Aix-en-Provence, Théâtre de l’Archevéché, Festival d’Aix-en-Provence 2026, REQUIEM - Wolfgang Amadeus Mozart, IOCO

Aix-en-Provence, Théâtre de l’Archevéché, Festival d’Aix-en-Provence 2026, REQUIEM -  Wolfgang Amadeus Mozart, IOCO
Requiem, Festival d’Aix-en-Provence 2026, Foto: Monika Rittershaus

Festival d’Aix-en-Provence 2026, 08.07.2026

 DAS REQUIEM IN NEUEM LICHT…

 

IN PARADISUM

In paradisum deducant te Angeli,

in tuo adventu suscipiant te martyres,

et perducant te

in civitatem sanctam lerusalem.

Chorus angelorum te suscipiat,

et cum Lazaro quondam paupere

Aeternam habeas requiem.

 

(Gregorianischer Psalm / Anonym)

Die Erneuerung eines Kreislaufes…

Die Wiederaufnahme des Requiem in d-Moll, KV. 626 (1793) von Wolfgang Amadeus Mozert (1756-1791) in der vollendeten Fassung von Franz Xaver Süßmayr (1766-1803), inszeniert von dem italienischen Regisseur Romeo Castellucci (*1960) und dirigiert von dem französischen Dirigenten Raphaël Pichon (*1984). Mit einem Arrangement von Pichon, das weitere Werke von Mozart sowie gregorianische Passagen enthält: Eine Inszenierung, die bei ihrer Uraufführung im Jahr 2019 Geschichte schrieb und heute aktueller denn je ist.

 

Eine Totenmesse jenseits der Angst…

Obwohl das Requiem von Mozart zum Genre der geistlichen Musik gehört, ist es dennoch von einer mitreißenden Theatralik geprägt. Die Inszenierung dieses nicht-szenischen Werks war im Jahr 2019 zugleich eine große Herausforderung, eine großartige Premiere beim Festival d’Aix-en-Provence und eine Selbstverständlichkeit – vor allem für die beiden Schöpfer dieses außergewöhnlichen Projekts, die es gemeinsam konzipiert haben: Castelluci und Pichon. Der erste  wusste in der von Mozart mit seinem letzten Atemzug gesungenen Totenmesse jenseits der Angst, die ihn bis hin zum Schrecken vor dem Nichts durchdringt, eine Reflexion über die Endlichkeit und eine Feier des Lebens zu erkennen. Der zweite hat die Trauerpartitur mit einem ergänzenden Werk-Komplex  umrahmt – seltene Stücke von Mozart, sakrale wie weltliche, gregorianische Sequenzen -, die ausgewählt wurden, um die Bedeutung und die außergewöhnliche herzliche Seelenverwandtschaft zu unterstreichen, bis hin zu einem himmlischen und abschließenden: In paradisum.

                                                                                                                     

Die Chorsänger und Solisten, die sowohl als Sänger als auch als Schauspieler und Tänzer auftreten, verschmelzen Musik und Theater auf ideale Weise zu einer musikalischen Botschaft von tiefem Humanismus. Die Tanzprojekte von der italienischen Choreografin Evelin Facchini (*1994) tragen dazu bei, ihre Schicksalsgemeinschaft zu festigen, die als Resonanzraum für die Aussagen der Partitur  fungiert. Als Kontrapunkt zum Text beschwört Castellucci – der neben der Inszenierung auch für Bühnenbild, Kostüme und Licht verantwortlich zeichnet – mal eine heidnische Freude herauf, die ein Lebensprinzip mit archaischen Wurzeln in sich trägt, mal die Erinnerung an die großen Aussterbe-Ereignisse unserer Geschichte, und legt so einen tröstlichen Schimmer auf die Dunkelheit des Requiems: Die Überquerung des Flusses „Acheron begleitet in der Barke von Charon“ eröffnet einen Zyklus der Erneuerung, eine metaphysische Offenbarung ebenso wie grosse reine Emotion.

 

Requiem, Festival d’Aix-en-Provence 2026, Foto: Monika Rittershaus

Die Inszenierung, die bereits 2019 wegweisend war und zu einem Meilenstein der Operngeschichte und des Festival d’Aix-en-Provence geworden ist, wird  heute in Zeiten, in denen uns die Gefahren für das Klima und unserer Zivilisation immer bewusster werden, noch viel brisanter.

