Wuppertal, Oper Wuppertal, OTELLO - Giuseppe Verdi, IOCO

Wuppertal, Oper Wuppertal, OTELLO - Giuseppe Verdi, IOCO
Opernhaus Wuppertal, Foto: Andreas Fischer

Ein Unglücks-Dreieck bestehend aus dämonischen Intrigen, tödlicher Eifersucht und einem engelsgleichen Sopran.

Dazu ein todbringendes Taschentuch.

Premiere in Wuppertal am 31.10.2026

Von Iris Flender und Uli Rehwald

Opernchor der Wuppertaler Bühnen am Beginn des 1. Akts, Foto: Oper Wuppertal / Matthias Jung

Otello ist ein Spätwerk von Verdi, das der dramatischen Musik den Vorrang gibt und wenige "echte" Arien aufweist. So ist es auch bei der Rolle des Otello selbst: Obwohl es eine Riesenrolle ist (italienische Sänger sprechen vom Mount Everest des Opern-Tenors), hat Otello keine "große" Arie. Das ist ganz außergewöhnlich für eine Titelrolle bei einer Oper. Der Otello von Verdi ist im Kern fast nur ein kammermusikartiges 3-Personenstück. Verdi leuchtet vor allem die inneren Abgründe und das Getrieben-Sein der 3 Hauptfiguren intensiv aus. Die Höhepunkte der Oper stellen sich daher eher bei den dialoghaften Auseinandersetzungen der 3 Hauptpersonen dar als in einzelnen Arien und Duetten.

Die Personen des Unglücks-Dreiecks

Otello ist zwar einerseits ein siegreicher Held und über die Maßen glücklich mit seiner Desdemona. Andererseits plagt ihn aber eine leicht auslösbare, todbringende Eifersucht - die in dieser Oper auch von Jago perfide entfacht wird. Natürlich hat Otello Neider, so erfolgreich wie er ist. Und seine Achillesferse, die Eifersucht, kennen seine Neider natürlich auch.

Otello (rechts vorne, Charne Rochford) und Desdemona (Mitte vorne, Francesca Chiejina) im 3. Akt, Foto: Oper Wuppertal / Matthias Jung

Jago ist ein besonders schäbiger Opern-Schurke von perfider, fast nicht zu übertreffender Dämonie. Er liebt Desdemona nicht. Sein einziges Motiv ist, alle Personen rücksichtslos aus dem Weg zu schaffen, welche in daran hindern, zu erreichen, was er will. Er will "Hauptmann werden anstelle des Hauptmanns" - Otello hat einen anderen befördert (Cassio, gesungen von Milan de Korte), der natürlich auch Opfer seiner Intrigen wird. Das Leid, das er bei anderen verursacht, hindert Jago nicht - es scheint ihn eher gottlos zu freuen. Machiavelli hätte seine wahre Freude an ihm. Im Verlauf der Oper ist Jagos Intrige äußerst erfolgreich: Sowohl Desdemona als auch Otello sind seine Marionetten, an deren Fäden er zieht - beide sterben zum Schluss an seiner Intrige. Es ist eine der wenigen Opern, in der sich der Bösewicht skrupellos durchsetzt und die Guten sterben. Immerhin ist es Verdi gelungen, einen der besonders schweren Jungs der Opernwelt musikalisch genial darzustellen. Verdi soll vor der Erstaufführung sogar geschwankt haben, ob seine neue Oper "Otello" oder "Jago" heißen soll.

Der 1. Schritt der Intrige: Zunächst will Jago (links, Byung Jun Ko) Cassio betrunken machen, Foto: Oper Wuppertal / Matthias Jung

Desdemona ist im Stück normalerweise als besonders engelsgleicher Sopran angelegt. Sie ist wohl der Gegenentwurf zu Jago: Wie auch Otello ist sie einerseits voll des prallen Liebesglücks. Sie will nur das Gute, auch Otello treu liebend. Andererseits ist sie über die Gebühr arglos und ohne Schutz vor den Bösewichten dieser Welt - und so ein gefundenes Fressen für Intrigen aller Art. Natürlich stolpert sie völlig schuldlos über die tödlichen Fäden der Intrige, so dass sie von Otello schlussendlich in rasender Eifersucht getötet wird. Sie stirbt, weil sie zu gut ist für diese Welt.

Die engelsgleiche Desdemona (Francesca Chiejina) empfängt natürlich auch einen Kinderchor (OpernClubs Kids & Jugend), Foto: Oper Wuppertal / Matthias Jung

Wer an diesem kühlen Herbst-Sonntag nach dem Platz-Nehmen noch nicht so recht im Opernhaus angekommen ist, wacht schlagartig auf, wenn die sofort im 1. Takt im Fortissimo einsetzenden Sturm-Musik beginnt: Otellos Schiff kämpft mit dem Tosen der Elemente. Kompromisslos kündigt uns Dirigent Yorgos Ziavras mit seinem Sinfonieorchester Wuppertal an: Heute wird es hoch dramatisch - und es wird keine Chance geben, an was anderes zu denken als an die Oper.

