Hamburg, Staatsoper, "LUISA MILLER", G. Verdi, IOCO
- Mai 2026
Die Wiederaufnahme von Verdis „Luisa Miller“ in dieser Spielzeit stand ganz im Zeichen des Rollendebüts von Elbenita Kajtazi in der Titelpartie. Von Beginn an beherrschte sie die Bühne mit ihrer mädchenhaften Darstellung der Luisa in ihrem hellgrünen Rokoko-Kostüm und berührte sowohl als liebende Tochter als auch in ihren Liebesszenen mit Rodolfo, sowohl gesanglich als auch durch ihr differenziertes Spiel. Ihren großen, hell timbrierten lyrischen Sopran führte sie mit müheloser sicherer Höhe, perfekten Spitzentönen, eindrucksvoller Leichtigkeit und Natürlichkeit in den Koloraturen, wunderbar in der Intonation und den Phrasierungen.
Als Miller, ihr fürsorglicher und beschützender Vater, beeindruckte Pavel Yankovsky, der mit seinem kraftvollen Bariton, einer schön klingenden Mittellage und herrlichem Tiefenregister gleich nach seiner Arie und der anschließenden Cabaletta „Sacra la scelta - Ah fu giosto il mio suspetto“ das Publikum zu Beifallsstürmen hinriß. Groß und schlank, von guter Bühnenpräsenz, wirkte er rein optisch jünger als der stämmige Hovhannes Ayvazyan, der den ursprünglich angesetzten Pavol Breslik ersetzte und an diesem Abend sein Hamburg-Debüt als Rodolfo gab. Er verfügt über eine große heldentenorale Stimme, eigentlich zu laut, zu robust und zu kraftvoll für den Rodolfo. Meistens sang er im Fortissimo, und so vermißte man den lyrischen Tenorschmelz, gefühlvolles Phrasieren in seinen Szenen und Duetten mit Luisa, besonders auch in der großen Arie „Quando le sere placide“. Wirklich berauschend klang dieses Singen unter Hochdruck nicht und in der Mittellage produzierte er unschöne kehlige Töne.
Den Conte di Walther in prachtvollem rot-braunem, gold-durchwirktem Kostüm sang der aus Ungarn stammende Gábor Bretz mit sonorem, gut kontrolliertem, nuancenreich gestaltendem Bass. Die Partie seines Untergebenen, des bösartigen Intriganten Wurm, der sich Hoffnungen auf Luisa macht, wurde wieder eindrucksvoll von Alexander Roslavets portraitiert. Spannend gelang die Briefszene zwischen Wurm und Luisa, „A brani a rani“, in der beide auch darstellerisch so einiges boten und er von ihr getreten und geohrfeigt wird. Auch die große Szene zwischen Wurm und Graf Walther, in der sie das wirkungsvolle Bass-Duett „L'altro retaggio non ho bramato“ singen, in welchem sie einander an ihre verbrecherische Vergangenheit erinnern, geriet bemerkenswert.
Die Partie der Herzogin Federica in ihrem breit ausladendem gelbgrünen Rokoko-Kostüm, von Graf Walther für seinen Sohn Rodolfo als Braut auserkoren, wurde wiederum von Kristina Stanek mit dunklem, saturiertem dramatischen Mezzosopran gesungen. Die Federica hat keine eigene Arie, aber sie konnte ihren Szenen mit Rodolfo sowie dem ungewöhnlichen, wunderbar gesungenen A-Capella-Quartett mit Luisa, Graf Walther und Wurm, „Che alimento sol per esso“ eindrucksvolle Konturen verleihen.
Die beiden kleinen Partien der Laura und des Contadino wurden hervorragend gesungen von Mariana Poltorak und Colin Aikins.
Dem bestens einstudierten Staatsopernchor hatte der Regisseur Andreas Homoki, dessen Inszenierung aus dem Jahre 2014 stammt, eine besondere Rolle zugewiesen: Die Choristen stehen hier für den Verfall von Moral und Menschlichkeit, wenn die eleganten barocken Roben am Ende nur noch verdreckt und in Fetzen an ihnen herunterhängen und die kunstvollen Perücken arg zerzaust sind (Kostümentwürfe von Gideon Davey).
Das von Paul Zoller entworfene Bühnenbild, bestehend aus drei hellen, verschiebbaren Räumen, war spärlich ausgestattet mit einem Sessel, einem Stuhl, einem langen Tisch und einem großen Goldrahmen, in welchen zu den einzelnen Szenen passende Motive hineinprojiziert wurden. Und so lebte die Inszenierung vor allem durch die intensive Personenregie und bot den Protagonisten und den Choristen größtmögliche Bewegungsfreiheit.

Unter der inspirierenden Leitung von Henrik Nánási spielte das Pilharmonische Staatsorchester leidenschaftlich, dramatisch, und offenbarte herrliche Klangfarben. Die Ouvertüre, in der Verdi bereits das die Handlung prägende Intrigenmotiv verwendet hat, ward wunderbar gestaltet. Im weiteren verstand er es, effektvoll dem Klangkörper sinnliche Lyrik und schwelgerischen Schmerz zu entlocken, dann wieder auftrumpfende, dramatische Ausbrüche während zwischenmenschlicher Konfrontationen, welche sich mit lyrischen Stimmungen bei orchestraler Zurückhaltung abwechselten. Und so erzeugte er einen wunderbar strömenden italienischen Verdi-Wohlklang, der diesen Abend zu einem eindrücklichen Ereignis werden ließ.
Leider war diese Vorstellung nicht ausverkauft, doch das anwesende begeisterte Publikum sparte nicht mit Ovationen besonders für Elbenita Kajtazi, Pavel Yankovsky und Henrik Nánási.