Dresden, Semperoper, Staatskapelle - 12. Symphoniekonzert, IOCO
Zum Saisonschluss erklangen in der Matinee des 12. Symphoniekonzerts Werke von Paul Dukas, Unsuk Chin und Sergej Prokofjew
5.Juli 2026
Elim Chans Faszination unterschiedlicher Welten
Nur begrenzt wenige Konzertstücke waren für eine stimmige Eröffnung eines Vormittagskonzertes so geeignet , wie das Scherzo Der Zauberlehrling von Paul Dukas (1865-1935). Der verträumte Beginn der Komposition nach einer Ballade Goethes (1749-1832) war so richtig geeignet, die Besucher der Matinee der Sächsischen Staatskapelle aus einer sanften Wachheit entgegenzunehmen. Samtweiche Streicher und wunderbar verschmolzene Holzbläser spielten am Beginn, bevor das Orchester von der Dirigentin Elim Chan in die Dramatik des Geschehens geworfen wurde. Dukas einziges Erfolgsstück seines schmalen Œuvre wird heute seltener aufgeführt, auch weil die Musiker behaupten, dass es sich leichter anhören liese, als es zu spielen. Die prachtvolle Instrumentierung wurde allerdings von der Staatskapelle makellos umgesetzt und die anspruchsvollen technischen Herausforderungen souverän gemeistert. Nicht zuletzt dank der klugen Wahl der Tempi durch die Dirigentin. Chan erzählte die Geschichte der Missgeschicke des unglücklichen Lehrlings zwischen planloser Aktivität und bangen Erwartungen. Ihre Interpretation bestach im gesamten Chaos durch Transparenz, leichtfüßige Eleganz und Energie.
Die vom inkompetenten Lehrling verursachte Wirrnis gab Gelegenheit für außergewöhnlich präzis gespielter Orchester-Soli. Besonders die Fagotte sorgten für ansteckende Spielfreude und manches raue Kontrafagott Spiel erregte Schmunzeln.
Vom Sinn der literarischen Vorlage, Goethes vermeintlicher Kritik am Verlauf der Französischen Revolution aus dem Jahre 1797, war nach einhundert Jahren im Dukas-Scherzo allerdings wenig geblieben. Denn der Anlass zur Verfassung der Ballade war die Warnung des Dichters und Staatsmanns Goethe, dass, wenn der Geist die Kontrolle über ein Geschehen verliert, fast automatisch alptraumartige Zuspitzungen entstehen, falls sich kein weiser Staatsführer durchsetzen kann.
Mit dem zweiten Konzertbeitrag verabschiedete sich die Capell-Compositrice der Sächsischen Staatskapelle der Saison 2025/2026 Unsuk Chin mit Ausschnitten aus ihrer Oper Alice in Wonderland von ihrem Dresdner Engagement und vom hiesigen Publikum.
Als der Musikdozent des Christ College Oxford Charles Lutwidge Dodgson (1832-1898) am Weihnachtsabend des Jahres 1865 der 13-Jährigen Tochter Alice seines Freundes Henry George Lidell (1811-1898) eine seiner Geschichten als Weihnachtsgabe „in Erinnerung an einen Sommertag“ überreichte, war ihm nicht in Annäherung klar, was ihm da gelungen war. Der Junggeselle Dodgson hatte den drei Töchtern des College-Dekans bei seinen Besuchen häufig kleine Geschichten erzählt, als ihn die kleine Alice aufforderte, die Story vom weißen Kaninchen doch mal aufzuschreiben. Das Geschenk, mit Zeichnungen des Verfassers versehen und in grünem Saffianleder gebunden, kam in die Hände des schottischen Pfarrers und Schriftstellers George MacDonald (1824-1905), der im Jahre 1865 eine Veröffentlichung unter dem Pseudonym Lewis Carroll lancierte.
Was sich daraus entwickelte ist allgemein bekannt:
Neben Carrolls eigenem Deutungsroman Durch den Spiegel und was Alice dort fand, aus dem Jahre 1871 hatten sich unzählige Kreative der Grundidee aus dem literarischen Nonsens bemächtigt und Deutungen und Bearbeitungen in allen denkbaren Kunstformen geschaffen.
Um die Jahrtausendwende fügte die Komponistin Unsuk Chin gemeinsam mit dem Librettisten David Henry Hwang (*1957) der nahezu unübersichtlichen Fülle von Nachschöpfungen des Romans des Lewis Carroll eine im Jahre 2007 uraufgeführte Oper hinzu.
In der Matinee entführte die Dirigentin Elim Chan die Konzertbesucher mit der australischen Sopranistin Siobhan Stagg in Teile aus der von der Komponistin zusammengestellten Suite unter dem Motto Puzzles and Games-Rätzel und Spiele in Alices Wonderland. Die Sängerin musste dabei mehr leisten, als nur schön und sauber zu singen. Ihre Alice reagierte auf die Flut der absurden Situationen und der zunehmenden Verwirrungen der Figur. Sie wechselte blitzschnell zwischen Koloraturen und eigentlich zu deklamierenden Passagen, ohne dabei die Vielseitigkeit ihrer Bewegungen zu vernachlässigen. Da ihr Gesang von der Komponistin sehr variabel mit dem vielschichtigen Orchesterklang verzahnt war, wurden ihr eine präzise, jederzeit kontrollierten Intonation in einer komplexen, oft atonalen Tonsprache abverlangt.
