Dresden, Kulturpalast, D. Runnicles - E. Ax, Dresdner Philharmonie, IOCO

Dresden, Kulturpalast, D.  Runnicles - E. Ax, Dresdner Philharmonie, IOCO
D. Runnicles, Dresdner Philharmonie (c) Oliver Killig


06. November 2026


Ludwig van Beethoven: Konzert für Klavier und Orchester Nr. 2 B-Dur op. 19/Anton Bruckner: Sinfonie Nr. 7 E-Dur WBA 107

Das Klavierkonzert Nr.2 B-Dur op. 19 von Ludwig van Beethoven (1770-1827) steht am Anfang des Konzerts unter Chefdirigent Sir Donald Runnicles mit dem Solisten Emanuel Ax.

„Der berühmte Herr Ludwig van Beethoven hat mit einem von ihm selbst verfaßten ganz neuen Konzerte auf dem Pianoforte den ungeteilten Beifall des Publikums geerntet“ berichtet die Wiener Zeitung nach einer Aufführung seines Zweiten Klavierkonzerts.

Allgemein, aber nicht eindeutig nachweisbar, wird angenommen, dass die Uraufführung am 29. März 1795 in Wien mit dem Orchester der Tonkünstler-Societät stattfindet. Das B-Dur-Konzert ist eigentlich das erste von Beethoven für die Öffentlichkeit komponierte Klavierkonzert. Skizzen und der Entwurf des ersten Satzes gehen zurück in die Bonner Zeit. 1793 entsteht dann eine Wiener Fassung. Weitere Umarbeitungen folgen 1794/95. Drei Jahre später ersetzt er das ursprüngliche Finale durch ein neues Rondo, 1801 wird für den Druck noch einmal die Solostimme überarbeitet, eine Kadenz für den ersten Satz schreibt der Komponist sogar erst 1809. Interessant ist, dass das langjährige Ringen um eine endgültige Fassung Beethovens Entwicklung in mehr als zwanzig Jahren spiegelt. Einerseits noch stark dem Vorbild Mozart verpflichtet, weisen die phantasievolle motivische Arbeit bereits in die Zukunft. Zur jugendlichen Anmut und Leichtigkeit im Sinne Mozarts kommen der Witz, der Charme und die Brillanz Beethovens.

E. Ax, D. Runnicles, Dresdner Philharmonie (c) Oliver Killig

Das Konzert entfaltet Esprit und klassische Schönheit - für Emanuel Ax ein Meisterwerk, spannend, innovativ und schwierig, eine Herausforderung für jeden Interpreten, denn nicht zu Unrecht gilt Beethoven zu seiner Zeit als einer der besten Pianisten, der sich in seinen Klavierkompositionen auch als Solist zu beweisen sucht.  

Wenig verständlich ist ein Brief vom 15. Dezember 1800 an seinen Verleger Hoffmeister, in dem er seine Komposition zu einem sehr günstigen Preis anbietet, es sei eine ältere Komposition und „folglich nicht zu den besten gehörend. Doch dürfte es Ihnen keine Schande machen, es zu drucken“. Bei der Drucklegung als op. 19 bzw. op. 15 werden dann B-Dur-und C-Dur-Konzert vertauscht. So gilt die bis heute übliche Reihenfolge.

Der erste Satz ist ein schnelles Allegro con brio. Das Orchester stellt das Hauptthema vor. Doch bestimmend wird auch im Klavierpart der lyrische Charakter des zweiten Themas und dessen für exotische harmonische Wechsel von C nach Des und in der Reprise nach Ges. Die zu erwartende Verarbeitung des Hauptthemas bringt erst die Solo-Kadenz. Das folgende nächtlich verträumte, mit reizvollen Variationen ausgeschmückte Adagio, noch mozartisch im Ton, weist bereits auf Beethovens späteren Stil hin. Das zeigt sich noch deutlicher im Rondo. Molto allegro. Das tänzerische 6/8-Hauptthema nimmt richtig Fahrt auf, wenn Beethoven den thematischen Auftakt auf den ersten Taktschlag verlegt und damit einen skurril hüpfenden Charakter erzeugt. Eine Wendung nach Moll beendet der Solist mit einem fulminanten Doppeltriller - eine Spezialität des jungen Virtuosen Ludwig van Beethoven. Nach ein paar banalen Akkorden des Klaviers bleibt auch dem Orchester nur übrig, den Satz mit Tuttischlägen zu beenden.

Der US- amerikanische Pianist Emanuel Ax gewinnt im Alter von 25 Jahren den Arthur-Rubinstein-Klavierwettbewerb in Tel Aviv und erhält 1979 den begehrten Avery Fisher Prize in New York. Seither ist er ein gefragter Gast aller großen Orchester weltweit und Kammermusikpartner geschätzter Künstler wie Yo-Yo Ma, Itzhak Perlman und Leonidas Kavakos.  Dabei reicht sein Repertoire von der Klassik bis in die Moderne. Mit souveräner, virtuoser Geste aber immer mit großem, kammermusikalischem Feingefühl und tiefer schlichter Innigkeit wird sein Spiel für mich zum Höhepunkt des Abends. Zu Recht feiert ihn sein Publikum. Erst mit der Zugabe einer Bearbeitung des Schubert-Lieds „Leise flehen meine Lieder“ von Franz Liszt werden die Zuhörer in die Pause entlassen.

