Bayreuth, Bayreuther Festspiele, PARSIFAL – Richard Wagner, IOCO
Jay Scheibs „Parsifal“ bei den Bayreuther Festspielen verbindet Wagners Erlösungsdrama mit Umweltzerstörung, Rohstoffausbeutung und Technologiekritik. Augmented Reality erweitert die Bühne. Sänger und Orchester unter Pablo Heras-Casado beeindrucken.
von Adelina Yefimenko
Der kobaltblaue Obelisk anstelle des Kreuzes:
Der „Parsifal“ bei den Bayreuther Festspielen
Herbert Rosendorfer – Wagnerianer, deutscher Schriftsteller, Karikaturist, Jurist und vor allem exzellenter Kenner Bayreuths – formulierte mit der für seinen Stil typischen Ironie eine lehrreiche Sentenz: „Die Geschichte der Oper ist die Geschichte ihrer Krisen“ (Die Geschichte der Oper sei cum grano salis …). Doch das Wesen der Oper besteht gerade darin, Krisen zu ignorieren und ihrer historischen Bestimmung zu folgen: Augmented popularity, die Erweiterung ihrer Popularität. Von der Entstehung der Wagner-Festspiele bis heute sind die Wechsel von Krise und Triumph vornehmlich das Terrain moderner Regisseure.
Ein großer Verdienst Katharina Wagners besteht darin, Bayreuth als totalen Syntheseort zu positionieren – einen Ort der Verbindung von Kunst, Geschichte, sozialem Experiment, Personenkult und kollektiver Reflexion. Die augmentierte Rezeption des Gesamtkunstwerks, die Öffnung der Archive, neue Impulse zur wissenschaftlichen Aufarbeitung, die Einbindung von Forschenden in Vortrags- und Bibliotheksarbeit einerseits, sowie innovative Inszenierungspraxis des „Neuen Bayreuth“ andererseits – all dies erfüllt in konsequenter Weise das Vermächtnis ihres Urgroßvaters: „Kinder, macht Neues!“
Trotz Unmuts seitens konservativer Wagnerianer, Sponsoren und eines großbürgerlichen Publikums hat sich das Festival zu einem Zentrum der Contemporary Art sowie der New Media & Technology Art entwickelt.

Seit 2023 ist Augmented Reality eine neue Markierung des Wagnerschen Gesamtkunstwerks. Interessant ist, dass die lateinische augmentatio – Erweiterung – das germanische Auge (Auge) in sich trägt. Das Bayreuther Publikum erlebt die letzte von Wagner selbst so benannte Bühnenweihfestspiel-Oper Parsifal als fortlaufend entwickeltes Augmented-Reality-Projekt.
Mit der neuen Inszenierung des US-amerikanischen Regisseurs Jay Scheib und des AR-Designers Joshua Higgason begann meine Feldforschung „Bayreuth 2024“, inspiriert durch europäische Experimente mit Media Games und KI-Opern. Die Akkreditierung zur neuen Produktion startete mit der Anpassung einer AR-Brille, exakt abgestimmt auf meine Sehstärke – fast medizinisch präzise.
Diese ungewohnten Vorbereitungen und die Aufführung selbst erinnerten mich an Wagners berühmten Ausspruch: „Nachdem ich das unsichtbare Orchester geschaffen habe, möchte ich nun auch ein unsichtbares Theater erfinden!“
Zunächst sei aber daran erinnert: Wagner komponierte Parsifal explizit für sein Bayreuther „unsichtbares Orchester“, eingebettet in die akustisch-architektonische Fantasie des Festspielhauses. Nicht zufällig wirkt das Werk wie eine Liturgie der „Bühnenweihung“ – Bühnenweihfestspiel.
Die Idee einer Kunstreligion als Gegenentwurf zum starren Dogmatismus weltlicher Religionen haben Regisseure unterschiedlich interpretiert. Uwe Eric Laufenbergs Inszenierung von 2016 entlarvte diesen Dogmatismus überzeugend.
Doch seit 2022 hat die Konfliktdramaturgie weltreligiöser Führungen an Aktualität verloren. Neben globalen Katastrophen wie Kriegen oder Klimakrise erleben wir die Geburt einer neuen quasi-religiösen Ordnung. Technomedialität, Visualistik, Computergestaltung haben ihre säkulare Schattenexistenz verlassen und formen einen neuen – bisher kaum reflektierten – Weltmythos des 21. Jahrhunderts.

