Salome im Wedding – Szenen einer Operneinspielung

Salome im Wedding – Szenen einer Operneinspielung
Julien Salemkour, Barbara Krieger, Sanja Anastasia (c) Michael Stange

 

„Meine Schönheit hat mich verwirrt“, sang Stephan Rügamer als Herodes im Tonstudio Wedding für die Neuproduktion von Richard Strauss’ „Salome“ beim Label Solo Musica. Dieser unbewusste Versprecher offenbarte Herodes’ Inneres und Rügamers Rollenidentifikation. Laut Oscar Wilde hat ihn Salomes Schönheit verwirrt. Rügamer ist in seinem Porträt gesanglich und darstellerisch ein scharfsinniger, narzisstischer Psychopath. Den Hofstaat betrachtet er wie unter einer riesigen Lupe. Als Anführer verkörpert er die Summe des eitlen, tödlichen und selbstverliebten, aber zugleich verfaulten Hofstaates. Zwar hat er die Seele der Rolle unbewusst offenbart und bewiesen, wie tief er in sie eingedrungen ist, aber zugleich hat er die Szene verpatzt. Dieser vielleicht nur scheinbare Versprecher bedeutet das Aus dieses Takes der Ziffer 270 der Partitur. Dies löste in der konzentrierten, nüchtern wirkenden Sitzung schallendes Gelächter aus.

In diesem Moment merkte man, dass die Salome-Einspielung von einem Team aus sich gegenseitig zugewandten Profis und Musikbesessenen getragen wird. Alle vereint der Wille zu intensivem Musizieren und Hingabe an das Werk von Richard Strauss. Ernsthaftigkeit paart sich mit guter Laune und sonnigem Humor. Schon bei der Uraufführung brauchte es diese Energie, um das Werk aus der Taufe zu heben. Sänger verzweifelten damals an ihren Partien. Eines Tages erschien der Herodes-Darsteller Carl Burian zur Probe und sang seine schwierige Rolle auswendig und fehlerfrei vor. Das brach das Eis und bewies dem restlichen Ensemble, dass das Werk singbar war. So wurde der Grundstein zur erfolgreichen Premiere und zum späteren Welterfolg gelegt. Die Tantiemen der „Salome“ finanzierten Strauss’ Villa in Garmisch, die bis zu seinem Tode Familiensitz war. Der Erfolg der Oper war immer auch der Siegeszug der Interpreten. Ihr gestalterischer sowie stimmlicher Einsatz und ihre beklemmenden, eindringlichen Interpretationen müssen dramatische Dichte erzeugen, um die suggestive, rauschhafte Bühnenwirkung der „Salome“ vollends hervorzubringen.

Im Theater ist das Werk bis heute meist eine Sensation. An den Erfolg der Uraufführung 1905 knüpfte man auch mit Tonaufnahmen auf der gerade aufkommenden Schellackplatte an. Die legendäre Salome der zweiten Grazer Aufführung, Emmy Destinn, hat 1907 einige Szenen eingesungen. Infolge der eingeschränkten Tonqualität wurden die Titel seinerzeit nur gering nachgefragt. Auch die Schellackaufnahmen des Schlussgesangs mit Barbara Kemp, Göta Ljungberg, Liselotte Enck oder Ljuba Welitsch teilten dieses Schicksal. Hört man die Aufnahmen mit dem Wissen von heute und betrachtet Bilder der Sängerinnen, leuchtet aus ferner Zeit aus den knisternden Platten und den blassen Schwarz-Weiß-Bildern ein Hauch ihrer Suggestivität hervor. Die überschaubare Zahl an Aufnahmen in der Schellackära dürfte aber der geringeren Wirkung der Szenen auf die Zuhörer geschuldet sein.

Julien Salemkour, Barbara Krieger (c) Michael Stange

 

Auch mehr als hundertzwanzig Jahre nach der Premiere ist eine Einspielung von „Salome“ eine immense künstlerische Herausforderung. Nach Erfindung der Langspielplatte wurde die Oper bisher vierzehnmal im Studio eingespielt. Walburga Wegener und Christel Goltz eröffneten bei Philips und Decca den Reigen der vollständigen Gesamtaufnahmen. Auf sie folgte im Stereo-Zeitalter Birgit Nilsson in der Titelrolle. Bis heute liegen zwölf Gesamtaufnahmen in deutscher Sprache vor.

Dies ist, bedenkt man die Herausforderungen der guten Besetzung, einer fesselnden musikalischen Darbietung und der interpretatorischen Anforderungen, ein positives Ergebnis. Richard Strauss verlangt seinen Hörern hohe Konzentration und ein trainiertes Hörvermögen ab. Um in die Werke einzutauchen, muss der Hörer dank moderner Tontechnik klanglich vollendete Aufnahmen mit vielen Facetten des Werks – vom leuchtenden Jugendstil bis zum brutalen Expressionismus – erleben können.

