Aix-en-Provence, Théâtre du Jeu de Paume, Festival d’Aix-en-Provence 2026, ACCABADORA - Francesco Filidei, IOCO
Festival d’Aix-en-Provence 2026, Théâtre du Jeu de Paume, 08.07.2026
DAS LEBEN NEHMEN / DAS LEBEN SCHENKEN…
Guardate, Tzia Bonaria Urrai,
guardatemi la gamba:
perché prendermi in giro.
Né Maria né un‘altra donna
mi vorrebbero sposare,
perché sono uno storpio,
non posso lavorare
e mantenere una famiglio,
non posso fare niente
di quello che una donna
si aspetta faccia un uomo,
è come fossi morto.
E quando i miei morranno,
chi si occuperà di me?
E chi vorrà sposare Andria
Accollandosi uno storpio?
(10. Szene des Nicola)
Accabadora von Filidei…
Da zeitgenössische Werke im Mittelpunkt seines Programms stehen, präsentiert das Festival d’Aix-en-Provence die Weltpremiere der neuen Oper von Francesco Filidei (*1973): Accabadora (2026) im Théâtre du Jeu de Paume.
Filidei geboren in Pisa, ist einer der brillantesten Komponisten seiner Generation und widmet sich insbesondere dem Opernrepertoire. Das Festival d’Aix- en-Provence 2009 führte seine Musik erstmals bei der Uraufführung seines Concertino di Aix im Rahmen der Académie d’Aix-en-Provence auf. Sein Opernwerk wird für seinen Sinn für Theater, Emotion und Klangfarben, seine Verbundenheit mit einer Dramaturgie, die aus einer kraftvollen Literatur entspringt, sowie seine Vorliebe für vielfältige Formate gelobt. So folgten nacheinander die Oper Giordano Bruno (2015), das dem im Jahr 1600 auf dem Scheiterhaufen verbrannten italienischen Philosophen gewidmet war. L’Arbre en Poch (2018), eine in Zusammenarbeit mit der bekannten französischen Komponistin Claire Diterzi (*1971) konzipierte Theateraufführung und ein Album. L’Inondation (2019) für die Opéra-Comique Paris nach einem Libretto des französischen Auteur Joël Pommerat (*1963) und ganz kürzlich Il nome della rosa (2025) nach dem Roman des italienischen Auteur Umberto Eco (1932-2016) für das Teatro alla Scala di Milano.
Die Accabadora – oder „die ein Ende setzt“ ist auf Sardisch die namensgebende Figur eines Romans der sardischen Schriftstellerin Michela Murgia (1972-2023), einer Vertreterin der „Neuen sardischen Literaturwelle“, die sich zwischen Literatur, Journalismus und politischem Engagement bewegte. Das 2009 erschienene und mehrfach ausgezeichnete Werk stellt eine halb traditionelle, halb legendäre Figur der sardischen Kultur in den Mittelpunkt: Die „letzte Mutter“, eine alte Frau, die in ländlichen Gemeinden die Aufgabe hat, schwer leidende Kranke vom Leben in den Tod zu begleiten und ihnen dabei zur Erlösung zu helfen.

L‘Accabadora kann aber auch eine „zweite Mutter“ sein, gemäß der sardischen Tradition, die die Erziehung eines Kindes an eine zweite mütterliche Bezugsperson anzuvertrauen, parallel zu seiner leiblichen Mutter. In Soreni, einem kleinen Dorf, das in der unmittelbaren Nachkriegszeit von den Männern verlassen wurde, nimmt Bonaria Urrai, eine verwitwete und kinderlose Schneiderin, die kleine Maria in ihre Obhut und wird so zur „tzia“ (Tante) – ihrer „fill’e anima“ – (Tochter des Herzens).
L‘ Accabadora von Filidei…
Aufgrund seiner sardischen Wurzeln, die ihn für das Werk von Murgia sensibilisierten, verfasste Filidei das Libretto in Zusammenarbeit mit dem sardischen Dramaturgen Manuelle Mureddu (*1980) in Form einer Kammeroper in einem Akt. Seine Partitur erfordert ein 17-köpfiges Orchester, das klassische Besetzung mit traditionelleren Klängen (Glocken des Celestia oder Akkordeon) verbindet. L‘Orchestre de l’Opéra de Lyon steht hier unter der Leitung der jungen französischen Dirigentin Lucie Leguay (*1990), die 2023 das Mentoren-Programm für Dirigenten durchlaufen hat und deren Karriere sich nun an der Spitze größerer Ensembles entfaltet – sie wird ab der Saison 2026-2027 zur Musikdirektorin der Sinfonietta de Lausanne.