Wie in allen Epochen sind Mythos und Ritual Themen der Kunst: Sie spiegeln Weltbilder, Bedürfnisse, Legenden und Kulte. Die moderne „Religion“ der Technomedialität verspricht Unsterblichkeit, Überwindung von Krankheit und Tod. Die Wahrnehmung durch AR-Brillen ist ein erster Schritt zur Auffassung des Raumes als singuläres, durch das Auge gefiltertes Ereignis. Wagnersche Symbole verschmelzen mit neuen Zeichen einer gespaltenen Realität und formen unsere fragmentierte Wahrnehmung.
Parsifal, von Wagner einzig für Bayreuth zugelassen, erreichte die Weltbühnen erst 1913. Scheibs augmentierte Produktion ist somit symbolisch eine Art Jubiläum. Ob AR-Brillen tatsächlich einen „neuen Gral“ der Regiekunst eröffnen, wird die Zukunft zeigen. Entscheidend ist, dass der Kern des Werkes – Empathie – unversehrt blieb und sogar erweitert wurde: das Ewige versus das Menschliche.
Scheib bettet Parsifals Weg vom leichtsinnigen Jüngling zum Retter Amfortas’ unter die Krisen einer modernen Generation: Technologiegötzen, Ausbeutung natürlicher Ressourcen, Erschöpfung der Erde, soziale Ungleichheit, Menschenhandel auf der Suche nach dem „Gral der westlichen Zivilisation“ – dem grünen Kobalt.
Ein riesiger kobaltblauer Obelisk ersetzt das Kreuz; das christliche Herzsymbol verkommt zu Kitsch.
Der Orchesterbeginn ertönte über die Großaufnahme einer zärtlichen Umarmung Gurnemanz’ und Kundrys. Vielleicht braucht jeder Gralsritter eine Kundry zum Überleben. Doch in Scheibs apokalyptischer Welt überlebt am Ende niemand.

Der Regisseur provoziert die Frage, wie die finale Wagner-Zeile „Erlösung dem Erlöser!“ in einer Medien- und Rohstoffabhängigkeit unserer Gegenwart zu begreifen ist. Peter Konwitschny pflegte zu sagen: „Nach Erlösung wird immer erst gerufen, wenn es keine Lösung mehr gibt.“
Der gewaltige Kobaltbrocken in Parsifals Händen erscheint als Notung des 21. Jahrhunderts – kein Schwert, sondern ein Rohstoff (Kobalt, Lithium, Nickel, Grafit), notwendig für Batterien, Smartphones und E-Autos.
Das erklärt das giftig wirkende Lichtdesign (Rainer Casper), die schrillen Neonfarben der Bühne (Mimi Lien) und die künstlich-überzeichneten Kostüme (Meentje Nielsen). Selbst durch die abgedunkelte AR-Brille blendeten sie.
Vor diesem Farbrausch erzählt Scheib den Parsifal-Mythos als künftige Geschichte eines Glaubensverlusts angesichts planetaren Sterbens: Erde, Natur, Menschheit.
Im ersten Akt zelebrieren die Menschen der letzten Generation noch rituelle Handlungen und fetischisieren kleine goldene Altäre. Sie hoffen auf das Auffinden lebensnotwendiger Ressourcen; im letzten Akt aber sind sie entkräftet, wie Gurnemanz in schmutzigen Lumpen, statt seines strahlenden gelben Ritualgewands. Georg Zeppenfeld verkörpert ihn überwältigend: Sein flexibler, farbenreicher Bass, perfekte Diktion, tragische Autorität machten ihn zum gefeierten Mittelpunkt. Manche meinten, die Produktion müsse „Gurnemanz“ statt „Parsifal“ heißen.
Doch auch Andreas Schager ist ein vokales Phänomen: ein wahrer Wagner-Held, zugleich lyrisch, kraftvoll und von außergewöhnlicher physischer Kondition. Besonders in der Parallelbelastung als Tristan zeigte er eine beeindruckende Ausdruckspalette. Sein Parsifal bleibt menschlich, zärtlich, ein Hoffnungsträger irdischer Liebe.
Im dritten Akt kehrt er zu Amfortas und Kundry zurück – in einer Welt aus kobaltblau verseuchtem Wasser und rostendem Metallschrott. Vitalij Kowaljow (Titurel) klang wie aus dem Grab herauf.
Miina-Liisa Värelä schenkte Kundry eine unerhörte Ehrlichkeit und vokale Größe – scharf, leidenschaftlich, tragisch.
