Ulrichshusen, Festspiele Mecklenburg-Vorpommern, IOCO

Ulrichshusen, Festspiele Mecklenburg-Vorpommern, IOCO
Festspiele Mecklenburg-Vorpommern 2026, Foto: FMV

Begeisterung für Anastasia Kobekina und die „Academy of St. Martin in the Fields“

 

von Ekkehard Ochs

 

 Seit dem 13. Juni sind die Festspiele MV landesweit wieder in vollem Gange. Aber erst am vergangenen Sonntag luden sie erstmals nach Ulrichshusen ein, dem gern „Herzkammer“ genannten zentralen Spielort der Festspiele Mecklenburg-Vorpommern. Vielleicht lag es auch daran, dass der Zustrom zum geschätzten Ambiente Ulrichshusens wie nach einer Entziehungskur gewaltig ausfiel, die Riesen-Konzertscheune aus allen Nähten platzte und die Begeisterung entsprechend emphatisch ausfiel. Und das war schon deshalb nicht verwunderlich, da mit der Ausnahmecellistin Anastasia Kobekina und der Academy of St. Martin in the Fields zudem Interpreten von bekanntermaßen allerhöchstem Rang präsentiert werden konnten.Auch verriet das Programm sonmerlich angemessene Leichtigkeit und jene entspannte Unterhaltsamkeit, die im Verbund mit denkbar höchsten künstlerischen Ansprüchen so richtig glücklich machen kann.

Festspiele Mecklenburg-Vorpommern 2026, Foto: FMV

Etwa auch mit dem Rossini-Produkt einer Streichersonate (N r. 1 G-Dur, 1804), das dem seinerzeit Zwölfjährigen mit schon erstaunlicher Sicherheit aus gespitzter und bereits gewitzter Feder floss. Unangestrengtes Fließen, flottes Parlando, spielerisch leichte Gefälligkeit, aber auch Charme und melodischer Schmelz – dies die in Ansätzen erkennbaren Merkmale später unverkennbaren Musizierstils, denen man gern sein geneigtes Ohr lieh; zumal in einer Interpretation, die keine Wünsche offen ließ.

Das galt in einem durchweg italienisch geprägten Programm natürlich auch für Strawinskys „Suite italienne“ (1925), ursprünglich komponiert für Cello und Klavier nach Giovanni Pergolesi (im Ballett „Pulcinella“), hier in einer Fassung für Streichorchester (Benjamin Wallfisch). Das Ganze als der rechte Ort, Strawinskys Kunstfertigkeit im originellen Bearbeiten barocker Vorlagen mit entsprechend musikantischer Raffinesse zu begegnen. Dies mit viel Sinn für klangliche Delikatesse und geistreiche Feinheiten, inbegriffen denen eines konzertierenden Violoncellos, denen Anastasia Kobekina erstmals an diesem Nachmittag die überwältigenden musikantischen, überaus „redenden“  Züge (Pulcinella!) ihres so individuellen Spielens (Interpretierens) verlieh.

Festspiele Mecklenburg-Vorpommern 2026, Foto: FMV

Überraschend ist das seit ihren schon als sensationell empfundenen Auftritten im vergangenen Jahr nicht; aber uneingeschränkt begeisternd schon! Selbst verwöhnte Ohren staunen, was diese wie eine lustig-liebenswürdige Märchenfee, bunt gewandet, barfuss, lachend, ihr Instrument wie eine Feder schwingend und geradezu hüpfend die Bühne erobernd, aus selbst gängigsten Noten zaubert. Kein Wunder also, dass unter ihren  Händen Vivaldis Konzert für 2 Violoncelli (g-Moll RV 531) – hier mit dem ebenfalls glänzenden Richard Harwood vom Orchester – und das Cellokonzert g-Moll (RV 416) eine ganz ungewöhnlich lebendige Profilierung erfuhren. Inbegriffen dynamische Differenzierungen von ungeahnter Bandbreite, artikulatorisch prägnante Vielfalt und agogisch vielsagend „redende“ Freiheiten, die ein Gesamterlebnis von bezwingender „Neuartigkeit“ ermöglichten. Garantiert natürlich mit der „Academy“ als dazu notwendigem Partner auf gestalterischer Augenhöhe. (Wenn Strawinsky solche mitreißenden , historisch informierten Aufführungen gekannt hätte, wäre der ihm  zugeschriebene etwas bissige Satz, Vivaldi habe nur ein einziges Konzert geschrieben, das aber gleich einige hundert mal, wohl differenzierter ausgefallen). 

Italienisch dann auch das Finale, übrigens schwergewichtiger als alles Vorausgehende: Tschaikowskis  Streich-Sextett „Souvenir de Florence“ d-Moll op. 70 (1890). Es sind dies Erinnerungen an einen Aufenthalt in Florenz, ungetrübt, unbeschwert – wenngleich in eine kammermusikalische Form gegossen, die dem Komponisten einige Mühen bereitete. Die aber haben gelohnt! Knapp 40 Minunten ungebremster, vielfach sehr direkter Wohlklang, aber differenziert zwischen serenadenhaft zarter Lyrik und rauschhaft strahlendem Glanz, ein  Kompendium einfallsreichster, „farbigster“ Kustfertigkeit, hinreißend in  der Stringenz mitreißenden Musizierens. Die „Academy of St. Martin in the Fields“ ließ denn auch keinerlei Zweifel daran aufkommen,  dass zu ihren vielen Kompetenzfeldern auch die stilistisch spezifische Klangwelt eines Tschaikowski zählt. Allerdings kann die Besetzung einen entscheidenden Unterschied machen. Mancher Musikfreund wird die kammermusikalische Originalbesetzung als Sextett vorziehen, denn die Orchesterfassung macht aus der transparenten auch gefühlvoll intimen Florenz-Erinnerung in nicht wenigen Partien ein massives und sehr kompaktes, gelegentlich überdimensioniert scheinendes Klangpaket. Natürlich ist auch das nicht ohne Wirkung und sorgte etwa in Ulrichshusens Konzertscheune für begeisterte Ovationen; als Finale eines wohl viele Wünsche erfüllenden Konzertnachmittags mit nicht wenigen Gründen für anhaltende Nachwirkungen.         

Festspiele Mecklenburg-Vorpommern 2026, Foto: FMV

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