D. Runnicles, Dresdner Philharmonie (c) Oliver Killig

Die Sinfonie Nr. 7 E-Dur von Anton Bruckner (1824-1896) entsteht zwischen September 1881 und September 1883 und wird am 30. Dezember des folgenden Jahres vom Leipziger Gewandhausorchester im Neuen Theater unter der Leitung des jungen Dirigenten Arthur Nikisch mit großem Erfolg uraufgeführt. Bruckner berichtet stolz, dass „…zum Schluss eine viertel Stunde applaudiert wurde“. Der achtzehnjährige Nikisch, der 1873 als Geiger bei den Philharmonikern in Wien die Erstaufführung der von Bruckner dirigierten Zweiten Sinfonie mitspielen durfte, wird ein paar Jahre später sein wichtigster und unbeirrbarer Interpret und Fürsprecher sein: „Ich halte es von nun an für meine Pflicht, für Bruckner einzutreten“. Die Uraufführung der Sinfonie Nr. 7 bedeutet nach Jahrzehnten des Kämpfens gegen Vorurteile und Spott: „Halbgenie und Halbtrottel“ (Hans von Bülow), des Bettelns und Hoffens für Bruckner den erhofften Erfolg und die allgemeine Anerkennung auch als Komponist. Nur zwei Monate nach der Erstaufführung dirigiert Hermann Levi die Sinfonie in München.  Auch dort begeistert gefeiert, folgen Aufführungen in Köln, Hamburg, Graz und 1886 in Wien. Bemerkenswert ist die Reaktion der von Eduard Hanslick angeführten Wiener Kritik - Bruckner gerät als Bewunderer des Komponisten Richard Wagner ohne eigenes Zutun zwischen die Fronten des erbittert geführten Streits der Neudeutschen Schule um Wagner und Liszt mit der konservativen Fraktion um Hanslick und Brahms. So schreibt Hanslick nach dem Konzert von „Großthuerei und Armseligkeit“, von „bleierner Langeweile und fieberhafter Überhitzung“. Max Kahlbeck urteilt: „Seine siebente Symphonie ist nichts mehr als eine theils anlockende, theils abstoßende Stegreifkomödie“. Diese Schmähungen können jedoch den internationalen Siegeszug des Werks nicht aufhalten. Schon bald steht die Sinfonie auf den Konzertprogrammen in Boston, New York und Chicago und wird vom Publikum auch dort enthusiastisch gefeiert.

Als Anton Bruckner 1883 in St. Florian seine 7. Sinfonie vollendet, ist er 59 Jahre alt. Er ist Professor für Kontrapunkt und Tonsatz am Wiener Konservatorium und ein auch im Ausland hoch geschätzter Organist. Vor allem glänzt er mit seiner Improvisationskunst – als Komponist von Sinfonien ist er jedoch weitgehend unbekannt – entweder will seine Musik niemand spielen oder die Aufführungen stoßen auf Unverständnis und werden von der Kritik zerrissen. An seinen Werken scheiden sich lange die Geister. Erst mit seiner Sinfonie Nr. 7 schafft Bruckner den internationalen Durchbruch. Viele Zeitgenossen bewundern Anton Bruckner nach der Siebten als großen Sinfoniker, so Hermann Levi: „…die bedeutendste Komposition seit dem Tod Beethovens“.

Arthur Nikisch, seit 1895 Chefdirigent der Berliner Philharmoniker und Gewandhauskapellmeister in Leipzig, führt dort in der Saison 1919/1920 als Erster alle Sinfonien des Komponisten als Zyklus auf. Bruckner hat ihn einmal seinen „Lebensretter“ genannt.

Die 7. Sinfonie ist seine klassischste, was Themenbildung, Form und Dramaturgie angeht, ein Meisterwerk, gekennzeichnet durch eine Fülle melodischer Gedanken, durch kühne Harmonik und virtuose kontrapunktische Arbeit. Unverkennbar zeigt sich in der Komposition auch der Organist Anton Bruckner. Die Wechsel von Klangfarben, von Dynamik und Instrumentierung ähneln dem Wechsel von Registern der Orgel. Die Sinfonie ist bis heute die meist aufgeführte und für die unterschiedlichen Tonträger-Medien eingespielte Komposition Bruckners.

