Linz, Musiktheater, LOHENGRIN – Richard Wagner, IOCO
Richard Wagners „Lohengrin“ wird am Musiktheater Linz zum musikalischen Triumph. Christoph Koncz begeistert mit dem Bruckner Orchester, hervorragenden Solisten und eindrucksvollen Chören. Michael Schulz überzeugt mit einer weitgehend schlüssigen Inszenierung.
von Marcus Haimerl
Triumph für Wagners Schwanenritter
Am Musiktheater Linz hat Michael Schulz Richard Wagners Lohengrin inszeniert, weitgehend schlüssig und mit viel Raum für die Handlung. Zum eigentlichen Ereignis der Premiere am 10. Oktober 2026 wird jedoch die musikalische Umsetzung. Christoph Koncz führt das Bruckner Orchester Linz, ein ausgezeichnetes Sängerensemble und eindrucksvolle Chöre zu einer Aufführung von bemerkenswerter Intensität.
Liebe und Vertrauen, Macht und Unterwerfung, Glaube und Zweifel: Wagners Geschichte vom geheimnisvollen Gralsritter verhandelt Konflikte, die weit über das Märchen hinausweisen. Der Ritter verteidigt Elsa von Brabant gegen den Vorwurf des Brudermordes und nimmt sie anschließend zur Frau, unter der Bedingung eines strikten Frageverbots. Ausgerechnet die Frage nach seiner Identität wird zum Ausgangspunkt der Tragödie. Deren Ursachen reichen weit über Elsas persönliches Schicksal hinaus.

Eine Inszenierung, die der Geschichte vertraut
Michael Schulz verlegt die Handlung in eine zeitlich nicht näher bestimmte Gegenwart. Die Ausstattung lässt ebenso an die 1970er-Jahre denken wie an unsere Zeit. Weil Schulz auf eine eindeutige historische Festlegung verzichtet, gewinnt das Geschehen eine gewisse Allgemeingültigkeit. Schulz vertraut weitgehend auf die Geschichte selbst. Er erzählt sie in nachvollziehbaren Bildern, ohne die Handlung grundlegend zu verändern oder hinter einem übergeordneten Regiekonzept verschwinden zu lassen. Die Personenführung ist überwiegend glaubwürdig und sorgfältig durchdacht, die Beziehungen und Konflikte der Figuren bleiben erkennbar. Auch wer Wagners Oper bislang kaum kennt, dürfte dem Geschehen ohne größere Schwierigkeiten folgen. Eigene Deutungsansätze hat Schulz trotzdem. Er rückt die gesellschaftlichen Mechanismen in den Vordergrund, die Lohengrins Erscheinen auslöst. Der geheimnisvolle Fremde wird zum Retter Elsas und zugleich zur Projektionsfläche einer Gesellschaft, die nach Orientierung und einer starken Führungsfigur verlangt. Aus der anfänglichen Bewunderung wird mehr und mehr kollektive Verehrung, in der die Frage nach der tatsächlichen Identität des Retters offenbar keine Rolle mehr spielen soll. Besonders deutlich zeigt sich das am Schwan. Er erscheint als menschliche Gestalt mit langen weißen Haaren und großen Flügeln. Nach und nach werden ihm Federn ausgerupft, die anschließend die Anwesenden tragen. Aus Lohengrins märchenhaftem Begleiter wird so ein gemeinsames Erkennungszeichen: Die Gesellschaft eignet sich ein äußeres Symbol an, dessen ursprüngliche Bedeutung immer weiter verblasst.

Nicht alle Einfälle der Regie erschließen sich allerdings. Rätselhaft bleibt eine Szene im dritten Aufzug. Die vier brabantischen Edlen tragen den erschlagenen Telramund von der Bühne, der Heerrufer folgt ihnen und kehrt wenig später mit blutigem Schwert und blutbefleckter Kleidung zurück. Die naheliegende Vermutung, er habe die vier Männer getötet, findet in der Inszenierung keine nachvollziehbare dramaturgische Begründung. Solche Momente trüben den ansonsten schlüssigen Gesamteindruck, stellen ihn aber nicht grundsätzlich infrage. Schulz gelingt eine überzeugende Regiearbeit. Sie erzählt Wagners Geschichte verständlich und macht ihre gesellschaftlichen Dimensionen sichtbar, ohne sie mit unnötigen Eingriffen zu überfrachten.
