Mannheim, Rosengarten, 1. AKADEMIEKONZERT – Beethoven, Strauss, IOCO
Mit Beethovens Ouvertüren und Strauss’ „Vier letzten Liedern“ sowie „Don Juan“ eröffnete die Musikalische Akademie Mannheim ihre 248. Saison. Hanna-Elisabeth Müller begeisterte mit innigem Gesang, Roberto Rizzi Brignoli und das Nationaltheater-Orchester mit überwältigender Klangpracht.
von Uschi Reifenberg
Erstes Akademiekonzert der Musikalischen Akademie des Nationaltheater-Orchesters Mannheim am 5. Oktober 2026 im Rosengarten Mannheim
GMD Roberto Rizzi Brignoli, Dirigent
Hannah-Elisabeth Müller, Sopran
Nationaltheater-Orchester
Ludwig van Beethoven (1770-1827)
Egmont Ouvertüre op. 84
Richard Strauss (1864-1949)
Vier letzte Lieder
Ludwig van Beethoven
Leonore-Ouvertüre Nr.3
Richard Strauss
Don Juan op. 20
Mit überschäumender Lebenslust
„In zwei Jahren feiert die Musikalische Akademie Mannheim ihr 250‑jähriges Jubiläum, das ist einmalig in Deutschland“, begrüßte Mannheims Kulturbürgermeister Thorsten Riehle das Publikum vor Konzertbeginn und läutete zusammen mit Fritjof von Gagern die 248. Saison der traditionsreichen Akademiekonzerte ein. Die Förderung des Dezernats sei dem Orchester auch in Zeiten der angespannten finanziellen Situation gewiss, so Riehle, das mit seiner hohen Spielkultur und Exzellenz einen außergewöhnlichen Ruf, vor allem in der Strauss- und Wagner-Pflege, genießt. Der 1. Vorsitzende der Musikalischen Akademie und Solocellist des Nationaltheater-Orchesters, Fritjof von Gagern, freute sich, 300 neue Abonnenten begrüßen zu können, die nun die große „Akademiefamilie“ bereichern. Er dankte den Förderern der „Fontana Stiftung“ mit seinem Vorsitzenden Dr. Stephan Scherer sowie Michael Arneburg, der maßgeblich für das Engagement der Solistin des Abends, Hanna-Elisabeth Müller, verantwortlich zeichnet.
Unter dem Motto der neuen Spielzeit: Musik. Menschen. Momente. verknüpfte das Eröffnungskonzert zwei kontrastierende Werke von Richard Strauss und Ludwig van Beethoven, dessen 200. Todestag 2027 bereits seine Schatten vorauswirft, außerdem wurde der Mannheimer Strauss-Zyklus fortgesetzt. Die Themen des ersten Konzerts „Abschied und Aufbruch“ markieren zum einen Strauss’ großen Schwanengesang „Vier letzte Lieder“. Mit Beethovens Ouvertüren „Egmont“ und der „Leonoren-Ouvertüre Nr. 3 in C-Dur“ feiert der Komponist den hoffnungsvollen Aufbruch in ein neues Zeitalter der Freiheit und Humanität. Den Abschluss bildete Strauss' frühe Tondichtung „Don Juan“, ein Werk, das zwischen überschäumender Liebeslust und Lebensüberdruss den Mythos des ewigen Verführers in schillernde Orchesterfarben kleidet.
GMD Roberto Rizzi Brignoli und das Nationaltheater-Orchester bewiesen an diesem Abend einmal mehr ihre Spitzenposition und bestachen durch höchste Klangkultur, packende Emotionalität und stilistische Wandlungsfähigkeit. Rizzi Brignoli dirigiert mit unbändiger Energie und maximalem Körpereinsatz, der Musiker und Publikum gleichermaßen euphorisierte und unter Dauer-Spannung hielt.
Mit Beethovens erdenschweren, düsteren Anfangsakkorden der „Egmont-Ouvertüre“ wird man hineingezogen in das von Furcht und Unterdrückung geprägte Szenario von Goethes Trauerspiel, dem Beethoven eine kongeniale Musik zur Seite gestellt hat. Theatralisch wirkungsvoll wird die Polarität von sinfonischer Dramatik und lyrisch-zarten Momenten ausgestaltet, klar treten die Strukturen heraus, den dunkel grundierten Bläserakkorden, die frei von jeder Schärfe sind, stehen fein intonierende Holzbläser gegenüber. Der Allegro-Teil besticht mit stabilem Puls, die Streicherthemen treiben die dramatische Zuspitzung voran. Sehr wirkungsvoll beschreibt der Dirigent mit der Generalpause den Tod des Helden, auf den in jubelnden Steigerungen und strahlenden Bläserfanfaren die Freiheitshoffnung über die Tyrannei siegt.
