Mainz, Staatstheater, LOHENGRIN – Richard Wagner, IOCO
Richard Wagners „Lohengrin“ am Staatstheater Mainz: Erik Raskopf setzt auf eine bildstarke, weitgehend werkgetreue Inszenierung. Corby Welch und Nadja Stefanoff glänzen in den Hauptrollen, während Gabriel Venzago mit dem Philharmonischen Staatsorchester für musikalische Höhepunkte sorgt.
von Ingrid Freiberg
Die erste Idee zur Oper kam Wagner 1842 in Paris. Durch eine Abhandlung von C.T.L. Lucas über den Sängerkrieg auf der Wartburg wurde er auch auf das Lohengrin-Epos und die damit verbundene Parzival-Dichtung von Wolfram von Eschenbach aufmerksam. Einzelne Züge des Werks entnahm Wagner auch anderen Quellen. So ist der Konflikt zwischen Elsa und Ortrud vor dem Münster dem Streit der beiden Königinnen im Nibelungenlied nachgebildet und das Frageverbot der griechischen Mythologie entliehen (Zeus, Semele). Lohengrin ist eine romantische Oper. Die Uraufführung fand am 28. August 1850 am Großherzoglichen Hoftheater in Weimar unter der Leitung von Franz Liszt statt.

„Ein Wunder, ein Wunder!“
Brabant steckt in einer Krise. Das Herzogtum soll sich einem weit entfernten Krieg anschließen, der Herzog ist tot und der Thronfolger Gottfried – noch ein Kind – verschwunden. Seine Schwester Elsa soll ihn ermordet haben. Da hilft nur eines: „Ein Wunder, ein Wunder!“ Und das kommt in der ikonischen Gestalt des Schwanenritters Lohengrin. Dieser verteidigt Elsa unter der Bedingung, dass sie ihn heirate und nicht nach seinem Namen und seiner Herkunft frage. Lohengrin bringt das utopisch Neue in die Gesellschaft, doch das politische Intrigenspiel lässt den Neubeginn scheitern. Richard Wagner schuf mit Lohengrin ein Werk, das zu immer neuen Deutungen anregt. Zwischen ätherischer Gralsmusik und militärischen Fanfaren bewegt sich Wagners revolutionäre Musik, die den vielschichtigen Text zu einem überwältigenden Gesamtkunstwerk macht, zu einem durchkomponierten Musikdrama. In Lohengrin sind große arien- und ensembleartige Fragmente enthalten, so zum Beispiel Elsas „Traumerzählung“ und Lohengrins „Gralserzählung“, die an die Form der klassischen Soloarie erinnern.
Furchtbares Geheimnis …
Das Frageverbot Lohengrins übersetzt in aller Radikalität eine tiefe Sehnsucht nach Angenommensein in der Musikliteratur. Glücklicherweise hält sich Erik Raskopf (Inszenierung und Kostüme), der schon Das schlaue Füchslein bildstark in Szene setzte, nicht daran. Er nimmt sich der mythologischen Sage an und spürt in tieferen Lagen unbeantworteten Fragen nach, findet in seiner fast werkgetreuen Interpretation aber auch Überraschungen, nimmt die Sehnsucht nach Machtanspruch auf, findet ein visuelles und ästhetisches Konzept in Abstimmung mit einem streng reduzierten Bühnenbild (Christoph Schubiger), das mit den historischen Kostümen ein unaufgeregtes Ganzes bildet, eine mittelalterliche Ästhetik, die die Handlung intensiviert. Der düstere Einheitsraum mit blauschwarzen Wänden, subsidiären nebligen Videoprojektionen (Frederik Wollek), ein sinnbildlich angeordneter Scherbenhaufen reißt nach Elsas Ruf „Des Ritters will ich wahren, er soll mein Streiter sein!“ das hintere Prospekt auf, Lohengrin betritt als Hoffnungsträger, flankiert von zwei maskierten Begleitern, deren Identität zunächst im Dunkeln bleibt, die absterbende Welt. Raskopf verzichtet weitgehend auf provokante Moderne und Gegenwartsbezüge.
