Paris, Opéra National, Salle Bastille, Ercole amante - Antonia Bembo, IOCO
02.06.2026
EINE EINZIGARTIGE MUSIKALISCHE SPRACHE…
Deh, non muovere Iole, il piè restio
Ver chi dominator del monde intero
Solo in goder dell’alma tua l’impero
Poni la felicità del suo desio.
Ed il sacro concento
Scioltasi o mal, ch’a me di tali indugi
Grado è d’immensa pena ogni momento.
(Rezitativ des Ercole / 5. Akt / 2. Szene)
Der italienische Weg einer lyrischen Tragödie…
Acht Jahre nach dem Erfolg von Les Indes Galantes (1735) von Jean-Philippe Rameau (1683-1764) kehrt der argentinische Dirigent Leonardo Garcia-Alarcón (*1976) und seinem Orchester Cappella Mediterrane mit einem Juwel an die Opéra National de Paris zurück: Einer Partitur der italienischen Komponistin Antonia Padoani Bembo (1640-1720), deren bewegtes Leben sich wie ein Roman liest.
Auf der Flucht vor ihrem gewalttätigen Ehemann suchte die Venezianerin Zuflucht am Hof von Louis XIV. (1638-1715), wo sie den Schutz des Königs genoss. In Frankreich entwickelte sie ihren eigenen Stil, der italienische und französische Kultur vereinte, und komponierte 1707 ihre Oper Ercole amante nach dem Libretto ihres Lehrers Francesco Cavalli (1602-1676).
Noch nie zuvor in Europa aufgeführt, feiert dieser Ercole amante mit seiner harmonischen Originalität und großen vokalen Virtuosität seine Premiere im Repertoire der Opéra National de Paris.
Die britische Netia Jones (*1987) nimmt sich dieses barocken Werkes, das von Göttern und übernatürlichen Elementen nur so wimmelt, vor Augen, um seine Modernität besser zu enthüllen: Die eines mächtigen, aber alternden Mannes, der die Ablehnung einer Frau nicht akzeptieren kann!
Auf den Spuren von Antonia Bembo…
Während vier Musikmanuskripte von Bembo, gebunden in rotem Maroquin-Leder mit dem Wappen von Louis XIV. seit langem in Paris aufbewahrt wurden, fehlte die Oper Ercole amante der Komponistin seit zwei Jahrhunderten. Erst 1937 erwarb die Bibliothèque National de France sie bei einer Auktion! Das Manuskript wies eine Besonderheit auf: Seine beiden Bände waren in braunes Leder gebunden und mit dem Wappen der Familie Pavée de Vendeuvre geprägt, was zweifellos erklärt, warum das Werk in den königlichen Inventaren nicht aufgeführt war. Dieses Wiederauftauchen veranlasste die Musikwissenschaftlerin Yvonne Rokseth (1890-1943), im selben Jahr einen Artikel mit dem Titel Antonia Bembo, compositrice de Louis XIV., zu veröffentlichen, der zu den „Rätseln der Musikgeschichte“ zählt.
Im Jahr 1992 bestätigten Dokumente, die in den Archivio di Stato di Venezia gefunden wurden, ihre Identität: Bembo, die einzige Tochter von Giocomo Padoani (1603-1666) und seiner Frau Diana Paresco (1609-1676), zwei venezianischen Bürgern. Ihr Vater, ein Arzt bescheidener Herkunft, der in Venedig praktizierte, er hegte große Ambitionen für seine Tochter und gab ihr eine sehr solide Ausbildung in Grammatik und Musik – insbesondere bei dem Meister Cavalli -, in der Hoffnung, sie würde eine Karriere als Dichterin oder Sängerin einschlagen. Doktor Padoani nutzte das Talent seiner Tochter schon früh, um politische Gunst zu erlangen, bevor er sie nach einem Rechtsstreit mit ihrem Ehemann aus dem elterlichen Haus vertrieb. Im Jahr 1659 war Bembo durch die Heirat mit dem Adligen Lorenzo Bembo (1632-1703) tatsächlich in den Adelsstand aufgestiegen; mit ihm hatte sie drei Kinder. Ihre Ehe war aber sehr unglücklich und endete mit einem Scheidungsantrag von Bembo wegen Untreue, Vernachlässigung sowie körperlicher und verbaler Gewalt. Nach diesem erfolglosen Versuch, sich der ehelichen Vormundschaft zu entziehen, verließ sie 1677 in einer gewagten Geste – für jeden und erst recht für eine Mutter von drei Kindern – Venedig und flüchtete nach Paris.