Zwei Bühnenräume und eine Gesellschaft als Publikum
Dirk Becker schafft mit vergleichsweise einfachen Mitteln unterschiedliche Schauplätze. Ein großer Vorhang trennt die vordere Spielfläche von einer ansteigenden Zuschauertribüne dahinter. Je nach Szene ist er geöffnet oder geschlossen, und mit ihm wechselt die räumliche Perspektive.
Vorn stehen zunächst ein Thron und mehrere Stühle. Öffnet sich der Vorhang, wird dahinter eine Art Zuschauerraum sichtbar, dessen Sitzreihen selbst zum Spielort werden. Elsa befindet sich anfangs mitten auf dieser Tribüne, bevor sie ins eigentliche Geschehen eintritt. Goldfarbene Absperrständer mit schwarzen Kordeln erinnern an offizielle Veranstaltungen und Empfänge und geben dem mittelalterlichen Gottesurteil einen eigentümlich gegenwärtigen Charakter. Die Aufteilung der Bühne lässt mehrere Lesarten zu. Vielleicht ist eine Gesellschaft gemeint, die am Geschehen teilnimmt und ihm zugleich zuschaut. Auch der Gedanke an eine öffentliche Inszenierung von Macht drängt sich auf. Eine eindeutige Erklärung für die beiden Spielräume bleibt aus, und bedauerlicherweise hilft hier auch das Programmheft nicht weiter.
Im zweiten Aufzug verändert sich der Raum. Eine Orgel kommt hinzu, der Thron wandert auf die hintere Tribüne. Elsa und Ortrud begegnen einander auf einem langen Tisch, während Elsas Begleiterinnen immer wieder versuchen, die von Ortrud durcheinandergebrachte Dekoration wiederherzustellen.
Für die Brautgemachszene des dritten Aufzugs entsteht ein eigener Raum mit Doppelbett und großem runden Fenster. An seitlichen Schreibtischen sitzen Personen vor Laptops und beobachten das Geschehen. Selbst die Hochzeitsnacht steht offenbar unter fremder Kontrolle. Beckers Bühne ist funktional und den jeweiligen Situationen angemessen. Sie schafft interessante räumliche Konstellationen und kommt ohne überflüssige Dekorationen aus.
Starke Bilder, nicht immer mit erkennbarer Bedeutung
Eine besondere Rolle spielen die KI-generierten Videoprojektionen von Robert Josipović. Über der hinteren Tribüne erscheinen idealisierte Darstellungen Lohengrins, deren künstlich erzeugte Bewegungen ihn beinahe übermenschlich wirken lassen. Technisch sind diese Bilder sehr gut gelungen, ihre visuelle Wirkung ist erheblich.
Am stärksten gerät gegen Ende der Oper die Verwandlung des jungen Gottfried in einen erwachsenen Mann. Auf der Bühne kehrt der Knabe zurück und verweigert die ihm zugedachte Krone. Auf der Projektionsfläche erscheint zur selben Zeit eine idealisierte Darstellung seiner erwachsenen Gestalt.

Man kann diese Gegenüberstellung als Hinweis auf die fortdauernde Sehnsucht nach einer neuen Führungsfigur lesen. Zwingend ergibt sich das aus dem Bühnengeschehen allerdings nicht. So beeindruckend die Projektionen sind, ihr dramaturgischer Mehrwert bleibt bisweilen unklar. Vertiefen sie einen Gedanken, oder sollen sie vor allem durch ihre technische Raffinesse faszinieren?