König Heinrich ist ausgelaugt, geht am Stock. In einem letzten Kraftakt will er das Land retten. Elsa trägt ein Geheimnis, ihr Vater, der Herzog von Brabant, hat ihren Bruder Gottfried und sie missbraucht, was ihren Bruder zum Mörder werden ließ, als Wissensbürde mit sich. Sie sucht mit ihrer berühmten Frage Lohengrins Vertrauen zu erkunden, indem sie ihm dieses furchtbare Geheimnis anvertrauen will, um zu prüfen, ob er es bewahren kann. Ihr Entschluss verändert die Entwicklung der Liebesbeziehung. Elsa ist ganz und gar nicht die bemitleidenswerte, zurückgelassene Adelstochter, die nicht weiß, warum sie angeklagt wird, und Ortrud nicht nur die machtbesessene Manipulative, die ihren Gatten Friedrich von Telramund anstachelt, schlecht und bösartig, sondern Ortrud ist auch eine Liebende mit Sehnsüchten. Gottfried (Elsas Bruder), gespielt von Lennard Simon, kommt eine besondere Rolle zu: Als Lohengrin Brabant wieder verlässt, wird der Zauber Ortruds gebrochen. Von den beiden Wachen (mit Gesichtsschilden) entpuppt sich einer als der vermisste Bruder von Elsa. Er wird als der neue rechtmäßige Herzog und Herrscher von Brabant gekrönt.

Stimmgewalt und Bühnenpräsenz
Für die Titelpartie des Lohengrin muss ein Sänger außergewöhnliche stimmliche und darstellerische Qualitäten mitbringen. Die Rolle steht an der Schwelle vom lyrischen zum heldenhaften Fach und gilt als eine der anspruchsvollsten Aufgaben für einen Tenor. Corby Welch hat trotz seiner Erfolge als Heldentenor seine lyrische Flexibilität und Leichtigkeit nicht verloren und erfüllt in dem Tenor-Marathon die „Zärtlichkeit“ der Figur. Seine hervorragende Legato-Kultur mit Tragfähigkeit im Piano sind Schlüsselmomente „Nun sei bedankt, mein lieber Schwan!“, „Nie sollst du mich befragen, noch Wissens Sorge tragen, woher ich kam der Fahrt, noch wie mein Nam’ und Art!“ und die Gralserzählung „In fernem Land“, der Höhepunkt der Oper, sind ein geheimnisvoller Lichtbringer mit perfekter Phrasierung und makelloser Gesangslinie, strahlend, glanzvoll - ohne hörbare Anstrengung. Eine weitere Glanzbesetzung ist Nadja Stefanoff als Elsa von Brabant. Sie nimmt dieser Rolle mit darstellerischer Tiefe die weitverbreitete Süße, ohne dabei mit makelloser Belcanto-Technik die jugendliche Unschuld zu vernachlässigen. In „Elsas Traum“ überzeugt ihre Stimmführung, die zu feinster Phrasierung, schwebenden Piani und lyrischem Legato fähig ist. Stefanoff verkörpert die dramatische Wandlung der Elsa glaubhaft. Zu Beginn steht sie als die zu Unrecht angeklagte, verträumte und fast kindlich-naive Jungfrau auf der Bühne. Im Verlauf der Oper entwickelt sie sich zu einer zutiefst zweifelnden, zerrissenen und letztlich starken, tragischen Frauenfigur, die an der unbeantworteten Frage nach der Identität ihres Retters zerbricht. Mit ihrer exzellenten Diktion, tiefen Nuancierung, rhythmischer und intonatorischer Präzision begeistert sie auch in den Ensembleszenen.
