München, Residenztheater, KÖNIG LEAR – William Shakespeare, IOCO

William Shakespeares „König Lear“ am Residenztheater München überzeugt mit einem herausragenden Manfred Zapatka in der Titelrolle. Eine schauspielerisch eindrucksvolle Inszenierung, die trotz starker Ensembleleistungen und fantasievoller Bühne im zweiten Teil an Spannung verliert.

München, Residenztheater, KÖNIG LEAR – William Shakespeare, IOCO
Das Residenztheater mit »Silver Cloud« von Ingo Maurer © Simon Koy

Residenztheater München

König Lear
William Shakespeare

Ungewöhnlicher Streit

von Hans-Günter Melchior

Evelyne Gugolz, Vincent zur Linden, Manfred Zapatka, Thomas Reisinger © Birgit Hupfeld

Also mal ganz ehrlich und schonungslos: Ein solcher Streit zwischen Tochter und Vater, wie Shakespeare ihn im 16. Jahrhundert schildert und zum Gegenstand eines wichtigen Teils des Schauspieles macht, würde heute nicht mehr entbrennen. So ragt das Stück ein wenig anachronistisch aus der Jetztzeit heraus: als Beispiel der Selbstlosigkeit einer potenziellen Erbin, die auf das Erbe verzichtet. Sancta simplicitas.

Da verzichtet ein bereits an beginnender Senilität – heute würde man wohl Demenz sagen – leidender König fast auf sein ganzes Vermögen, zumindest auf wichtige Teile eines sich immerhin auf einen fast halben Kontinent erstreckenden Vermögens, will es seinen drei Töchtern Goneril, Regan und Cordelia überlassen. Großzügig, wie er ist. Oder senil.

Und was geschieht zu seiner maßlosen Empörung? Cordelia, die jüngste Tochter, verzichtet. Sie weist mit ehrfürchtigen, sehr respektvollen Worten die für sie vorgesehenen Gebiete zurück. Erklärt, sie zolle dem Vater Respekt und Liebe, respektiere seine Großzügigkeit, habe jedoch mit seiner Liebe zu ihr genug. Eine solche Bescheidenheit wäre heute angesichts der hier infrage stehenden Vermögenswerte Anlass zur Verleihung des Friedensnobelpreises. Der Vater würde wohl in Rührung zerfließen, würde den Verzicht als geradezu epochales Beispiel der Selbstlosigkeit rühmen und die Tochter auf ein Podest der Bescheidenheit stellen. Er würde die entsagende Tochter umarmen und küssen und sie in die Reihe aller christlichen Wohltäter stellen. Vielleicht würde er sie am Ende für den Nobelpreis vorschlagen. Den sie, die Tochter, natürlich einer Einrichtung der Wohlfahrt zuwenden würde. Ach ja. Haben sich denn die Zeiten so geändert?

Pia Händler, Evelyne Gugolz, Steffen Höld, Manfred Zapatka, Barbara Horvath, Delschad Numan Khorschid, Thomas Reisinger, Elisabeth Nittka © Birgit Hupfeld

Anders nämlich reagiert Lear, der König und Vater Cordelias. Er ist über den Verzicht der Lieblingstochter empört, zeiht sie der Undankbarkeit und weist sie mit barschen Worten zurecht und aus dem Palast: „Beim heiligen Strahl der Sonne und allem, was sich sonst noch abspielt im Himmel, stoße ich von mir alles, was den Vater ausmacht, und seh dich als Fremde und sage dir: Halte dich von jetzt an fern.“  

Tritt jetzt wenigstens Ruhe ein? Sind alle zufrieden oder finden sich ab mit der Realität? Die Bedachten und die Verzichtende sowie der fast alles verschenkende König? Nachdem sein Zorn verraucht und Ruhe eingetreten ist? Die Ruhe der Sättigung am Reichtum, Geld und Ländereien, Gebieten und Macht einerseits, der keineswegs bescheidene König andererseits und die dem Reichtum entsagende Tochter Cordelia? Na ja, ganz mittellos blieb der König nicht gerade. Immerhin hat er sich 100 Soldaten ausbedungen, in welcher Absicht auch immer. Hundert! Denn zum persönlichen Schutz würden weit weniger Männer genügen. Was hat er denn vor? Die Ansprüche des erkennbar geistesverwirrten Königs sind so maßlos wie optimistisch. Übergeschnappt und in seiner Verwirrtheit verloren.

