Salzburg, Landestheater, TOSCA - Giacomo Puccini, IOCO
Ein musikalischer Triumph im Großen Festspielhaus Salzburg: Puccinis „Tosca“ begeistert mit einem herausragenden Sängerensemble und dem Mozarteumorchester unter Carlo Benedetto Cimento. Thomas Mikas halbszenische Inszenierung überzeugt vor allem durch ihre eindringliche Personenführung.
Salzburg, Großes Festspielhaus: „Tosca“ des Salzburger Landestheaters
von Marcus Haimerl
Musikalischer Triumph im Großen Festspielhaus
Giacomo Puccini – „Tosca“ | Großes Festspielhaus Salzburg | Aufführung vom 7. November 2026
Die halbszenische „Tosca“ des Salzburger Landestheaters überzeugt am 7. November 2026 im Großen Festspielhaus vor allem musikalisch. Unter der Leitung von Carlo Benedetto Cimento entfaltet das Mozarteumorchester Salzburg die emotionale und dramatische Kraft dieser Partitur. Ein außergewöhnlich starkes Sängerensemble und die präzise Personenführung von Thomas Mika tragen den Abend; die Projektionen bleiben dagegen überwiegend illustrativ.
Zwischen Konzert und Musiktheater
Thomas Mika, verantwortlich für Inszenierung und szenische Einrichtung, verzichtet weitgehend auf eine aufwendige Bühnenausstattung. Das Mozarteumorchester Salzburg nimmt den hinteren Bereich der Bühne ein, während sich die Sängerinnen und Sänger auf der davorliegenden Spielfläche bewegen. Auch das Dirigentenpult befindet sich hinter den Solisten. Diese Anordnung macht den musikalischen Entstehungsprozess sichtbar, ohne die szenische Darstellung grundsätzlich einzuschränken.
Die Ausstattung beschränkt sich auf wenige, während der gesamten Aufführung unverändert bleibende Elemente. Links steht ein schwarzer Schreibtisch mit Aktenfächern, einer mattschwarzen Bankerlampe, Tintenfass, Löschwiege sowie einer Weinflasche und einem Glas. Rechts befindet sich eine Staffelei mit dem zunächst verhängten Bild der Maria Magdalena, flankiert von zwei Stühlen und einer Leiter mit Malutensilien. Diese Gegenstände dienen im ersten Akt der Kirche Sant’Andrea della Valle als Ausstattung, im zweiten Akt Scarpias Amtsräumen im Palazzo Farnese und bleiben auch im dritten Akt auf der Engelsburg bestehen.

Die Schauplätze werden durch großflächige Projektionen nach Zeichnungen des Salzburger Karikaturisten Thomas Wizany kenntlich gemacht. Das Videodesign stammt von Ida Zenna. Zu Beginn erscheint ein Panorama Roms, auf dem sich unter anderem die Engelsburg erkennen lässt. Später verwandelt sich die Ansicht in einen Kirchenraum mit Altar und Säulen, im zweiten Akt in einen repräsentativen Raum mit Flügeltür zu einem Balkon mit Ausblick auf Rom, im dritten schließlich in die Plattform der Engelsburg mit ihren Kanonen.
Wizanys Zeichnungen sind durchaus ansprechend und ermöglichen eine räumliche Orientierung. Eine weiterführende Interpretation der Handlung bieten sie allerdings kaum. Wiederholt werden die Bilder durch farbige Flächen und Blutspritzer ergänzt, die das Geschehen illustrieren, ohne ihm zusätzliche Bedeutung zu verleihen. Wenn Cavaradossi „Recondita armonia“ singt, fließen gelbe und blaue Farben über die Kirchenzeichnung. Während Tosca von den Augen der Maria Magdalena spricht, läuft blaue Farbe aus einem der Augen auf der Zeichnung. Später erscheinen bei Scarpias Auftritt und während Cavaradossis Folter hellrote Rinnsale von frischem Blut zwischen den bereits vorhandenen rostfarbenen Flecken. Was zunächst als bildnerischer Kommentar wirken mag, verliert durch die häufige Wiederholung an Aussagekraft.
Die Engel als Begleiter des Schicksals
Wesentlich überzeugender ist eine zusätzliche Ebene, die Mika durch drei Kinderfiguren einführt. Sie verkörpern die Engel beziehungsweise Seelen von Tosca, Cavaradossi und Angelotti. Diese Figuren begleiten die Protagonisten und greifen wiederholt in den Handlungsablauf ein.
Bereits zu Beginn erscheint Angelottis Engel vor dem entflohenen politischen Gefangenen. Beide halten sich den linken Arm, wodurch Angelottis Verletzung eine sichtbare Entsprechung erhält. Als dieser den Schlüssel zur Kapelle der Attavantis sucht, wird er ihm von seinem Engel gereicht.