 

Ein neues Quartett…

Um die musikalischen Kräfte des Ensemble Pygmalion – wobei die Partitur von Mozart dem Chor eine herausragende Rolle einräumt – und dessen Dirigenten versammeln sich vier neue Solisten. Die junge französische Sopranistin Mélissa Petit gibt hier ihr Debüt beim Festival d’Aix-en-Provence, während die schottische Mezzo-Sopranistin Beth Taylor nach ihrer Mitwirkung in der Kammeroper Jakob Lenz (1979) von Wolfgang Riehm (1952-2024) dorthin zurückkehrt. Der koreanische Tenor Duke Kim, der zuvor an der Académie du Festival Mitglied war, bestätigt seine Qualität als großer Mozart-Interpret. Die Festspielbesucher treffen zudem wieder auf den amerikanischen Bass Alex Rosen, den sie kürzlich in den Opern L’incoronazione di Poppea, SV. 308 (1642) und Il ritorno d’Ulisse in patria, SV. 325 (1640) von Claudio Monteverdi (1567-1643) und desgleichen auch als Giove in La Calisto (1651) von Francesco Cavalli (1602-1676) bewundern konnten.

 

Die Aufführung im Théâtre de l’Archevéché am 8. Juli 2026:

 

Erinnerungen im Mittelpunkt des Kreises…

Die von Pichon und Castellucci inszenierte Version hat nichts von ihrer Schönheit, ihrer ästhetischen Anziehungskraft und ihrer Relevanz eingebüßt – in einer Welt, die vom Ende des Werkes, ähnlich wie der geniale Komponist selbst, der es nicht vollenden konnte und vom Tod dahingerafft wurde, gezeichnet ist. Ein großer Abend für diese „neue“ Premiere beim Festival d’Aix-en-Provence.

 

Umstritten aber immer originell…

Im Jahre 2019 eröffnete der verstorbene Intendant Pierre Audi (1957-2025) seine erste Saison des Festival d’Aix- en-Provence mit einer sehr meisterhaften Aufführung, die von dem bildenden Künstler und Regisseur Castellucci und dem Dirigenten, Arrangeur und Komponisten Pichon orchestriert wurde. Beide Künstler konnten bereits unter Beweis stellen, wie sich das Festival d’Aix-en-Provence zu einem Zentrum für Theater- und Musik-Kreationen entwickeln konnte, die sich  auch häufig auf klassische Werke  beziehen. Castellucci hatte schon im Jahre 2022 im Rahmen des Festival d’Aix-en-Provence mit Gustav Mahlers (1860-1911) 2. Sinfonie in c-Moll “Auferstehungs-Sinfonie” (1894) in Vitrolles eine szenische Sensation geliefert. Dieses Requiem, das drei Jahre zuvor entstanden war, hatte die Gemüter tief bewegt und wurde als eine sogenannte „Auferstehung“ gefeiert, aber jedoch von den „konservativen“ Zuschauern des Festival d’Aix-en-Provence äußerst ausgebuht wurde – die aber jedoch  zahlreich genug waren, um viel Lärm und Getöse zu veranstalten - und man  fragte sich wohl, warum sie denn bekommen sind, obwohl sie offensichtlich die extremen Besonderheiten von Castelluccis Inszenierungen  kannten: Aber immer wieder zu seinen Kreationen kommen?  Jedoch der Großteil der Kritik lobte dieses mitreißende Spektakle sehr!

 

Requiem, Festival d’Aix-en-Provence 2026, Foto: Monika Rittershaus

Seitdem tourte das Requiem, das von vielen anderen Opernhäusern koproduziert wurde, um die Welt, bevor es zum Festival d’Aix-en-Provence zurückkehrte, was auch der Wunsch seines damaligen Intendanten war, der aber auch am Vorabend des Festival d’Aix-en-Provence 2025 plötzlich verstarb.

 

Ein Requiem für den Komponisten…

Es besteht kein Zweifel, dass dieses Konzept revolutionär ist und eine unbestreitbare Interpretation dieses Geniestreichs des kranken und erschöpften Mozart darstellt, den der Tod ereilte, bevor er seine Komposition vollenden konnte. Es war der noch fünfunddreißig jährige junge Mozart, aber bereits in voller künstlerischer Entwicklung, der fieberhaft eine Partitur in d-Moll schrieb, in jener tragischen Tonart, in der er bereits in den großartigen Passagen des Don Giovanni, KV 527 (1787) brilliert hatte – jenen Passagen, die diese Zukunft vorwegnahmen, die aber niemals eintreten sollte.

 

Dieses Requiem wurde nach Mozarts Anweisung – die je nach Stimmungslage des Todgeweihten auch uneinheitlich waren, manchmal sogar völlig fehlten – von seinem treuesten Schüler Süßmayr „vollendet“, der ohne über Mozarts kreatives Genie zu verfügen, seinen musikalischen Stil durchaus korrekt übernahm.

