Bayreuth, Bayreuther Festspiele, SIEGFRIED – Richard Wagner, IOCO

Ein musikalischer Triumph, eine szenische Enttäuschung: Christian Thielemann entfacht mit dem Festspielorchester einen glanzvollen „Siegfried“, getragen von herausragenden Leistungen von Klaus Florian Vogt und Camilla Nylund. Die KI-Kuration bleibt dagegen weitgehend ohne dramaturgische Wirkung.

Bayreuth, Bayreuther Festspiele, SIEGFRIED – Richard Wagner, IOCO
Festspielhaus © Enrico Nawrath

von Marcel Bub

Als Ausdruck sehnenden Erwachens in einer wiedergewonnenen Welt erstrahlte mit BrünnhildesHeil dir, Sonne! Heil dir, Licht!“ im dritten Aufzug des Siegfried an diesem Abend im Bayreuther Festspielhaus eine berührende Klangpracht erhabenen Ausmaßes. Getragen von Christian Thielemanns machtvoll-zugewandtem Dirigat und einem sich seit dem ersten Takt brillant entfaltenden Orchesterklang, leitete Camilla Nylund mit ihrem majestätischen Sopran zu einem prachtvollen Finale ein. So kulminierte im Liebesduett von Brünnhilde und Siegfried, in dessen Interpretation ein abermals exzellenter Klaus Florian Vogt neue Maßstäbe setzte, eine musikalisch und gesanglich grandiose Premiere dieser dritten Ring-Oper. Während der von einer künstlichen Intelligenz (KI) live generierten Visualisierung zwar ein paar stimmige Zufallstreffer gelangen, führte der weitgehende dramaturgisch-inszenatorische Gestaltungsverzicht auch bei dieser Aufführung zu szenischen Enttäuschungen.

Ring 10010110 Siegfried © Enrico Nawrath

 

Wagner platziert in seinem musikdramatischen Werk Siegfried den gleichnamigen Helden im Zentrum einer sich radikal weiter selbstzerstörenden Zivilisation und Welt. Aus inzestuöser und damit die Institution der Ehe pervertierend, aber eben auch aus liebender Verbindung von Siegmund und Sieglinde entstanden, wächst er fernab jeglicher Zivilisation auf und damit ohne gesellschaftlich bestimmte, sozialisierte Moral. Nach der politiktheoretisch-ideengeschichtlichen Analyse Udo Bermbachs beinhalte diese Freiheit sowohl emanzipatorisches Potenzial als auch zwangsläufigen Niedergang dieses Protagonisten. Frei von Eigentum, Bindungen, Machtansprüchen und einer diesen Institutionen verpflichteten Moral sowie ohne Bezug zur gesellschaftlichen Realität könne Siegfried zwar die Handlung entscheidend voranbringen, müsse mangels der Fähigkeit zur Selbstreflexion oder historischen Erinnerung und damit quasi ohne eine Form der Identität, als Opfer der Politik anderer untergehen. Damit radikalisieren sich in ihrer zerstörerischen Konsequenz an diesem zweiten Tag des Rings des Nibelungen all jene bereits im Rheingold angelegten und in der Walküre fortgeführten Motive des Konflikts von Institution und Individuum, Vertragsbruch und Entfremdung sowie der Liebe als stetige Kategorie emanzipativer Hoffnung.

Ring 10010110 Siegfried © Enrico Nawrath

Die Handlung beginnt in der Waldschmiede des Nibelungen Mime, der den jungen Siegfried aufgezogen hat und insgeheim hofft, mit seiner Hilfe den Drachen Fafner zu erlegen und an den Hort samt Ring zu gelangen. Der als Wanderer verkleidete Wotan liefert sich mit Mime ein Rätselgespräch und weissagt: Nur wer das Fürchten nicht kenne, könne das zerbrochene Schwert Nothung neu schmieden. Siegfried, dem Furcht fremd ist, schmiedet das Schwert selbst und zieht damit gegen Fafner aus. Vor der Höhle des Drachen trifft der Wanderer auf Alberich, der dort ebenfalls auf den Hort lauert. Siegfried erschlägt Fafner im Kampf; dessen Blut auf der Zunge lässt ihn die Sprache des Waldvogels verstehen, der ihn vor Mimes Verrat warnt und ihm von einer schlafenden Frau auf einem feuerumgebenen Felsen erzählt. Siegfried tötet Mime und folgt dem Vogel. Am Fuß des Felsens stellt sich Wotan dem heranziehenden Siegfried in den Weg; dieser zerschlägt mit Nothung den Speer des Gottes – Zeichen dessen endgültigen Machtverlusts und Ausdruck allgemein vollzogenen Vertragsbruchs. Siegfried durchschreitet die Feuerlohe, findet die schlafende Brünnhilde, entfernt ihren Helm und weckt sie mit einem Kuss. Nach anfänglichem Zögern erkennt sie in ihm den Bestimmten; die Oper endet mit ihrem gemeinsamen Liebesduett.

