Paris, Athénée – Théâtre Louis-Jouvet, Liederabend L. Kilsby, E. O’Neill, IOCO
18.05.2026
PARIS EST UNE FÊTE… VOYAGE A PARIS
Ah! la charmante chose
Quitter un pays moros
Pour Paris
Paris joli
Qu’un jour dût créer l’Amour
Ah ! la charmante chose
Quitter un pays morose
Pour Paris
(Poulenc/Apollinaire)
Paris ist ein berauschendes Fest…
Die beiden jungen britischen Künstler - der Tenor Laurence Kilsby und die Pianistin Ella O’Neill – sind die aufstrebenden Stars des unvergesslichen Liederabends. Nach ihrem gefeierten ersten CD-Album bei der Deutschen Grammophon Gesellschaft präsentiert das Duo im Athénée -Théâtre Louis-Jouvet im Rahmen der Lundis Musicaux ein neues Programm: Eine Hommage an die reiche Geschichte der Musik und Literatur im Paris des 20. Jahrhunderts mit Werken u. a. von Francis Poulenc (1899-1963), Nadia Boulanger (1887-1979), Ned Rorem (1923-2022), Reynaldo Hahn (1874-1947), Arthur Honegger (1892-1955) und Noël Coward (1899-1973). Paris est une fête…
Kilsby, begleitet von O’Neill, haben sie sich von Ernest Hemingway (1899-1961) den Titel seines Buches A Moveable Feast (1964) ausgeliehen, in dem er von seiner Jugend in Paris in den 1920er Jahren erzählt. Die vielen großen Persönlichkeiten der französischen Musikszene jener Zeit sowie der vorabgegangenen Jahre stehen im Mittelpunkt dieses Liederabends. Auch amerikanische Komponisten, die Paris gekannt haben oder von ihr inspiriert wurden, nehmen darin einen wichtigen Platz ein.
Das Paris, an das sich Hemingway erinnert, ist vor allem ein Paris der Sinne, in dem man durch den kalten Wind und den Winterregen schlendert oder im Gegenteil im Licht des Frühlings: Vom place de la Contrescarpe bis zur Seine, mit einigen Zwischenstopps in gemütlichen Cafés oder bei den berühmten Antiquariaten-Shops. Es ist ein Ort, der zum Träumen einlädt, wie der anonyme Flaneur aus Voyage à Paris (1889) von Guillaume Apollinaire (1880-1918) erzählt, die Poulenc als „délicieusement stupid“ findet und mit viel ironischer Musikalität bejubelt. Es ist auch eine Stadt, die dazu einlädt, ihre Straßen, Plätze und Brücken zu beschwören: Montparnasse, FP 147, N° 1 (1913/1941) von Poulenc/Apollinaire, die rue de la Paix für Parisian Pierrot (1921) aus der musikalischen Revue London Calling! (1923) von Coward, Saint-Germain, der Pont Mirabeau, oder auch noch die rue François 1er bei Rorem. Im Jahr 1966 erinnert dieser von Aaron Copland (1900-1990) ausgebildete amerikanische Komponist und Journalist mit der Veröffentlichung seines The Paris Diary, 1951-1955, eine Quasi-Fortsetzung der Chronik von Hemingway. Er wird insbesondere von der Groupe des Six ( zwischen 1916 bis 1923) beeinflusst, zu der Poulenc, Honegger und auch Georges Auric (1899-1983), Louis Durey (1888-1979), Darius Milhaud (1892-1974), Germaine Tailleferre (1892-1983) gehörten. Sie alle waren sehr beeinflusst von den Ideen des Komponisten Erik Satie (1866-1925) und dem berühmten Dichter Jean Cocteau (1889-1963).
In den 1920er Jahren war Paris ein brodelnder Schmelztiegel vieler Künste. Hemingway erzählte gerne von seiner Arbeit in Cafés oder in seinem Hotelzimmer: Jenem Hotel, in dem Paul Verlaine (1844-1896) starb, zu der Zeit, als Gabriel Fauré (1845-1924): Prison, Op. 83, N° 1 (1893) aus Deux Mélodies (1894) und Hahn: L’Heure exquise (1890) aus Chansons grises (1894) seine Gedichte vertonten. Als ehemalige Schülerin von Fauré komponierte N. Boulanger gemeinsam mit dem Komponisten Raoul Pugno (1852-1914) die Sammlung Les Heure claires, NB 33 (1910), die auf den Liebesgedichten von Émile Verhaeren (1855-1916) basiert. Später gibt sie das Komponieren auf, übt jedoch als Pädagogin einen erheblichen Einfluss aus. Sie bildet insbesondere Copland aus, dessen Old Poem (1920), eines seiner ersten Werke, das in Paris uraufgeführt wurde, sowie George Gershwin (1898-1937), dem der Jazzpianist Earl Wild (1915-2010) mit seinen Sept études pour Piano de virtuosité: Embraceable You (1930) und mit dem Songtext seines Bruder Ira Gershwin (1896-1983) huldigt.

Im Jahr 1920 bezeichnete der Kritiker Henri Collet (1885-1951) die jungen Komponisten, die sich um Cocteau scharten als die Groupe des Six. Während die Melodien von Poulenc zu Gedichten des „so Pariser“ Apolliniare – „Plus je relis Apollinaire, plus je suis frappé du rôle poétique de Paris dans son œuvre“ - aus späterer Zeit stammen, entstanden die kurzen Stücke von Petit cours de morale, H. 148 (1941) von Honegger dieser Epoche. Sie vertonen Verse von Jean Giraudoux (1882-1944), einer zentralen Figur des literarischen Paris der Goldenen Zwanziger. Zur gleichen Zeit war auch Porter in Paris, doch der Song Where, oh Where? stammt aus Out of This World (1950). Es wurde für ein Musical am Broadway geschrieben, ebenso wie I‘m a Stranger Here Myself aus One Touch of Venus (1943) von Kurt Weill (1900-1950) nach einem Libretto von Ogden Nash (1902-1971) und Sidney Joseph Perelman (1904-1979).