Als Sängerin für Louis XVI. tätig, gewährte ihr dieser eine königliche Rente und eine Unterkunft in einem Haus für unverheiratete Frauen, das an die Gemeinde der Petite Union Chrétienne in der Nähe von Notre-Dame-de-Bonne-Nouvelle in Paris grenzte. Dort lebte sie bis zu ihrem Tode und widmete ihr Leben der Komposition von Werken, die dem König gewidmet waren. Ihr erster Sammelband, Produzioni armoniche (1701) zeichnet sich durch große stilistische Vielfalt aus und umfasst eineunvierzig Vokalstücke in Italienisch, Latein und Französisch. Anschließend vertonte sie drei lateinische Motetten (1702) – zwei Te Deum (1704) und eine Exaudiat te Dominus (1706) - , einen vollständigen Zyklus von Bußpsalmen auf Französisch sowie auf Italienisch ein Divertimento, die Oper Ercole Amante und zwei weitere dramatische Werke, die heute verloren sind.
Bemerkenswerterweise gibt es keinerlei Belege dafür, dass Bembos Musik jemals aufgeführt oder gehört wurde, und bis heute belegt kein Dokument, dass sie mit ihren Kolleginnen Barbara Strozzi (1619-1677) in Venedig Élisabeth Jacquet de La Guerre in ( 1665-1729) Paris in Verbindung stand. Ihre Musik weist jedoch gewisse Ähnlichkeiten mit der ihrer Komponistin-Kolleginnen auf. Als Schülerin von Cavalli wie Strozzi weisen Bembos Melodien gewisse Ähnlichkeiten mit denen ihrer Vorgängerinnen auf. Was Jacquet de La Guerre betrifft, so haben ihre Oper Céphale et Procis (1694) und ihre Kantaten Bembo höchstwahrscheinlich dazu ermutigt , diesen Weg einzuschlagen.
Der musik-poetische Ansatz…
Bembo zeichnet sich in der Vokalmusik aus, insbesondere in ihrem eigenen Stimmfach, dem Sopran. Gestützt auf ihre lyrischen Begabungen vertonte sie bereits vorhandene Texte – wie die drei lateinischen Motetten, die sieben Psalmen auf Französisch und die Partitur von Ercole Amante -, aber auch Gedichte ihrer Zeitgenossen. Auch wenn ein Großteil der Produzione armoniche auf Vertonungen anonymer italienscher Gedicht beruht, gab die Komponistin dennoch einen Hinweis auf deren Urheberschaft, indem sie angab, dass drei davon von „Aurelia Fedeli“ stammten, einem Pseudonym von Brigida Bianchini (1613-1703), einer italienischen Schauspielerin und Dichterin in Paris. Es ist wahrscheinlich, dass diese Überreste des Korpus, ebenso wie die Texte des Divertimento, entweder aus der Feder von Marc’ Antonio Romagnesi (1643-1736), dem Sohn der Letzteren, oder sogar aus der Hand von Bembo selbst stammen.
Für ihre Sept Psaumes de David (1699) wählte Bembo des Werk einer anderen talentierten Frau, Élisabeth-Sophie Chéron (1648-1711) – Malerin, Dichterin und Musikerin, deren Texte sie für ihre eigenen Buspsalmen vertonte. Die Sensibilität der Komponistin für diese biblischen Texte veranlasste sie, für zwei Stimmen - Diskant und Generalbasse - in einem entschieden französischen Stil zu schreiben. Sie ging sogar so weit, sich im Noten-Manuskript, in dem sie Louis XVI. ehrt, indem sie ihn mit König David vergleicht, als „Antoinette Bembo“ zu bezeichnen, ein französischer Patronym.
Als überzeugte Feministin begnügte sich Bembo nicht damit, die Dichtung ihrer Zeitgenossinnen zu verteidigen: Sie spezialisierte sich auch auf die Darstellung weiblicher Figuren. So verwandelte sie in der geistlichen Kantate Lamento della Vergine (1695) die üblicherweise fügsame Jungfrau Maria in eine Person, die sich gegen die Ungerechtigkeit der Kreuzung ihres Sohnes auflehnt, unterstützt von einem moto perpetuo im Generalbass.
