und misst seinen Wert an der digitalen Resonanz. Während draußen vor dem Restaurant die Realität tobt und es kaum noch etwas zu essen gibt, bleibt drinnen immerhin der goldene Löffel, ein absurdes Luxussymbol, das zur Welt der auserwählten Gäste passt.

Nyra, die von der Sopranistin Emmi Kauppinen gesungene Popsängerin, lebt auch von der Selbstinszenierung. Mit großen Gesten, schrillem Glamour und demonstrativem Pathos möchte sie als gefeierter Star erscheinen. Ihr Gesang wirkt überzeichnet. Immer auf der Suche nach den richtigen Tonhöhen, versucht sie, Unsicherheiten mit Pose und Wirkung zu übertünchen. In der VR‑Szene beginnt sie, sich mit Madame D zu identifizieren. Die Klangwelt von Madame D und ihre Ausstrahlung ziehen sie in den Bann. Bewunderung wird zur Nachahmung, Nachahmung schließlich zur Auflösung. Der Versuch, sich mit Madame D auf eine Stufe zu stellen, muss scheitern.
Dann sitzt am Tisch noch der charmante Machtmensch Mr. Kuckl, gesungen von dem Bariton Henry Neill. Eine sehr ambivalente und spannende Figur. Als Politiker liebt er es, im Mittelpunkt zu stehen. Seine Motive kreisen um Besitz, Namen und gesellschaftlichen Einfluss. Er genießt seine gesellschaftliche Stellung. Seine selbstzufriedene Autorität gehört ebenso zu seiner Erscheinung wie das Glas zu viel. Wenn er singt, trägt auch seine Musik, diese Haltung. Sie wirkt einflussreich, selbstbewusst und gelegentlich beinahe aufgeblasen, ganz wie die Figur selbst.
Doch dann richtet sich sein Blick auf den leeren Platz von Mr. M. Dieser wird zum Thema und plötzlich verändert sich die Atmosphäre. Musik und Gesang werden leiser, verschwörerischer, gefährlicher. Mr. M ist die unsichtbare Macht. Wir erfahren nicht, wer er wirklich ist. Er besitzt offenbar enormen Einfluss, doch er hat kein Gesicht. Gerade diese Unsichtbarkeit macht ihn so mächtig und zugleich so manipulativ. Ist Mr. M eine reale Person? Ein Symbol, eine anonyme Macht, die Informationen, Meinungen und Wahrheiten kontrolliert? Auch die Frage, ob er mit den Fake News zu tun hat, bleibt offen. Fest steht nur, Mr. M bringt die Realität in das Restaurant. In eine Gesellschaft, die sich bis dahin in einer künstlichen Welt aus Glamour, Medieninszenierung, Konsum und Fake Food eingerichtet hat, dringt plötzlich etwas ein, das sich nicht mehr kontrollieren lässt. Selbst Madame D wird nicht verschont und sieht sich einem Shitstorm ausgeliefert. Alles kippt. Die scheinbar abgeschirmte künstliche Welt des Dinners zerbricht. Die Realität lässt sich nicht länger aussperren. Schreckliche Kommentare überfluten die Bildschirme. Damit weist uns YUM! auf die Gefahr von KI und Fake News hin. Das Gefährliche ist nicht allein, dass falsche Nachrichten verbreitet werden, vielmehr sind sie inzwischen so perfekt inszeniert und so überzeugend, dass es immer schwerer wird, sie von der echten Wahrheit zu unterscheiden. Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht mehr nur „Geht die Wahrheit verloren?“ Sondern: „Verlieren wir unser Gefühl dafür, was wahr ist.“

Die drei Violinen und das Violoncello des Streichquartetts Studio Dan sind während des gesamten Abends auf der Bühne präsent. Die Komposition bewegt sich spannungsvoll zwischen D-Dur und D‑Moll. Diese harmonische Grundspannung wird zum musikalischen Spiegel von YUM!. Luxus und Instabilität, Ordnung und Auflösung liegen ständig nebeneinander. Immer wieder prallen eine scheinbar vertraute, harmonische Welt und digitale Entfremdung aufeinander. Bewusst ist ihre Klangwelt überladen, künstlich und bisweilen verstörend. Zum Schluss musizieren sie das Chaos und den Zusammenbruch.