Bayreuth, Bayreuther Festspiele, DIE WALKÜRE - Richard Wagner, IOCO
Zum 150. Jubiläum wagen die Bayreuther Festspiele mit der ersten KI-gestützten „Walküre“ ein einzigartiges Experiment. Eine überwältigende Bilderflut trifft auf musikalische Weltklasse mit Michael Volle, Camilla Nylund und Christian Thielemann – ein Abend zwischen Faszination und Überforderung.
von Uli Rehwald
Heute erleben wir eine einzigartige Neuerung zum 150. Jubiläum auf dem grünen Hügel: die erste Walküre mit KI-Unterstützung. Diese KI-Unterstützung bedeutet heute, dass Regie, Bühnenbild und Beleuchtung vollständig der KI überlassen werden, die das ja normalerweise besser machen sollte als der Mensch. Dabei sollen auch KI-gesteuerte, großformatig bühnenfüllende Bilder entstehen. Die Spannung vor der Aufführung ist groß.
Marcus Lobbes liefert heute das Walküre-Ergebnis seiner dreijährigen Arbeit am Ring ab. Er ist Intendant der Akademie für Theater und Digitalität, eine international bekannte KI-Größe für das Theater. Für den Bayreuther Ring trägt er den Titel „Kurator“ anstelle des Titels „Regie“. Die künstlerisch-technische Konzeption verantwortet er zusammen mit Nils Corte.
Im Vorfeld war wenig zu erfahren, wie die KI-Lösung aussehen würde, und das Festspiel-Publikum musste daher gewissermaßen die Katze im Sack kaufen. Bekannt ist allerdings schon, wie die erstmals gezeigte KI-Lösung des Rheingolds am Vorabend gewesen ist: Überall, in jeder Ecke des Hauses, wird munter und heftig darüber diskutiert. Sehr kontrovers vor allem, das soll nicht verschwiegen werden.

Und so viel sei noch vorweg gesagt: Heute ist es außerordentlich schwierig, eine eindeutige Titelzeile zu schreiben. Dafür käme dieses Mal alles Mögliche in Betracht (nicht ganz ernst gemeint):
– Großer Mut zum avantgardistischen Experiment.
– Glückwunsch zur Geburt der KI-Oper. Endlich denkt KI mit.
– KO durch KI! Trotz Weltklasse-Sängern.
– Wagners Gesamtkunstwerk mit KI nun endlich vollständig.
– Bilderfolter aus dem Bayreuth-Keller?
– Eine Aufführung zwischen „Jugend forscht“ und Weltklasse.
Der Autor ist überzeugt, heute zwei unterschiedliche Vorstellungen gesehen zu haben, die auch unterschiedlich beschrieben werden sollen:
- Einerseits einen mutigen KI-Versuch mit einer unglaublich intensiven Bilderflut,
- andererseits eine konzertante Aufführung.
Zum KI-Versuch
Die Grundlage
Grundlage der „heutigen Rechenleistung“ bilden 3 Bereiche, aus denen die KI gefüttert und angelernt worden ist.
- Bilder aus der 150-jährigen Aufführungsgeschichte.
- Zeitgenössische Bilder der Weltgeschichte aus diesen 150 Jahren.
- Die komplette Partitur und der Text natürlich.
Aus diesen drei Bereichen entwickelt die KI heute Abend vollkommen selbstständig einen Regieansatz, die vielen Bilder und die Beleuchtung. Ein eigentliches Bühnenbild gibt es nicht, es besteht ausschließlich aus den großformatigen, bühnenfüllenden Bildern, die auf fast durchsichtige Gaze-Vorhänge projiziert werden. Zudem sind Musiker und Sänger verkabelt und so mit der KI verbunden.
Der Einführungsvortrag
Nun ist es bei so viel technischer Innovation sicher ratsam, den bewährten Einführungsvortrag von Herrn Dr. Sven Friedrich anzuhören (wie immer am Vormittag des Spieltages). Verdächtig oft fallen die Worte Experiment und avantgardistisch. Und wir lernen, dass in der KI über 3 Jahre alles verschlagwortet worden ist. Keinesfalls schöpft die KI frei aus dem Internet – sondern nur aus dem Pool dieser 3 Bereiche mit den jeweiligen Schlagworten. Die Begründung lautet: „Sonst käme ja nur Mist heraus“.
Herr Dr. Friedrich empfiehlt warmherzig,
- doch auch mal die Augen zu schließen an dem Abend und
- die Bilder besser nicht verstehen zu wollen.
