Mödling, THEATER / AB / HOF, VENEDIG IM SCHNEE – Gilles Dyrek, IOCO
Mit „Venedig im Schnee“ eröffnet THEATER / AB / HOF den Kultursommer Mödling 2026. Gilles Dyreks bissige Gesellschaftssatire überzeugt in der Regie von Clemens Fröschl mit pointiertem Humor, einem hervorragend harmonierenden Ensemble und überraschender Aktualität.
Mit der Premiere von „Venedig im Schnee“ startet THEATER / AB / HOF in seine zweite Sommersaison und eröffnet zugleich den Kultursommer 2026 in Mödling. Unter freiem Himmel und in unmittelbarer Nähe zum Publikum entsteht erneut jene besondere Atmosphäre, die bereits im Vorjahr Yasmina Rezas „Der Gott des Gemetzels“ zu einem besonderen Theatererlebnis machte.

Für die diesjährige Produktion entschied sich das Intendantenteam um Samantha Steppan, David Czifer und Clemens Fröschl für Gilles Dyreks Komödie „Venedig im Schnee“ (Venise sous la neige). Das 2003 in Paris uraufgeführte Stück hat bis heute nichts von seiner Aktualität eingebüßt. Im Gegenteil: In einer Zeit, in der moralische Überlegenheit, gesellschaftliche Haltung und vorschnelle Urteile häufig den öffentlichen Diskurs prägen, wirkt Dyreks Satire erstaunlich gegenwärtig. Was als harmloser Abend unter zwei befreundeten Paaren beginnt, entpuppt sich zunehmend als ebenso absurde wie entlarvende Farce über Vorurteile, Gutmenschentum und den Wunsch, sich stets auf der richtigen Seite zu wähnen. Regisseur Clemens Fröschl vertraut dabei ganz auf die Wirkung des pointierten Textes und auf ein Ensemble, das dessen feinen Humor mit bemerkenswerter Sicherheit auf die Bühne bringt. Der französische Schauspieler, Regisseur und Dramatiker Gilles Dyrek zählt zu den bedeutenden Vertretern der modernen französischen Komödie. Geboren 1966, begann er seine Laufbahn zunächst als Schauspieler, bevor er sich verstärkt dem Schreiben eigener Theaterstücke widmete. Seine Komödien verbinden pointierte Dialoge mit einer feinen Beobachtung menschlicher Verhaltensweisen und gesellschaftlicher Widersprüche. Hinter dem oft rasanten Wortwitz verbirgt sich stets ein genauer Blick auf das menschliche Miteinander – humorvoll, bisweilen bissig, aber nie belehrend. Seinen größten internationalen Erfolg feierte Dyrek mit „Venise sous la neige“, das inzwischen zu den meistgespielten zeitgenössischen französischen Komödien zählt. Aus einer scheinbar alltäglichen Situation entspinnt sich Schritt für Schritt ein ebenso raffiniertes wie absurdes Gedankenspiel, das seine Figuren aus der Komfortzone lockt und ihre Unsicherheiten, Vorurteile und den Wunsch nach moralischer Überlegenheit schonungslos offenlegt. Gerade weil Dyrek seine Charaktere nie zu bloßen Karikaturen werden lässt, sondern sie mit großer Menschenkenntnis und feiner Ironie zeichnet, hat „Venedig im Schnee“ auch mehr als zwanzig Jahre nach seiner Uraufführung nichts von seiner Schärfe verloren.

