München, Kammerspiele, (MÜNCHNER) VERKEHR – Marie Schleef, IOCO
Mit „(Münchner) Verkehr“ bringt Marie Schleef an den Münchner Kammerspielen die Gedankenwelt Valeska Gerts auf die Bühne. Eine wortlose, temporeiche Stunde voller Lärm, Hektik und Betriebsamkeit, die zum Nachdenken über die Schattenseiten unserer modernen Gesellschaft anregt.
von Hans-Günter Melchior
Münchner Kammerspiele - "(Münchner) Verkehr"
Eine choreografische Versuchsanordnung
nach Valeska Gert
Regie: Marie Schleef

Überfülle in einer Stunde. Erkenntnisreich
Wer von den Jungen und selbst von den Jüngeren kennt noch Valeska Gert? Dabei sollte man sie kennen. Was für eine Überfülle an Ideen, aufrührerischen und belehrenden, zum Nachdenken, Weiterdenken ins Heute hinein anregenden und überraschend modernen Gedanken, provoziert das Stück. Es regt zum Weiterdenken an. Was zu Valeska Gerts Zeit das pulsierende Leben war, ist vielfach heutzutage Belästigung und Schädigung der Natur.
Wo anfangen und wo aufhören? Was für ein Theaterabend in der Therese-Giehse-Halle. Überfülle in einer einzigen Stunde, wenn man über diese hinausdachte. Anspielungen – mehr konnten in dieser knapp bemessenen Zeit freilich nicht gelingen. Es hätte einer langen Einführung in Leben und Kunst der Valeska Gert bedurft. Damit man – vor allem, wenn man der jüngeren Generation angehört – gewusst hätte, wovon wirklich und heutzutage zeitkritisch das Spiel handelt. Geredet wurde nicht. Stumm agierende Darsteller. Kein einziges Wort. Dafür wurde umso mehr gespielt. Gelaufen, gerannt, gehämmert, manchmal geschrien. Eine Schauspielerin: Johanna Eiworth, zwei Schauspieler: Stefan Merki und Konstantin Schumann wirbelten über die Bühne. Sie arbeiteten gelegentlich handwerklich, machten Lärm, kümmerten sich um ein schreiendes Kleinkind, rannten und verdeutlichten – vielleicht aus der Perspektive der Valeska Gert, zur damaligen Zeit nicht im Mittelpunkt stehend, ungewollt –, was die sogenannte zivilisatorische Gegenwart heutzutage ausmacht: vor allem Lärm, Lärmbelästigung, Betriebsamkeit und Profitstreben.

Die aktuelle Aufführung spart an Zeit. Das Komplexe, Hochkomplexe in einer Stunde. Sparsame Hinweise. Im Hintergrund der Bühne immerhin das übergroße Bild der Schöpferin des Ganzen: Valeska Gerts. Deren Werk wurde von der Regie Marie Schleefs in Szene gesetzt. Am Schluss waren alle Beteiligten auf der Bühne. Wenn der Unterzeichnete richtig zählte, waren es 11 Personen!
Valeska Gert hat die Theater- und Kunstszene ganz ordentlich aufgemöbelt. Da gab es keine Tabus. Sogar schlüpfrige Hinweise fehlten nicht. An diesem Abend in der Therese-Giehse-Halle fiel, wie bereits erwähnt, kein einziges Wort. Insbesondere kein anzügliches. Zu hören war indessen eine Menge: Gehämmer, Gesäge, Kindergeschrei, Verkehrslärm, all das für heutige Anwohner Nervende, Entnervende in der lauten Moderne und zuweilen aufdringlichen Zeit des quälend Gegenwärtigen, das auf die Seite der wirtschaftlichen Rentabilität und des Profits eingeschwenkt ist, dieser nicht nur erlegen, sondern ergeben ist, dass man sich die Ohren zuhalten und die Augen schließen muss vor dem hektischen Geschrei. Angedeutetes. Irgendwie von weit her. Und das alles in einer Stunde. Die Bühne nahezu leer, im Hintergrund in die Schräge verschobene Quadrate. Gerenne. Auf die Bühne, weg von der Bühne, auf der anderen Seite wieder heraus…

Nein, du meine Güte, nochmals nein, der Gott der Produktivität soll schon walten. Vorausgesetzt, er kommt allen zugute und nicht nur einigen Wenigen, die die Gesellschaft im Griff haben. Und: Es hätten ruhig zwei oder – meinetwegen sogar – drei Stunden sein dürfen, um darzustellen, dass die Betriebsamkeit, die für Valeska Gert vielleicht noch das pulsierende Leben war, diese schreiende Überfülle, heutzutage zur Qual, zur Selbstquälerei degeneriert ist. Man hätte es den glänzenden Schauspielern gewünscht, ihrer zwar beredten, am Ende jedoch in der stummen-verstummten versandeten, zu harmlosen Darstellung. Gewünscht, dem stummen Aufschrei des – vielleicht von Gert nur von fern erhobenen Protestes – fortschreibend die beredte Kritik am Verlust der Lebensqualität hinzuzufügen. Vielleicht hätte sich dann das große, übergroße Bild der Schöpferin zu einem Lächeln verzogen. Denn allem Anschein nach war bei der Autorin, der Valeska Gert, alles möglich, auch das Ungewöhnliche. Vielleicht hätte sie heutzutage in der Freude am pulsierenden Leben der Großstadt die andere Seite, die Qual des den Schlaf raubenden und die Besinnung und ruhige Überlegung tötenden Lärms der Neuzeit und die Profitsucht entdeckt. Oder zumindest schärfer ins Auge gefasst als damals.
Wie auch immer: Der Abend bereicherte die Nachdenklichen. Die Leichtsinnigen und Bedenkenlosen zählen nicht.
Stürmischer Beifall am Ende.