Besonders eindrucksvoll sind die Engel im zweiten Akt eingebunden. Toscas Engel umkreist Scarpia bereits zuvor mit einem Messer, als würde er das bevorstehende Geschehen erahnen. Später gelangt die Waffe über Angelottis Engel zu Tosca, die damit den Polizeichef ersticht. Nach Scarpias Tod legt Angelottis Engel zwei Pinsel kreuzförmig auf den Boden und führt schließlich den Toten von der Bühne. Auch der Passierschein, der Tosca und Cavaradossi die vermeintliche Flucht ermöglichen soll, wird ihr von Angelottis Engel übergeben.
Im dritten Akt setzt sich dieses Motiv fort. Der Schließer findet die beiden Pinsel, die zuvor das Kreuz vor Scarpias Leichnam gebildet haben. Toscas Engel nimmt einen davon und reicht ihn Cavaradossis Engel. Die beiden Kinder umarmen einander. Als der schwer gezeichnete Cavaradossi auf die Bühne gestoßen wird, versucht sein Engel vergeblich, ihm aufzuhelfen, und umarmt ihn schließlich von hinten.
Auch Cavaradossis Tod wird nicht unmittelbar dargestellt. Während er zur Erschießung abgeführt wird, blickt Tosca ins Publikum. Erst das Erscheinen seines Engels lässt sie erkennen, dass die versprochene Scheinhinrichtung eine Täuschung war. Ihr eigener Tod wird ebenso zurückgenommen dargestellt: Mit ihrem letzten Ausruf „O Scarpia, avanti a Dio!“ bricht sie vor ihrem Engel zusammen.
Diese Form der Darstellung verzichtet auf äußerliche Effekte und gewinnt gerade dadurch an Eindringlichkeit. Die drei Kinderfiguren fügen sich überzeugend in das Geschehen ein.
Überhaupt liegt Mikas Stärke in der präzisen Personenführung. Die Beziehungen zwischen Tosca, Cavaradossi und Scarpia werden glaubhaft und mit deutlicher körperlicher Ausdruckskraft gestaltet. Die Beschränkungen der halbszenischen Form fallen dabei kaum ins Gewicht. Zwar fehlen beispielsweise die ausgelassene Volksmenge im ersten Akt oder ein sichtbares Erschießungskommando im dritten, doch die entscheidenden dramatischen Begegnungen sind sorgfältig ausgearbeitet.

Drei herausragende Hauptdarsteller
Ekaterina Sannikova gestaltet die Titelpartie mit einem großen, kraftvollen Sopran, der sowohl die leidenschaftlichen Ausbrüche als auch die lyrischen Momente der Figur eindrucksvoll trägt. Ihre Stimme besitzt eine beachtliche Durchschlagskraft und behauptet sich mühelos gegenüber dem Orchester. Dabei gelingt es ihr, die unterschiedlichen emotionalen Zustände Toscas glaubhaft zu vermitteln: die Eifersucht im ersten Akt, die zunehmende Verzweiflung angesichts Cavaradossis Folter und schließlich die ausweglose Situation im dritten Akt. Auch darstellerisch überzeugt Sannikova durch ihre intensive, zugleich differenzierte Gestaltung.
Mit Andeka Gorrotxategi steht ihr ein Cavaradossi zur Seite, dessen Tenor zu den Höhepunkten des Abends zählt. Die kraftvolle, schön geführte Stimme besitzt einen einprägsamen Klang und verbindet lyrischen Ausdruck mit dramatischer Intensität. Gorrotxategi hat die stimmliche Substanz für die großen Partien des italienischen Repertoires, ohne auf bloße Lautstärke zu setzen. Besonders in den großen Solopassagen wirkt sein Gesang unmittelbar. Ein Tenor, der den Vergleich mit bedeutenden Vertretern seines Fachs keineswegs scheuen muss.
Nicht weniger überzeugt Kartal Karagedik als Baron Scarpia. Sein kräftiger, klangschöner Bariton verleiht dem Polizeichef Autorität und Bedrohlichkeit. Auch darstellerisch entwickelt er eine glaubhafte Figur. Seine Gestik, die selbstverständliche Ausübung von Macht und die scheinbare Gleichgültigkeit gegenüber dem Leiden anderer machen diesen Scarpia zu einem ebenso gefährlichen wie überzeugenden Gegenspieler.
Besonders wirkungsvoll ist die Szene, in der Tosca ihre große Arie „Vissi d’arte“ singt, während Scarpia scheinbar unbeteiligt Zeitung liest. Die demonstrative Gleichgültigkeit des Polizeichefs verstärkt die Verzweiflung der Sängerin und zeigt zugleich, wie wirkungsvoll Mikas reduzierte Personenführung sein kann.

