München, Staatsoper, SIEGFRIED – Richard Wagner, IOCO
Sind wir Monster? Richard Wagners „Siegfried“ an der Bayerischen Staatsoper wird in Tobias Kratzers Inszenierung zum Lehrstück über Habgier, Gewalt und menschliche Abgründe. Benjamin Bruns überzeugt in der Titelrolle, Vladimir Jurowski leitet das Orchester souverän.
von Hans-Günter Melchior
Nachdenkliches – Eindrucksvolles – Nachdenkliches
Sind wir Monster? Hilflos unserer Boshaftigkeit, Mordsucht und Verlogenheit ausgeliefert? Man könnte laut „Ja, aber ja doch!“, schreien, wenn man, an einem Gerichtstermin teilnimmt, an dem Strafsachen verhandelt werden. Freilich hilft es da wenig, sich die Haare zu raufen… Man könnte aber auch zur Abwechslung einmal das sogenannte Bühnenfestspiel „Der Ring des Nibelungen“ besuchen und sich hier dem zweiten Teil aussetzen, den Wagner mit dem Titel „Siegfried“ versehen hat. Dabei ist der Siegfried (glänzend: Benjamin Bruns) genau genommen (strafrechtlich) nicht einmal der abgründige, wenn auch unmittelbar handelnde Täter, sondern ein milieugeschädigter junger Mann, den man falsch erzogen hat.

Einer, der als Kind in eine Welt hineinwächst, in der Habgier, Mord und Totschlag gleichsam die letzten Mittel der Durchsetzung jener Ansprüche sind, auf die man glaubt, ein Recht zu haben. Gier, Habgier, Gewalt als Mittel der Durchsetzung von Ansprüchen also, die man verficht, werden demgemäß geradezu mythologisiert, rechtlich erhöht bis zur Rechtfertigung. Und deren Durchsetzung mit Gewalt, Totschlag und Rücksichtslosigkeit wird in Erweiterung des Gedankens nicht nur mythisch verklärt, sondern als unausweichliches Menschenschicksal dargestellt. Die Regie Kratzers macht das deutlich. Einer ist des anderen Feind. Und wer im Wege steht und nicht nachgibt, wird bekämpft, notfalls getötet. Der junge Siegfried, noch als ein kleiner, unreifer Junge von Felix Fröbel dargestellt, hört aufmerksam zu und lernt, wie das wirkliche Leben so läuft. Auf eine ganz bestimmte Bahn gerät. Während der Ziehvater Mime (hervorragend: Matthias Klink) Pläne schmiedet, wie er sich die Kraft des bald Erstarkenden, jungen Helden im Kampf um das Rheingold zunutze machen kann, lässt der junge Mann kein Auge vom Mund des ihm in Wahrheit feindlich gesinnten Alten. Wagners gewagte Psychologie…

Das ganze Stück, das Lehrstück, wird zum Teil vor einer eher heruntergekommenen Stadtkulisse, zum Teil auch vor der schäbigen Behausung Mimes verhandelt, vor der bald ein kapitalistisch-protziger Pkw vorfährt. Als bedürfe es noch eines deutlicheren, zeitgemäßen Hinweises. Die Kinderleinwand mit lustigen Bildern, die den Blick auf die Bühne zunächst versperrt, bevor der Vorhang aufgeht, ist dagegen reiner Euphemismus. Mime, hinterhältig, schleicherisch, glänzend wie das gesamte Ensemble, brillant also Matthias Klink, hat nichts anderes im Kopf, als den Knaben bzw. den zum Helden Heranwachsenden zu beseitigen, sich zuvor aber den Nibelungenschatz mithilfe des Helden, im Grunde also durch die Tötung des Wurmes, zu verschaffen. Er will sich dabei des Schwertes Nothung bedienen, einer schier unschlagbaren Waffe. Dem Mime gelingt es, voraussehbar, jedoch nicht, die zertrümmerte Waffe neu zu schmieden. Er, der Schmied, versagt vor der Aufgabe. Und sein ihn besuchender Gast, der als Wanderer auftretende Wotan, eindrucksvoll, nachdrücklich und souverän der Wotan des Nicholas Brownlee, tönt, belehrend wie aus einem Wörterbuch der kapitalistischen Logik: „Nur wer das Fürchten nie erfuhr, schmiedet Nothung neu!“ Da ist der Mime der Falsche. Dies, das Schwert neu zu schmieden, gelingt eben nur dem inzwischen zum Kraftprotz heranwachsenden Siegfried, den Benjamin Bruns sowohl gesanglich als auch darstellerisch überzeugend verkörpert. Er allein ist bereit und fähig, sich dem Wurm, in Wahrheit einem der Riesen, zu stellen und ihn zu besiegen.

Er zieht zu Fafners (Timo Riihonen) Höhle, vor der die Brüder Mime und Alberich lauern und auf eine Gelegenheit warten, dem Wurm den Schatz zu rauben bzw. rauben zu lassen. Freilich: Als Fafner von Siegfried getötet wird, erfüllen sich ihre Hoffnungen nicht. Siegfried eignet sich die wundersame Beute an und zieht weiter, vom Waldvogel – von Leo Eisenreich, einem Solisten des Tölzer Knabenchors wunderbar gesungen –, ermutigt und gleichzeitig gewarnt. Dunkel warnend mischt sich die Erda der Wiebke Lehmkuhl ein. Der junge Sieger zieht weiter, die legendäre Brünnhilde, wunderbar klar und eindrucksvoll Simone Schneider, zu erobern, ist sein Ziel, genauer: sie der von Wotan (nochmals hervorzuheben, es geht nicht anders, will man gerecht sein: Nicholas Brownlee als herausragender Wanderer) verhängten Gefangenschaft zu entreißen. In Verfolgung dieser Absicht zertrümmert Siegfried den Speer des Götterchefs mit einem Hieb und dringt zu Brünnhildes Lager vor. Er befreit sie aus ihrer unverdienten Gefangenschaft. Es kommt am Ende zur Vereinigung der beiden. Beim Lob für das Orchester rennt man offene Türen ein. Die souveräne Leitung durch Vladimir Jurowski besonders hervorzuheben, ist regelmäßig Teil der Kritiken des Unterzeichneten. Das Lob wird mit Freude wiederholt. Hervorzuheben ist außerdem schließlich noch: Das Solohorn, der Siegfried-Ruf, dargeboten von Franz Draxinger.
Einhelliger Beifall. Ein nicht einfacher, aber umso bedeutenderer Abend.