Eigentlich soll es ein gemütlicher Abend unter Freunden werden. Jean-Luc und seine Verlobte Nathalie laden Christophe, einen ehemaligen Studienkollegen, und dessen Freundin Patricia zum Abendessen ein. Doch schon die Ankunft steht unter keinem guten Stern: Nach einem heftigen Streit beschließt Patricia, den gesamten Abend zu schweigen. Als die Gastgeber dies bemerken, halten sie die wortkarge Besucherin für eine Ausländerin. Patricia erkennt die sich bietende Gelegenheit und antwortet fortan in einer Fantasiesprache. Christophe bleibt nichts anderes übrig, als das improvisierte Spiel mitzuspielen. Den eigentlichen Motor der immer groteskeren Ereignisse bilden jedoch Jean-Luc und Nathalie selbst. Aus wenigen Andeutungen konstruieren sie eine dramatische Lebensgeschichte und erklären Patricias vermeintliche Heimat „Chouwenien“ kurzerhand zu einem vom Krieg verheerten Land. Getrieben von demonstrativer Hilfsbereitschaft und dem Wunsch, das Richtige zu tun, steigern sie sich immer tiefer in ihre Rolle als selbstlose Wohltäter hinein. Patricia greift diese Vorlage mit diabolischem Vergnügen auf und treibt das absurde Spiel konsequent weiter. Aus einer harmlosen Verwechslung wird so eine ebenso pointierte Komödie wie scharfzüngige Satire über Vorurteile, Selbstgerechtigkeit und moralische Selbstdarstellung. Wie weit die Ereignisse schließlich eskalieren, sei an dieser Stelle bewusst nicht verraten.
Regisseur Clemens Fröschl vertraut ganz auf die Stärken von Gilles Dyreks Komödie und widersteht der Versuchung, deren Pointen durch plakative Regieeinfälle oder übertriebene Komik zusätzlich zuspitzen zu wollen. Der Humor entsteht vielmehr aus den präzise gezeichneten Figuren, ihren Beziehungen und den immer groteskeren Missverständnissen. Mit sicherem Gespür für Rhythmus und Timing treibt Fröschl die Handlung kontinuierlich voran, ohne dabei das feine Gleichgewicht zwischen humorvoller Unterhaltung und bissiger Gesellschaftssatire aus den Augen zu verlieren. Gerade weil die Figuren trotz aller Zuspitzung menschlich bleiben, entfaltet Dyreks Text seine volle Wirkung. Die knapp 95 Minuten vergehen kurzweilig und ohne jede Länge.

Einen wesentlichen Anteil am Gelingen der Inszenierung hat das Bühnenbild von Christoph Fröschl. Mit wenigen, bewusst schlicht gehaltenen Elementen entsteht das Bild einer modernen Wohnung: Eine Rückwand aus unbehandelten OSB-Platten mit angedeuteter Tür, ein runder Esstisch, vier transparente Stühle und ein kleiner Teppich genügen, um den Spielort klar zu definieren. Erst allmählich erschließt sich die eigentliche Idee dieser Gestaltung – die Wohnung befindet sich noch im Umbau. Die zunächst irritierenden Spanholzplatten erweisen sich damit nicht als bloße Zwecklösung, sondern als schlüssiger Bestandteil des Konzepts, und verleihen der Bühne einen angenehm ungekünstelten Charakter. Besonders gelungen ist zudem die Einbeziehung des Konzerthofs in das Bühnengeschehen. Ein offener Türrahmen inmitten des üppigen Grüns des Innenhofs übernimmt zugleich die Funktion der nicht sichtbaren Räume der Wohnung. Schlaf- und Badezimmer bleiben der Fantasie des Publikums überlassen, während sich das Spiel selbstverständlich über die gesamte Bühne ausdehnt. Dadurch gewinnt die Inszenierung eine bemerkenswerte räumliche Offenheit, die den sommerlichen Charakter des Aufführungsortes auf reizvolle Weise einbezieht.
Caroline Oberniggs Kostüme fügen sich harmonisch in dieses realistische Gesamtkonzept ein. Zeitgemäß und alltagsnah unterstützen sie die Charakterisierung der vier Figuren, ohne sich selbst in den Vordergrund zu drängen. Gerade diese bewusste Zurückhaltung lässt den Schauspielerinnen und Schauspielern den Raum, ihre Rollen ausschließlich über ihr Spiel zu entwickeln.
Den eigentlichen Motor der Handlung bilden Jean-Luc und Nathalie. Mit jeder neuen Vermutung über Patricias vermeintliche Herkunft steigern sich die beiden Gastgeber tiefer in ihre Rolle als weltoffene, hilfsbereite Gutmenschen und treiben die Ereignisse damit unaufhaltsam voran. Simon Brader und Samantha Steppan formen daraus ein Gastgeberpaar, dessen Komik nie vordergründig wirkt, sondern sich ganz selbstverständlich aus den Figuren und ihren Reaktionen entwickelt.
Simon Brader verleiht Jean-Luc jene sympathische Unbekümmertheit, die den Gastgeber zunächst liebenswert erscheinen lässt. Umso eindrucksvoller vollzieht sich im weiteren Verlauf seine Wandlung zu einem Mann, der seine eigenen Schlussfolgerungen zunehmend für Tatsachen hält. Mit entwaffnender Selbstverständlichkeit ist Jean-Luc überzeugt, von den Kriegsereignissen in Chouwenien bereits gehört zu haben, und verstrickt sich immer tiefer in seine selbst konstruierte Wirklichkeit. Brader lotet die schmale Grenze zwischen ehrlicher Hilfsbereitschaft und moralischer Selbstüberschätzung mit feinem Gespür aus und macht Jean-Luc dadurch zu einer vielschichtigen Figur, die weit über eine bloße Karikatur hinausgeht.