Weiter: Die Bilder ähneln eher einem Traum-Durcheinander und im Prinzip sei das Stück nur als „Anti-Theater“ zu verstehen. Und ohnehin wären die Bilder bei jeder Vorstellung anders. Er selbst habe sich nach der Generalprobe jedenfalls von den vielen Bildern wie erschlagen gefühlt.
Über die Handlung und die Künstler erfährt man heute nichts – der Vortrag wirkt daher wie ein Oberseminar der Informatik.

Die Fakten der KI-Aufführung
Die Fakten, auf die wir heute Abend so gespannt warten, sehen so aus:
- Die Sänger, die hinter einem Gaze-Vorhang eher schwer zu erkennen sind, bleiben eisern stehen, auch wenn sie gerade im Stück erschlagen werden. Interaktionen zwischen Ihnen finden kaum statt. Konzertant eben.
- Siegmund hat kein Schwert, noch weniger zieht er es aus dem Eschenstamm. Wotan ist ohne Speer unterwegs. Natürlich reiten die Walküren nicht.
- Alle Sänger sind kostümiert in einem eher grauen Outfit mit kleinen Flügeln. Details sind schwer zu erkennen hinter dem Gaze-Vorhang.
- Ja, Bilder gibt es wirklich sehr viele. Ohne Aufhören. Alle Bilder füllen die gesamte Bühnensicht, sie befinden sich (durchsichtig) vor den Sängern. Bühnenaufbauten, Requisiten, verschiedene Ebenen gibt es nicht – eben nur Bilder.
- Schnell wird klar, dass ungefähr alle 5 Sekunden ein neues Bild geschöpft wird, das aber nie bleibt, sondern gleich wieder umgeformt oder überblendet wird in ein neues Bild. Daraus ergeben sich dann insgesamt über die fünfstündige Aufführung wohl etwa 4000 bis 5000 Bilder im strengen Takt der Sekundenfolge.
- Die Bilder haben oft etwas Unklares, sodass man rätseln muss, was sie darstellen sollen. Oft wirken die Bilder auch nur skizziert und irgendwie unfertig.
- Manchmal haben die Bilder Bezug zur Handlung. Drei willkürliche Beispiele:
Wenn Brünnhilde ihren ersten Auftritt hat, wird ein grob skizziertes Pferd in Bühnengröße gezeigt. Die Skizze scheint von einem Kind zu stammen.
Während Siegmund im Streit mit Hunding getötet wird, wird ein Bild von Lenin in formatfüllender Übergröße gezeigt.
Der Walküren-Felsen wird zunächst mit drei weißen Felsklippen skizziert, die sich sogleich in drei weiße Pferdeköpfe umformen.
Eindrücke des Publikums
Da es zu diesem Experiment keinerlei Vergleichswerte gibt, soll hier die Publikumsmeinung aus ca. 30 Gesprächen nach der Aufführung wiedergegeben werden:
- 27 Personen kommentieren aufgrund der nicht aufhörenden, viel zu schnellen Bilderfolge wie folgt: „Schwer verdaulich, irritierend oder belastend, Karten zurückgeben“.
- Die 28. Person hat mitgezählt, wie viele Berührungen es bei den Sängern trotz konzertantem Modus gegeben hat: drei an der Zahl, und hat sich damit über die Bilder hinweggetröstet.
- Die 29. Person argumentiert tapfer, es käme ja ohnehin nur auf die Musik an.
- Die 30. Person (meine Sitznachbarin links) hat das nicht behelligt, sie habe genussvoll aus dem Bilderfundus in ihrem Gedächtnis geschöpft.
Sicher muss mildernd dazu gesagt werden, dass ein gewisser Widerstand zunächst ganz normal ist, wenn Innovation auf große Tradition trifft.

Eindrücke des Autors
Obwohl wir gelernt haben, dass die Bilder an jedem Abend anders sind, soll dennoch eine Offenlegung der persönlichen Eindrücke des Autors gewagt werden.
- Mir war es fast nicht möglich, der Oper zu folgen. Viel zu schnell stürzte die Bilderflut auf mich ein. Das Auge findet keinen Halt, der Kopf arbeitet heftig daran, verstehen zu wollen.
- Es stellte sich eine andauernde Frustration ein, die Bilder nicht verstehen zu können.
- Die Bilder haben weit überwiegend nicht mein Herz erreicht und bleiben kaum im Gedächtnis. Es wirkte auf mich sehr beliebig.