Siobhan Stagg ließ die Alice trotz der enormen musikalischen Komplexität der technischen Anforderungen überzeugend als eine neugierige junge Frau erscheinen.
Die Orchesterbegleitung Elim Chans erzeugte mit den ungewöhnlichen Instrumentalklängen und komplexen Rhythmen beim Publikum permanente Erwartungen, welches Spiel folgen könnte. Die Staatskapelle wirkte wie ein kompliziertes Puzzle, das ständig neu zusammengesetzt werden musste, dann aber wie ein riesiges Uhrwerk. Die ungeregelte Mischung von Gesang, Musik und Faszination verschmolzen das Puzzle , in dem sich die Regeln fortwährend veränderten und führten bei dem einen oder anderen im Publikum, wie im richtigen Leben, zu Verunsicherungen.
Chan hinterließ auf dem Dirigentenpult einen besonderen Eindruck. Sie harmonierte mit dem Orchester perfekt.
Das Konzert schloss mit Auszügen aus Sergej Prokofjews Ballettmusik zu Romeo und Julia ab.
Auf eine Einladung des Leningrader Kirow-Theaters reiste Sergej Prokofjew (1891-1953) nach seinem Heimatland, um als in der Welt etablierter Ballettkomponist für ein führendes Ensemble ein Werk zu komponieren. Aus den ihm vorgeschlagenen Stoffen wählte er für die abendfüllende Ballettmusik die berühmteste der tragischen Liebesgeschichten der Weltliteratur von Romeo und Julia aus, obwohl oder vielleicht weil, das Sujet Shakespeares bereits mehrfach vertont worden war. Prokofjew verbiss sich regelrecht in das Libretto von Adrian Piotrowski(1898-1937) und Sergey Radle (1892-1957). Dem Komponisten gelang das seltene Kunststück, das Shakespeare-Drama kongenial in eine andere Kunstform zu überführen. Als er allerdings beim Kirow-Ballett seine Arbeit vorstellte, fand sich Widerstand. Viele Tänzer und Choreografen meinten, das Ballett sei wegen des ungewohnt symphonischen Tones der Musik nur schwer zu tanzen. Auch am Moskauer Bolschoi-Theater kam es nur zu einer Probeaufführung, obwohl der Dirigent Juri Fayer (1890-1971) dem Komponisten den Wunsch auf ein Überleben des Paares ausreden konnte. Während der Choreograf Leonid Lawrosky (1905-1967) mäkelte, opponierte selbst die später mit der Rolle höchst erfolgreiche Galina Ulanowa (1910-1998). Dank Prokofjews früherer Tätigkeit beim Ballett Russe kannte er den Brünner Theaterdirektor Quido Arnoldi (1896-1958) und dessen Choreografen Ivo Váňa Psota (1908-1952), so dass die Uraufführung des Balletts im Jahre 1938 nach Mähren wanderte.
Während die Ballettszene noch diskutierte, stellte um das Jahr 1936 Sergej Prokofjew zwei Suiten mit den brillantesten Instrumentierungen seiner Musik zusammen , die auf Anhieb zum Erfolg im Konzertsaal und im sowjetischen Radioprogramm wurden. Im Jahre1946 folgte eine dritte, von Prokofjew autorisierte Suite. Jeder Konzertprogrammgestalter, der sich berufen fühlte, kombinierte seit dem für seine Zwecke aus der Fülle der kraftvollen Rhythmen, dynamischen Tänzen und zart schmelzenden Melodien, um mit der Zusammenstellung etwas auszusagen.
Die Dirigentin Elim Chan versuchte, ihrem Publikum auf einer Klang-Reise mit den Hauptpersonen des Balletts einen knappen Handlungsablauf zu vermitteln und ihm ein Eindringen in das Wesen der Tragödie zu ermöglichen. Mit dem Wechsel von zarten Streicherklängen zu scharfen Blechbläser Attacken stellte das Orchester die Familien-Fehde der Montagues und Capulets vor , bevor Julia vom Pater Lorenzo eingeführt und sich das Paar auf dem Maskenball begegnete. Der Schwur auf dem Balkon, die tragische Wendung mit dem Tode Tybalds samt Romeos Verbannung und des Paters Listvorschlag mit den fatalen Folgen, alles war klar und sauber aufgereiht.
Die reiche und vielfältige Instrumentierung sowie die rhythmische Komplexität der Partitur stellte für Orchester und Dirigentin eine besondere Herausforderung dar. Wie so oft erwies sich die Staatskapelle als grandios eingespieltes Ensemble, konzentriert, farbenreich, entspannt und nuanciert mit makelloser Präzision. Mit ihrer klaren, durchsichtigen Technik entwickelte sie Brillanz und Fülle, nicht ohne in den vielen abwechslungsreichen Solostellen Gelegenheiten zu bieten, zu glänzen.
Elim Chan konnte für die Durchsetzung ihrer musikalischen Vision die gesamte Orchesterpalette einsetzen. Mit festem Willen und zurückhaltender Gestik gestaltete sie alles hörbar: die Feindschaft der Familien, die Fröhlichkeit des Maskenballs, Julias mädchenhafte Motive, Romeos flirrende Virtuosität, die Milde des Pater Lorenzo und die melancholische Verlorenheit der Gruft.
Ein gelungener Abschluss der Konzert-Saison.