Samantha Steppan steht ihm als Nathalie in nichts nach. Als perfektionistische Gastgeberin möchte sie ihren Gästen jeden Wunsch von den Augen ablesen und steigert sich mit jeder neuen Wendung tiefer in ihre selbst gewählte Rolle als verständnisvolle Helferin hinein. Gemeinsam mit Simon Brader zeichnet sie das Bild eines Paares, das seine Harmonie beinahe demonstrativ zur Schau stellt – voller Zärtlichkeiten, kleiner Gesten und liebevoller Kosenamen. Gerade diese scheinbar makellose Idylle bildet den idealen Ausgangspunkt für die spätere Eskalation. Besonders beeindruckend ist Steppans differenzierte Mimik. Oft genügt ein kurzer Blick oder eine kaum wahrnehmbare Veränderung ihres Gesichtsausdrucks, um Nathalies wechselnde Gefühlslagen zwischen aufrichtiger Anteilnahme, wachsender Bestürzung und zunehmender Ratlosigkeit sichtbar werden zu lassen. Hinzu kommt eine ausgezeichnete Artikulation: Trotz des hohen Tempos und der offenen Spielstätte bleibt jede Pointe verständlich, jeder Dialog klar nachvollziehbar. So entsteht eine ebenso fein gezeichnete wie überzeugende Figur, deren komödiantische Wirkung nie auf Überzeichnung, sondern auf Genauigkeit im Detail beruht.
Lara Bumbacher übernimmt als Patricia die wohl ungewöhnlichste Rolle des Abends. Über weite Strecken sagt sie kaum ein Wort und steht dennoch ununterbrochen im Mittelpunkt des Geschehens. Diese stille Präsenz über einen so langen Zeitraum aufrechtzuerhalten, ist eine beachtliche schauspielerische Leistung. Ohne viele Worte macht sie Patricias innere Haltung und deren allmählichen Wandel nachvollziehbar. Als ihre Figur erkennt, welche Dynamik ihr Schweigen ausgelöst hat, übernimmt sie das Spiel zunehmend selbst und lenkt die Ereignisse mit feiner Ironie immer entschlossener in neue Richtungen. Dabei vermeidet Bumbacher jede Form berechnender Boshaftigkeit. Patricia bleibt vielmehr eine kluge Beobachterin, die den anderen mit ruhiger Gelassenheit den Spiegel vorhält. Gerade diese Entwicklung von der widerwilligen Begleiterin zur souveränen Lenkerin des Geschehens verleiht ihrer Darstellung besondere Überzeugungskraft.
Als Christophe ist David Czifer lange Zeit der Einzige, der versucht, den Überblick über die Situation zu behalten. Während sich um ihn herum die Ereignisse immer weiter verselbstständigen, gerät er mit jeder neuen Erfindung tiefer in ein Geflecht aus Notlügen und improvisierten Erklärungen. Czifer gestaltet diesen schleichenden Kontrollverlust mit großer Natürlichkeit und feinem Gespür für die komischen Momente der Figur. Seine zunehmend verzweifelten Reaktionen bilden den idealen Gegenpol zu Patricias stoischer Ruhe und tragen wesentlich zur Dynamik des Abends bei.

Mit „Venedig im Schnee“ gelingt THEATER / AB / HOF ein ebenso unterhaltsamer wie klug durchdachter Auftakt zum diesjährigen Kultursommer Mödling. Clemens Fröschl vertraut auf die Qualitäten von Gilles Dyreks fein gebauter Komödie und formt gemeinsam mit seinem Ensemble einen kurzweiligen Theaterabend, der weit über bloße Sommerunterhaltung hinausgeht. Hinter den zahlreichen Lachern verbirgt sich eine ebenso treffende wie zeitlose Betrachtung menschlicher Vorurteile, moralischer Selbstgewissheit und gut gemeinter, nicht selten aber auch selbstbezogener Hilfsbereitschaft. Das Publikum dankte allen Mitwirkenden mit lang anhaltendem Applaus. THEATER / AB / HOF beweist mit seiner zweiten Produktion eindrucksvoll, dass anspruchsvolle Unterhaltung und intelligente Gesellschaftssatire einander keineswegs ausschließen. „Venedig im Schnee“ sorgt nicht nur für herzhaftes Lachen, sondern entlässt sein Publikum zugleich mit einer ebenso amüsanten wie unbequemen Erkenntnis: Vorurteile begegnen uns oft dort, wo wir sie am wenigsten vermuten.