Werther

Massenets „Werther“ (1892) vertont Goethes Briefroman „Die Leiden des jungen Werthers“. Der schwärmerische Dichter Werther verliebt sich unsterblich in Charlotte, die jedoch ihrer sterbenden Mutter die Heirat mit Albert versprochen hat. Pflicht und unterdrückte Leidenschaft führen in die Katastrophe: Werther erschießt sich und stirbt in Charlottes Armen, während draußen Kinder Weihnachtslieder singen.

Fakten zu „Werther“

KomponistJules Massenet (1842–1912)
LibrettoÉdouard Blau, Paul Milliet und Georges Hartmann nach Goethes „Die Leiden des jungen Werthers“ (1774)
Uraufführung16. Februar 1892, Hofoper Wien (deutschsprachige Erstaufführung)
SpracheFranzösisch
Aufbau4 Akte (5 Bilder)
Spieldauerca. 2 Std. 15 Min.
GattungDrame lyrique
BedeutungSchlüsselwerk der französischen lyrischen Oper, das Goethes Seelendrama psychologisch fein nachzeichnet.

Handlung

1. Akt

Im Garten eines Amtshauses bei Frankfurt im Hochsommer: Der verwitwete Amtmann (Bass) probt mit seinen jüngsten Kindern bereits ein Weihnachtslied. Seine älteste Tochter Charlotte (Mezzosopran) versorgt seit dem Tod der Mutter die Geschwister wie eine zweite Mutter. Der junge Dichter Werther (Tenor) erscheint, um Charlotte zu einem Ball zu begleiten, da ihr Verlobter Albert (Bariton) verreist ist. Werther beobachtet gerührt, wie liebevoll Charlotte sich um die Kinder kümmert, und ist tief ergriffen. Vom Ball heimkehrend, gesteht er ihr leidenschaftlich seine Liebe. Im Augenblick höchster Nähe verkündet der Vater die Rückkehr Alberts. Charlotte erinnert sich an das ihrer sterbenden Mutter gegebene Versprechen, Albert zu heiraten. Werther, erschüttert, akzeptiert schweren Herzens, dass seine Liebe aussichtslos ist. Schon der erste Akt verknüpft so beginnende Leidenschaft mit dem unausweichlichen Konflikt zwischen Gefühl und Pflicht.

2. Akt

Drei Monate später, an einem Septembertag vor der Kirche: Die Gemeinde feiert die goldene Hochzeit des Pfarrers. Charlotte und Albert sind inzwischen verheiratet. Werther, der nicht von ihr lassen kann, beobachtet das glückliche Paar voller Qual und stimmt eine bittere Klage über sein verlorenes Glück an. Albert, der Werthers Gefühle ahnt, spricht ihn taktvoll an; die junge, lebhafte Sophie (Sopran), Charlottes jüngere Schwester, schwärmt heiter für Werther und versucht ihn aufzuheitern. In einer kurzen Begegnung erinnert Charlotte den Verzweifelten an ihre Pflichten und bittet ihn, fortzugehen und erst zu Weihnachten zurückzukehren. Werther, an den Rand des Selbstmords getrieben, ringt mit dem Gedanken, dass der Tod ihn erlösen könnte. Der Akt vertieft den seelischen Druck und stellt Werthers wachsende Verzweiflung der unschuldigen Fröhlichkeit Sophies gegenüber.

3. Akt

Am Weihnachtsabend sitzt Charlotte allein in ihrem Zimmer und liest immer wieder Werthers Briefe. In der berühmten Briefszene gesteht sie sich endlich ein, dass auch sie ihn liebt. Sophie versucht vergeblich, die Schwester aufzuheitern. Da erscheint Werther unangekündigt. Auf Charlottes Bitte rezitiert er eine Ossian-Dichtung in der ergreifenden Arie „Pourquoi me réveiller“. In diesem Augenblick überwältigt beide das gegenseitige Gefühl; sie sinken einander in die Arme. Doch Charlotte reißt sich los und flieht, um ihrer Pflicht treu zu bleiben. Werther erkennt, dass nur der Tod ihm bleibt. Albert kehrt heim und bemerkt die Erregung seiner Frau. Als ein Diener in Werthers Namen um die Leihgabe der Pistolen bittet, lässt Albert sie kalt aushändigen. Charlotte ahnt das Unheil und eilt entsetzt davon.

4. Akt

Spät am Weihnachtsabend erreicht Charlotte Werthers Wohnung und findet ihn tödlich verwundet: Er hat sich mit Alberts Pistole erschossen. In seinen letzten Lebensminuten gesteht sie ihm endlich offen ihre Liebe und hält ihn in den Armen. Werther bittet sie um Vergebung und um ein würdiges Begräbnis unter den Linden. Während er stirbt, dringen von draußen die fröhlichen Stimmen der Kinder herein, die das eingangs geprobte Weihnachtslied singen. Der grelle Kontrast zwischen kindlicher Festfreude und dem stillen Sterben verleiht dem Schluss seine erschütternde Wirkung. Charlotte bleibt allein mit dem Toten zurück. Der kurze Schlussakt verzichtet auf jede äußere Dramatik und konzentriert sich ganz auf das verspätete, vergebliche Liebesbekenntnis und den leisen Tod des Dichters.

