München, Residenztheater München, DIE PRÄSIDENTINNEN - Werner Schwab, IOCO

München, Residenztheater München, DIE PRÄSIDENTINNEN - Werner Schwab, IOCO
Residenztheater München bei Nacht, Foto: wikipedia

Mord als anales Problem / ein Textüberbietungstheater

Werner Schwabs „Die Präsidentinnen“ am Residenztheater München ist rundum perfektes Theater von „fäkaliendramatischem“ Werktreue-Extremismus.

Von Stephan Thomas und Hanns Butterhof

Werner Schwabs Schauspiel Die Präsidentinnen von Werner Schwab befragt die Gefährlichkeit von Menschen, deren Energie, die ihr elendes Leben am Laufen hält, von sentimentalen Illusionen aus einem 99-Cent-Laden gespeist werden und in deren Weltsicht das Zentralgestirn eine Scheibe ist. Werner Schwabs Befund in dem von ihm so genannten „Fäkaliendrama“ Die Präsidentinnen lautet, dass Mord nicht ein moralisches, sondern ein anales Problem ist. Die Inszenierung am Residenztheater München in der Regie von Claudia Bauer mit den Schauspielerinnen Katja Jung, Myriam Schröder und Lisa Wagner ist rundum perfektes Theater.

 

DIE PRÄSIDENTINNEN, Die Welt im Lot: Myriam Schröder, Katja Jung, Lisa Wagner © Birgit Hupfeld

Die Mitte der von Andreas Auerbach gestalteten Bühne nimmt eine Konche ein, eine halbrunde Nische mit Halbkuppel, wie man sie als Teil von Sakralbauten kennt. Sobald das Spiel beginnt, wird aus der Konche der Innenraum einer Miniküche von vielleicht acht oder neun Quadratmetern, die als hauptsächliche Spielfläche für das dramatische Personal kaum kleiner sein könnte. Die Figuren des Stücks stammen aus Schwabs prekärem erzkatholischen Herkunftsmilieu: drei Frauen, die »Mindestpensionistin« Erna (Katja Jung), die Pensionistin Grete (Myriam Schröder), und die Klofrau Mariedl (Lisa Wagner).

Die erste Szene entfaltet die Erzählungen, mit denen die drei Frauen ihre erbärmlichen Lebensumstände schönreden.

  • Erna kompensiert ihre Armut mit inbrünstiger Sparsamkeit: Wozu Kaffeefilter, wenn es Zeitungspapier gibt? Wozu überhaupt Kaffee?
  • Die mehrgewichtige, aufgetakelte Grete hält sich für lebenslustig und begehrenswert.
  • Und die zu Beginn als besonders dumm gezeichnete Mariedl zieht ihren ganzen Stolz daraus, mit bloßen Händen verstopfte Klos auszuräumen.

In der zweiten Szene schrauben die Frauen ihre identitätsstiftenden Märchen in so hirnverbrannte Höhen, dass schon ein geringer Impuls sie zusammenstürzen lassen muss.

DIE PRÄSIDENTINNEN, In Frage gestellte Weltsicht: Katja Jung, Myriam Schröder (vorne); Lisa Wagner (hinten) ©Birgit Hupfeld

Dieser Impuls geht von Mariedl aus, die sich dagegen wehrt, von den beiden anderen abgetan, in den Hintergrund geschoben zu werden. Mit maximaler Grausamkeit zerreißt sie deren Lebenslügen und erzwingt ihre Beachtung. Die kulminiert darin, dass Erna und Gretel ihr eher beiläufig als aufgebracht die Kehle durchschneiden. Den Täterinnen erwächst daraus kein moralisches Problem, sondern ein anales: Wie die ganze „Schweinerei“ aufräumen, Sauberkeit und Ordnung wiederherstellen?

Die dritte Szene zeigt das Geschehen der ersten beiden noch einmal als Theater auf dem Theater im Zeitraffer, Nietzsches ewige Wiederkunft als Albtraum, „A ewig’s Radl“.

Claudia Bauer fordert den Schauspielerinnen einiges ab. Sie müssen ihre Darstellung im Widerstand gegen all die Hemmnisse gewinnen, die Bauer vor ihnen aufbaut. Die Spielfläche, die Andreas Auerbach ihnen zur Verfügung stellt, ist winzig: die Grundfläche der Konche und ein schmaler Bühnenstreifen davor, eine kleine Hinterbühne, die per Video in die Konche hineinprojiziert werden kann, dazu die Minifläche eines über eine Leiter erreichbaren Plateaus, das wie ein Balkon wirkt. Er erlaubt den Schauspielerinnen, die Küche – konsterniert, verärgert usw. – kurz zu verlassen, ohne dass sie aus der Enge ausbrechen können.