Ring 10010110 Siegfried © Enrico Nawrath

Was auf musikalischer Ebene in der Aufführung des Rheingold bereits angelegt war und in der Walküre eine Entwicklung erfuhr, konnte sich an diesem Abend in seiner ganzen Brillanz entfalten. Thielemann und Festspielorchester schufen eine komplexe Klangarchitektur überbordender Schönheit und dramatischer Notwendigkeit. Bereits die beginnenden Passagen des Siegfried gestaltete der routinierte Wagnerexperte mit für ihn seltenem Temporeichtum und fand in Vogt dabei ein souveränes Gegenüber. So zogen sich diese Formen anspruchsvoll gelingender Kommunikation zwischen Bühne und Orchestergraben durch die gesamte Aufführung. Mit präziser Leichtigkeit wurde dem Publikum eine sich interpretatorisch perfektionierende Wagnerreferenz geboten.

Neben Vogts komplex-nuanciertem und voll Klarheit erstrahlendem Tenor stellte auch an diesem Abend die erhabene Präsenz Nylunds einen gesanglichen Höhepunkt dar. Gerhard Siegel verlieh neben seiner so treffenden Stimmgestaltung der Rolle des Mime auch schauspielerisch eine erfrischend dynamische Ebene, so wie auch Jochen Schmeckenbecher als Alberich. Die durchgehend erstklassige Besetzung setzte sich ferner um Peter Rose als Fafner, Christa Mayer als Erda und den abermals auf stimmlich vollendete Weise den Raum des Festspielhauses durchdringenden Michael Volle als Wanderer fort. Die Rolle des Waldvogels wurde von Victoria Randem dargeboten.

Ring 10010110 Siegfried © Enrico Nawrath

Wie bereits bei den vorherigen beiden Ring-Opern konnte die sich von Publikum und Werk distanzierende Kuration des Abends durch Marcus Lobbes auch während dieser Aufführung ihre grundlegenden und handwerklichen Mängel nicht in Gänze überwinden. Das weitgehende Ausbleiben inszenatorischer und dramaturgischer Arbeit wurde zwar durch die so beeindruckende, auch theatrale Präsenz der Sänger·innen ein wenig ausgeglichen, muss jedoch abermals als eher gescheitert bezeichnet werden. Die von einer KI generierten Visualisierungen beinhalteten diesmal, neben den bekannt ermattenden Verwirrungen kitschiger Beliebigkeit und teilweise zugegebenermaßen räumlich und farblich beeindruckenden Abstraktionen, auch Darstellungen von Konrad Adenauer, Willy Brandt, Günter Grass und Martin Luther King. Ferner füllten den Bühnenraum Szenen der Nürnberger Prozesse, der Ring-Inszenierung von Frank Castorf oder der RAF (Rote Armee Fraktion). Schließlich manifestierte sich bei Brünnhildes Erwachen, einem Moment vollendeter Gesangs- und Klangschönheit, ein Tankstellenschild mit der Aufschrift „NO GAS TODAY“. Es ist bedauerlich, dass die auch vielversprechenden Aspekte dieses Konzepts scheinbar nicht wirklich genutzt wurden. So wäre eine KI-generierte visuelle Bühnengestaltung in Ergänzung einer umfassenderen Inszenierung durchaus denkbar. Mit einer Bild- und Raumgenerierung, die fortlaufend durch intelligente Prompts gestaltet würde, ließe sich sicher auf interessante und stimmige Ergebnisse hoffen. Diese hier erlebte Form einer anscheinend einfach laufenlassenden Kuration gelang auch an diesem Abend jedoch leider nicht.

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