Ein Ensemble auf hohem Niveau
Auch die kleineren Partien sind bemerkenswert gut besetzt. Daniele Macciantelli ist als Cesare Angelotti geradezu eine Luxusbesetzung. Sein klangvoller, substanzreicher Bass verleiht dem politischen Flüchtling ein Gewicht, das über den vergleichsweise begrenzten Umfang der Partie hinausgeht.
Marcel Brunner gestaltet den Sagrestano und später den Carceriere mit sicherer Stimme und ausgeprägtem darstellerischem Gespür. Besonders im ersten Akt setzt er humorvolle Akzente. Mit lebhafter Körpersprache und einem immer wieder hervorgeholten Flachmann entsteht das Bild eines Gottesmannes, dessen menschliche Schwächen ebenso deutlich hervortreten wie seine komische Seite.
Alexander Hüttner als Spoletta und Yevheniy Kapitula als Sciarrone ergänzen das Ensemble auf sehr gutem Niveau. Beide nutzen die begrenzten Möglichkeiten ihrer Partien überzeugend und fügen sich in die insgesamt geschlossene darstellerische Leistung ein.
Besondere Erwähnung verdienen die drei jungen Darsteller der Engel: Amaya Morocutti als Toscas Engel, Lorenz Nief als Cavaradossis Engel und Julien Hilaire als Angelottis Engel. Mit großer Ernsthaftigkeit und bemerkenswertem Einfühlungsvermögen erfüllen sie ihre ungewöhnlichen Aufgaben und tragen wesentlich zur Wirkung des szenischen Konzepts bei.
Puccinis Musik in ihrer ganzen dramatischen Kraft
Der eigentliche Triumph dieses Abends liegt jedoch in der musikalischen Umsetzung. Carlo Benedetto Cimento führt das Mozarteumorchester Salzburg mit ausgeprägtem Gespür für Puccinis Klangsprache, ihre lyrischen Feinheiten und ihre dramatischen Zuspitzungen. Sein Dirigat besitzt Temperament, große Spannkraft und jene Italianità, die dieser Partitur besonders zugutekommt.

Die orchestralen Steigerungen entwickeln eine eindrucksvolle Wucht, ohne die Sängerinnen und Sänger zu überdecken. Das hinter den Solisten auf der Bühne platzierte Mozarteumorchester Salzburg fügt sich klanglich hervorragend in das Geschehen ein. Die Stimmen bleiben jederzeit gut hörbar und sind über weite Strecken bemerkenswert textverständlich.
Das Mozarteumorchester zeigt sich dabei in hervorragender Verfassung. Kraftvolle dramatische Ausbrüche wechseln mit fein abgestuften lyrischen Passagen. Cimento versteht es, die großen musikalischen Bögen zu gestalten, ohne die unmittelbare Spannung des Geschehens zu verlieren.
Großartig sind auch Chor und Extrachor des Salzburger Landestheaters sowie der Salzburger Festspiele und Theater Kinderchor. Besonders im ersten Akt entfalten die Ensembles eine beeindruckende klangliche Wirkung. Die sorgfältige Choreinstudierung durch Mario El Fakih sowie die Einstudierung des Kinderchores durch Wolfgang Götz verdienen ausdrückliche Anerkennung.
Die Musik trägt den Abend
Die halbszenische „Tosca“ des Salzburger Landestheaters kommt ohne aufwendige Bühnenmaschinerie aus. Thomas Mika gelingt eine überzeugende Personenführung, die insbesondere durch die sensible Einbindung der drei Engel an emotionaler Tiefe gewinnt. Die Zeichnungen von Thomas Wizany und das Videodesign von Ida Zenna bleiben dagegen überwiegend illustrative Begleitung und vermögen dem Werk nur begrenzt neue Perspektiven abzugewinnen.
Entscheidend ist an diesem Abend ohnehin die Musik. Mit Ekaterina Sannikova, Andeka Gorrotxategi und Kartal Karagedik steht ein außergewöhnlich starkes Sängertrio auf der Bühne, das von einem ebenso überzeugenden Ensemble ergänzt wird. Das Mozarteumorchester Salzburg unter Carlo Benedetto Cimento macht Puccinis Partitur zu einem mitreißenden musikalischen Erlebnis.
Das Publikum im Großen Festspielhaus dankt allen Mitwirkenden mit lang anhaltendem Applaus und stehenden Ovationen.