Theater Lübeck, "Les Contes d'Hoffmann", J. Offenach, IOCO
- Juni 2026
Jacques Offenbach starb am 5. Oktober 1880 und hinterließ seine nicht fertiggestellte Oper „Les Contes d'Hoffmann“, diese 'Opéra fantastique', die sein Hauptwerk werden sollte. Eine endgültige Fassung des Komponisten gibt es also nicht. Aus den verschiedensten Manuskripten wurde seine Oper im wahrsten Sinne des Wortes 'zusammengeschustert', und so fand vier Monate nach Offenbachs Tod im Februar 1881 die Uraufführung von „Les Contes d'Hoffmann“ in der Pariser Opéra Comique statt. Über die Jahrzehnte tauchte immer mehr Material, tauchten immer mehr Manuskripte auf. Für lange Zeit hatten sich die Opernhäuser für die Oeser-Fassung entschieden, seit ca. 2005 wird meist eine von den Offenbach-Experten Michael Kaye und Jean-Christophe Keck erarbeitete Fassung gespielt.
Für das Lübecker Theater hatte nun der Regisseur Philipp Himmelmann eine Fassung dieser phantastischen Oper realisiert, die sich auf alles Wesentliche, auf die Highlights der Komposition konzentriert, und einiges, was belegbar nicht aus Offenbachs Feder stammt, weggelassen wurde. Gespielt wurde die Oper ohne Pause, die Gesamtdauer belief sich auf zwei Stunden, was dem gesamten Spannungsablauf des Abends, durch den bruchlosen Übergang von einer Episode zur nächsten, ausnehmend gut tat.
Phantastisch klang das Philharmonische Orchester der Hansestadt Lübeck, welchem es unter der vehementen Leitung des Ersten Kapellmeisters Takahiro Nagasaki weder an emotionalem Ausdruck noch an gebotener Intensität fehlte, und der auch das nötige Quantum an französischem Esprit und Eleganz einbrachte, so daß die herrliche Musik Offenbachs diesen Abend zu einem wahren Erlebnis machte.
In dem schlichten, von David Hohmann geschaffenen Bühnenbild – drei identische hellgraue Räume mit einem Bartresen auf der Drehbühne – entwickelte Himmelmann die Geschichten von Hoffmanns drei problematischen Traumfrauen und deren jeweils tragischem Ausgang: Olympia, die von dem Physiker Spalanzani als Automaten-Puppe kreiert und am Ende von Coppelius zerstört wird; oder Antonia, die an einer offenbar durch ihr Singen ausgelösten Krankheit leidet, ebenso wie einst ihre Mutter, von Dr. Mirakel zum Gesang ermuntert und letztendlich daran zugrunde geht; schließlich Giulietta, eine Kurtisane, auch an ihr scheitert er und ist seines Spiegelbildes beraubt.
Als Hoffmann brillierte Konstantinos Klironomos, der seine Partie heldentenoral kraftvoll anging, strahlende Spitzentöne produzierte und diese Tour de Force bewundernswert ohne Ermüdungserscheinungen bis zum Ende durchhielt.
Stets an seiner Seite war Frederike Schulten als Muse und Niklas mit hell timbriertem Mezzo, die ihren ersten Auftritt höchst wirkungsvoll hatte, indem sie auf einem Pferdesattel sitzend vom Bühnenhimmel herunter geschwebt kam und ihrer Partie als Hoffmanns Begleiterin ein interessantes Profil verlieh.

Spohie Naubert in der Partie der Olympia war stimmlich sensationell mit ihrem wohltönenden, klaren Koloratursopran und den perfekten Koloraturläufen, die sie der Rolle entsprechend mit ein paar Seufzern, Kieksern und gewollt schrillen Tönen garnierte, wobei sie hier nicht aufgezogen wurde, sondern Hoffmann ihr stattdessen immer neue Notenblätter reichte, um in der Arie fortzufahren. Kostümiert hatte man sie in ein rotes Etwas, welches auch den Kopf verhüllte, so daß sie aussah wie ein blutiger Embryo (Kostüme von Meentje Nielsen).

Andrea Stadel, als Antonia recht bieder in rotem Rock, Bluse und Jacke gewandet, stellte beeindruckend die Traurigkeit ihrer Szenen dar und gab die Melancholie dieses Bildes in ihrer Arie von der Taube zart und verinnerlicht wieder. Auch ihr Duett mit Hoffmann sowie das Terzett mit der Mutter und Dr. Mirakel wurden hoch emotional und voller Innigkeit interpretiert.

Aditi Smeets als Kurtisane Giulietta war in einen eleganten dunkelroten Hosenanzug gekleidet und sang mit kräftigem lyrischen Sopran eine wunderschöne Barcarole, in der ihre Stimme perfekt mit der dunkleren Stimmfarbe des Niklas harmonierte.
Jacob Scharfman war der charismatische, bühnenpräsente Darsteller der Vier Bösewichte im violetten Mantel und mit Schaftstiefeln bekleidet. Die Partien Lindorf, Coppelius, Dr. Mirakel und Dapertutto scheinen ihm wie auf den Leib geschneidert, und so erfüllte er diese bedrohlichen Charaktere mit unterschwelliger Gefahr, Zynismus und Brutalität. Mit seinem kraftvollen, virilen Bariton gelang ihm eine farbenreiche Gestaltung von sanften, schmeichlerischen Tönen bis hin zu diabolischen Ausbrüchen.
Einen starken Auftritt hatte Delia Bacher als Antonias Mutter, groß und schlank im silbrig-weißen Gewand mit langen schwarzen Haaren und satter lyrischer Alt-Stimme.
Ein pauschales Lob gilt den weiteren Protagonisten Wonjun Kim als Cochenille und Pitchinaccio, Changjun Lee als Crespel, Tomasz Mysliwiec als Nathanael und Spalanzani, Viktor Akzentijevic als Hermann und Schlemihl, sowie den von Jan-Michael Krüger perfekt einstudierten, wunderbar singenden und szenisch agierenden Choristen.
Am Ende gab es frenetischen Applaus des dankbaren Publikums für alle Mitwirkenden dieser „Opéra fantastique“ an diesem phantastischen Abend.