Die Köpfe der Schauspielerinnen sind in halbtransparente Masken gezwängt, die nur Augen und Münder frei lassen. Die Gesichter wirken dadurch wie gehäutet, Furcht einflößend. Die Körper werden von grotesk unförmigen Fatsuits entstellt, die jede Bewegung erschweren, weniger bedeckt als ausgestellt von durchsichtigen Hauskitteln (Kostüme: Vanessa Rust).

All das folgt dem Text, der diese Enge zum Thema hat und ihn überwölbt mit der Beschränktheit der Perspektiven seines dramatischen Personals und dessen katholischer Bigotterie.

Claudia Bauers Inszenierung folgt dem Text nicht nur bis in seine verborgensten Verzweigungen und gibt seine Absicht nicht einfach gefällig wieder. Sondern sie entfaltet ihn auf der Bühne, indem sie ihn mit theatralen Mitteln geradezu überbietet und damit etwas schafft, was der Text allein nicht könnte.

Das Energiezentrum für dieses Textüberbietungstheater sind die Schauspielerinnen, die ihre Darstellung gegen die Beschränkungen von Maske, Kostüm und Bühne erkämpfen müssen – weil es der Text ist, der diese theatralen Zeichen so vorschreibt: die frömmelnde Selbstvergewisserung der Figuren, die sich in klaustrophobischen Videoprojektionen einer Papstmesse spiegelt; die Enge der Verhältnisse und Perspektiven, gezeigt in Fatsuits und einer winzigen Spielfläche, die erträumte Großartigkeit, die sich in den lächerlich raumgreifenden Körpern aufbläst, und die Sprache – das „Schwabische“ –, die sich anhört wie multiple Knochenbrüche, die faszinierend schlecht und verrenkt wieder zusammengewachsen sind und die die Schauspielerinnen bewältigen, indem sie lächerlich übergenau artikulieren, oft wie auswendig gelernt herunterleiern und wichtigtuerisch intonieren.

Das alles muss die Schauspielerinnen mehr fordern, als gewöhnlich von ihnen erwartet wird. Aber gerade wegen aller Hindernisse, die ihrer Darstellung Übertreibung, Grobheit und Unbeholfenheit aufzwingen, erspielen sich diese harten und grandiosen Arbeiterinnen auf der Bühne Charaktere, die martialisch dumm, bedauernswert, aufgeblasen, ernsthaft, stolz und in ihrer Gefährlichkeit unfassbar komisch sind.

DIE PRÄSIDENTINNEN, Wiederherstellung von Ordnung: Katja Jung, Lisa Wagner, Myriam Schröder © Birgit Hupfeld

Katja Jung spielt Ernas überkompensierende Sparsamkeit und Frömmigkeit mit auf Dauer ausgestellten Ellbogen wie eine Hausmeisterin, die Sauberkeit und Tugendhaftigkeit mit tödlicher Strenge überwacht. Myriam Schröders Grete ist mit hoher Stimmlage und flatterhaftem Gebaren der Inbegriff überspannter Äußerlichkeit. Und Lisa Wagner ist als Mariedl die Gestalt gewordene sich selbst erniedrigende, Schrecken erzeugende Arbeitsmoral.

Es wurde viel gelacht in dieser Vorstellung. Lisa Wagners Mariedl – und ganz viel anderes – ist tatsächlich brutal lustig. Lustig und brutal. Manchem Lacher darf man wohl unterstellen, das Brutale übersehen zu haben und sich einfach über dieses dumme Prekariat zu amüsieren. Aber Claudia Bauer kommt dem Publikum trotzdem nicht mit Einspielern von Prekariatspornos oder von Interviews an Wahlständen der AfD. Sie dekonstruiert Schwabs von selbst schon rasierklingenscharfe Groteske auch nicht, indem sie von der Bühnenkanzel herab etwa Marx’ Einschätzung des „Lumpenproletariats“ vortragen lässt und so weiter und so langweilig.

Ihr Theater ist ein ästhetisches Angebot, das nicht zwingend jeder annimmt. Dann lacht halt mal einer aus den falschen Gründen.

Claudia Bauers Inszenierungsstil ist eine Art Werktreue-Exzess. Sie fügt dem dramatischen Text nichts hinzu. Sie erforscht stattdessen jeden Winkel des Stücks. Nichts entgeht ihr, und für alles findet sie einen genialen theatralen Ausdruck, der nur im Zusammenhang der gesamten Inszenierung wirklich wirkt. Jedes einzelne theatrale Element ist mit jedem erdenklichen Thema aus Schwabs Die Präsidentinnen aufgeladen und logisch und ästhetisch verbunden. Nichts ist überflüssig. Die Bühne korrespondiert mit Maske und Kostüm, die Schauspielerinnen füllen alles, was ihnen zur Verfügung gestellt wird, randvoll aus. Und alles ist Werner Schwab. Nur eben als Theater. Also größer, krasser, besser. Jedenfalls, wenn man es in die Hände eines solchen Ensembles legt.

 

Der nächste Termin: 24.10.2026

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