 

Das Requiem ist eher weltlich als streng religiös und gehört zu den großen Werken der geistlichen Musik, die oft in Konzertsälen und Kirchen aufgeführt werden. Und natürlich ist auch die  bemerkenswerte Freilichtbühne unter freiem Himmel im Hof des Palais de l‘Archevéché in Aix-en-Provence, einer jener magischen Orte, an denen man sich niederlässt, wenn der Abend schon weit fortgeschritten ist, in jenem sanften Licht der beginnenden Dämmerung, wenn ein wenig Kühle die Schwüle des heißen Tages mildert. Mozart war österreichischer freidenkender Katholik, wurde aber jedoch später Freimaurer, und es ist die Summe dieser sich ergänzenden, manchmal widersprüchlichen Bezüge, die den letzten Teil seines Werkes prägen, zu dem dieses Requiem gehört, wo der Wind der Revolte, des Protests und des wütigen Zorns weht, aber auch der erwünschten Versöhnung, der Freude und des wiederentdeckten Glücks.

 

Requiem, Festival d’Aix-en-Provence 2026, Foto: Monika Rittershaus

Eine Lebensgeschichte von kosmischem Ausmaß…

Castellucci, mit seinem Talent als bildender Künstler, Maler und Bildhauer, ergreift im Rahmen der Live-Performance – und damit ephemerer Konstruktionen – die Kontrolle über die Szenen, über das unvollendete Werk von Mozart, indem er ein dreifaches Geflecht von Ereignissen konstruiert, die sich auf der Bühne entfalten: Die Geschichte einer älteren Frau, die buchstäblich von ihrem Bett verschluckt stirbt und ihr gesamtes Leben bis zu ihrer Geburt noch einmal durchlebt. Ein Baby allein mitten auf der Bühne markiert das hoffnungsvolle Ende! Die lange Erzählung, in der Castellucci in seinem „Atlas“ das Verschwinden von Arten, Völkern, Städten, Zivilisationen, Kunstwerken, ja sogar Religionen seit Beginn des Anthropozäns blättert und die mit einem erschreckenden Aussterben,  auch das Théâtre de l’Achevéché endet… Aussterben der Freundschaft… Aussterben dieser Musik… mit dem Datum des Tages „8. Juli 2026“. Die Szene, in der die Chorsänger in Schwarz, Weiß, Rot und anderen Farben tanzen und singen, bringen die verschiedenen Stadien des kollektiven Ausdrucks der Völker mit der Kraft eindrucksvoller Sequenzen zum Ausdruck, für die nur Castellucci das Geheimnis besitzt.

 

Ständige Evolution und Anpassung…

Die Live-Performance wird für jede neue Aufführungsserie angepasst: Die Liste der zerstörten Denkmäler ist auch mit der Zerstörung von Krankenhäusern im Gazastreifen und religiöse Stätten im Südlibanon immer länger geworden. Jedes tragische Ereignis wird so dargestellt, darunter auch die Aufgabe der ukrainischen Stadt Prypjat, die durch die Katastrophe von Tschernobyl unbewohnbar ist.  

 

Viele Szenen sind berührend, insbesondere dieses A capella-Lied eines kleines Jungen, der allein auf der verlassenen Bühne steht, nachdem eine Katastrophe alles Leben auf dem Planeten vernichtet hat. Zuerst stößt er bewusst gegen einen Menschen-Schädel, ob er Fußball spielen wollte, bevor er mit überwältigender Aufrichtigkeit mit seinem himmlischen Knaben-Tenor das Solfeggio N° 2 in F-Dur, KV. 393/02 (1782/83) intoniert, diese Übung für Vokalisen, die Mozart für eine Sopranstimme komponierte und als Einleitung zu seiner Großen Messe in c-Moll, KV. 427/KV. 417a (1783) verwendete.

 

Castellucci durchbricht sein gesamtes Bühnenbild, um das drohende Chaos darzustellen. So ist die Bühne in den vorangehenden Sequenzen mit Erde bedeckt, in denen Tänzer in Trachten aus dem Balkan Olivenbäume pflanzen, bevor sie sich langsam erheben und sich mit einem leisen, apokalyptischen Geräusch von allem Material – Asche und der Kleidung der Tänzer und Chormitglieder – entleeren. Zurück bleibt ein einzelner Fleck in der Mitte, eine Art Darstellung von Leonardo da Vincis (1452-1519) L’Uomo di Vitruvio (1490), dem letzten Überbleibsel der Menschheit. Mehrmals bricht Wut über den Raum herein: Die Vorhänge an den Wänden werden heruntergerissen, Asche wird verstreut und die Chormitglieder kleiden sich völlig in Schwarz.