Salome, Herodes und das übrige Ensemble hatten sich für die aktuelle Einspielung in den oberen Etagen eines Gewerbebaus im Berliner Wedding eingefunden. In der Pankstraße, nahe der alten Grenze zwischen Ost- und West-Berlin, befindet sich ein ideal konzipiertes Tonstudio. Nebenan liegt ein großer, selbst für Symphonieorchester geeigneter Probenraum. Wo man Handel, Büros und Gewerbe erwartet, gilt es der Kunst. So verbirgt der Wedding neben dem Piano Salon Christophori in seiner BVG-Halle ein weiteres musikalisches Kleinod an ungewohntem Ort. Barbara Krieger hat dieses Tonstudio mit einer Fläche von etwa 200 Quadratmetern konzipiert und realisiert. Hängende, gestaffelt angeordnete, bewegliche akustische Dämpfer an den hohen Decken und Wänden dämpfen den Hall des kalten Betons. Die flexible akustische Anordnung im Tonraum sorgt für eine große klangliche Wärme und Differenziertheit von Farben, Kontrasten und Dynamik. Durch die ausgefeilte akustische Disposition können Aufnahmen in hoher Qualität eingespielt werden. Die Tonmeisterkabine liegt unmittelbar neben dem Aufnahmeraum und gewährleistet einen direkten Blick zu den Musikern. Dies ist ein maßgeblicher Faktor für eine optimal konzentrierte Studioarbeit. Der direkte Austausch zwischen Künstlern und Technikern durch Blick- und Sprechkontakt unterstützt den unmittelbaren visuellen und verbalen Austausch und fördert die Symbiose zwischen Kunst und Technik.

Die Produktion schließt sich an die erfolgreiche „Elektra“-Aufnahme an, die 2025 bei „Solo Musica“ erschienen ist, und bietet ein Wiederhören mit vielen der seinerzeit daran Beteiligten. Dirigent Julien Salemkour hat den Orchesterpart im Vorweg mit dem Orchestre Expérience eingespielt. Erneut hat er bewiesen, welch gewaltige Klangeruptionen er mit dem Orchester erschaffen kann und welch fulminanten, äußerst dramatischen und herb angehauchten Klang das Ensemble hervorzubringen kann.

Schon Salemkours Dirigate der „Salome“ in der Staatsoper Unter den Linden waren neben der klanglichen Präzision stets von überbordender Musikalität getragen. Ein weiteres Merkmal seines Dirigats ist die orientalisch anmutende Schwüle, die er mit dem Orchester entlockt. Die lyrisch-sinnliche Wiedergabe und das orientalische Parfum der Partitur zelebriert er virtuos. All dies hat er noch verfeinert, was der Aufnahme ungemein zugutekommt.

Werktreue, das Aufspüren des Wesens des in den Noten Verborgenen im Klang, werden sicher wesentliche Merkmale dieser Einspielung sein. Barbara Krieger wird nach den Eindrücken im Studio eine facettenreiche Salome mit gestalterischer Emphase und darstellerischer Intensität präsentieren. Ihre Stärke ist, dass jede ihrer Darstellungen eine einzigartige Symbiose aus Ton und Wort ist und sie ihre Gefühle und den Geist der Partien in klanglich erfüllenden Interpretationen verwirklicht.

Barbara Krieger fasste im Gespräch ihre Eindrücke von Rolle und Aufnahme wie folgt zusammen:
„Die Atmosphäre des Studios führte dazu, dass ich die Zerrissenheit der Figur von Take zu Take immer stärker wahrnahm. Die radikale Konzentration auf die Musik ließ die Rolle für mich in unerbittlicher Klarheit entstehen. Salome ist zu Beginn eine zutiefst verwöhnte, fast kindlich-ungebremste Figur. Sie ist es gewohnt, dass sich ihr Begehren unmittelbar erfüllt. Jochanaan wird für sie gerade deshalb interessant, weil er sich ihr entzieht. Er ist nicht nur ein Mann, sondern ein Widerstand, ein Geheimnis, ein Gegenpol zu einer Welt, in der ihr sonst nichts verwehrt bleibt. Salomes Verlangen speist sich weniger aus Liebe als aus der Faszination des Unerreichbaren. In der Spannung dieser Konsequenz beginnt etwas zu kippen: Je präziser und kompromissloser die Musik wird, desto deutlicher wird auch Salomes innerer Konflikt. Ihr Begehren prallt gewissermaßen immer wieder an Jochanaans Unbeweglichkeit ab. Sie steigert sich dadurch ins Extreme. Ihr Verlangen steigert sich im Verlauf des Stücks ins Absolute, bis zu dem Moment, in dem sie glaubt, es endlich erfüllt zu haben. Doch genau in der Erfüllung kippt alles. Nachdem sie den toten Mund Jochanaans geküsst hat, sehe ich in ihr keine triumphierende Figur, sondern eine zutiefst erschrockene. Es ist, als würde sie im selben Augenblick begreifen, was sie getan hat und dass ihr Begehren sie über eine Grenze geführt hat, von der es kein Zurück gibt. Für mich wurde im Studio besonders spürbar, wie sehr sich diese Figur in ihrem eigenen Verlangen, das zum fatalen Ende führt, verfängt. Dieser Moment ist für mich der eigentliche Kern der Figur: Salome erkennt sich selbst und erschrickt vor der Konsequenz ihres eigenen Wollens.
Die Wahrnehmung der Musik über die Kopfhörer im Studio und die konzentrierte Atmosphäre haben sicherlich auch einen Teil zur Intensivierung meiner Darstellung beigetragen.“