Rollen & Stimmfächer

RolleStimmfachBedeutung
WertherTenorSchwärmerischer junger Dichter, hoffnungslos in Charlotte verliebt
CharlotteMezzosopranÄlteste Tochter des Amtmanns, zwischen Pflicht und Liebe zerrissen
AlbertBaritonCharlottes besonnener Verlobter und späterer Ehemann
SophieSopranCharlottes heitere jüngere Schwester
Der Amtmann (Le Bailli)BassVerwitweter Vater Charlottes und Sophies

Berühmte Arien

ArieStimmeSzene
„Pourquoi me réveiller“Werther (Tenor)3. Akt – Werther rezitiert Ossians Dichtung und enthüllt seine Verzweiflung
„Va! laisse couler mes larmes“Charlotte (Mezzosopran)3. Akt – Charlotte gibt sich gegenüber Sophie ihrem Schmerz hin
„Werther! … Qui m'aurait dit (Air des lettres)“Charlotte (Mezzosopran)3. Akt – die Briefszene, in der Charlotte ihre Liebe erkennt

Themen & Kontext

Worum es wirklich geht

Im Mittelpunkt steht der Konflikt zwischen überwältigender Leidenschaft und gesellschaftlicher Pflicht. Charlotte liebt Werther, hält aber an ihrem der toten Mutter gegebenen Eheversprechen fest. Werther wiederum kann seine Empfindung nicht zügeln und sieht im Tod den einzigen Ausweg. Die Oper zeichnet feinfühlig, wie unterdrückte Gefühle zerstörerisch wirken und Selbstverleugnung in Verzweiflung umschlägt. Es geht um die Unmöglichkeit, Begehren und Anstand zu versöhnen, und um die romantische Verklärung des Todes als Erlösung von unerfüllbarer Sehnsucht.

Historischer Hintergrund

Goethes Briefroman „Die Leiden des jungen Werthers“ von 1774 löste eine europaweite Begeisterung und sogar eine Welle von Nachahmungs-Suiziden aus. Massenet vollendete seine Vertonung 1887, doch der Direktor der Opéra-Comique lehnte den Stoff als zu düster ab. Erst nach dem Erfolg von „Manon“ bat die Wiener Hofoper um ein neues Werk. So fand die Uraufführung 1892 in deutscher Übersetzung in Wien statt; die französische Originalfassung folgte kurz darauf in Genf und 1893 in Paris.

Warum Experten es wichtig finden

„Werther“ gilt als Höhepunkt von Massenets psychologischer Operndramatik und als eines der intimsten Meisterwerke der französischen Oper. Statt großer Tableaus setzt Massenet auf feine seelische Schattierungen, eine eng dem Wort folgende Deklamation und ein farbenreiches Orchester, das innere Zustände kommentiert. Die Titelpartie zählt zu den anspruchsvollsten lyrischen Tenorrollen. Fachleute schätzen die geschlossene Stimmung, die kunstvolle Verknüpfung von Weihnachtslied und Todesmotiv sowie die Tiefe der Charlotte-Zeichnung, die der Mezzosopranistin enorme Ausdruckskraft abverlangt.

Aufführungsnoten

Regie-Ansätze

Von biedermeierlich-historisch bis zu kammerspielartig verdichteten Deutungen; gespielt wird teils die seltene Baritonfassung, die Massenet für Mattia Battistini einrichtete.

Bekannte Aufnahmen & Produktionen

Referenzen mit Nicolai Gedda und Victoria de los Ángeles, Alfredo Kraus, José Carreras sowie Jonas Kaufmann; berühmt sind auch Aufnahmen mit Frederica von Stade als Charlotte.

Was zwischen Inszenierungen variiert

Variieren kann die Wahl zwischen Tenor- und Baritonfassung sowie die Gewichtung von kindlicher Festwelt und tragischer Innerlichkeit; Charlottes Charakter wird unterschiedlich zwischen Pflichtgefühl und verdrängter Glut gezeichnet.

„Werther“ bei IOCO

Häufige Fragen

Wer hat „Werther“ komponiert?

„Werther“ stammt von Jules Massenet. Uraufführung: 16. Februar 1892, Hofoper Wien (deutschsprachige Erstaufführung).

Wovon handelt „Werther“?

Massenets „Werther“ (1892) vertont Goethes Briefroman „Die Leiden des jungen Werthers“. Der schwärmerische Dichter Werther verliebt sich unsterblich in Charlotte, die jedoch ihrer sterbenden Mutter die Heirat mit Albert versprochen hat. Pflicht und unterdrückte Leidenschaft führen in die Katastrophe: Werther erschießt sich und stirbt in Charlottes Armen, während draußen Kinder Weihnachtslieder singen.

Welche berühmten Arien gibt es in „Werther“?

Zu den bekanntesten Arien zählen „Pourquoi me réveiller“, „Va! laisse couler mes larmes“, „Werther! … Qui m'aurait dit (Air des lettres)“.

Welche Stimmfächer singen die Hauptrollen in „Werther“?

Werther (Tenor), Charlotte (Mezzosopran).

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