- Es gibt eine sog. „chinesische Wasserfolter“, bei der alle paar Sekunden ein Tropfen Wasser auf den Kopf des Opfers fällt, bis es unerträglich wird. Nun ja, wir sind ja nicht im Folterkeller – aber der intensive Wunsch war bei mir schon da, dass die „Bilderfolter“ doch bitte aufhören möchte. Wahrscheinlich kommt es bei jedem darauf an, wie er solche schnellen, nicht aufhörenden Bildreize verarbeiten kann (oder nicht).
- Somit entpuppt sich für mich die Katze im Sack als künstlerische Sackgasse.
- Ganz offensichtlich laufen die Bilder und die Oper überwiegend gegeneinander – und nicht miteinander. Vielleicht nicht technisch, aber wohl in der Wahrnehmung.
- Sollte die KI-Lösung als eine Selbstentmannung der Regie zu verstehen sein?
Was könnte bleiben von dem Experiment?
Das ist tatsächlich schwer zu sagen. Aber einige Punkte oder Erkenntnisse hätten durchaus Chancen dazu.
- Unbedingt war es sinnvoll, einen Versuch mit der KI zu wagen.
- Gratulation, es ist ohne Zweifel ein sehr mutiger, avantgardistischer Versuch. Das wurde hier noch nie gewagt.
- Vielleicht wird in 10 Jahren der erste stolze Schritt hin zur umfassenden KI-Oper gefeiert.
- Vielleicht wird man aber auch hinter vorgehaltener Hand über die „Bilderfolter 2026“ sprechen.
- Es wird klar, dass eine maximale Ablenkung neben der eigentlichen Handlung schwierig ist.
- Es ist wohl ein Kardinalfehler, die Regie allein der KI zu überlassen und dann zu schauen, was herauskommt.
Zur konzertanten Aufführung
Naturgemäß ist es für Sänger und Musiker schwierig, wenn sie geradezu in den Hintergrund gedrängt werden. Wer achtet da auf den Weltklasse-Star, den er schon 10mal gehört hat, wenn er geheimnisumwitterte, neueste Bilder sehen kann.
Nachteilig ist auch, dass die großen dramatischen Momente, in denen sich jeder Sänger gerne in aller Größe zeigen will, so eher verschenkt werden. Die Neugier des Publikums will eher wissen, welches Bild gezeigt wird, wenn Siegmund das Schwert herauszieht. Leider wird zu „Winterstürme wichen dem Wonnemond“ keine aufspringende Tür gezeigt, welche die Sänger unterstützen, könnte. Klaus Florian Vogt (in der Rolle des Siegmund) muss seine wirklich eindrucksvollen „Wälse-Rufe“ mit hängenden Armen ohne szenischen Ausdruck bewältigen. Auch seine Mimik bleibt dabei bedauerlicherweise hinter der Gaze verborgen.
Sowohl Elza van den Heever (als Sieglinde) und Klaus Florian Vogt (Siegmund) stürzen sich gemeinsam in die vom Publikum so geliebten Schluss-Sequenzen des ersten Aufzugs. Trotz genial gesungener Erzählungen und Duette, geschmeidiger Lyrik, glanzvoller Spitzentöne der beiden – die Wirkung bleibt heute etwas fremd.
Und dann, ganz am Ende des Abends, zeigt sich der Festspielhügel doch noch in voller dramatischer Größe: bei Wotans Abschied, der Lieblingsszene von ganz vielen.
- Entweder haben die Sänger die Regieanweisung satt, einfach nur reglos dazustehen. Sie fangen ein wenig an, miteinander zu spielen. Oder die Bilder sind ruhiger geworden. Tatsächlich finden in dieser Szene 2 der insgesamt drei Berührungen des Abends statt. Wotan (Michael Volle) und Brünnhilde (Camilla Nylund) können einfach nicht anders, sie müssen sich zuwenden und berühren. Soll doch der Regisseur sagen, was er will. Und das „sich wieder berühren“ kommt voll an im Publikum.
- Michael Volle findet zu einem zärtlich-schmelzenden, rührenden Piano gegenüber seiner Lieblingstochter Brünhilde, das fast noch mehr beeindruckt als seine großen Fortissimo-Stellen auf dem hohen F. Auch sein zweites „Geh!“ gegenüber Hunding (gesungen von Mika Kares) hat die Verzweiflung von Tonnen Granit, die er emporwirft. Ganz zweifelsfrei ist Michael Volle der Star des Abends mit hohem Weltklasse-Niveau. Und er lässt minutenlang die KI-Bilder vergessen. Gratulation dazu.
