Wien, Theater SPIELRAUM, 1984 – Nicole Metzger nach George Orwell, IOCO
George Orwells „1984“ im Theater SPIELRAUM: Nicole Metzger vertraut ganz auf die Kraft des Romans. Mit sparsamen Mitteln, atmosphärischer Dichte und einem präsenten Ensemble entsteht ein intensiver Theaterabend, dessen beklemmende Nähe zur Gegenwart keiner Erklärung bedarf.
von Marcus Haimerl
Wo heute Theater gespielt wird, wurden schon vor mehr als einem Jahrhundert Geschichten vor Publikum erzählt. Das Theater SPIELRAUM in der Wiener Kaiserstraße ist im ehemaligen Erika-Kino beheimatet, dessen Kinobetrieb sich archivalisch bis 1909 zurückverfolgen lässt. Als das Kino im April 1999 geschlossen wurde, drohte dem traditionsreichen Kulturort zunächst eine wenig spektakuläre Zukunft. Das Team des Theater SPIELRAUM, zuvor in Kellertheatern im 15. und 3. Bezirk beheimatet, setzte sich jedoch für seinen Erhalt ein. Nach langwierigen Verhandlungen und umfangreichen Adaptierungsarbeiten konnte das Haus am 8. November 2002 als Theater neu eröffnet werden. Bei den Umbauarbeiten kamen unter den Verkleidungen immer wieder Spuren der jahrzehntelangen Kinogeschichte zum Vorschein.
Dass ausgerechnet an einem solchen Ort George Orwells „1984“ auf die Bühne kommt, besitzt einen besonderen Reiz. Denn kaum ein Roman des 20. Jahrhunderts hat unsere Vorstellung von der Macht der Bilder, der Sprache und der permanenten Beobachtung nachhaltiger geprägt. Begriffe wie „Big Brother“, „Gedankenpolizei“, „Neusprech“ oder „Doppeldenk“ haben sich längst aus dem Roman gelöst und Eingang in den allgemeinen Sprachgebrauch gefunden.
George Orwell, 1903 im damaligen Britisch-Indien als Eric Arthur Blair geboren, kannte politische Macht und ihre Mechanismen nicht nur aus der Distanz des Schriftstellers. Er diente zunächst bei der britischen Kolonialpolizei in Burma, beschäftigte sich intensiv mit Armut und gesellschaftlicher Ungleichheit und kämpfte während des Spanischen Bürgerkriegs auf republikanischer Seite in einer Miliz der marxistischen POUM (Partido Obrero de Unificación Marxista), wo er durch einen Halsschuss schwer verwundet wurde. Gerade seine Erfahrungen in Spanien verstärkten seine Ablehnung des Stalinismus, ohne dass er deshalb seine sozialistischen Überzeugungen aufgab. Die ersten Gedanken zu jenem Roman, der schließlich als „Nineteen Eighty-Four“ erscheinen sollte, reichen bis in die Kriegsjahre zurück. Orwell selbst schrieb 1948 an seinen Verleger Fredric Warburg, die Idee sei ihm bereits 1943 gekommen. Früh finden sich in seinen Aufzeichnungen zentrale Elemente des späteren Romans: Neusprech, die Zwei-Minuten-Hass-Sendung und sogar die Parole „Krieg ist Frieden“. Mit der eigentlichen Arbeit am ersten Entwurf begann er 1946. Zeitweise trug das Projekt den Titel The Last Man in Europe. Einen großen Teil der Arbeit vollendete Orwell zurückgezogen auf der schottischen Hebrideninsel Jura, während sich sein Gesundheitszustand aufgrund seiner Tuberkulose zunehmend verschlechterte. Ende 1948 war das Manuskript abgeschlossen; am 8. Juni 1949 erschien der Roman. Nur sieben Monate später, am 21. Januar 1950, starb Orwell im Alter von 46 Jahren.