Die Kostüme von Renée Listerdal passen zur bewusst unbestimmten Zeit der Bühnenwelt. Moderne Kleidung trifft auf modische Anklänge vergangener Jahrzehnte und vereinzelte historische Herrschaftssymbole. König Heinrich trägt einen violetten, pelzbesetzten Mantel mit stilisierter Krone, Telramunds rostbrauner Dreiteiler erinnert an die Mode der 1970er-Jahre. Lohengrin hebt sich in heller Kleidung von seiner Umgebung ab, Elsa erscheint in zurückhaltenden Pastelltönen, Ortrud setzt mit einem dunkelroten Kleid und auffälligen Ärmelabschlüssen Akzente. Die Kostüme charakterisieren die einzelnen Figuren, ein konsequent durchgehaltenes Gesamtkonzept lassen sie jedoch nicht erkennen.
Stimmungsvoll ist die Lichtgestaltung von Philip Mixa. Oft dominieren dunkle, zurückhaltende Lichtstimmungen, die sich in den entscheidenden Momenten wirkungsvoll aufhellen. Das Licht trägt viel zur Atmosphäre der einzelnen Szenen bei.
Ein Sängerensemble auf hohem Niveau
Musikalisch erreicht die Linzer Produktion ein Niveau, das den Abend zu etwas Besonderem macht.
Michael Wagner gibt König Heinrich mit profundem, sonorem Bass, hervorragender Wortdeutlichkeit und würdevoller Gestaltung. Seine Stimme hat jene natürliche Autorität, die den König glaubwürdig macht. Dabei verbindet er stimmliche Kraft mit einer bemerkenswert nuancierten Ausdrucksfähigkeit.
Marco Jentzsch ist ein Lohengrin mit lyrisch grundiertem und zugleich kraftvollem Tenor, dessen schöne Klangfarbe besticht. Im Lauf des Abends gewinnt seine Interpretation stimmlich wie darstellerisch an Intensität. Jentzsch hat beachtliche Kraftreserven und bewältigt die lyrischen wie die dramatischen Anforderungen der Partie gleichermaßen. In der Brautgemachszene und der Gralserzählung verbindet er klangliche Schönheit mit gefühlvoller, differenzierter Gestaltung, getragen von ausgezeichneter Textverständlichkeit. Auch darstellerisch zeichnet er ein glaubwürdiges Porträt des Gralsritters, dessen überirdischer Anspruch immer wieder auf menschliche Verletzlichkeit trifft.

Eine hervorragende Elsa von Brabant ist Dorothea Herbert. Ihr schöner, kräftiger Sopran verbindet klangliche Wärme mit emotionaler Ausdruckskraft, schon mit „Einsam in trüben Tagen“ gelingt ihr ein Höhepunkt des Abends. Sie lässt die Verletzlichkeit der jungen Frau ebenso erkennen wie deren Hoffnungen und Sehnsüchte. Elsas wachsende Zweifel und ihre Verzweiflung gestaltet sie später mit großer Eindringlichkeit.
Adam Kim verleiht Friedrich von Telramund mit seinem kraftvollen Bariton ein klares stimmliches Profil. Sein intensives, engagiertes Spiel macht den Hass und die innere Zerrissenheit der Figur glaubhaft.
Ihm zur Seite steht Julia Faylenbogen als Ortrud, mit klangvollem Mezzosopran und eindringlicher Darstellung. Besonders wirkungsvoll bringt sie jene Verachtung zum Ausdruck, die Ortrud Elsa und Lohengrin entgegenbringt. Gemeinsam bilden die beiden ein starkes Gegengewicht zum Titelhelden und seiner Braut.
Gregorio Changhyun Yun hinterlässt als Heerrufer einen ausgezeichneten Eindruck. Sein wohlklingender Bassbariton verbindet Kraft mit differenzierter Gestaltung und guter Textverständlichkeit.