Der Madrigalismus – also die musikalische Verkörperung der Bedeutung eines Wortes oder Satzes – stellt im Übrigen ein zentrales Verfahren in ihrem gesamt Werk dar: Ihre sprachliche Vorstellungskraft sorgt dafür, dass der Text durch die musikalische Gestaltung stets hervorgehoben wird. So entwickelte sie in der Kantate Clizia amante del sole (1699) eine Arioso-Passage, die die Beziehung zwischen der Sonnenblume – metaphorisch sie selbst – und der Sonne – dem Sonnenkönig – beschreibt: „loin de toi, je languis“ - - geschmeidige Achtel in e-Moll – „près de toi, je reprends vie“ – lebhaftere punktierte Rhythmen in H-Dur.
Zu denjenigen, die Bembo beeinflussten, zählen Cavalli, Jacquet de La Guerre, aber auch Jean-Baptiste Lully (1632-1687), Michel-Richard de Lalande (1657-1726) und Marc-Antoine Charpentier (1643-1704). Mit einem bemerkenswerten Gespür für die Sprache liebte sie es, Worte mit Musik zu verbinden. In den Produzione armoniche bleiben der italienische, der lateinische und der französische Stil im Wesentlichen voneinander getrennt, doch später vermischt ihr Schreibstil diese Stile und nimmt damit die Ästhetik des „Goûts réunis“ vorweg. Nirgendwo wird diese Synthese deutlicher als in ihrem Hauptwerk: Ercole amante.
Die stilistische Zusammenfassung von Ercole amante…
Bembo komponierte ihre Oper Ercole amante nach einem Libretto von Francesco Buti (1604-1682), das bereits 1662 von Cavalli unter dem demselben Titel anlässlich der Hochzeit von Louis XVI. mit der spanischen Infantin Marguerite-Thérèse von Österreich (1651-1673) vertont worden war. Auf der Titelseite weist Bembo darauf hin, dass ihre Tragödie neu vertont worden sei. Das Libretto von Buti wurde dort unverändert übernommen, abgesehen von der Streichung des Prologs und der Ersetzung von sechs Versen, die für Ercole und Belezza im 5. Akt, 5. Szene geschrieben wurden, durch einen neuen poetischen Text.
Ein großes Orchester im französischen Stil leitet die „Ouvertüre“ ein, die reich an Füllpassagen im Stil von Lully ist. Ihre zweisätzige Form zeugt von Bembos einzigartiger Herangehensweise an das Modell der französischen Ouvertüre. Ercule tritt als ungeschickter Buffon-Charakter auf und ist das Ziel des Spottes von allen jungen Leuten: „Come si beffa Amor, del poter mio!“ -1. Akt, 1. Szene. Im Gegensatz zu Ercoles virtuoser Arie im italienischen Stil wird Venere von einem Chor der Tre Grazie mit hohen Stimmen begleitet, in einer fließenden, französisch inspirierten Komposition, unterbrochen von Einsätzen einer sechsstimmigen instrumentalen Ritornelle. In der Szene, die den 1. Akt abschließt, versucht Giunone die Pläne von Veneres zu durchkreuzen, zunächst in einem donnernden Rezitativ: „E vuol dunque, Ciprigna“, dessen melismatische Passagen die Winde und Stürme in der Arie „Ma, in Amor, cio ch’altri fura“ des abschließenden Instrumental-Entrée anzufachen scheinen.
In einer Arie des 2. Akt: „E che cos’e quest’ Amor”, bringt der Paggio seine Verwirrung zum Ausdruck und kündigt damit deutlich die berühmte Arie: „Non so più“ des Cherubino aus Le nozze di Figaro, KV. 492 (1703) von Wolfgang Amadeus Mozart (1756-1791), 2. Akt, 3. Szene, an. In ihrer Arie in g-Moll: „Ahi, ch’amarezza“ verdichtet Deianira den Schmerz der Untreue zu einer bitteren und verzweifelten Klage. Giunone steigt vom Himmel hinab in die Grotte des Schlafes von Pasitea, wo sie ihre Arie große singt: „Mormorate, o fiumicelli“, die eine der markantesten Erfindungen von Bembo darstellt: Eine Schlafszene, vergleichbar mit der berühmten aus Atys (1676) von Lully. Ein fünfstimmiger Chor mit Zéphyrs und Ruisseaux schließt sich zu Pasithée in der Arie „Dormi, dormi“ – 3. Akt, 9. Szene - an.