Brett Carter als Friedrich von Telramund bringt die stimmlichen, darstellerischen und psychologischen Qualitäten, die diese Partie erfordert, mit. Seine tragfähige Stimme mit einem metallischen Kern kommt trotz der geforderten Höhe ohne zu forcieren gegen das große Orchester an. Carter beherrscht das „Wort-Ton-Drama“, klagt an, flucht, tobt und verzweifelt. Trotz aller Härte und Kantigkeit gelingen ihm lyrische Momente „Ich kenne dich als aller Tugend Preis, jetzt rede, dass der Drangsal Grund ich weiss“, er findet zu einer fließenden Gesangslinie. Sein Telramund ist kein flacher Bösewicht, sondern eine zutiefst tragische und gebrochene Figur. Er stellt die Dynamik eines Mannes dar, der aus vermeintlicher Liebe in eine moralische Falle tappt. Mit „Du fürchterliches Weib …“ glückt ihm der Übergang von blinder Wut über tiefe Scham bis hin zu absolutem Kontrollverlust und Unterwürfigkeit. Mit physischer Wucht ist er ein gefährlicher Gegenspieler zur Lichtgestalt Lohengrin. Während die Sagenfiguren Lohengrin und Elsa schon im Mittelalter existierten, ist die Intrigantin Ortrud keine klassische Sagengestalt. Wagner erfand sie als heidnische Gegenspielerin, die die Handlung durch psychologische Manipulationen antreibt. Das Staatstheater Mainz, Opernhaus des Jahres, gewann mit Julija Vasiljeva eine Sängerin mit großem Stimmumfang und unverwechselbarem Timbre, ein Mezzosopran mit mühelos strahlender Höhe, aber auch profunder Tiefe und dramatischer Ausdruckskraft in allen Registern "Entweihte Götter!", "Fahr heim!". Sie ist die intellektuelle und manipulative Drahtzieherin im Hintergrund, die die Schwachstellen ihrer Gegner*innen bedrohlich ausnutzt. Das manipulierende Zwiegespräch mit Elsa täuscht Reue vor … Vasiljeva und Stefanoff bannen das Publikum. Bei Verbesserung ihrer Diktion, für eine Fremdsprachlerin bei Wagners Kunstsprache äußerst schwierig, wäre sie fast eine Idealbesetzung für die Rolle der Ortrud.

Stephan Bootz als König Heinrich bringt inszenierungsbedingt ein sehr spezifisches Profil mit, gebrechlich und resigniert hat er eine starke szenische Wirkung. Seine Autorität, Würde und Herrschermacht ist merklich am Verblassen. Bereits zu Beginn mit „Gott grüß euch, liebe Männer von Brabant!“ „Ob Ost, ob West, das gelte allen gleich. Was deutsches Land ist, stelle Kampfesscharen. Dann schmäht wohl niemand mehr das Deutsche Reich.“ muss er gegen monumentale Choreinsätze und schmetternde Bühnenfanfaren ansingen. Dabei bleibt er in der Belcanto-Tradition des deutschen Fachs deklamatorisch sauber, mit kantablem Klang. Sein Bass hat ein tiefes, dunkles Fundament, das der phasenweise hoch liegenden Partie gewachsen ist. Tim-Lukas Reuter als Heerrufer des Königs ist der rote Faden im Geschehen: Er ist von zentraler Bedeutung, verkündet die Beschlüsse des Königs, ruft das Gottesgericht ein und leitet das Volk. Mit seinem hohen, flexiblen Bass kommt Reuter mit seinen Proklamationen über das Orchester, über die Fanfarenstöße (die berühmten Heerhornbläser) und gegen den großen Opernchor „Hört! Grafen, Edle, Freie von Brabant!" hinweg.