Die Ansätze der Regie

Die Regie von Katharina Kastening setzt an der traditionellen Desdemona-Rolle an. Wie könnte es bei einer modernen Frau am Regiepult anders sein? Sie will die Rolle mehr ausleuchten, andere Aspekte herausholen. Und würde sich freuen, wenn das Publikum heute auch eine andere Desdemona kennengelernt - so jedenfalls gemäß ihrem Video (auf der Opernhomepage), in dem sie über die Absichten ihrer Regie spricht.

Aus diesem Grund gehört zur Inszenierung auch, dass vor jedem Akt einige gesprochene Sätze von Desdemona vor leerer Bühne aus dem off zu hören sind. Offensichtlich sind es Zitate aus dem Shakespeare-Othello und sie führen uns tiefer in die sonst unausgesprochene Gedankenwelt, Gefühle und Motive Desdemonas.

Opernchor der Wuppertaler Bühnen beim Empfang des siegreichen Otello im 1. Akt, Foto: Oper Wuppertal / Matthias Jung

Katharina Kastening verlegt das Stück in die Gegenwart: Einen Militärstützpunkt im indischen Ozean. Mit US-Uniformen, leicht heruntergekommenen Gebäuden, einem Überwachungsraum mit vielen Kameras und auch einem Sport-Gym mit Hanteln und Basketballkorb. Auch Desdemonas Schlafzimmer im 4. Akt ist zeitgemäß: Ein Apartment mit Küchenzeile und großem Bett.

In den Mittelpunkt ihrer Regie stellt Katharina Kastening auch das Thema Femizid. Der Mord an Desdemona findet an einem Ort statt, der in jeder Stadt, in jedem Land, zu jeder Zeit Zeuge eines Femizids ist: Eine ganz normale Wohnung. Von einem oft zu Unrecht eifersüchtigen Mann, der sich in seiner Ehre gekränkt fühlt und ausrastet. Das ist stark inszeniert - auch mit der "Kleinigkeit", wie Otello nach Betreten des Raums scheinbar völlig unberührt erst mal die Tür abschließt. No Way out für Desdemona.

Otello (Charne Rochford) in rasender Eifersucht und Desdemona (Francesca Chiejina), Foto: Oper Wuppertal / Matthias Jung

Die Video-Installationen

Zusätzlich wird von Video-Installationen (Frouke ten Velden ) reichlich Gebrauch gemacht. An großformatigen Monitor-Wänden und bühnenfüllenden Großaufnahmen, die auf fast durchsichtige Stoff-Schleier projiziert werden, kommt man heute wohl nicht mehr vorbei, wenn "moderne Oper" gezeigt werden soll. Es muss allerdings eingewandt werden, dass auch hier die Dosis und die Details entscheidend sind. In dieser Inszenierung werden sie - unterschiedlich gut gelungen - zur dramatischen Unterstreichung der Handlung eingesetzt. Einige Beispiele:

  • Video-Bilder von Desdemona sind entweder in Sepiatönen, die in ihrer eigentlichen Natur entsprechen sollen, eingefärbt.
  • Oder rot eingefärbt, wenn sie die untreue, laszive Verführerin in den Eifersuchts-Wahnvorstellungen von Otello ist. Ihre Bilder verdoppeln und verdreifachen sich, während sie Otello scheinbar in die weiteren Stufen seines Wahns führen.
Otello (Charne Rochford) im fortschreitenden Wahnsinn mit Video-Projektion, Foto: Oper Wuppertal / Matthias Jung
  • Bei der "Weiden-Arie" im 4. Akt ist die riesengroße Darstellung des Gesichts der Sängerin vielleicht etwas zu intensiv, verdrängt alles andere.
  • Die große Monitorwand in dem Überwachungsraum der Militärbasis ist wohl etwas zu raumgreifend geraten, die jeweiligen Sänger wurden hiervon fast erdrückt.
  • Vor allem die Video-Sequenz mit Sack über dem Kopf ("Guantanamo-Szene"?) führte sicher bei den meisten Zuschauern dazu, Musik und Sänger nicht mehr wahrzunehmen. Oder ist es die Metapher auf Desdemona, die nicht weiß, wie ihr geschieht - während der Folterknecht der Anklage über sie herrscht und urteilt?

Ensemble und Chor im Sport-Gym mit Video-Projektion, Foto: Oper Wuppertal / Matthias Jung

Das Taschentuch

Das Taschentuch nimmt in der Original-Version von Verdi fast eine Hauptrolle ein, wenn auch eine stumme. Ihm scheint ein Zauber eingewebt, der alle, die es berühren, mit ins Unglück reißt. Das Taschentuch flüstert sehr leise, fast unhörbar von der Untreue Desdemonas - jedenfalls für den, der manisch eifersüchtig ist.