Dank des Elixiers von Pasitea versetzt Giunone den Ercole in einen tiefen Schlaf, um Iole aus dessen Macht zu befreien. Der Dialog zwischen Iole und Giunone weist mehrere bemerkenswerte Madrigalismen in den melismatischen Passagen auf, wie die schnellen absteigenden Sechzehntelnoten von Giunone auf „fuggendo“ und die aufsteigenden auf „vol“ – 3. Akt, 5. Szene. Als Ercole erwacht, verbannt er Deianira und ihren Sohn Hillo, die ihr trauriges Schicksal in einem Duett mit der Bezeichnung „adagio e affettuoso“ besingen. Ihre Ausrufe „Figlio, tu, prigioniero!“ und „Madre, tu, discacciata!“ leiten einen erhabenen Ausdruck kindlicher Liebe ein.
Im 4. Akt begnügt sich Iole nicht damit, die aufdringlichen Annäherungsversuche von Ercole zu verurteilen. Sie ruft auch zur Rache für den Mord an ihrem Vater Eutiro, dem König von Eochalie, auf. Im 5. Akt unterstützt ein Chor höllischer Seelen den rachsüchtigen Schatten von Eutiro. Ihre Formel „su, vendetta“ führt zu madrigalistischen Effekten und melismatischen Passagen – 5. Akt, 1. Szene. Deianira greift auf eine magische Tunika zurück, um Ercoles Pläne Iole zu heiraten, zunichte zu machen: Sie verbrennt ihm die Haut und bringt ihn damit um „Ma, qual pungente arsura“ – 5. Akt, 2. Szene. Durch die ausdrucksstarken Angaben „con ira“ und „con sdegno“ – 5. Akt, 2. Szene – unterstreicht Bembo das Leiden des Helden. Einzigartig in ihrem Werk ist die Sinfonia in vier Sätzen – 5. Akt, 3. Szene, geschrieben für zwei Oberstimmen und Generalbass, die sich insbesondere durch die Angabe „flauti con affetto“ anstelle der Violinen auszeichneten Oper endet mit dem gesamten Ensemble, das sich zu einem großen Chor der Planeten versammelt, der allmählich in einer orchestralen Figur für die sieben Planeten ausklingt.
In einer Ästhetik, die später „goûts réunis“ bezeichnet werden sollte, bringt Bembos Beherrschung des italienischen und französischen Stils somit eine Oper hervor, die von diesen beiden Traditionen geprägt ist. Die Hauptfiguren Ercole, Giunone und Deianira singen in dem vom Libretto vorgegebenen italienischen Stil, wobei Bembo zudem eigene Ausdrucksangaben hinzufügt, um die Gefühlswelt ihrer Musik zu präzisieren. Doch französische Elemente verweben sich elegant durch das gesamte Werk, von der Ouvertüre für Orchester im französischen Stil bis hin zur von Lully inspirierten Schlafszene von Pasitea. In der italienischen Sinfonia des 5. Akts verkörpert der Einsatz von Querflöten – den symbolträchtigen Instrumenten der französischen Musik jener Zeit – auf vorbildliche Weise die gelungene Verschmelzung der beiden Stile.
Die Aufführung in der Opéra National de Paris – Salle Bastille am 2. Juni 2026:
Eine Explosion der Frische…
Die Opéra National de Paris präsentiert die Oper Ercole amante, eine Inszenierung eines viel zu lange vergessenen Werks. Komponiert von der äußerst talentierten Komponistin Bembo nach einem Libretto von Buti, inszeniert von der britischen Regisseurin Jones und dirigiert von dem argentinischen Dirigenten Alarcón .
Bembo, geboren in den 1640er Jahren, genoss sie eine umfassende musikalische Ausbildung von Cavalli. Er selbst komponierte die gleichnamige Oper 1662 nach demselben Libretto von Buti! Auf der Flucht vor ihrem gewalttätigen Ehemann, mit dem sie drei Kinder hatte, verließ sie Venedig und fand Schutz bei König Louis XIV. Diese Jahre in Frankreich waren sehr fruchtbar für sie. Im Jahre 1707 komponierte sie ihre erste Oper, die bis heute weitgehend in Vergessenheit geraten ist.