Manfred Zapatka als König Lear ist mehr als eindrucksvoll. Sein Spiel ergreift, geht ans Herz. Berührt. Vielleicht macht es die Fast-Gleichaltrigkeit mit dem Rezensenten. Da spielte ein würdiger Herr, der mit dem Alter vertraut ist. Die Partie des Lear ist ihm auf den Leib geschrieben. Freilich nicht nur, weil er ein gesetztes Alter hat, das Assoziationen zur Rolle hervorruft. Sondern weil er vor allem ein glänzender Schauspieler ist, der aus dem Fundus seiner Lebens- und Schauspielerfahrungen schöpft, eben die Nuancen beherrscht, die sein Spiel prägen. Manfred Zapatka war für den Rezensenten das Ereignis des Abends.

Vincent zur Linden, Manfred Zapatka, Evelyne Gugolz, Patrick Isermeyer © Birgit Hupfeld

Die Goneril der Barbara Horvath, die Regan der Pia Händler und die Cordelia der Elisabeth Nittka standen ihm gekonnt zur Seite. Es ist nicht gerade leicht, in diesem Stück voller Emotionen den richtigen Ton zu finden.

Zugegeben: Das Stück hat aber auch seine Längen. Bis der König verelendet, sich in einer miesen, höhlenartigen Unterkunft wiederfindet (sehr fantasievoll gestaltet die Bühne von Marlene Lockemann!) und sein Schicksal bejammert, vergeht eine Zeit mit Palaver und Intrigen, die ein wenig zu langweilen beginnen. Besonders nach der Pause ist das Stück in Gefahr, das eigentliche Thema, nämlich das Schicksal des geistig und wohl auch finanziell heruntergekommenen Königs und seiner einer moralischen Verelendung zutreibenden Töchter Goneril und Regan, aus dem Blick zu verlieren und sich auf Nebenschauplätze zu begeben, die im Grunde mit der substanziellen Aussage wenig zu tun haben. Dass die Hofschranzen und MachtinhaberHof miteinander wetteifern, sich raffen, was zu holen ist, nach der Macht gieren – nun ja, neu ist das nicht. Auch nicht gerade spannend. Eher Anlass zum gesellschaftlich motivierten Unbehagen, sogar Ärger. Widerstand hervorruft, der auf gesellschaftliche Veränderung zielt. Da wurde m.E. eine Chance vertan.

All die Narren, Vincent zur Linden und Steffen Höld, nun ja, man kennt das, sie sagen die Wahrheit, die freilich verpufft, wirkungslos bleibt, wie die Wahrheiten der heutigen Narren in den Wind gesprochen sind und zu reiner Unterhaltung degenerieren.

Manfred Zapatka, Vincent zur Linden © Birgit Hupfeld

Natürlich liegen derlei Ausführlichkeiten nicht zuletzt am Geist der damaligen Zeit, Shakespeares Zeit. Es entsprach der Regel, die Narren einem Stück als wirkungslose Kritiker hinzuzufügen. Heute treten sie einzeln und als Kritiker, Kabarettisten auf. Nach dem Motto: Wie war es im Drama? Na ja, man lacht.

So war der Abend, immerhin befeuert von der hervorragenden Band, gestellt von Samuel Wootton, Moritz Stahl und Silvan Strauss, einerseits schauspielerisch hervorragend repräsentiert, anderseits dann doch, jedenfalls im zweiten Teil nach der Pause, ein wenig zu lang, um die Spannung zu halten.

Freundlicher Beifall.

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