In der heutigen Inszenierung kommt es als Requisit wohl etwas zu kurz. Dies zeigt dadurch umso deutlicher, dass all der Wahnsinn, Mord und Totschlag nur auf einem fiktiven Wahn und aus den falschen Einflüsterungen von Jago besteht.

Jago (Byung Jun Ko) entwendet Emilia (Edith Grossman) das Taschentuch, Foto: Oper Wuppertal / Matthias Jung

Die magischen Opern-Momente des heutigen Abends

Aus Platzgründen nur eine kleine Auswahl davon. Wer alle diese Momente und die große Leistung der Sänger hören und sehen will, muss die Oper selbst besuchen.

  • Gleich zu Beginn gibt Charne Rochford (als Otello) mit seinem äußerst schwierigen "Esultate" seine Visitenkarte für heutigen Abend ab: Strahlender Schmelz und endlose Kraft in seiner hohen Stimmlage. Später wird er dann auch sehr ausdrucksstark in seiner Verzweiflung.
  • Das Liebes-Duett von Otello und Desdemona (Francesca Chiejina) am Ende des 1. Akts ist umso schöner, weil es ab hier nur noch steil bergab geht mit den beiden. Zwei verklärte Stimmen finden sich nur an diesem Punkt der Oper sehr lyrisch zusammen, begleitet von himmlischen Orchester-Tönen - wir sind der Zeit entrückt.

Das Liebesduett am Ende des 1. Akts von Otello (Charne Rochford) und Desdemona (Francesca Chiejina), Foto: Oper Wuppertal / Matthias Jung
  • Geradezu teuflisch kommt Byung Jun Ko (als Jago) daher. In seiner Arie "Credo in un dio crudel" bringt er eine absolute Boshaftigkeit glaubhaft rüber, mit maximaler und niederträchtiger Stimmgewalt. Schöne, lyrische und einfühlsame Töne braucht er bei dieser triumphierenden Teufelsarie wirklich nicht zu zeigen.
  • Die düstere Atmosphäre mit den Überwachungskameras, vor denen das Unglück die handelnden Personen mit grausamen Krallen unausweichlich-beklemmend ergreift.
Jago (Byung Jun Ko) im Überwachungsraum vor den Kameras, Foto: Oper Wuppertal / Matthias Jung
  • Im "Ave Maria" findet sich einer der wenigen Ruhepunkte in der sonst vorwärtsstürmenden Oper. Francesca Chiejina (in der Rolle der Desdemona) nimmt uns mit ihrem sehr geschmeidigen, lyrischen Sopran ergreifend mit in ihre Verzweiflung - maximale Gefühle auch zum gesungenen Pianissimo. Einem solchen Engel möchte jeder im Publikum helfen, aber die Oper schreitet unerbittlich voran.
  • Der Ave-Maria-Zauber ist verflogen und Otello erscheint zu düsteren, getragenen Klängen langsam als Schatten vor Desdemonas Schlafzimmer - zum Mord. Und er fragt sie unheilvoll, ob sie schon gebetet hat. Die gleich nahende Katastrophe steht schon übermächtig mitten im Bühnenraum. Man möchte im Publikum aufhören zu atmen.
  • Es ist zwar schon sehr opernhaft, wenn Desdemona von Otello im Bett erwürgt wird und beide dazu singen. Auf die absolute Spitze getrieben wird dies zusätzlich, indem Jago vor der verschlossenen Tür steht und lautlos triumphierend lacht. Er braucht es nicht zu sehen - er weiß auch so, was er angerichtet hat.

Das Ende des 4. Akts, Otello (Charne Rochford) wird Desdemona (Francesca Chiejina) gleich erwürgen, Foto: Oper Wuppertal / Matthias Jung

Auch wenn es fast eine Kammeroper ist, heißt das bei Verdi aber natürlich nicht, dass es kein großes Chor-Tableau gibt. In den großen Chor-Szenen wird heute das ganz große Besteck aufgefahren: Der mächtige Opernchor der Wuppertaler Bühnen unter der Leitung von Ulrich Zippelius, verstärkt durch den Extrachor und einen Kinderchor.

Das Premieren-Publikum in Wuppertal ist begeistert heute Abend: Lang anhaltender Applaus, entzückte Bravo-Rufe der treuen Fangemeinschaft der Wuppertaler Sänger, sicher auch von "Friends and Family" der Chormitglieder.

Die weitere Vorstellungs-Termine und Karten gibt es hier.

Emilia (Mitte, Edith Grossman) und Chormitglieder im 1. Akt, Foto: Oper Wuppertal / Matthias Jung

Weiterlesen