Dem Werk mangelt es gewiss nicht an Inspiration, Ideen und Denkanstößen und Bembo genießt daher seltene künstlerische Freiheiten! Das Thema in Butis Libretto ist ihr natürlich vertraut und es hat auch zudem einen sehr auffallenden Bezug zu unserer Gegenwart: Ein alter Mann, der bereit ist, alles zu tun, um seine Begierden zu befriedigen. Ercole, verheiratet mit Deianira, hat einen Sohn Hillo, der in Iole, die Tochter des Königs von Eochalie, verliebt und mit ihr verlobt ist. Doch der alte Ercole begehrt die Geliebte seines Sohnes. Trotz des Zorns der Götter und mit der Unterstützung der Göttin Venere wird er seine Frau ins Exil zwingen und vor nichts zurückschrecken, um sein Ziel zu erreichen.
Nach der Wiederaufnahme von Le nozze die Figaro im Palais Garnier im selben Jahr, die das Werk aus der Perspektive der Me Too- Bewegung beleuchtete, überrascht es nicht, das der Direktor Alexander Neef wieder Jones mit der Inszenierung von Bembos Oper beauftragte. Jones präsentiert eine opulente, absurde und humorvolle Produktion inklusive Bühnenbild, Kostüme und Projektionen. Die zahlreichen Bilder zeigen verschiedene Orte in Ercoles Palast – seinen Garten, einen Raum voller göttergleichen Skulpturen von sich selbst [!!!] und sein Schlafzimmer, das sich vom Innenhof bis zum Garten erstreckt.
Ercole ist ein pensionierter Fechter, der seine Fechtkleidung nie ablegt. Umgeben ist er von athletischen Tänzern, die mal Badminton spielen, mal fechten – alle in Weiß gekleidet. Die Farben der einzelnen Figuren sind kräftig fluoreszierendes Gelbgrün für den Paggio, Rosa für Iole und Licco, Grün für Hillo, Rot für Venere und Silber für Giunone. Die Regisseurin nutzt den vertikalen Raum optimal aus und füllt die drei Bühnenwände. So entsteht der Eindruck einer Welt im Pixel-Stil! Die zahlreichen Bildschirme vermitteln das Gefühl ständiger Überwachung.
Die Sänger auf der Bühne singen mit Inbrunst! Der deutsche Bass-Bariton Andreas Wolf verkörpert einen altmodischen, dickbäuchigen Ercole – das genaue Gegenteil der zahlreichen Skulpturen, die ihn jung, muskulös und unbesiegbar darstellen. Der Sänger begeistert bei seinem Debüt an der Opéra National de Paris mit einer agilen Stimme und einem singenden Vibrato, deren Tiefe wunderschöne, profunde Töne offenbart.
Seine Gegnerin, die Göttin Giunone, wird von der strahlenden französischen Sopranistin Julie Fuchs verkörpert. Ihre volle, resonante Stimme erfüllt den großen Salle Bastille mit einem goldenen Klang. Ihre würdevolle Ausstrahlung zieht das Pariser Publikum völlig in ihren Bann.
Die portugiesische Sopranistin Ana Vieira Leite interpretiert Iole mit großer Demut. Ihr erster Auftritt an der Seite des jungen amerikanischen Tenor Alasdair Kent als Hillo wirkt zwar zurückhaltend, doch die junge Sopranistin entfaltet sich im Laufe der Inszenierung. Die Empörung über Ercoles List, die von der Göttin Giunone gepriesen wird, lässt die ganze Unschuld ihrer Stimme erstrahlen.
Deianira ist niemand Geringeres als die kanadisch-omanische Mezzo-Sopranistin Deepa Johnny, zuletzt in der Oper Satyagraha (1980) von Philippe Glass (*1937) im Palais Garnier zu hören. Die Sängerin besticht mit ihrer süßen und zarten Stimme und ihrem lebendigen Vibrato durch ihre sensible Schlichtheit. Obwohl sie eine von dem Verrat ihres Mannes verletzte Figur darstellt, bleibt sie offen und vermeidet Selbstmitleid.
Licco, gespielt von dem belgischen Charaktertenor Marcel Beekman, zieht das Publikum in seinen Bann. Als durch und durch exzentrischer Charakter sorgt er mit seinen ständigen Bemerkungen für viele Lacher im Publikum. Neben seinem an Charlie Chaplin (1889-1977) erinnernden komödiantischen Talent besitzt er eine Stimme von majestätischem Umfang, anfangs verändert er den Klang seiner Stimme durch eine leichte Nasalierung. Seine Gesangsakrobatik ist von chirurgischer Präzision und die schwebenden, lyrischen Passagen in seiner hohen Lage klingen mühelos.
