Mannheim, Rosengarten, 8. AKADEMIEKONZERT – W. A. Mozart, IOCO
Mit Mozarts Sinfonie Nr. 40 und dem Requiem setzte das 8. Mannheimer Akademiekonzert einen glanzvollen Schlusspunkt des Mannheimer Sommers. Rinaldo Alessandrini, das Nationaltheater Orchester, Chor und Solisten begeisterten – gekrönt vom bewegenden Abschied des Konzertmeisters Andrei Rosianu.
von Uschi Reifenberg
8. Mannheimer Akademiekonzert der Musikalischen Akademie des Nationaltheater Orchesters am 22. Juni 26 im Rosengarten Mannheim
Wolfgang Amadeus Mozart (1756-1791)
Sinfonie Nr. 40 g-Moll KV 550
Requiem KV 626 (ergänzt von Franz Xaver Süßmayr)
Rinaldo Alessandrini, Dirigent
Seunghee Kho, Sopran
Rommie Rochelles, Mezzosopran
Sung Min Song, Tenor
Sung Ha, Bass
Opernchor des Nationaltheaters (Leitung: Alistair Lilley)
Nationaltheater Orchester
Glanzvoller Abschluss mit Mozart
Schöner hätte sich das Festivalmotto des diesjährigen Mannheimer Sommers nicht erfüllen können: „Lasst euch entgrenzen“. Dies gelang mit zwei gewichtigen Spätwerken von Wolfgang Amadeus Mozart in einem umjubelten Abschlusskonzert. Erstmalig wurde ein Akademiekonzert in das „interdisziplinäre“ Festival „Mannheimer Sommer“ integriert, um neue inhaltliche und musikalische Verbindungen zu schaffen. Auf dem Programm standen die große g-Moll-Sinfonie und das Requiem, zwei grenzüberschreitende Kompositionen. Dazu zählt ohne Zweifel auch „Die Zauberflöte“, die erst einige Tage zuvor im OPAL in einer faszinierenden Neuinszenierung zu erleben war. Im Vorgespräch zum Akademiekonzert führte Operndramaturgin Cordula Demattio detailliert und kenntnisreich in Mozarts Spätwerke ein.
Drei Kompositionen, drei Genres: Sinfonie, Oper, Requiem-Messe, verbunden durch emotionale Tiefe, düstere Grundstimmung, Abschiedsschmerz und existenzielle Grenzerfahrung. In ihnen spiegelt sich bereits das Ende der klassischen Epoche, ein neues Zeitalter wirft seine Schatten voraus. Mozart wagt hier eine radikale Subjektivität des Ausdrucks, erweitert die Grenzen traditioneller klassischer Harmonik und weist damit weit in die romantische Seelenwelt. Er emanzipierte sich von der Rolle des Auftragsmusikers hin zum freischaffenden Künstler des 19. Jahrhunderts, der seiner Inspiration folgt und seine persönliche Wahrheit zum Ausdruck bringt.
Kurz vor seinem Tod arbeitete er in einem letzten großen Schaffensrausch parallel an der Zauberflöte und dem Requiem. Die Zauberflöte beendete er im September 1791, kurz vor ihrer Uraufführung. Das Requiem, das Mozart von einem ihm unbekannten Auftraggeber angetragen wurde, kreist während des Schaffensprozesses immer mehr um sein eigenes Sterben und wird zu einem Vermächtnis, das der Nachwelt Rätsel aufgab und die Legendenbildung nährte. Er starb über der Komposition am 5. Dezember 1791 im Alter von 35 Jahren. Sein Schüler Franz Xaver Süßmayr vollendete bekanntlich das Werk mithilfe zahlreicher Skizzen Mozarts und der Vorarbeit eines Freundes, Joseph von Eybler, der sich dann aber von der Arbeit zurückzog.
Mozart schrieb nur zwei Sinfonien in g-Moll, einer der tragischsten und schmerzlichsten Tonarten. Die „große“ Sinfonie KV 550, komponiert 1788, gilt als eine seiner beliebtesten Kompositionen und bildet mit der Es-Dur-Sinfonie KV 543 und der populären „Jupiter-Sinfonie“ KV 551 die Trias, die einen End- und Höhepunkt im sinfonischen Schaffen markieren. Alle anderen Sinfonien stehen in Dur-Tonarten, die häufig als Auftragswerke bestimmten traditionellen Vorgaben und Formschemata folgen und meist Lebensfreude und Feierlichkeit ausstrahlen.
Zu Gast am Pult war Rinaldo Alessandrini, renommierter italienischer Dirigent, Cembalist, Organist und Spezialist für historische Aufführungspraxis. In der Sinfonie setzte der Dirigent ganz auf einen kultivierten, feinen Mozart-Klang, ausbalanciert, detailreich und gestisch belebt, arbeitet die Mittelstimmen heraus und spürt den linearen Verästelungen penibel nach. Der Beginn des ersten Satzes der Sinfonie mit seinem ad hoc beginnenden eindringlichen Thema und der bewegten vorwärtsdrängenden Achtelbegleitung, wirkt hier schwebend, fast körperlos.
