Berlin, Philharmonie, Philharmonia Orchestra London - R. Ticciati, IOCO

Berlin, Philharmonie, Philharmonia Orchestra London - R. Ticciati, IOCO
Giuseppe Sinopoli copyright WIKICOMMONS

15. Oktober 2026

SINOPOLIANA 2026 – Konzert zum Gedenken an Giuseppe Sinopoli - Robin Ticciati dirigiert das Philharmonia Orchestra London mit Richard Wagner, Giuseppe Sinopoli und Antonín Dvořák 

Zwischen Richard Wagner und Antonín Dvořák behauptet sich Giuseppe Sinopoli als Komponist des 20. Jahrhunderts

Ich gebe zu, dass mich Sinfoniekonzerte besonders reizen, wenn sie vokale Beiträge enthalten, insbesondere mit Werken von Richard Wagner oder Richard Strauss.

Das Konzert des in Berlin schon länger nicht mehr in Erscheinung  getretenen Philharmonia Orchestra London am 15. Oktober 2026 ist dem vor 25 Jahren plötzlich verstorbenen Dirigenten und Komponisten Giuseppe Sinopoli gewidmet und stellt einen Höhepunkt der Sinopoliana 2026 dar, die hauptsächlich vom Italienischen Kulturinstitut Berlin initiiert und organisiert wird.

Philharmonia Orchestra copyright Mark Allan

Sinopoli war von 1984 bis 1994 Chefdirigent des Philharmonia Orchestra und übernahm dann bis zu seinem Tod den Posten des Chefdirigenten der Sächsischen Staatskapelle Dresden. An diese prägenden zehn Jahre knüpft das hervorragend disponierte Orchester unter Leitung von Robin Ticciati nun an und stellt Pour un Livre à Venise, von Giuseppe Sinopoli 1975 komponiert und selten aufgeführt, in den Mittelpunkt, eingerahmt von Vorspiel und Liebestod aus Richard Wagners „Tristan und Isolde“ und  Antonín Dvořáks 8. Sinfonie.

Ticciati, von 2017 bis 2024 Chefdirigent des Deutschen Symphonie-Orchesters Berlin und mittlerweile Musikalischer Leiter der Glyndebourne Festival Opera, beginnt das Vorspiel zu „Tristan und Isolde“ langsam, fast vorsichtig, dabei äußerst präzise und analytisch, um das Orchester schließlich in großer Dynamik aufzuschäumen und wieder zu mäßigen, aber ein Liebes- oder Todessehnsuchtsrausch stellt sich nicht wirklich ein. Isoldes Liebestod schließt sich nahtlos an. Die russische Sopranistin Maria Motolygina, bis 2024 im Ensemble der Deutschen Oper Berlin, singt ihn beeindruckend mit großer Stimme. Ihre Atemkontrolle erlaubt schöne Bögen und ihre Diktion ist sehr gut. Ticciati bettet sie mit dem Orchester gekonnt in den Wagnerschen Klangteppich ein.

Robin Ticciati copyright WIKICOMMONS

Das mehr als hundert Jahre später von Sinopoli komponierte Pour un livre à Venise verbindet Musik des venezianischen Renaissance-Komponisten Costanzo Porta mit modernen Klangfarben und übereinander gelagerten instrumentalen Ebenen, die aus verschiedenen Richtungen zu kommen scheinen. Ticciati gelingt es sehr gut, das von Bläsern dominierte Kammerorchester mit wenigen Streichern, Harfe, Klavier, Celesta und Schlagwerk zum polyphonen Effekt zu entwickeln.

Nach der Pause erklingt Antonín Dvořáks 8. Sinfonie, komponiert anlässlich seiner Aufnahme in die Böhmische Kaiser-Franz-Joseph-Akademie und inspiriert von seinem Sommersitz bei Vysoká u Přibramě. Es ist Ticciatis expressiver Auftakt mit dem melancholisch-slawischen Melos in g-moll, der einen sofort in den Bann zieht. Elegische  Phrasen werden ausgekostet, das Orchester schwingt perfekt mit, einschließlich sehr schöner Flötensoli, und es gelingt schließlich ein rhythmisch brillantes Orchesterfeuerwerk.

Nach einer Ansprache von Sinopolis Sohn spielt das Philharmonia Orchestra als Zugabe noch das Herzstück der Enigma-Variationen von Edward Elgar: Nr. IX (Nimrod) in hinreißend schöner Weise. Man verlässt die Philharmonie zufrieden und beseelt in das milde Berliner Herbstwetter.

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