Barbara Krieger, Sanja Anastasia (c) Michael Stange

 

In den Tagen der Aufnahmesitzungen wurde auch an Tenorlegende Reiner Goldberg gedacht, der zwanzig Jahre als Herodes in Berlin die Salome geprägt hatte. Julien Salemkour hat zahlreiche „Salome“-Vorstellungen mit ihm dirigiert. Stephan Rügamer stand mit ihm als Narraboth oft auf der Bühne. Mit Barbara Krieger verband ihn eine besonders innige, von großer menschlicher Wertschätzung getragene Beziehung in der Schülerin und Lehrer sich gegenseitig voranbrachten. Reiner Goldbergs Interpretation war so intensiv, dass man nie wusste, ob er Herodes spielt oder gleich kollabiert. Der Elan des Ensembles und diese Erinnerungen waren sicher ein gutes Omen für das Gelingen der Produktion.

Sängerinnne und Sänger wuchsen tiefe in ihre Rollen hinein. Stephan Rügamer wird an der Staatsoper Unter den Linden im Januar 2027 seine Interpretation des Herodes präsentieren. Er ist der narzisstische Diktator, der charismatisch präsent mit konzentrierter Bösartigkeit vorgibt, eine Situation zu kontrollieren, die ihm längst entglitten ist. Diese Sichtweise passt perfekt in die Studio-Intimität. So ist er Teil des Beziehungsvierecks, das zwischen Salome, Jochanaan, Herodes und Herodias geschaffen wird. Mit metallischem Kern in den Höhen und einer feinen Textverständlichkeit erweckt er seinen Part zu gefährlichem Leben. Barbara Krieger hat auch die Corona-Zeit nutzen können um weiter an ihren Stauss Rollen zu feilen und insbesondere durch die Aufführungen der Elektra und ihre Einspielung ihre Präsenz und Rollenidentifikation weiterzuentwickeln.

Mit von der Partie ist auch Jochen Kupfer als Jochanaan. Mit seiner warmen, virilen Bassbaritonstimme punktet er durch heldischen Kern, glänzende Höhe und dramatische Intensität.

Nach der Klytämnestra in der Elektra-Aufnahme punktet Sanja Anastasia als Herodias. Mit brillanter Atem- und Stimmführung gelingen ihr ausdrucksstark die empörten Einwürfe im Konflikt mit Herodes. Dabei bleibt sie in der Gesangslinie und unterstreicht dadurch ihre Würde und Autorität.

Barbara Krieger, ,Stephan Rügamer, Sanja Anastasia (c) Michael Stange

Konzentriert starteten die Aufnahmen in der Regel gegen 11 Uhr. Angesetzt waren acht Tage. Als Barbara Krieger als Salome, Sanja Anastasia als Herodias, Stephan Rügamer als Herodes und Dirigent Julien Salemkour für das Finale der Oper vor den Mikrofonen standen, waren wesentliche Teile des Werkes schon eingespielt. Tonmeister Moritz Bergfeld und die Künstler feilten an den letzten Szenen. In der konzentrierten Studioarbeit fanden alle die Gelegenheit, sich noch intensiver als im Opernhaus auf ihre Rollen zu konzentrieren und in sich hineinzuhorchen. So gestalteten sie die Partien aus abgestimmter Konzeption und innerer Klangvorstellung. Konzentriertes Singen ermöglichte auch eine Tonspur mit einer Klavierfassung des Orchesterparts. So wurde die vollständige Konzentration auf die Notenfolge und Stimmführung unterstützt.

 

Diese optimalen Bedingungen schufen eine ideale Atmosphäre. Diese „Salome“ wird intimer und kammerspielartig mit schonungsloser Nähe zu den Abgründen der Figuren aufwarten. Eine packende Aufnahme dieses fiebrig-verstörenden Meisterwerks ist zu erwarten.

 

Nach der Abmischung durch Tonmeister Moritz Bergfeld wird die Aufnahme voraussichtlich im Herbst physisch und im Streaming verfügbar sein.

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