Junge Sängerinnen und Sänger bekommen eine Bühne
Das Staatstheater Mainz, Opernhaus des Jahres, gibt in dieser Produktion Sängerinnen und Sängern des Jungen Ensembles in Zusammenarbeit mit der Hochschule für Musik Mainz, dem Peter-Cornelius-Konservatorium und der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Frankfurt eine Bühne. Die vier Edeldamen, Dohyun Lee, Jeeho Anja Park, Paula Maria Müller und Luisa Sagliano verkörpern die höfische Gesellschaft von Brabant, dienen als Kontrapunkt zu den politischen Konflikten der Männer und bilden ein kleines, eigenständiges Ensemble. Es gelingt ihnen, sich mit ihren Stimmen vom großen Opernchor abzusetzen. Sie verleihen den Szenen rund um Elsa eine intime, weibliche und feierliche Atmosphäre. Auch die brabantischen Edlen, David Jakob Schläger, Nikolas Groth, Luis Gehrmann und Hyeongho Lee, die lautstark Zweifel an der Herkunft von Lohengrin äußern und sich aufgestachelt von Telramund und Ortrud bereiterklären, sich gegen Lohengrin zu stellen, gewinnen. Ihre kriegerischen Einwürfe bringen Unruhe und dumpfes Misstrauen in das Volk, wodurch sich die dramatische Spannung vor dem großen Finale zuspitzt. Sie sind dafür verantwortlich, das „Recht des Friedens“ am Kampfring mit ihren Speeren physisch zu sichern. Sie beeindrucken gut aufeinander abgestimmt und ausbalanciert.
Tragende Säule der Aufführung
Aufgrund der kompetenten Einstudierung, der notwendigen Chorstärke und dem erarbeiteten ausgezeichneten Zusammenspiel wird der Chor und Extrachor des Staatstheaters Mainz unter der Leitung des Chorleiters Sebastian Hernandez-Laverny - mit wenigen Abstrichen – der Herausforderung (80 % Bühnenpräsenz) von Wagners großer Choroper stimmlich wie darstellerisch gerecht und ist eine tragende Säule der Aufführung.
Das Orchester gewinnt durch Balance
Schon das Vorspiel zum 1. Akt offenbart das kompositions- und orchestrierungstechnische Genie Wagners: „Wir haben hier in der Tat ein gewaltiges, langsames crescendo, welches, auf dem höchsten Grade der Klangfülle angelangt, im umgekehrten Sinne sich zu einem Ausgangspunkte zurückwendet und in einem fast unhörbaren Säuseln endigt(...) für mich ist es ein Meisterwerk.“ (Hector Berlioz).

Das Philharmonische Staatsorchester Mainz unter der musikalischen Leitung von Gabriel Venzago lässt die mystische Grals-Atmosphäre in blau-silberner Schönheit aufleuchten, in fein abgestuften Schattierungen von zarten Piani bis zum überschwänglichen Höhepunkt des Grals-Themas. Lyrische Streicherklänge, warmes Holz, rundes strahlkräftiges Blech und wohlklingende Klangmischungen lassen das Orchester aufblühen, erfolgreich im berühmten Vorspiel zum 1. Akt, dem extrem hohen Streichersatz (A-Dur), der makelloses Pianissimo einfordert. Die gewaltigen Fanfaren und die Blechbläser hinter und abseits der Bühne überzeugen mit Präzision. Das berühmte Frageverbot wird klar herausgearbeitet. Das exakte Austarieren der Lautstärke zwischen dem wuchtigen Chorklang, den Solisten und dem Orchester gewinnt durch Balance.
Fußnote: Charlie Chaplin verwendet das Vorspiel von Wagners Lohengrin als Untermalung von zwei berühmten Szenen in seinem Film Der große Diktator (1940), wenn der Diktator Hynkel mit der Weltkugel tanzt, und bei der Schlussansprache des (ebenfalls von Chaplin verkörperten) Friseurs. Beim Tanz mit der Weltkugel bricht die Ouvertüre unvermittelt vor dem Höhepunkt ab, und der Weltkugel-Ballon zerplatzt. Bei der Schlussansprache hingegen erreicht die Ouvertüre ihren Höhepunkt und kommt zu einem musikalisch befriedigenden Abschluss.
Während die Musik und das Ensemble beim Schlussapplaus begeistert gefeiert wird, gab es für das Regieteam vereinzelte Buhrufe.