Bregenz, Bregenzer Festspiele, LA TRAVIATA – Giuseppe Verdi, IOCO
Ein gewaltiger Spiegel, rauschende Feste und stille Momente am Bodensee: Verdis „La Traviata“ wird bei den Bregenzer Festspielen zum spektakulären Opernerlebnis. Stacey Alleaume berührt als Violetta zwischen Lebenslust, großer Liebe und tragischem Ende.
von Daniele Zimmermann
Ein gewaltiger Spiegel beherrscht in Bregenz die Seebühne für die Oper „La Traviata“. Er ist weit mehr als eine spektakuläre Kulisse, er wird zum Spiegel von Violettas Seele, ihrer Liebe, ihrer Hoffnung, ihrer Verzweiflung und ihres langsamen Sterbens. Bereits zu Beginn liegt ein Schatten auf seiner glänzenden Oberfläche, eine Vorahnung der Krankheit, die Violettas Leben bestimmen wird. Mit fortschreitender Aufführung, bekommt dieser Spiegel mehr und mehr Risse, als würde er mit ihr brechen. Und schließlich tritt aus ihm eine riesige Kugel hervor, ein bedrückendes Symbol für die unaufhaltsame Macht der Krankheit. Im letzten Akt hält der Spiegel wie ein Tagebuch ihre Erinnerungen fest. Bilder ihres Lebens ziehen im Zeitraffer vorbei, als würde sie im Angesicht des Todes noch einmal ihr ganzes Dasein durchleben. Diese eindringlichen Bilder werden von Verdis Musik getragen, die das emotionale Spektrum von strahlender Lebenslust bis zur tiefsten Melancholie auslotet. Und so verschmelzen Bühne, Sänger und das Orchester, die Wiener Philharmoniker, zu einem Gesamtkunstwerk, das in Bregenz, Abend für Abend rund 6900 Zuschauer in seinen Bann zieht. Hier wird Oper nicht nur aufgeführt, sondern als Erlebnis erfahrbar gemacht. Und gerade diese Verschmelzung aus Musik, Raum und Inszenierung macht diese Produktion zu einem besonderen Erlebnis (Bühne: Paolo Fantin, Video: Roland Horvarth).

Violettas Vorbild hat tatsächlich gelebt. Als Marie Duplessis wurde sie 1824 geboren und starb 1847 mit nur 23 Jahren an Tuberkulose. Sie kam aus einfachsten Verhältnissen und wurde zu einer gefeierten Kurtisane in der Pariser Gesellschaft. Ihre Schönheit, ihre Eleganz, und ihr Esprit führten sie zur Aristokratie und in die sogenannte Upper Class. Der junge Alexandre Dumas hatte wohl auch ein kurzes Verhältnis mit ihr und verarbeitete ihr Leben und seine Emotionen zunächst im Roman „La Dame aux Camélias“ („Die Kameliendame“) von 1848. Sein Roman war ein großer Erfolg und ein Meilenstein zu seinem Ruhm. Daraus machte er später ein Bühnenstück, das 1852 uraufgeführt wurde. Verdi sah das Stück und entschied sich, daraus eine Oper zu machen. Das Libretto schrieb Francesco Maria Piave. La Traviata wurde im März 1853 am Teatro La Fenice in Venedig uraufgeführt. Im Mittelpunkt steht Violetta, die schöne und umschwärmte Kurtisane, die mitten in der Gesellschaft hofiert wird, und doch zutiefst allein ist. Erst Alfredo schenkt ihr eine Liebe, in der beide ganz auf Augenhöhe sind. Sie zieht mit ihm aufs Land und erlebt einige Monate lang das große Glück. Doch das Glück hält nicht an, Alfredos Vater Giorgio Germont zerstört es. Er bittet Violetta, auf Alfredo zu verzichten, um die Zukunft seiner Familie nicht zu gefährden. Das entsprach seinen gesellschaftlichen Normen. Violetta versteht seine und ihre Situation und ringt sich zu einem großen Opfer durch. Sie gibt aus Liebe, ihre große Liebe zu Alfredo auf. Sie weiß auch, dass ihr nur noch wenig Lebenszeit bleibt. Zurück in Paris wird sie von Alfredo aus Eifersucht öffentlich gedemütigt. Doch auch diese Demütigung erträgt sie mit Würde. Violettas Krankheit schreitet voran. Mittellos lebt sie schwer krank mit ihrer Annina (Melissa Zgouridi) voller Sehnsucht nach Alfredo dahin. Erst als Violettas Tod unmittelbar bevorsteht, treffen Germont und Alfredo bei ihr ein. Beide kommen noch rechtzeitig. Germont bereut seinen Fehler und nimmt sie als Tochter in die Arme. Violetta und Alfredo finden ein letztes Mal zueinander, bevor die Krankheit sie endgültig besiegt.