Orwell entwirft darin den totalitären Staat Ozeanien, in dem die Partei unter dem allgegenwärtigen Bild des Großen Bruders nahezu jeden Bereich des Lebens kontrolliert. Winston Smith arbeitet im Ministerium für Wahrheit und ist ausgerechnet damit beschäftigt, die Vergangenheit fortwährend an die jeweils aktuelle Wahrheit der Partei anzupassen. Zeitungsartikel werden umgeschrieben, unliebsame Tatsachen verschwinden und selbst die Erinnerung des Einzelnen gerät unter den Zugriff des Systems. Wer die Wirklichkeit anders wahrnimmt, als die Partei sie definiert, macht sich bereits des Gedankenverbrechens schuldig. Winston beginnt jedoch zu zweifeln. Heimlich führt er Tagebuch und versucht damit etwas festzuhalten, das in seiner Welt bereits revolutionär geworden ist: eine eigene Erinnerung und damit eine eigene Wahrheit. Als er sich auf eine verbotene Liebesbeziehung mit Julia einlässt, wird aus der inneren Auflehnung auch ein konkreter Verstoß gegen die Ordnung der Partei. Beide glauben schließlich, in O’Brien einen Verbündeten gegen das Regime gefunden zu haben. Doch die vermeintliche Möglichkeit des Widerstands erweist sich als Falle. Winston und Julia werden verhaftet, voneinander getrennt und einer systematischen psychischen und körperlichen Zerstörung unterworfen. Das Ziel der Partei besteht nicht allein darin, Gehorsam zu erzwingen. Sie will den Menschen so vollständig beherrschen, dass er zuletzt selbst das für wahr hält, was ihm die Macht als Wahrheit vorgibt.
Gerade darin liegt bis heute die eigentliche Verstörung von Orwells Roman. 1984 erzählt nicht nur von Überwachung, sondern davon, was geschieht, wenn eine politische Macht Anspruch auf Sprache, Erinnerung und Wirklichkeit selbst erhebt. Dass Orwell dies nicht als abstrakte politische Abhandlung, sondern am Schicksal eines einzelnen Menschen erzählt, macht die Beklemmung unmittelbar erfahrbar.
Und genau hier setzt die Inszenierung von Nicole Metzger im Theater SPIELRAUM an. Eine besondere Qualität der von Metzger erarbeiteten Bühnenfassung liegt in ihrer konsequenten Bindung an Orwell. Sie kommt ohne erklärende Kommentare oder eigens hinzugefügte Aktualisierungen aus und schöpft ihr gesprochenes Wort vollständig aus dem Roman. Dabei beschränkt sie sich keineswegs auf dessen Dialoge. Auch erzählende und beschreibende Passagen werden auf die fünf Darsteller verteilt und unmittelbar in das Bühnengeschehen integriert. Was im Roman erzählerisch vermittelt wird, wird damit Teil des Spiels: Die Figuren beschreiben Räume, Vorgänge und Wahrnehmungen und führen zugleich vor, was beschrieben wird. So entsteht keine bloße Aneinanderreihung dramatisierter Schlüsselszenen, sondern eine Bühnenfassung, die Orwells Sprache selbst zum Bestandteil des szenischen Geschehens macht. Dass Metzger auf demonstrative Hinweise auf die Gegenwart verzichtet, erweist sich dabei als Stärke. Orwells Überwachungsstaat braucht keine nachträglich eingefügten Kommentare, um seine Nähe spürbar werden zu lassen. Im kleinen Zuschauerraum des Theater SPIELRAUM sitzen Publikum und Darsteller nur wenige Meter voneinander entfernt; Blicke, Bewegungen und Reaktionen sind unmittelbar wahrnehmbar. Aus dieser Nähe entwickelt sich zunehmend jene Atmosphäre permanenter Beobachtung, die Ozeanien beherrscht. Man schaut nicht nur Menschen dabei zu, wie sie überwacht werden. Zeitweise stellt sich vielmehr das unangenehme Gefühl ein, selbst Teil eines Raumes zu sein, in dem niemand ganz unbeobachtet bleibt.

Raoul Rettberg schafft dafür einen betont nüchternen Bühnenraum. Mehrere Tische unterschiedlicher Größe und Höhe bestimmen die Spielfläche und werden von den Darstellern vielfältig genutzt: Sie sitzen und stehen darauf, liegen auf oder unter ihnen oder bewegen sich dazwischen. Ohne aufwendige Umbauten entstehen auf diese Weise immer wieder neue Spielsituationen und Räume. Die Reduktion lässt zugleich viel Platz für die Körper und die Präsenz der Schauspieler. An der Rückwand dienen zwei helle Dreiecksflächen als Projektionsflächen. Auf ihnen erscheinen Nachrichten und Verlautbarungen des Regimes, die Parteiparolen „Krieg ist Frieden. Freiheit ist Sklaverei. Unkenntnis ist Stärke.“ ebenso wie die allgegenwärtige Botschaft „Big Brother is watching you“. Jeder dieser Einbrüche der Staatspropaganda kündigt sich durch eine kurze, beinahe harmlos wirkende Melodie an, die an eine Spieluhr erinnert. Der Gegensatz zwischen dem freundlichen Klang und den anschließend verkündeten Botschaften entfaltet eine eigentümlich beklemmende Wirkung.
