Neubrandenburg, Konzertkirche, Festspiele MV, Ensemble Double Sens -Nemanja Radulovíć, IOCO

Neubrandenburg, Konzertkirche, Festspiele MV, Ensemble Double Sens -Nemanja Radulovíć, IOCO
Konzertkirche Neubrandenburg, Ensemble ©Geert Maciejewski

21.08.2026

Vivaldi und Bach – ungewöhnlich spannend und begeistert gefeiert

Er ist eine Ausnahmeerscheinung, und das in zweifacher Hinsicht. Einerseits als optisch auffallende, japanisch intendierte „Erscheinung“, mit gewaltigem schwarzen Haarschopf sowie komplett und weit ausfallend ebenfalls schwarz gekleidet, andererseits und mit der Betonung auf „Ausnahme“ als Staunen erregender Beherrscher seines Instruments, der Violine. Sein Name: Nemanja Radulovíć.

Geboren 1985 in Serbien (Niš), studierte er in Belgrad und – nach der Flucht infolge des Balkankrieges (1991) – in Deutschland, Italien und Frankreich. Inzwischen ist der 2015 als „Newcomer des Jahres“ mit einem Echo-Klassik-Preis ausgezeichnete Geiger ein Weltstar. Schön, dass es den Festspielen MV gelang, diesen Künstler und sein Ensemble (erneut) für ein Konzert ihrer Festspielreihe zu verpflichten.

Ensemble Double Sens, Nemanja Radulovíć © Geert Maciejewski

Am 23. August konzertierte Radulovĭć mit seinem serbisch-französischen Kammerorchester „Double Sens“, das er selbst gern als „Freundeskreis“ bezeichnet,  in der Konzertkirche Neubrandenburg. Und das vor voller Hütte und außer Rand und Band geratenem Publikum! Man wusste offensichtlich das Gehörte zu schätzen, auch wenn der denkbar hohe Bekanntheitsgrad des Gebotenen zwischen „ach bitte, nicht schon wieder“ und „danke, kann man nicht oft genug hören“ mindestens zwei so spontane wie gegensätzliche Äußerungen ermöglichte.

Mit einem „kenne ich, schon zu oft gehört...“ könnte man aber auch falsch liegen. Denn Radulovíċ und sein fantastisch mitmusizierendes Ensemble gehören ganz offensichtlich zu jenen Interpreten, für die Notentexte auch dann noch Neues hergeben, wenn wegen anhaltender Dauerreizüberflutung und Präsenz schon keiner mehr damit rechnet.

Ensemble Double Sens, Nemanja Radulovíć © Geert Maciejewski

In Neubrandenburg haben er und sein Kammerorchester gerade das an Vivaldis Le quattro stagioni op. 8 Nr. 1 – 4 (Vier Jahreszeiten) demonstriert. Und zwar so nachdrücklich, eindrucksvoll und überzeugend, dass es schon gar nicht mehr verwunderte. Notengetreu das Ganze, natürlich. Aber die Machart!! Ganz schnell stellte sich heraus, dass mit den in veränderter Abfolge (Nummer 1, 4, 3, 2) musizierten vier Violinkonzerten Belege für eine allerdings nur im ersten Moment leicht verstörend wirkende subjektive Gestaltung vorlagen. Rezensent gesteht, auch hier für seinen eigenen Erfahrungsschatz bis dato Unausgeschöpftes hat gewinnen können und Neues gehört, besser: erlebt, gar durchlebt hatte.

Auffälligstes Merkmal des präsentierten Musizierstils: Zurückhaltung! Nur selten bevorzugte man eine forsch dahinstürmende Motorik, und auch die entbehrte jeder klanglichen Gleichförmigkeit. Dafür dominierte eine spontan ungemeine Neugier entfachende, weil die Gesamtabläufe außerordentlich belebende Gestaltungsvielfalt bezüglich jedes einzelnen Tones das Geschehen. Wollte heißen: stärkste dynamische Kontraste zwischen rasantem, kraftvollem Vollklang und Tönen an der Grenze zur Unhörbarkeit, dazwischen eine ungeahnt diffizil gehandhabte Fülle dynamischer Abstufungen, wie man sie bei Vivaldi wahrlich selten hört.

Und das jenseits jeder inszenierten Maniriertheit, als unabdingbar scheinender Bestandteil stringenten - und auch das nicht gerade üblich – hochexpressiven Ausdruckswillens. Dazu passten, weil als unaufdringlich empfunden – metrisch-rhythmische Freiheiten in Form von Dehnungen, Pausen und Ritardandi, wie auch Besetzungsvarianten etwa als Soli in einigen Ritornellen.

Nemanja Radulovíć © Geert Maciejewski

Vom regen Gebrauch heftiger Klangkontraste und einem prägnanter Artikulation sehr dienlichen Einsatz unterschiedlicher Stricharten ganz zu schweigen. Wie denn der gesamte Musiziergestus des Ensembles eine starke rhetorische Komponente besitzt, einen hierarchischen Abstand zwischen Solist und Orchester nicht kennt und mit dem buchstäblich atemlos lauschenden Publikum – wenn  man es so ausdrücken will – in ungewohnt farbiger, chargierend zwischen pastellhafter Fläche und kraftvoll robuster, ja knalliger und satter Buntheit, außerordentlich bildhaft „redet“.

Unmöglich, sich von einem solchen zudem federnd elastischen Spiel und wieder ungewohnter, ja provozierender Prägnanz nicht angesprochen zu fühlen. Und das betraf nicht nur den Zyklus Vivaldis, sondern auch Bachs Konzerte für Violine, Streicher und Basso continuo a-Moll BWV 1041 und d-Moll BWV 1052R sowie das dazwischengeschaltete Siciliano aus der Sonate in Es-Dur für Violine und Cembalo BWV 1031. Auch hier nobelste Tongebung und artikulativer Feinschliff, eine stetig pulsierende, nicht selten nahezu dramatisch aufgewertete Bewegtheit sowie der dann doch verblüffende Eindruck, dass es buchstäblich keinen Ton ohne eigenen Ereignischarakter zu geben scheint. Auch bei Bach eröffneten sich da selten so dezidiert, ja vielleicht überhaupt erstmals wahrgenommene Klang- und Ausdrucksperspektiven.

Bach und Vivaldi – beide nichts weniger denn „alt“, beide so lebendig, so inspiriert und so mitreißend wie nur vorstellbar. Kein Wunder, dass sich konzentrierte Stille dann geradezu explosiv entlud. Standing ovations und drei spritzig-fesche, teils gar gesungene und getanzte Zugaben der dann sehr anderen Art. So hätte es lange weitergehen können!