Mit den jüngsten Melodien von James Golborn, einem im Jahre 1992 geborenen englischen Komponisten, kehren wir zu Hemingway zurück. Sie vertonen zwei Gedichte, die 1921 in Chicago verfasst wurden: Killed Piave – July 8 – 1918 und Flat Roofs, sowie Valentine, einen prägnanten Text, der um 1927 in Paris geschrieben wurde.
Der Liederabend im Athénée – Théâtre Louis-Jouvet am 18. Mai 1026:
Auf den ersten Blick verliebt…
Paris est une fête lautet der Titel des Liederabends im Rahmen der Lundis musicaux, den die beiden jungen Musiker Kilsby und O’Neill uns zum Ende der Saison boten, der die literarische und musikalische Kultur des Paris der Zwischenkriegszeit feiert. Die Künstler widmeten der unvergesslichen britischen Sopranistin Dame Felicity Lott (1947-2026) - die vor einigen Tagen verstorben ist – diesen hinreißenden Abend.
Der Abend beginnt mit einer Hommage an die große „Dame Flott“ - wie man sie in eingeweihten Kreisen nannte - die wie Alphonse Cemin, musikalischer Leiter der Lundis Musicaux im Athénée – Théâtre Louis Jouvet uns erinnert, regelmäßig in diesem Haus auftrat und acht Mal an diesen Musik-Zyklen teilgenommen hat.
Der Titel Paris est une fête ist wie schon gesagt nach dem gleichnamigen Buch von Hemingway entlehnt, in dem er seine Pariser Jugend in den 1920er-Jahren schildert. Kilsby und O’Neill präsentieren ein Programm, das das Paris jener Zeit beleuchtet – ein pulsierendes künstlerisches Zentrum, in dem sich unter anderem französische und amerikanische Musiker und Schriftsteller trafen.
Das Publikum wird so zu einer Reise nach Paris eingeladen, angeregt durch Poulencs Vertonung eines Gedichts von Apollinaire. Es bietet sich die Gelegenheit, auf Hemingways Spuren zu wandeln, die rue de la Paix entlang zu schlendern wie Cowards: Parisian Pierrot, durch Saint-Germain-des-Prés, über den Pont Mirabeau, die rue François I., wie in den Melodien von Rorem: For Poulenc und Early in the Morning, und durch Montparnasse von Poulenc/Apollinaire. Auch das berühmte Café de Flore wird heraufgeschworen, wo sich Honegger/Giraudoux begegneten; aus dieser Freundschaft entstand Le Petit Cours de Morale.

Das Hotel, in dem Hemingway arbeitete, war laut dem Schriftsteller der Ort, an dem Verlaine starb, genau zu der Zeit, als Fauré und Hahn seine Gedichte vertonten. Das Programm beleuchtet zudem die enge Meister-Schüler-Beziehungen durch die Einbeziehung von Werken von Fauré, N. Boulanger und Copland.
Die jüngere Generation von Komponisten setzt sich weiterhin mit Hemingways Werken auseinander, besonders der britische Komponist Goldborn.
Der Tenor Kilsby zog das Publikum mit seiner hellen, klaren Stimme, die er mit Leichtigkeit und Flexibilität vortrug, sofort in den Bann. Sein makelloses Französisch machte Übertitel überflüssig, und er trug die Gedichte mit Witz und Humor vor. Im Vertrauen auf Text und Musik präsentierte seine Interpretation eine vollkommene Verbindung von Hingabe und Präzision. Obwohl der Dichter von Montparnasse „etwas einfach“ ist, bewahrte der Sänger ihm eine gewisse Würde und L’Heure exquisse verkörpert diese wahrhaftig: So sanft und sinnlich ist sein Gesang.
Er fühlt sich im amerikanischen Repertoire, das von der Ästhetik des Musicals geprägt ist, sichtlich wohl. Stets elegant, bekennt er in Mad about the boy aus der Revue Words and Music (1932) von Coward, „verrückt nach dem Jungen zu sein“. Er lässt sich sichtlich etwas gehen und erklärt sich in Weills Song, das er mit subtiler, aber wirkungsvoller Theatralik interpretiert, zu einem Fremden, dem die Codes der Liebe unbekannt sind. Auch Hemingways unverblümte Worte kann er ohne Vulgarität vortragen, ein Hauch von Lächeln umspielt seine Lippen.
Die Pianistin O’Neill vereint Feingefühl und Leichtigkeit, wodurch das Duo ein harmonisches Gespann bildet. Sie interpretiert auch Wilds Transkription von Embraceable You Piano-Solo, spielt die Noten mit eleganter Leichtigkeit und steigert die crescendo mit Bedacht.
Nach einem überaus begeisterten Applaus des Publikums gaben die beiden Künstler zwei Zugaben: Non, je ne regrette rien (1956), im Original von der einmaligen Édith Piaf (1915-1963) gesungen und komponiert von Charles Dumont (1929-2024) nach dem Text von Michel Vaucaire (1904-1980), einer weiteren großen Dame, die ebenfalls durch die Straßen von Paris wandelte. Dann noch einmal eine herzergreifenden Hommage an ihre kürzlich verstorbenen Landsmännin: Morgen, Op. 27, N° 4 (1894) von Richard Strauss (1864-1949).
Auskunft und Kartenverkauf: www.athenee-theatre.com Tel + 33 / (0)1 53 05 10 19