Eine bemerkenswerte Lösung findet die Inszenierung für die Zwei-Minuten-Hass-Sendung. Anstelle des Bildes des zum Staatsfeind erklärten Emmanuel Goldstein erscheinen Ausschnitte aus der BBC-Dokumentation „George Orwell: A Life in Pictures“ von 2003, in der Chris Langham George Orwell verkörpert. Ausgerechnet das Gesicht des Autors wird damit zum Ziel jenes gelenkten Hasses, dessen Mechanismus er selbst beschrieben hat. Die Bilder fügen sich nahtlos in die Nachrichten- und Propagandaflut ein, mit der die Partei ihre Wirklichkeit unablässig neu festlegt. Besonders einprägsam sind auch die kleinen rechteckigen Leuchten, welche die Darsteller an Ketten um den Hals tragen. Im Spiel werden die schmalen LED-Leisten zu mobilen Kommunikationsgeräten: Man nimmt sie in die Hand, betrachtet und bedient sie, hält sie quer oder hochkant vor sich. Das von unten auf die Gesichter fallende Licht erinnert unmittelbar an den vertrauten Schein eines Smartphone-Displays. Mit einem denkbar einfachen Theatermittel entsteht so ein starkes Bild. Die Assoziation zu jenen Geräten, die heute beinahe jeder ständig bei sich trägt, stellt sich ganz von selbst ein.
Auch Anna Pollacks Kostüme folgen der reduzierten Ästhetik. Weiß, Schwarz und Grau dominieren, über die Oberteile zieht sich jeweils ein deutlich sichtbarer Barcode. Die Figuren wirken dadurch äußerlich vereinheitlicht, beinahe registriert und katalogisiert. Individualität verschwindet nicht völlig, wird aber sichtbar einer Ordnung unterworfen. Tom Barcals zurückhaltende Lichtgestaltung und die von Robert G. Neumayr gestalteten Videoprojektionen ergänzen diese klare szenische Sprache.
Im Zentrum des fünfköpfigen Ensembles steht Samuel Schwarzmann als Winston Smith. Mit großer Intensität zeichnet er dessen Entwicklung vom äußerlich angepassten Mitglied der Gesellschaft zum zweifelnden und schließlich aufbegehrenden Menschen nach. Schon früh lässt Schwarzmann hinter der kontrollierten Fassade eine innere Unruhe erkennen. Die Veränderung vollzieht sich Schritt für Schritt: vom vorsichtigen Infragestellen der vorgegebenen Wahrheit über die heimliche Auflehnung bis zu jenem Winston, der in seiner Liebe zu Julia schließlich einen privaten Raum außerhalb der Macht der Partei zu finden hofft. In den späteren Szenen gewinnt Schwarzmanns Darstellung noch einmal an Eindringlichkeit. Nach Winstons Verhaftung werden die Folgen von Gefangenschaft und Folter zunehmend körperlich sichtbar. Haltung, Bewegungen und Stimme verändern sich, der Widerstand wird unter O’Briens Druck immer weiter gebrochen. Schwarzmann gestaltet diesen Prozess intensiv, ohne ihn äußerlich zu überzeichnen. Gerade dadurch bleibt Winston ein Mensch aus Fleisch und Blut und wird nicht zur bloßen Illustration einer politischen Idee. Umso bedrückender wirkt die Erkenntnis, dass die Partei sich nicht mit seinem Gehorsam zufriedengibt, sondern seine innere Kapitulation verlangt.