Unter den neun Gesangssolisten zeichnen sich die drei Hauptdarsteller durch besondere markante Klangfarben aus. Mit ihrem außergewöhnlichen Stimmumfang verkörpert die israelische Altistin Noa Frenkel die Rolle der Accabadora, die beiden Pole ihrer Figur: Übernatürliche Reinheit und mütterliche Großzügigkeit. Als Absolventin der Maîtrise populaire de l’Opéra-Comique, besitzt die junge französische Sopranistin Rachel Masclet die Frische der jugendlichen Maria. Der italienische Bariton Lodovico Filippo Ravizza ist Nicola Bastíu, jener Nachbar, den die Rache bis ins dramatische Ende treibt.

Die argentinische Regisseurin Valentina Carrasco (*1972) schöpft das gesamte Potenzial einer Handlung aus, in der hochsensible Themen wie Sterbehilfe oder Adoption im Mittelpunkt stehen und die in einer rauen, schweigsamen Kulisse spielt: Das Sardinien der 1950er Jahre strahlt eine uralte Beständigkeit aus, dessen Insellage Aberglauben und unumstößliche Traditionen aufrechterhält und in dem die Frauen, die Tage und ein Leben lang wie antike „Parzen“ das Schicksal weben – oder auch durchschneiden. Die Bühnenbildgestaltung ist von der italienischen Bühnenbildnerin Mariangela Mazzeo (*1990) und zeichnet diese Welt aus makabrer Dunkelheit, puderigem Weiß – dem allgegenwärtigen Mehl – und blutroten Rot. Die Kostüme von dem italienischen Kostümbildner Mauro Tinti (*1974) untermalen ihren Neorealismus mit beunruhigenden Masken aus dem sardischen Karneval – den „Mamuthones“, einer Art antiken Chor, aus dem die Nebenfiguren hervortreten.
Die Aufführung im Théâtre du Jeu de Paume am 8. Juli 2026:
Menschlichkeit in Aktion…
Beim Festival von Aix-en-Provence 2026 wird Filideis neue Oper Accabadora, inspiriert von Murgias Roman, aufgeführt und verwandelt eine sardische Tradition in eine ergreifende Meditation über Weitergabe, Mitgefühl und das Ende des Lebens. Eine Kammeroper von seltener dramatischer Intensität.
Seit 2002 verfolgt das internationale bekannte Festival d’Aix-en-Provence die Politik der Auftrags-Komposition. In jüngster Zeit haben die finnische Komponistin Kaija Saariaho (1952-2023), der weltweit bekannte britische Komponist George Benjamin (*1960) und desgleichen die israelische Komponisten Sivan Eldar (*1985) den Grunstein für die Zukunft der Oper gelegt. Das Thema des 78. Festivals war „Auf der Suche nach der Menschlichkeit“, ist weit mehr als nur ein Marketing-Slogan.
Dies belegt die Weltpremiere von Filideis: Accabadora, einer bewegenden Kammeroper nach dem Roman von Murgia. Das Werk beleuchtet zeitgenössische Themen aus der Perspektive sardischer Traditionen der 1950er-Jahre. Filideis Begegnung mit der sardischen Schriftsellerin Murgia führte zu einem gemeinsamen Opernprojekt, das durch den Festival-Auftrag und die Adaption ihres Romans Accabadora ermöglicht wurde.