Im zweiten Akt erlebt Parsifal eine illusionäre Überlebenschance in Klingsors rosa Virtualwelt: Puppenblumenmädchen, gigantische Lilien, Figuren wie aus Alice im Wunderland, doch alles selbstbetrügerisch. Scheibs augmentierter Kobaltkristall ist rosa, leer, falsch. Kundrys Reue rettet Parsifal vor dem Zusammenbruch der falschen Realität. Klingsor stirbt als Erster – unter den Trümmern seiner AR-Welt, die als Videoprojektion an das Festspielhaus erinnert. Jordan Shanahan brillierte mit markantem Bariton und perfekter Diktion.
Was aber fügt Augmented Reality dem Bühnengeschehen hinzu – und warum empfanden manche sie als überladen?
Der Schauplatz ist symbolisch: Regionen des Kobalt- und Lithiumabbaus in ausgetrockneten Salzseen oder Erzminen. Der Rohstoffabbau führt zu katastrophaler Entwässerung, Verlust von Wäldern, Gefährdung von Menschenleben, fehlender Arbeitssicherheit.
Im Programmheft werden Länder erwähnt: Australien und Chile produzierten 2020 jeweils 25 % des Lithiums; die DR Kongo bleibt führend im Kobaltmarkt.

Durch AR sehen wir die Folgen der Produktion von iPhones, Teslas, Samsung-Geräten: rissige Salzlandschaften, verwundete Tiere, animierte Wesen wie Amfortas’ Schmerzbrüder.
Michael Volle (Amfortas) sang mit intensiver körperlicher Präsenz und klanglicher Wucht: ein Märtyrer, dessen Wunde im Video grotesk vergrößert von Kundry behandelt wird – Assoziationen an Hermann Nitsch sind unverkennbar.
AR überflutet das Blickfeld: grünlich beleuchtete Skelette, Schlangen, verbrannte Büsche, Granaten, alles überlagert die Handlung. Doch spannend sind die ikonografischen Querbezüge zu Dürers und Beuys’ Hasen, zu Schlingensief oder dem ukrainischen Fuchs Mykyta.
Ein verwundeter Fuchs sitzt einsam in einer Landschaft, die dem Salar de Uyuni gleicht – größtes Lithiumvorkommen der Welt.
Die AR-Elemente erzeugen Schwerelosigkeit: ein Schwan im Schoß, der uns anblickt; virtuelle Avatare schweben ins Publikum; Tauben fliegen unter dem Dach; im zweiten Akt blühen Blumen anstelle von Körpern.
Im dritten Akt nur noch Müll, Plastik, fliegende Batterien. Speere fliegen direkt ins Auge – schmerzlos, aber erschreckend real.
Nur der letzte AR-Symbolvogel – der Heilige Geist im goldenen Lichtkreis – schenkt Trost. Doch wofür? Welche Hoffnung bietet Scheib?
Vielleicht glaubt er an politische und ökonomische Verantwortung – an neue Konzepte zur Rettung der Natur und an die Fähigkeit zur Empathie, wie Parsifal sie erlernt.
Ein Zitat aus einem Podcast im Programmheft spricht Bände:
„Ich besuchte die Kobalt-Mine Shabara. 15 000 Menschen arbeiten dort von Hand. Wenn man die Geräusche des Hämmerns überhört, hört man Schreie. Man versteht, was ‚grünes Kobalt‘ bedeutet.“
Der Kobaltschlamm verletzte Tiere und tote Bäume spiegeln sich in den Tarnkostümen der „Kobaltritter“.
Im Finale betreten Parsifal und Kundry das giftige Wasser – Rücken zum Publikum.
Auf ihren Jacken steht: „Remember me!“ Kundrys Pullover, inspiriert von Hilma af Klint, zeigt zwei Schwäne – ein neues Bild von Wagners Liebestod: Liebe–Tod, Schwarz–Weiß, Mensch–Natur.
Die Warnung vor dem ökologischen Untergang kommt in Bayreuth heute nicht von Priestern oder Politikern, sondern von Künstlern. Und doch pilgern die Wagnerianer weiter hierher, um die besten Stimmen der Welt und den einzigartigen Klang des unsichtbaren Orchesters zu erleben.
Der musikalische Höhepunkt geschieht – wie immer – im Orchestergraben.
Pablo Heras-Casado entwickelte farbenreiche Tembraldynamik, große Aufmerksamkeit für die Sänger, doch vor allem war die mystische Kraft des Orchesters am Karfreitag überwältigend.
Um all dies wahrzunehmen, muss man jedoch musikalisch erfahren sein – denn angesichts der dreifachen visuellen Überflutung (Bühne, Projektionen, AR) tritt die Musik in solchen ästhetischen Konzepten leicht zurück.