Julia Handle setzt als Julia eine ganz andere Energie dagegen. Selbstbewusst, mitunter frech und mit starker Bühnenpräsenz bringt sie eine Lebendigkeit ins Spiel, die sich wohltuend von der kontrollierten Welt ringsum abhebt. Ihre Julia begegnet dem System weniger mit Winstons grundsätzlichem Nachdenken über Wahrheit und Vergangenheit als mit dem entschlossenen Versuch, ihm persönliche Freiheit abzutrotzen. Handle spielt das unmittelbar und mit viel Charisma. In den gemeinsamen Szenen mit Schwarzmann entsteht dadurch eine glaubhafte Nähe, und für kurze Zeit scheint tatsächlich ein Leben denkbar, über das die Partei keine Verfügungsgewalt besitzt.
Peter Pausz vollzieht als O’Brien einen wirkungsvollen Wandel. Zunächst lässt er durchaus verständlich werden, weshalb Winston in ihm den ersehnten Verbündeten zu erkennen glaubt. Umso härter trifft die Entlarvung. Pausz lässt die vermeintliche Nähe verschwinden und begegnet dem Gefangenen schließlich mit kalter, beinahe sachlicher Brutalität. Er braucht dafür weder Lautstärke noch große Gesten. Gerade diese kontrollierte Härte macht seinen O’Brien so bedrohlich: Gewalt ist hier kein Ausbruch, sondern bewusst eingesetztes Instrument der Macht.
Dana Proetsch zeigt insbesondere als Parsons und Charrington ihre Wandlungsfähigkeit. Mit Präsenz und sicherem Gespür für die unterschiedlichen Figuren macht sie zwei sehr verschiedene Seiten dieser Gesellschaft sichtbar: hier die bereitwillige Anpassung an das System, dort Täuschung und Kontrolle. Gabriel N. Walther fügt sich als Syme prägnant in das Ensemble ein. Als jener Sprachspezialist, der an der Verkleinerung des Wortschatzes arbeitet, führt seine Figur zugleich mitten in eines der zentralen Themen des Romans: die Möglichkeit, über die Sprache auch das Denken einzuengen.
Ohnehin lebt der Abend ganz wesentlich vom Zusammenspiel der fünf Darsteller. Sie verkörpern nicht nur ihre Figuren, sondern tragen ebenso die erzählenden Passagen und Übergänge, wechseln Funktionen und halten den Rhythmus der Aufführung in Bewegung. Gerade aus diesem konzentrierten Zusammenspiel entsteht eine Spannung, die sich unmittelbar auf den Zuschauerraum überträgt. Sprache und Handlung greifen ineinander, die Wechsel zwischen erzählenden Passagen und szenischem Spiel erfolgen selbstverständlich. Metzger hält diese verschiedenen Ebenen sicher zusammen und bewahrt auch in der starken Verdichtung des Romans die Klarheit der Erzählung. Eine gewisse Aufmerksamkeit setzt der Abend dabei voraus, ohne den Zugang unnötig zu erschweren. Vorkenntnisse können das Erfassen mancher Zusammenhänge erleichtern, sind jedoch keine Voraussetzung, um sich auf die Inszenierung einzulassen. Am Ende zeigt sich, wie richtig Metzgers Vertrauen in Orwell ist. Sie muss dem Roman keine demonstrative Aktualisierung aufzwingen, damit seine Nähe zur Gegenwart spürbar wird. Die Manipulation von Sprache und Wahrheit, die Kontrolle von Informationen und die permanente Beobachtung haben nichts von ihrer Beunruhigung verloren. Gerade weil die Inszenierung diese Parallelen nicht eigens betont, treten sie umso deutlicher hervor.

Mit vergleichsweise sparsamen Mitteln gelingt dem Theater SPIELRAUM so ein intensiver, atmosphärisch dichter und von einem präsenten Ensemble getragener Abend. Nicole Metzger verdichtet Orwells komplexen Roman, ohne ihn auf seine längst sprichwörtlich gewordenen Schlagworte zu reduzieren. Dass man „Big Brother is watching you“ schon unzählige Male gehört hat, macht die Begegnung mit der Welt, aus der dieser Satz stammt, keineswegs harmloser.
Vielleicht liegt gerade darin die nachhaltigste Wirkung dieser „1984“-Inszenierung: Sie erklärt ihrem Publikum nicht, warum Orwell noch immer etwas mit unserer Gegenwart zu tun hat. Sie vertraut darauf, dass man es selbst erkennt. Und genau deshalb begleitet einen dieser Theaterabend noch über den letzten Satz hinaus.