Riten und Frauen auf Sardinien…
In einem sardischen Dorf der 1950er-Jahre herrschen matriarchale Traditionen und Ahnenriten. Sie werden in der agrarisch-pastoralen Umgebung der Mittelmeerinsel praktiziert. Maria, die jüngste Tochter einer armen Familie, wird von Tzia Bonaria Urrai adoptiert, die sich um ihre Erziehung kümmert. Tagsüber arbeitet die ältere, kinderlose Frau als Näherin und genießt allseits Respekt. Auf Wunsch der Familie lindert sie nachts das Leiden der Sterbenden und übernimmt so die Rolle der Accabadora, der „letzten Mutter“. Der Komponist und Mureddu verfassten dieses Libretto und verdichteten den Roman zu siebzehn intensiven Szenen, die die Weitergabe und Bedeutung von Traditionen mit einer poetischen und neorealistischen Ästhetik erkunden, die an die Filmarbeit der italienischen Brüder Paolo Taviani (1931-2024) und Vittorio Taviani (1929-2018) erinnert. Carrasco obliegt es, diesen ländlichen Mikrokosmos gefangen zwischen Solidarität und Schicksal - Flüche und Rache -, auf die Bühne zu bringen. Gemeinsam mit ihrer Bühnenbildnerin Mazzeo vermeidet sie die Klischees des Folklorismus, indem sie die Bühne mit arbeitenden Frauen bevölkert. Ob Sängerinnen oder Statistinnen, sie sind fleißig bei der Arbeit, insbesondere am Webstuhl, wo sie sich mit den antiken Schicksalsgöttinnen, den Parzen, den mythischen Herrscherinnen des menschlichen Schicksals, verbinden.
Frauen und der Lebenszyklus…
Die überwiegend weibliche Welt dieser Coming-of-Age-Fabel wurzelt in den archaischen und sich wiederholenden Gesten des Landlebens: Weben – vor dem Hintergrund eines riesigen Webstuhls – Brotbacken – wobei ältere Frauen Mehl an der Küchentheke kneten – und das barfüßige Traubenstampfen während der Lese. Diese weiblichen Gesten sind mit dem Kreislauf des Lebens verbunden. So wird das Baby Maria aus einem halb geöffneten, riesigen Brotlaib geboren, und der Knet-Korb stützt sowohl den Körper der Gebärenden als auch den der sterbenden Bäuerin.
Nach der Rückkehr aus Turin, wohin sie geflohen war, knüpft die nun junge Maria am Sterbebett ihrer Adoptivmutter wieder an die Rituale ihrer Gemeinschaft an. Diese Erfahrung veranlasst sie, das Accabadora-Ritual an deren leblosen Körper durchzuführen. Unwissentlich nimmt Maria so Besitz von diesen uralten Riten. Das Publikum im Théâtre du Jeu de Paume kann dies als mitfühlende, befreiende oder befremdliche Geste interpretieren… denn die zugrundeliegende Frage der Sterbehilfe befeuert die gesellschaftliche Debatte bis heute.
Filideis einzigartige Musikalität, verwurzelt in der italienischen Tradition…
Nach seiner französisch-italienischen Ausbildung an den Konservatorien Florenz, Paris und IRCAM wandte sich der Organist dem Musiktheater und später der Oper zu. Auch in Accabadora verwebt er die Fäden seines Handwerks. Zu Beginn und am Ende des Werkes symbolisiert eine Solostimme abseits der Bühne „Il vento attraverso le vigne“ auf intime Weise den organischen Kreislauf von Leben und Tod. Filidei wählt durchgehend italienisch für die Handlungs-Episoden und setzt parallel zum Sardischen für den Chor ein, der das Geschehen von der Bühne aus kommentiert. Dank dieser Interventionen taucht der Zuhörer in die dramatische Poesie einer faszinierenden Landschaft ein. Bemerkenswert ist, dass diese Polyphonie in Sardisch die uralte Tradition des Canto a tenore wieder aufgreift, der zum immateriellen Kulturerbe der Menschheit der UNESCO gehört, jedoch ohne die gutturale Gesangstechnik.

Filidei verwendet im Detail einfache Vokalformen: Marias Kinderlied, Tzia Bonaria Urrais Beschwörung, die Klage der Mutter über den Tod ihres Sohnes (13. Szene). Dieser schmucklose und unprätentiöse Gesangsstil vermittelt Emotionen von seltener Aufrichtigkeit über einen großen dramatischen Bogen hinweg. Er umfasst zudem ein breites Spektrum an Nuancen, vom freudigen Chor der Weinlese bis zum Fatalismus, der Tzia Bonaria Urrais Lobgesang „Pietra, cuore nero“ durchzieht.