Fragil und sprechend das Seitenthema mit ganz weichen Ansätzen der Holzbläser, und eleganter Phrasierung. Wenig spürbar wird allerdings unter der austarierten Oberfläche die Zerrissenheit und Getriebenheit, die verhalten aufgestaute Energie, die sich in den subito-forte-Kontrasten entladen will, auch die Crescendi klingen etwas blass. Alessandrini gestaltet verhalten, die dramatisch geschärften Tutti-Passagen mit ihrer opernhaften Dramatik wirken häufig harmlos. Die Durchführung mit ihren modern anmutenden, dichten, harmonischen Verflechtungen des obsessiv verarbeiteten Themas, berührt selten den Kern emotionaler Abgründe.
Der zweite Satz besticht durch feinnervige Streicher und singende Holzbläser. Das charakteristische, synkopierte Seufzermotiv, das sich als Sinnbild der Trauer durch den Satz bewegt, löst sich auf in einem eher heiter-anmutigen Miteinander von schön aufleuchtender Flöte, Klarinette und Fagott. Das Menuett bricht mit der bisherigen Tradition elegant höfischer Tänze und verstört mit seinem Fortebeginn und der Härte des Themas, als wolle es einen Schlussstrich unter die zierliche Rokoko-Seligkeit ziehen. Das strenge Fugato der Themeneinsätze erklingt bei Alessandrini präzise, weniger unerbittlich und aufwühlend. Der kurze Einschub des Dur-Trios atmet vordergründig anmutige Heiterkeit, weich gerundete Hörner erfreuen mit edler, pastoraler Klangfarbe, bis sich das Moll-Thema kompromisslos zurückmeldet.
Vierter Satz: Rasant befördert die „Mannheimer Rakete“ den aufsteigenden g-Moll-Akkord in die Höhe, stürmisch und aufbrausend jagt diese Musik mit schroffen Kontrasten wild durch alle Instrumentengruppen, eilt in unerbittlichem Puls nach vorn, um im polyfonen Tumult des Mittelteils kontrapunktisch die Grenzen auszuloten.
Im zweiten Teil überzeugte das legendäre Requiem in d-Moll, der Tonart des Todes, als eines der bedeutendsten Werke geistlicher Musik. Es spiegelt in singulärer Weise Mozarts eigene Grenzerfahrungen an der Schwelle zwischen Leben und Sterben und macht die Auseinandersetzung von Trauer, Angst, Hoffnung und Zuversicht erfahrbar. Ein spiritueller Gang per aspera ad astra, der von tiefem Schmerz zum Trost und Licht der Erlösung führt.
Monumental, hochexpressiv und dramatisch wird das Requiem im Dirigat von Alessandrini zu einem erschütternden Klangereignis von opernhaftem Format. Tragende Säule ist der Chor, der die emotionale Bandbreite zwischen Bangen, Furcht und Zuversicht in der Todeserwartung des Menschen beeindruckend zum Ausdruck bringt. Der NTM-Chor unter der Leitung von Alistair Lilley wird seiner Rolle als Hauptakteur mit Bravour gerecht.
Die Solisten Seunghee Kho, (Sopran), Rommie Rochelles, (Mezzosopran), Sung Min Song, (Tenor) und Sung Ha, (Bass) sind als Quartett bestens aufeinander abgestimmt. Besonders im „Benedictus“ bestachen die Stimmen durch Innigkeit und Glanz und vereinten sich in schönster Harmonie. Alessandrini führt in die weihevoll-düstere d-Moll-Klangwelt im Introitus, mit zart sprechenden Fagotten und effektvollen Posauneneinsätzen, lässt den Chor dramatisch anschwellen und gibt mit deutlich profilierter Kontrastdynamik der Bitte um ewige Ruhe eindrücklich Gestalt. Elementare Wucht und Furcht verbreitet das hochexpressive „Dies irae“ mit gewaltigen Chorpassagen, aufwühlendem Orchestersatz, scharfen Blechbläsern, und macht mit grenzensprengender Klanggewalt die Schrecken des jüngsten Gerichts erfahrbar. Deutlich wird, dass ein direkter Weg von Mozarts bahnbrechendem Werk zu Verdis hochdramatischer „Messa da Requiem“ führt. Unter die Haut geht das „Lacrimosa“, über dessen berühmten Seufzer der Violinen sich der Chor schaudernd und mächtig erhebt mit der schmerzlichen Bitte um Gottes Gnade. Mozart komponierte diesen Satz bis Takt 8, das Fragment vollendete sein Schüler Franz Xaver Süßmayr.
Nachdem der letzte Ton des ergreifenden „Lux aeterna“ verklungen war und das Publikum Dirigent, Orchester, Chor und Solisten bejubelt hatte, war der Konzertabend noch nicht zu Ende: Andrei Rosianu, der beliebte erste Konzertmeister, verlässt nach 31 Jahren das Nationaltheater Orchester und verabschiedet sich in den Ruhestand. Er wurde vom Publikum und dem Orchester minutenlang stürmisch gefeiert. Intendant Albrecht Puhlmann dankte ihm mit warmen Worten und überreichte ihm zum Andenken kleine Parkettbausteine von der Baustelle am Goetheplatz. Sichtlich bewegt dankte Andrei Rosianu seinen Kolleginnen und Kollegen, seiner Familie und natürlich dem Publikum für die Unterstützung und langjährige Treue und schloss mit den Worten:
„Wo die Sprache aufhört, fängt die Musik an.“