- Gerne wird auch mitgenommen, dass Michael Volle beim Feuerzauber, wenn er den Feuergott Loge ruft, zweimal mit dem nicht vorhandenen Speer im Spielrausch auf den Boden stößt, um Funken zu schaffen. Das hat auch jeder im Publikum verstanden. Vielleicht ein bleibender Freudenmoment dieser Aufführung, so klein er auch ist.
- Brünnhilde (Camilla Nylund) folgt mit ihrer sensationellen Leistung mit nur ganz geringem Abstand hinter dem Star des Abends. Große Bühnenpräsenz, noch größere Töne – hier haben sich zwei ganz Große in dieser Szene zusammengefunden.
So zeigt sich guter Letzt dann doch noch die volle Festspielgröße, wegen der wir immer wieder auf den Hügel pilgern. Die konzertante Form ist fast vergessen. Allerbestes Bayreuth, hochdramatisch, ergreifend.
Über Christian Thielemann, ohnehin der international gefragteste Wagner-Dirigent, braucht fast nichts gesagt zu werden. Meisterlich, wie immer. Das große Ganze bestens zusammenhaltend bei den schwierigen Grabenverhältnissen. Auch der im Presto eilende Bilder-Rhythmus wird ihn nicht weiter beeinträchtigt haben.
Die Walküren kommen auf die Bühne zu ihrem Auftritt einfach schlicht gegangen, was schwer ist bei dieser fliegend-galoppierenden Musik. Sängerisch erfüllen sie alle Anforderungen an die äußerst schwierigen „Walküren-Rufe“.

Schluss-Applaus
Wie reagiert das Publikum am Ende des Abends auf das mutige Experiment? Es gibt höflichen Applaus von mittlerer Länge, so gut wie keine Buh-Rufe. Dennoch äußert sich die weit überwiegende Mehrheit im Einzelgespräch sehr skeptisch. Wie ist das zu verstehen? Ein typischer Fall von Premierenpublikum vielleicht. Der große Innovator des heutigen Abends, Marcus Lobbes, zeigt sich noch nicht vor dem Vorhang, sondern wohl erst nach der Götterdämmerung.
Hilferuf an Richard Wagner
Und weil der Abend so schwierig einzuschätzen ist, soll ein Hilferuf an Richard Wagner helfen. Damit er wie Erda aus dem Untergrund aufsteigt und uns kündet, wer oder was weichen muss.
RW: Wer ruft mich?
Wir rufen Sie hier aus dem Festspielhaus. Lieber Herr Wagner, wir brauchen Ihre Hilfe.
RW: Um was geht es?
Zum 150. Jubiläumsjahr haben wir erstmals etwas ganz Neues gewagt: den Einsatz von KI.
RW: Was soll das sein?
Eine überaus kluge, hochmoderne Maschine, die alles besser kann als der Mensch. Dieser haben wir die Regie anvertraut.
RW: Eine Maschine? Merkwürdig. Wer ist denn auf diese Idee gekommen? Aber egal, wichtig ist nur, was die Maschine mit meinem Werk gemacht hat.
Lieber Richard Wagner, zunächst die gute Botschaft. Ihre Werke haben lange 150 Jahre hier im Bayreuther Festspielhaus ohne Werkänderungen überstanden. Es ist immer ausverkauft, nach mehr als einem Jahrhundert sind die Festspiele zu einem überwältigenden deutschen Mythos geworden. Die Zukunft scheint gesichert. Wenn wir nur wüssten, wie die KI und ihre Werke zusammenpassen.
RW: Ich habe das vor 150 Jahren ja schon gesagt: Kinder schafft Neues. Nun, solange mein Werk nicht unkenntlich gemacht wird, wird mir vor weiteren 150 Jahren auch nicht bang.
Nein, nein, Herr Wagner, die Noten und der Text sind völlig unverändert. Sogar das „Hojotoho“ wird nach wie vor unverändert gesungen – zur Freude der heutigen Festspielbesucher. Nur die Regie und die Bilder stammen von dieser überaus klugen Maschine.
RW: Na gut. Ich denke, dann muss dieses Experiment nicht weichen. Mein Werk ist sicher so groß, dass es viele Experimente verträgt. Also: Schafft weiter Neues, aber vielleicht auch anderes Neues. Und sagt mir doch bitte Bescheid, wie dieses Maschinen-Experiment letztlich ausgeht.
Infos und Karten: Link hier