Theater Lübeck, Tosca - G. Puccini, IOCO
20. Juni 2026
Die letzte Opernpremiere der Spielzeit 2025-26 am Lübecker Theater war Puccinis Meisterwerk „Tosca“. Diese Oper zählt zu den weltweit meistgespielten Werken der Opernliteratur und ist stets ein Garant für volle Häuser. Und so war es auch am 20. Juni trotz hochsommerlicher Temperaturen.
Diese Neuproduktion lag in den Händen von Regisseur Dietrich Hilsdorf, für dessen Inszenierung sein Bühnenbildner Dieter Richter eine eindrucksvolle, eher konventionelle Ausstattung geschaffen hatte: Im ersten Akt das Innere der Kirche Sant'Andrea della Valle mit dem Gerüst für Cavaradossis Gemälde der Maria Magdalena, für den 2. und 3. Akt den Prunksitz Scarpias im Palazzo Farnese vor dem riesigen Gemälde des Heiligen Andreas am Kreuze. Beide Akte finden in Scarpias Palazzo statt. Die Engelsburg gibt es hier nicht, von der sich Tosca herunterstürzen kann. Nachdem Cavaradossi erschossen worden ist, schreitet sie nach vorn, der Vorhang schließt sich hinter ihr und sie nimmt den Applaus des Publikums entgegen.

Auch die Regie geriet eher konventionell, quasi als Lehrstück über Macht und Totalitarismus, in deren Mechanismen sich die Protagonisten verstricken, abhängig von ihren entfesselten Leidenschaften. Dieser Ansatz ist zwar richtig, aber nicht unbedingt neu. Neu dagegen sind so einige Regie-Einfälle, deren Sinn und Zweck einem nicht unbedingt klar werden. Nämlich wenn bereits zu Beginn des zweiten Aktes Cavaradossi und Angelotti, geschunden und blutend, gemeinsam mit Scarpia an der gedeckten Tafel sitzen; wenn Spoletta dann berichtet, Angelotti sei nicht aufzufinden, und dieser bereits am Tisch sitzt und wenn Cavaradossi an eben diesem Tisch sitzend mit brennender Zigarette und mit Stöcken gefoltert wird. Oder wenn Scarpia von Tosca erstochen worden ist und dieser am Ende des zweiten Aktes einen grunzenden Schrei von sich gibt, und er zu Beginn des dritten Akts die Sätze des Schließers spricht. Auch der Hirt, der hier als 'Floria mit dem goldenen Ball' bezeichnet und von Ronja Stroh gesungen wurde, die durchs Fenster herein und wieder heraus kletterte, ergab hier keinen rechten Sinn. Solche Ungereimtheiten sind dann unter Effekthascherei oder, netter ausgedrückt, unter künstlerischer Freiheit zu verbuchen, egal ob es Sinn macht oder nicht.
Doch da war ja noch die musikalische Seite. Am Dirigentenpult stand GMD Stefan Vladar, der sein Philharmonisches Orchester mit bemerkenswerter Genauigkeit und Akkuratesse leitete, der es an Dramatik und Pathos nicht fehlen ließ und die wuchtig aufgebauten Orchesterhöhepunkte wirkungsvoll auskostete – Puccini „con brio“.

Die Titelpartie sang Evmorfia Metaxaki, für die dieser Abend zum Triumph wurde. In eleganter schwarzer oder blauer Robe (Kostüme von Nicola Reichert) überzeugte sie darstellerisch sowohl als eifersüchtige Diva, als gequälte Liebende und als vergeblich hoffende Retterin für sich und ihren Cavaradossi. Ihr jugendlich-dramatischer Sopran verfügt über ein apartes Timbre, sichere Spitzentöne, paßt sich den dramatischen Gegebenheiten der Partie mühelos an und muß nie forciert geführt werden. Auch die „Schreie“ wurden hochmusikalisch gesungen, und ihr „Vissi d'arte“ mit schön gestalteten Gesangsbögen war erwartungsgemäß der Höhepunkt des zweiten Aktes.

Zuverlässig und auf gleich hohem Niveau präsentierte sich Konstantinos Klironomos als Cavaradossi. Er ist groß und schlank, hat eine sympathische Ausstrahlung und eine gute Bühnenpräsenz. Seine wohlklingende Tenorstimme ist groß und kraftvoll, die metallisch glanzvolle Höhe kam strahlend und bombensicher. Er ist in der Lage, die Spitzentöne lang auszuhalten und hat hierfür auch den langen Atem und genügend stimmliche Reserven.

Der Bariton Gerard Quinn ist ein verdientes Mitglied des Lübecker Theaters, seit über 25 Jahren gehört er dem Ensemble an. Nun sang er den von allen gefürchteten römischen Polizeichef Scarpia, allerdings wirkte er vom Typ her eher wie ein gemütlicher, behäbiger älterer Herr in seinem golddurchwirktem Rokoko-Kostüm, dem man erotische Eskapaden nicht mehr wirklich zutraut. Von dämonischem, brutalen Habitus war bei seiner Darstellung dieses Bösewichts eigentlich nichts zu spüren. Er bot großenteils nahezu balsamischen Schöngesang und seine Stimme verfügt über ein angenehm klingendes Timbre, ist aber nicht mehr so durchschlagskräftig, als daß er darüber die Grausamkeit und Abscheulichkeit des Charakters hätte ausdrücken können.
Steffen Kubach in der komödiantischen Partie des Sakristan zeigte uns, wie gut er selbst mit einem vollem Mund singen kann, nachdem er sich aus dem Proviantkorb des Angelotti bedient hatte.

Die Partie des gefolterten Angelotti sang Changjun Lee mit klangvollem Bass, der Tenor Noah Schaul sang den unterwürfigen Hauptmann Spoletta in Napoleon-Uniform, und der Bassbariton Robin Frindt machte als Polizeiagent Sciarrone in seinem Rokoko-Kostüm eine gute Figur.
Prächtig klang der von Jan-Michael Krüger einstudierte Chor beim „Te Deum“ im ersten Akt.
Die Spielzeit 2025-26 neigt sich dem Ende entgegen, diese „Tosca“ wird am 30. August 2026 wiederaufgenommen. Die Neuinszenierungen am Lübecker Theater in der Spielzeit 2026-27 werden sein: „Idomeneo“, „Un Ballo in Maschera“, „Dialoge der Karmeliterinnen“, „Ariadne auf Naxos“, und „Im weißen Rössl“.