Während die dramatische Struktur italienisch bleibt, eine Art Wiederbelebung des Verismo, orientiert sich der Stil eher an Maurice Ravel (1875-1937) und Benjamin Britten (1913-1976). Eine kleine Bemerkung: Die über siebzehn Szenen erstreckende Dramatik lässt kaum Raum für Atempausen und Stille. Ein paar zusätzliche Pausen - etwa eine kurze Dunkelheit zwischen den Szenen – würden den intensivsten Momenten mehr Nachwirkung verleihen!
Künstler auf dem Niveau einer Kammeroper…
Um dieses fesselnde Werk zu interpretieren, ist die Besetzung auf sechs Solisten aufgeteilt, von denen einige auch neben dem exzellenten sardischen Coro (Chor): Die polnische Sopranistin Olga Siemieńczuc, die amerikanische Mezzo-Sopranistin Camille Primeau und der slowenische Bariton Lovro Korošev, der hinter der Bühne agiert, auch verschiedene Nebenrollen zu übernehmen. Der Kontrast in Stimmregistern und Klangfarben kennzeichnet das Duo Tzia Bonaria Urrai und Maria. Die Interpretin Frenkel ist mit den fast maskulinen tiefen Lagen und ihrer kraftvollen Resonanz betraut, während die zweite Interpretin Masclet ein jugendliches Timbre einbringt. Wo die eine mit Zurückhaltung das Geheimnis des Jenseits beschwört, lässt die andere eine kindliche Offenheit durchscheinen.
Der Bariton Ravizza interpretiert mit seiner vollen und klangvollen Stimme den Bauern Nicola Bastíus, der flehend um eine Sterbehilfe bittet. Zwei junge Sänger der Festspiel-Akademie, der junge britische Tenor Hugo Brady als Andria Bastíu, ein Coro und die französische Mezzo-Sopranistin Victoire Bunel als Maestra Luciana, Giannina Bastíu, Una Voce und ein Coro, verkörpern ihre Rollen mit vollem Einsatz. Brady singt den jungen Andria Bastiu, Nicolas jüngeren Bruder, dessen Folter er miterlebt hat. Von da an sind seine Liebeserklärungen an Maria von bewegenden Akzenten durchzogen. Auch Bunel interpretiert jede ihrer Rollen tiefgründig! Besonders hervorzuheben ist die Rolle der Maestra Luciana, die die junge Heldin erzieht und beschützt – das Intermezzo stilisiert ihren Dialog in zwei Stimmen, der zwischen dem Dorf und Turin spielt. Schließlich schlüpft der italienische Bass Francesco Leone mühelos in verschiedene Nebenrollen: Santino Littorra, Antonio Vargiu, Dottor Mastinu und ein Coro.

Präzise und subtile Interpretation…
Diesen Gesangssolisten eilt ein Kammerorchester aus Solisten des Orchestre de l’Opéra de Lyon unter der akribischen Leitung von Leguay zu Höchstleistungen. Der Organist und Komponist Filidei ist unverkennbar auf der Suche nach voller Klangfarbenvielfalt einschließlich des Akkordeons und den asymmetrischen Rhythmen. So einfallsreich wie Britten in erster Linie und in der Tradition von Igor Strawinsky (1882-1971) – Le Renard (1922) und L’Histoire du soldat (1918) wandelnd, erfindet er seine Orchestrierung immer wieder neu. Die Dirigentin achtet daher auf Texturen, die rascheln, schimmern, singen oder weinen, bereichert durch Perkussionen von Trommelfellen bis zu Glockenspielen und setzt zeitgenössische Spieltechniken ein: Den Schlag der Bläser! Welche dramatische Kunstfertigkeit! Das Festspielpublikum bringt seine Begeisterung beim Schlussapplaus zum Ausdruck.
Nach den nachweislichen Erfolgen von Filidei in Paris und Mailand wirkt Accabadora wie eine sardische Cavalleria Rusticana (1890) von Pietro Mascagni (1863-1945) des 21. Jahrhunderts, die durch ihre anthropologische Verbindung zur Gemeinschaft besticht. Diese Koproduktion des Festival d‘Aix-en-Provence mit fünf europäischen Theatern wird zweifellos für eine breite Veröffentlichung sorgen und ihr einen festen Platz im Opern-Repertoire sichern!
Auskunft und Karten: www.festival-aix