In ähnlich komödiantischem Stil präsentiert sich der französiche Countertenor Théo Imart. Er stürmt auf die Bühne, obwohl die Rolle des Paggio nur kurz erscheint, nutzt er jede Gelegenheit, seine Stimme mit ihren schelmischen Nuancen erklingen zu lassen. Im Duett zwischen dem Diener Licco und dem Paggio fließen ihre Stimmen mit Leichtigkeit und Genuss, und das Ergebnis erinnert beinahe an Gioachino Rossinis (1792-1868) zukünftige Figuren – so fesselnd ist die musikalische Gestaltung.
Eine Durchsage informiert das Publikum, dass der Tenor Kent erkrankt ist, aber dennoch die Eröffnungsarie singen wird. Ein erstes beruhigendes Zeichen: Seine Stimme weist keinerlei hörbare Mängel auf! Trotz eines möglicherweise leichten Verlusts an Tragkraft überzeugt er als Hillos und verteidigt seine Rolle mit Nachdruck. Seine präzise Technik ermöglicht ihm sogar eine zarte und einfühlsame piano-passage: Das Publikum kann nicht anders, als dieser Darbietung Beifall zu spenden. Ein seltenes Ereignis!
Die französische Sopranistin Sandrine Piau ist hier sicherlich nicht in der besten Rolle besetzt; als Venere verteidigt sie kühn Ercoles gerechtes Begehren. Ihre lyrischen Höhenflüge sind voll und strahlend. Ihre sehr helle Stimme ist jedoch leider nicht so klangvoll wie die der übrigen Darsteller. Nichtsdestotrotz ist ihre Bühnenpräsenz fließend und engagiert, insbesondere in ihren Dialogen mit Giunone, ihrer Widersacherin.
Die ukrainische Sopranistin Teona Todua interpretiert eine geheimnisvolle Pasitea mit warmer Stimme und bezauberndem Vibrato. Das Helldunkel ihrer Phrasierung verleiht der schlafenden Frau eine mystische Dimension.
Der amerikanische Bass Alex Rosen interpretiert die Rollen des Nettone und den Ombra di Eutiro, des Königs von Eochalie und Vater von Iole, auf perfekte Weise. Seine Stimme dringt in die Tiefen seines Timbre vor und bleibt dabei voll und resonant.
Die französischen Sopranistinnen Danaé Monnié und Giulia Fichu-Sampieri, desgleichen auch die deutsch-libanesische Mezzo-Sopranistin Dina Husseini stechen in den Rollen Le tre Grazie hervor. Ihre drei Stimmen verschmelzen mit Leichtigkeit und Frische.
Schließlich meldet sich der französische Bariton Samuel Desguin als Mercurio mit unverblümter Stimme zu Wort.
Alarcón dirigiert sein Orchester der Cappella Mediterranea mit heiterem, tänzerischem Schwung. Das Tempo ist zügig und fesselt den Zuhörer während der gesamten Oper. Die Musik ist keineswegs dramatisch, und genau darin liegt die Genialität dieses Werkes. Das Libretto enthält humorvolle Elemente, trotz der wichtigen und zentralen Themen Einverständnis und Freiheit. Die Musik spiegelt diese Gegensätzlichkeit brillant wider. Die historischen Instrumente, insbesondere die Klangvielfalt des Schlagwerks, faszinieren und begeistern. Unter der Leitung des französischen Chordirigenten Thibaut Lenaerts zeichnet sich der Choeur de Chambre de Namur durch ein kraftvolles Ensemble aus, dessen präzise Konsonanz jedem Einsatz Nachhall verleiht. Die reichen Klangfarben, die sie erzeugen, verstärken die vom Dirigenten geschaffenen visuellen Bilder.
Die Aufführung von Ercole amante war ein gewaltiger Triumph. Die charismatische Besetzung begeisterte das Publikum, und der Applaus war überschwänglich. Bembos Werk gehört nun zum Repertoire der Opéra National de Paris und das ist eine hervorragende Nachricht: Wie der Dirigent sagt, ist die Aufführung dieser Oper eine wahre Wiedergeburt! Nun gilt es, noch weitere zu entdecken!
Auskunft und Karten: www.operaparis.fr Tel.: + 33 / 171 25 24 23