 

Requiem, Festival d’Aix-en-Provence 2026, Foto: Monika Rittershaus

Die andere Säule des Erfolgs…

Es ist unmöglich, alle vom bildenden Künstler erdachten Wendungen aufzuzählen, aber das Ganze bildet ein kohärentes Ganzes, im Einklang mit der Musik, deren Deus ex machina Pichon ist. Da die Aufführung zweigeteilt ist und das Werk des Gründers vom Ensemble Pygmalion für die Harmonie des Abends von entscheidender Bedeutung ist, wurden neun Stücke hinzugefügt, die sich in das Requiem einfügen. Dazu gehören die Einleitung zu  dem anonymen gregorianischen Choral, a cappella gesungen, Christus factus est (Anonym) und andere großartige Musik von Mozarts: Maurerische Trauermusik in c-Moll, KV. 477/479a (1785), sowie schließlich das  Miserere mei, Deus in a-Dur, KV. 85/73a (1770), seine Vertonung des Psalm 50. Die drei Stücke ermöglichen es uns unmittelbar nach dem traumhaften Einbruch der Nacht über Aix-en-Provence, das große Talent des atemberaubenden Choeur Pygmalion zu bewundern, der aber noch unsichtbar ist, da er auf dem noch schwach beleuchteten Bühnen-Boden liegt und himmlisch singt, während sich das Orchester darauf vorbereitet, im Anschluss das berühmte Introitus des Requiems selbst anzustimmen. Zu den weiteren bemerkenswerten Ergänzungen zählt auch Mozarts Stück für Bass solo Ne Pulvis et Cinis, KV. Anh 122 (1772), eine Parodie, die an die furchterregenden Vision des Komturs aus Don Giovanni erinnert und dem qualvollsten und heftigsten Teil des Requiems vorausgeht: Dem  Dies Irae, dem Tuba mirum und dem Rex tremendae, einer der fantastischsten Sequenzen des Abends. Neben der Motette Quis e comprehendat, KV. Anh. 110 (1770),  einer Parodie der Serenade in B-Moll, N°10, KV. 361 (1784) aus der Gran Partita – hier vom Chor gesungen -, beschließt Pichon das Lacrimosa, wie er es sich vorstellt, mit diesem Amen einer von Mozart skizzierten Adagio und Fuge in c-Moll, KV. 546 (1788), deren Partitur erst kürzlich wiederentdeckt wurde. Schließlich endet die Aufführung, wie sie begonnen hat, mit dem anonymen Antiphon In paradisum, einem gregorianischen Choral, der die Rückkehr zur Harmonie, symbolisiert durch das  auf der Bühne liegende Baby, sanft vollendet.

 

Prächtige Chöre und Solisten…

Pichons Interpretation ist voller Wärme, Kontraste und Energie; Schlagzeug und Streicher reagieren aufeinander, der Bass vermittelt regelmäßig jenen fantastischen Eindruck vom Ende der Welt, und die fantastische Symbiose zwischen seinen Instrumentalisten und  Chören – der sehr auf die Probe gestellt wird, da er tanzen und singen muss und dazu Castelluccis harte, unnachgiebige Bühnengestaltung akzeptieren muss – macht aber die Aufführung gleichzeitig fließend und fesselnd. Besonderes Lob gebührt den Solisten, deren Besetzung im Vergleich zu früheren Aufführungen erneuert wurde und eine vielversprechende neue Generation präsentierte: Petit, Beth, Kim und Rosen zeichneten sich, begleitet von dem fantastischen jungen französischen Knaben-Sopran Ramy Lazreq, durch eine starke stimmliche Präsenz aus, die durch die Ergänzungen von Pichon noch verstärkt wurde. So konnte Rosen neben dem Kinderlied auch während des ne pulvis et cinis sein ganzes Talent – wunderschönes Timbre, bezaubernde Stimme, perfekte Technik – unter Beweis stellen.

 

Requiem, Festival d’Aix-en-Provence 2026, Foto: Monika Rittershaus

Ein volles Haus an diesem warmen Juliabend, das der Aufführung herzlichen Applaus spendet, die uns so eindrücklich daran erinnert, wie Live-Aufführungen, wenn sie so gut gemacht sind, ein kostbarer und wesentlicher Bestandteil unseres Hör-, Seh- und auch Reflexions-Vergnügens bleiben.

 

Siehe auch IOCO-Kritik: Accabadora von Francesco Filidei / Festival d’Aix-en-Provence / 08.07.2026

 

Auskunft und Karten: www.festival-aix

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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