Hamburg, Kammeroper, Hoffmanns Erzählungen - Jacques Offenbach, IOCO
31. Mai 2025
Leider war die Vorstellung von Jacques Offenbachs „Hoffmanns Erzählungen“ am 31. Mai die letzte, die 'Dernière'. Mit insgesamt 30 ausverkauften Vorstellungen in den letzten drei Monaten konnte die Hamburger Kammeroper wieder einmal einen bedeutenden Publikumserfolg verbuchen.
Marius Adam, Intendant und Hausherr der Kammeroper, hatte diese Opéra fantastique wunderbar ideenreich inszeniert. Den ersten Akt ließ er im Theaterrestaurant spielen, hier 'Auerbachs Cocktail-Bar' genannt, wo sich die Protagonisten bereits unters Publikum mischten und man die Gelegenheit hatte, die von Marie-Theres Kramer entworfenen schwarzen Kostüme – ein bißchen Punk, Gothic und Hell's Angels-Look – ganz aus der Nähe zu betrachten und zu bewundern.
An diesem letzten Abend sang Guillermo Valdés die Titelpartie und punktete sogleich mit der Kleinzack-Arie. In seinem schwarzen Lederdress und mit wirren langen Haaren gelang es ihm in jedem Akt, sowohl seine Liebe zu den Frauen und ganz besonders auch die Liebe zum Alkohol drastisch darzustellen, wobei ihn die Herren Andreas, Nathanael und Hermann bei den von Luther gereichten Getränken aufs kräftigste unterstützten. Nach diesem ersten Akt wurde man von der Muse in den Zuschauerraum gebeten.

Kathrin Kegler hatte für die ansonsten leere Spielfläche schön anzuschauende Bühnenbilder entworfen: auf der Bühnenrückwand jeweils ein großes Auge für den Olympia-Akt, ein zartes Mädchen-Antlitz fürs Antonia-Bild, und eine typische Venedig-Ansicht für Giulietta.

Die vier Frauenrollen waren an diesem letzten Abend mit Lilia-Fruz Bulhakova besetzt. Sie gefiel nicht nur als entzückend spielende Automaten-Puppe Olympia in silberner, utopisch wirkender Kostümierung mit silbernem Strahlenhelm auf dem langen weißblondem Haar, sondern auch stimmlich mit ihren virtuosen Koloraturen in ihrer Arie vom „Phoebus im Sonnenwagen“. Mit ihrer leicht angedunkelten Stimmfarbe war sie eine wunderbar lyrische Antonia von weicher Intonation, sang sowohl das Duett mit Hoffmann als auch besonders das Terzett mit Dr. Mirakel und der Stimme der Mutter mit rührender Empfindsamkeit. Als Giulietta im Venedig-Akt in eleganter silberner Abendrobe und langem dunklen Haar sah sie besonders reizvoll aus und stimmte die herrliche Bacarole an, in der ihr Sopran wunderbar mit dem dunkleren Mezzo von Feline Knabe als Niklas verschmolz.

Doch nicht nur als stets präsenter androgyner Niklas, auch bereits als Muse im ersten Akt in Auerbachs Cocktailbar verlieh Feline Knabe dieser Partie beachtliches Profil, und auch die Partie der Stimme der Mutter im Antonia-Akt gestaltete sie eindringlich.

Seit der Premiere im März hat Titus Witt seine Charakterisierungskunst der vier Bösewichter weiter intensiviert. Im ersten Akt als Lindorf wie ein Mafiosi im schwarzen Mantel mit Hut und Sonnenbrille stolzierend, war er im Olympia-Bild der zynische Coppelius, der am Ende triumphierend die zerstörten Reste der Automaten-Puppe in Händen hält. Als mephistophelischer Dr. Mirakel, die Geige schwingend, dunkelrot gewandet mit roter Perücke, animiert er Antonia weiterhin zu singen, bis sie entseelt zusammenbricht. Seinen flexiblem Bass-Bariton konnte er mal einschmeichelnd, mal zynisch oder bedrohlich einsetzen. An diesem Abend war er großartig und auch seine Spiegelarie im Giulietta-Akt erklang ansprechend.
Der Spieltenor Ruben Banzer machte aus seinen Buffo-Partien wahre kleine Kabinettstückchen, sei es als weiblicher Cochenille im rosa Minirock und dem Versuch, die Harfe zu spielen, oder besonders auch als Franz mit seinem publikumswirksamen Couplet während des Antonia-Akts.
Der norwegische Bariton Simon Thorbjornsen war der um seine Tochter Antonia besorgte Geigenbauer Crespel, sowie im ersten Akt der Auerbach-Wirt Luther im Ganzkörper-Tattoo-Stocking, der seinen Feunden Andreas, Nathanael und Hermann großzügig die Gläser vollschenkt.
Ignacio Munoz war Nathanael, und im zweiten Akt der leicht trottelige, gelb gewandete Physiker Spalanzani, der Schöpfer der Kunstfigur Olympia. Und Robert Elibay-Hartog sang neben dem Hermann auch die Partie des erotischen Schlémihl im transparenten Anzug, dem Nebenbuhler von Hoffmann bei Giulietta, im Venedig-Bild.

Guillermo Valdés war der temperamentvolle, ausdrucksstarke und bühnenpräsente Hoffmann im schwarzen Lederwams mit wilder Haarmähne, der die innere Zerrissenheit des Charakters glaubhaft zum Ausdruck bringen konnte. Seinen durchschlagskräftigen Tenor setzte er wirkungsvoll ein, sei es bei den lyrischen Momenten mit Olympia oder beim Terzett im Antonia-Akt. Auch bei dramatischen Ausbrüchen während es finalen Giulietta-Bildes konnte er kraftvoll auftrumpfen.
Das kleine Kammerorchester unter der Leitung von Ettore Prandi spielte auch an diesem Abend brillant und ausgewogen, ließ Offenbachs wunderschöne Musik eindringlich erblühen. Manche Passagen gerieten herrlich filigran und poetisch, andere wiederum klangen dramatisch bedrohlich.

Ein herrlicher Opernabend ging unter dem donnernden Applaus des Publikums in der ausverkauften Kammeroper zu Ende, und man bedauerte, daß dies die letzte Hoffmann-Vorstellung gewesen ist. Aber vielleicht gibt es in einer der kommenden Spielzeiten ja eine Wiederaufnahme.