Theater Lübeck, Wozzeck - A. Berg, IOCO
19. Juni 2026
Der österreichische Komponist Alban Berg (1885 – 1935) zählt neben Arnold Schönberg und Anton Webern zu den wichtigsten Vertretern der Zweiten Wiener Schule, die sich gegen die einfache Tonalität wandte und neue Klang- und Ausdrucksformen erforschte. Besonders Schönberg war der Vorreiter dieser expressionistischen Avantgarde. Er revolutionierte die westliche Klangwelt, indem er in seinen Kompositionen nach unverfälschten Ausdrucksformen suchte, anstatt nur Klangschönheit und Harmonie abzubilden. Nach einer Phase freier Atonalität entwickelte er die Zwölftontechnik, die seine Schüler übernahmen und weiter entwickelten.
Neben seinen beiden Opern „Wozzeck“ und „Lulu“ schrieb Alban Berg Kammermusik, Lieder und Orchesterwerke, die alle seine Fähigkeit zeigen, tiefgründige psychologische Inhalte musikalisch umzusetzen. Sein Kompositionsstil verbindet die Tradition der spätromantischen Musik mit den neuen technischen Möglichkeiten der Moderne, was ihn zum Wegbereiter für die Entwicklung der modernen Musik machte.
Alban Bergs „Wozzeck“, wie auch seine 1935 komponierte und durch ihn unvollendet gebliebene „Lulu“, gelten beide als Meilensteine der modernen Operngeschichte. „Wozzeck“, zwischen 1915 und 1921 komponiert nach dem Drama „Woyzeck“ von Georg Büchner, erfuhr seine Uraufführung im Dezember 1925 an der Berliner Linden-Oper unter der Leitung von Erich Kleiber.
Die Oper zeichnet sich aus durch ihre expressionistische Ausdruckskraft und ihre innovative Harmonieführung. Die Musik ist geprägt von einer intensiven Emotionalität und von komplexen Harmonien. Mittlerweile gilt „Wozzeck“ als eine der wichtigsten Opern des 20. Jahrhunderts.
In der Handlung geht es um den Soldaten Franz Wozzeck, einem gewöhnlichen Mann, der in prekären Verhältnissen lebt und der in einer ausweglosen Situation ausrastet. Er erfährt soziale Kälte, Armut, Unterdrückung und Missachtung durch Autoritäten, wodurch das Stück eine starke gesellschaftliche Relevanz erhält. Von seinem Hauptmann wird er schikaniert, von einem Arzt, der an ihm medizinische Experimente durchführt, wird er ausgebeutet. Für seine Geliebte Marie und ihr gemeinsames Kind muß er sorgen. Er erfährt, daß Marie eine Affäre mit dem Tambourmajor hat, wodurch Spannungen, Eifersucht und Misstrauen aufbrechen. Der soziale Druck führt bei ihm zu zunehmendem Wahnsinn. In der finalen Tragödie tötet er Marie, wird letztlich von Schuldgefühlen und Verfolgungswahn zerfressen, bevor er in der Stille der Schlußszene verendet und stirbt.
Für die Regie dieses neuen „Wozzeck“ (die Premiere war am 25. April 2026) konnte wiederum Brigitte Fassbaender gewonnen werden, deren „Elektra“-Inszenierung vor zwei Jahren noch in guter Erinnerung ist. Mit ihrer Bühnen- und Kostümbildnerin Bettina Munzer, die das in Grautönen gehaltene Einheitsbühnenbild mit zwei größeren Bögen gestaltet hatte, brachte sie eine in sich geschlossene, spannende Inszenierung auf die Bühne, die mit gut durchdachter Personenführung und ohne übertriebene Regiemätzchen auskam und durch ihre Schlichtheit bestach.

Nun hatte sie in Bo Skovhus einen schauspielerisch versierten, rollenerprobten Wozzeck zur Hand, der sowohl durch seine Gesten und mimischen Details als auch, was die sängerischen Anforderungen und gerade auch den lebensnahen Sprechgesang anging, einer Idealverkörperung dieser Partie gleichkam.
In Adrienn Miksch und ihrem höhensicheren Sopran hatte er eine Marie an seiner Seite, die der Versuchung widerstand, die Sinnlichkeit ihrer Partie allzu sehr in den Bereich des Triebhaften darzustellen. Gerade in der Gebetsszene offenbarte sie eine erschütternde Haltung ehrlicher, selbstbewußter Reue ohne sentimentale Rührseligkeit.

Eine sängerische und darstellerische Glanzleistung vollbrachte der dänische Tenor Peter Lodahl als Hauptmann in schmucker hellgrauer Uniform, absolut höhensicher, perfekt auch im Falsett intonierend.

Roman Payer in der Partie des triebhaften Tambourmajors verfügt über ein heldentenorales Timbre und wußte in seiner roten Uniformjacke gekonnt den Militaristen zu karikieren.
Als Doktor, der an Wozzeck die Folgen einseitiger Ernährung erforscht und der den Hauptmann mit seinen haltlosen Diagnosen in Angstzustände versetzt, beeindruckte Changjun Lee sowohl stimmlich mit seinem sonorem Bass als auch in seiner Darstellung des eitlen Mediziners.
In den weiteren Partien gefielen der Tenor Noah Schaul als lyrisch auftrumpfender Andres, die Mezzosopranistin Frederike Schulten als scheinheilige, sich bürgerlich gebende Margaret, sowie Robin Frindt und Steffen Kubach als die beiden Handwerksburschen.

Eine besondere Rolle hatte Brigitte Fassbaender der Rolle des Narren, Thomas Stückemann, zuteil werden lassen, der fast die ganze Zeit als stiller Beobachter am Bühnenrand sitzt und das Geschehen gelegentlich kommentierte. Am Ende, nach dem Auftritt der Kinder, setzt sich Maries Knabe (Emma Genz) auf den Rücken des Narren und reitet auf ihm davon, in eine ungewisse Zukunft.
Eine besonders eindrucksvolle Szene hatte der von Jan-Michael Krüger einstudierte Chor während der Todesszene Wozzecks, die so wirkte, als ob die Choristen ihn in den angedeuteten See im hinteren Teil der Bühne drängten.

Die musikalische Leitung lag in den bewährten Händen von GMD Stefan Vladar. Mit seinem glänzend disponierten Philharmonischen Orchester bot er allen Glanz spätromantischer Orchesterkunst aus der Partitur auf, verbunden mit den harmonischen Errungenschaften der Neuen Wiener Schule, vermittelte dem differenzierten Musikverlauf dramatischen Atem, dichte Emphase und eine wunderbare Klangbalance.
Eine moderne Oper wie Alban Bergs „Wozzeck“ ist nicht Jedermann's Sache, und so war das Lübecker Theater denn auch nur zur Hälfte besetzt. Doch das erschiene, interessierte Publikum belohnte sämtliche Mitwirkenden am Ende mit begeistertem Applaus.