Die Regie von Damiano Michieletto und die Kostüme von Carla Teti versetzen die Geschichte in die glanzvollen 1920er Jahre. In jene Zeit der Pariser „Follies“, des Luxus, der rauschenden Feste und einer Gesellschaft, in der fast alles erlaubt war. Für die Aufführung „La Traviata“ ist das ein reizvoller Gedanke, gefeiert wird ausgiebig und die Bühne wird zum großen gesellschaftlichen Fest.
Die Kostüme sind elegant und ausgesprochen schön. Dazu kommen auffallend viele extravagante Badekostüme, denn auf der Seebühne gehört das Wasser offenbar zum Fest dazu. Manchmal wird allerdings so ausgiebig geplanscht, dass die Szenerie beinahe an eine größere Badeanstalt erinnert. Auch die Sänger bewegen sich immer wieder singend durch das Wasser – Violetta sogar in ihrer prachtvollen Robe. Man fragt sich unwillkürlich, wie viele Hosen der Herren, die mit ihren Anzügen durch das Wasser schreiten, anschließend getrocknet werden müssen. Überhaupt herrscht auf der Bühne oft ein geradezu überwältigendes Gewimmel. Neben den Solisten wirken der Philharmonische Chor Prag und der Bregenzer Festspielchor mit. Dazu kommen die Statisten und die Tänzer. Eine enorme Zahl von Menschen bewegt sich gleichzeitig auf dieser großen Bühne und immer wieder durchs Wasser, als zauberhafte Badenixen. Diese opulente Betriebsamkeit gehört zum Bild der ausgelassenen Pariser Gesellschaft und macht die Feste zu einem spektakulären Bühnenerlebnis.
Neben all dem Glanz und dem Trubel gibt es auch die ruhigen und intimen Momente. Gerade hier entfaltet die Seebühne ihre besondere Wirkung: Das Wasser, der Abendhimmel und die offene Weite bilden einen wunderschönen Hintergrund. In diesen stillen Augenblicken entsteht eine ganz eigene Romantik, die Violetas und Alfredos Beziehung wunderschön zur Geltung bringt.

Unter der musikalischen Leitung von Kiril Karabits spielten die Wiener Symphoniker Verdis Musik mit Leidenschaft, Lyrik und tiefer Emotionalität. Ihre Klangfülle ist mitreißend und berührend.
Stacey Alleaume als Violetta, gestaltet diese mit großer stimmlicher Virtuosität und beeindruckender Ausdruckskraft. Ihre Stimme besitzt sowohl die nötige Leichtigkeit und Beweglichkeit für die virtuosen Passagen als auch die Wärme und Tiefe für die großen, emotionalen Momente. Ihre Violetta ist keine Diva, sondern eine Frau, deren Lebenslust und Sehnsucht nach Liebe und Geborgenheit am Ende tragisch zerbrechen. Long Long als Alfredo überzeugt mit einem schönen lyrischen Tenor. Er singt mit großer Klarheit und Wärme und findet für Alfredos leidenschaftliche Liebe ebenso überzeugende Töne wie für seine Verzweiflung. Auch im Zusammenspiel mit Stacy Alleaume entsteht eine glaubwürdige musikalische und darstellerische Verbindung. Audun Iverson gibt dem Giorgio Germont mit seinem kräftigen und charaktervollen Bariton die notwendige Autorität. Gleichzeitig lässt er hinter der Strenge des Vaters immer wieder den Menschen erkennen, der erkennt, welches Opfer er Violetta abverlangt. Gerade diese Mischung aus Härte und späterer Menschlichkeit macht seine Interpretation so eindrucksvoll. Zusammen mit der beeindruckenden Inszenierung Damiano Michielettos, den luxuriösen Bildern sowie den stillen, intimen Momenten, entstand ein Opernerlebnis, das lange nachwirkt. Die Bregenzer Festspiele zeigen mit „La Traviata“, wie sich spektakuläres Musiktheater und menschliche Emotionen wirkungsvoll verbinden lassen.