Die Siebte ist die einzige Sinfonie Bruckners, deren Autograph zugleich als Stichvorlage dient, die somit eigentlich auch keine großen Fassungsprobleme aufwirft. Trotzdem waren beispielsweise Beckenschlag und Triangel auf dem Höhepunkt des langsamen Satzes viele Jahre ein strittiges Thema: vom Komponisten in das Manuskript eingetragene Änderungen wurden von den Herausgebern Robert Haas und später Leopold Nowak unterschiedlich bewertet. Seit 2016 erscheint die von Peter Hawkshaw im Musikwissenschaftlichen Verlag herausgegebene „Neue Anton Bruckner Gesamtausgabe“. Umfangreiche Forschungen, nach dem Tod Leopold Nowaks aufgefundene Handschriften, eine Vielzahl neu entdeckter Fakten, die in der Österreichischen Nationalbibliothek bewahrten Manuskripte, die Erstdrucke - alle Quellen werden genutzt, um die zahlreichen Ungereimtheiten bei der Darstellung von Leben und Werk Anton Bruckners zu beseitigen. So beweisen die Untersuchungen auch, dass Beckenschlag und Triangel, einige Tempo- und Taktwechsel in den Ecksätzen, Änderungen in der Orchestrierung von Bruckners Hand stammen. (Das auch an den Autoren des Programmheftes!)

Aus dem für Bruckner typischen Pianissimo-Tremolo der Violinen entwickelt sich der Beginn des ersten Satzes Allegro moderato in E-Dur, ein herrliches von den Celli, von Horn, Bratschen und Klarinette unterstütztes, von den Violinen und Holzbläsern weitergetragenes melodisches Hauptthema über 21 Takte. Ein Seitenthema und das folgende, tänzerische dritte Thema sind bestimmt durch den lyrischen Charakter des Anfangs. Seiten- und Hauptthema erscheinen im Durchführungsteil in ihrer Umkehrung. Die Reprise führt in die Coda, die über einem Orgelpunkt eine der klanglich großartigsten Steigerungen Bruckner‘s Sinfonik aufbaut. Zentrum der Sinfonie ist der zweite Satz Adagio: sehr feierlich und sehr langsam. Die Erweiterung der Orchesterbesetzung um vier „Wagner“-Tuben geschieht nicht zufällig. Tuben und Bratschen, untersetzt von den tiefen Streichern und der Kontrabass-Tuba, beginnen den Satz mit einem ergreifenden Gesang, in den der Komponist ein Selbstzitat aus seinem Te Deum einfügt: Non confundar in aeternum. Mit einer zweiten Gruppe, einer expressiven Melodie der Streicher, bestimmt der erste Themenkomplex den Satzverlauf. Immer wieder variiert, steigert sich die Intensität im Ausdruck und erreicht mit dem harmonischen Durchbruch nach C-Dur, mit Beckenschlag, Triangel und Paukenwirbel den glanzvollen Höhepunkt des Satzes. In der Coda zitiert Bruckner noch einmal das Thema des Beginns in Tuben und Hörnern. Während der Arbeit am Adagio erreicht Bruckner die Nachricht vom Tod Richard Wagners. Der ergreifende Abgesang des Satzes ist eine Hommage, ein Requiem „Zum Andenken an den hochseligen Meister“. Nach dem großen Erfolg der Münchner Aufführung widmet Bruckner seine Komposition dem König Ludwig II. von Bayern. Der dritte Satz Scherzo: sehr schnell – Trio: etwas langsamer wird bestimmt durch einen dominierenden, rustikalen Rhythmus. Das leichte Thema der Trompete, von den Holzbläsern übernommen, im Verlauf des Satzes kunstvoll verändert, wird nur unterbrochen vom idyllisch beschaulichen Trio. Der thematische Hauptgedanke des vierten Satzes Finale: bewegt, doch nicht schnell ist verwandt mit dem des ersten Satzes, jetzt aber ins Energische gewendet, gefolgt von einer Art Choral, der in einen dritten kämpferischen Unisono-Gedanken führt. Nach einem sehr komplexen Durchführungsteil erscheint in der Reprise zunächst das dritte Thema, erst dann, kontrapunktisch verarbeitet, das Hauptthema. Mit der Wiederaufnahme des Anfangs der Sinfonie am Schluss entsteht eine wunderbare formale Geschlossenheit der Komposition.

E. Ax, D. Runnicles, Dresdner Philharmonie (c) Oliver Killig

„Seit Beethoven ist nichts auch nur Ähnliches geschrieben worden“ (Arthur Nikisch).

Am Ende einer Bruckner-Sinfonie erleben wir ein Gefühl der Vollkommenheit, ein Gefühl, durch alles gegangen zu sein“ (Sergiu Celibidache).

All das wurde an diesem Abend nicht erfüllt. Für mich wurde die Interpretation von Sir Donald Runnicles eine große Enttäuschung. Es fehlten sensibel herausgearbeitete Feinheiten in den lyrischen Abschnitten. Schon der herrliche Pianissimo-Anfang des Beginns des ersten Satzes blieb ohne Geheimnis. Die Fortissimo-Stellen in maximaler Lautstärke wirkten zunächst sehr imponierend – sie wurden aber bald ermüdend. Ein gehetztes Scherzo ohne Charme, Übergänge ohne agogische Überraschungen – in dieser Darbietung blieb leider vieles offen. Dabei war das Orchester bestens aufgestellt. Man hätte seine Möglichkeiten nur nutzen müssen! Schade!