Erfreulich hoch ist das Niveau der kleineren Partien. Als brabantische Edle sind Alexandre Bianque, Yonah Raupers, Xinhang Zhou und Hun Jeong zu hören, als Edelknaben Antonia Beteag, Georgia Cooper, Dora Blatniczki und Varvara Nikishina. Sie alle fügen sich gut ins Ensemble ein. Elias Kobyakov als Herzog Gottfried und Patrick Meixner in der Rolle des Schwans ergänzen das Bühnengeschehen darstellerisch.
Zu den großen Stärken der Aufführung gehören auch Chor und Extrachor des Landestheaters Linz, verstärkt durch den Hungarian National Male Choir. Unter der Leitung von Franz Obermair entfalten die Chöre eine große Klangfülle, ohne an Präzision und Ausdruck einzubüßen. Gerade die großen Chorszenen, die im Lohengrin dramaturgisch so viel tragen, gewinnen dadurch Geschlossenheit. Die kraftvollen Männerstimmen geben den öffentlichen Auseinandersetzungen und feierlichen Auftritten Gewicht. In den differenzierteren Passagen überzeugen die Chöre durch klangliche Ausgewogenheit und deutliche Artikulation.

Christoph Koncz und das Bruckner Orchester als musikalischer Höhepunkt
Den Höhepunkt des Abends setzt Christoph Koncz am Pult des Bruckner Orchesters Linz. Schon das Vorspiel zum ersten Aufzug zeigt, mit welchem Gespür für Klangfarben, dynamische Entwicklungen und Spannungsbögen er sich Wagners Partitur nähert. Die leisen, schwebenden Passagen erhalten eine beinahe schwerelose Transparenz, die großen Steigerungen entfalten volle Intensität. Koncz kostet die lyrischen Momente aus, ohne den musikalischen Fluss zu verlieren. In den dramatischen Höhepunkten darf das Orchester seine ganze Klangfülle zeigen und überdeckt die Stimmen trotzdem nie. Auch in den großen orchestralen Steigerungen behält Koncz den Überblick über die komplexe Partitur, die einzelnen Instrumentengruppen sind klar aufeinander abgestimmt. Sorgfältig austariert ist die Balance zwischen Orchester, Chor und Solisten. Koncz begleitet die Sängerinnen und Sänger aufmerksam, gibt ihnen Raum und wahrt zugleich die große musikalische Linie. Die Übergänge zwischen intimen fast kammermusikalischen Momenten und den monumentalen Ensembleszenen gelingen mit großer Selbstverständlichkeit. Das Bruckner Orchester Linz folgt seinem Dirigenten mit Präzision, Klangschönheit und hörbarer Hingabe. Vor allem die fein gestalteten Streicherpassagen und die farbenreichen Holzbläser prägen den Eindruck. Immer wieder entstehen Momente, die unmittelbar berühren. So entsteht ein Wagner-Klang, der durch seine Feinheit ebenso beeindruckt wie durch seine dramatische Wucht.

Für Christoph Koncz, der künftig als Chefdirigent an der Spitze des Bruckner Orchesters stehen wird, ist diese Aufführung ein Versprechen für die kommenden Jahre.
Ein Abend, der von der Musik lebt
Michael Schulz legt mit seinem Lohengrin eine verständliche und handwerklich überzeugende Inszenierung vor. Nicht jeder Einfall erschließt sich, manche symbolische Andeutung bleibt unaufgelöst. Den Rang dieser Produktion begründet jedoch die Musik. Ein ausgezeichnet besetztes Ensemble, hervorragend einstudierte Chöre und ein Bruckner Orchester Linz in bemerkenswerter Form verbinden sich unter Christoph Koncz zu einer Aufführung, die lange nachklingt.
Ein Opernabend, der vor Augen führt, welche emotionale Kraft Richard Wagners Musik entfalten kann.
Weitere Vorstellungen am Musiktheater Linz: 8., 15. und 21. November, 10., 17. und 29. Dezember 2026, 25. Januar, 20. und 27. Februar 2027. Termine und Karten: Lohengrin beim Landestheater Linz (https://www.landestheater-linz.at/stuecke/detail?EventSetID=5577&spielzeit=2026%2F27)