Die 3. Leonoren-Ouvertüre ist eine von vier Ouvertüren zu Beethovens Oper Fidelio, die aufgrund ihrer sinfonischen Geschlossenheit und perfekten Dramaturgie als eigenständiges Werk den Weg in die Konzertsäle gefunden hat. Das Werk antizipiert in nuce die Handlung der Oper, welche die Gattenliebe idealisiert und ebenfalls aufklärerische Ideale wie Humanität, Freiheit und Widerstand gegen Tyrannenwillkür thematisiert, Beethovens ganz persönliche Lebensmaximen. Rizzi Brignoli zeigte wieder eine straffe, hochemotionale und dramatisch packende Interpretation, die in der Verbindung von Sinfonik und Drama große Wirkungen entfaltete, die dynamischen Kontraste schärfte und die Gefühlslagen der Charaktere auslotete. Aufrüttelnd der signalhafte Anfangsakkord mit der leise absteigenden Linie, aus der sich das wehmütige Florestan-Thema schält, von den Klarinetten kantabel gestaltet. Spannend beginnt der Allegro-Teil, den Rizzi Brignoli in sehr schnellem Tempo nimmt. Markante Forte-Piano-Wechsel werden in synkopisch drängendem Gestus weitergeführt. Das Trompetensignal aus dem Off markierte die ersehnte Befreiung, die virtuose Soloflöte phrasierte auch im aberwitzigen Tempo das Freiheits-Thema perfekt, das dann mit zunehmender thematischer Verdichtung – Tempo Presto – in steten Steigerungswellen triumphal im vollen Orchesterglanz erstrahlte.
Richard Strauss' „Vier letzte Lieder“, eines seiner letzten Werke, geschrieben 1948, ein Jahr vor seinem Tod, auf drei Gedichte von Hesse (Frühling, September, Beim Schlafengehen) und Eichendorff (Im Abendrot). Sie kreisen um Loslassen, Abschied und Tod. Strauss lässt hier noch einmal die Klangwelt der spätromantischen Musiksprache in ihrer Vielfalt und Pracht erstehen, blickt wehmütig zurück und nimmt allmählich, ohne Bitterkeit, Abschied.
Solistin war die in Mannheim geborene und ausgebildete Hanna-Elisabeth Müller, international renommierte Sopranistin, die auch im Opernfach weltweit gefragt ist und an diesem Abend zum ersten Mal überhaupt in Mannheim gastierte. Ihr Auftritt wurde mit großer Freude erwartet. Sie gestaltete die üppig besetzten Orchesterlieder mit viel Wärme und Innigkeit. Ihr lyrischer, klarer Sopran besticht durch ein helles Timbre und Jugendlichkeit. Die geschmeidige, ebenmäßige Mittellage und ihre leicht ansprechende, schön aufblühende Höhe prädestinieren sie darüber hinaus für den Liedgesang. Müllers Stimme fügte sich in das komplexe Orchestergewebe ein, erweckte den „Frühling“ aus „dämmrigen Grüften“ zum Leben und veredelte die aufblühende Natur mit eleganten Melismen. Rizzi Brignoli schwelgte in Klangfarben, überdeckte aber bisweilen die Sopranistin, die dennoch ihren Sopran unforciert in langen Legatobögen durch den „September“ führte. Die bedeutsame Textzeile „Langsam tut er die müdgewordnen Augen zu“ gelang sehr berührend, das warme Solo-Horn beschwor „Beim Schlafengehen“ den „Zauberkreis der Nacht“. Die Seele löst sich von allem Irdischen, bereit für den Übergang in transzendente Sphären. Müllers Sopran nimmt die berückende Melodie der Solovioline auf, die in leuchtenden Sopran-Höhen gipfelte. „Im Abendrot“ schließt sich der Kreislauf des Lebens, in elegischen Bögen, mit verklärter Ruhe und Melancholie verströmte sich die Sopranistin, flankiert vom Lerchengezwitscher der Piccoloflöten, mit der letzten hingehauchten Frage: „Ist dies etwa der Tod?“.
Vom Welt-Abschiedswerk des altersweisen 84- jährigen Komponisten zurück zum draufgängerischen Jugendwerk, mit dem der 24-jährige Strauss 1888 seinen Durchbruch feierte: die Tondichtung „Don Juan“, die in ihrer instrumentatorischen und formal-harmonischen Radikalität für die aufkeimende Moderne Maßstäbe setzte. Ein rauschhaftes Werk, das den größten Verführer der Kulturgeschichte in ein Klanggemälde von verschwenderischer Farbenfülle taucht, inspiriert durch ein Gedichtfragment von Nikolaus Lenau. Ein Stück, wie geschaffen für das NTO und seinen Dirigenten, die alle Register zogen und mit unbändiger Emphase und Spiellust den triebgesteuerten Erotomanen und seine Liebesabenteuer in seiner psychologischen Wechselhaftigkeit lebendig werden ließen. Rizzi Brignoli setzte auf Monumentalität und maximale Spannungsdichte, was die Durchhörbarkeit der Struktur zuweilen beeinträchtigte. Der fulminante Aufschwung der Violinen eröffnete sogleich Don Juans atemlose Jagd nach dem weiblichen Ideal, das in vielfältigen Gestalten erscheint. Mit glühender Intensität, bestechender Brillanz und rhythmischer Schärfe lieferten die Musiker ein Feuerwerk der Strauss'schen Instrumentationskunst. Hervorragend auch die Orchester-Solisten, das Violinsolo mit seinem Liebeswerben, unterstützt von feinen Holzbläsern und Glockenspiel. Auch das berühmte sehnsuchtsvolle Oboensolo erschien als eine friedvolle Insel der reinen Seligkeit. Überwältigend schmettern die vier Hornisten das heroische Thema und überstrahlen mühelos Blechbläser und Pauken. Spöttisch, mit rhythmischer Schärfe kommentieren die Holzbläser „lachend“ das Geschehen. Ein Gänsehautmoment, wenn die Generalpause die prachtvollen Klangwogen stoppt und die Streicher sehr leise, in resignativen absteigenden Linien das Ende Don Juans beklagen. „Der Brennstoff ist aufgezehrt, und kalt und dunkel ward es auf dem Herd“ (Lenau).
Warmherziger, langer Applaus und Dankbarkeit für ein großartiges Konzert.