Osnabrück, Theater am Domhof, Uraufführung der Oper PETER VAN PELS - Arno Schreier, IOCO
Peter van Pels, mit 18 Jahren Opfer des Rassenwahns.
Die Oper „Peter van Pels“ gibt Anne Franks erster Liebe eine Stimme.
Von Hanns Butterhof
Im Theater am Domhof, Osnabrücks Großem Haus, wurde die Uraufführung der Oper Peter van Pels vom Premierenpublikum mit langanhaltendem Beifall und stehend dargebrachtem Applaus aufgenommen. Im Zentrum des nur siebzig Minuten dauernden Auftragswerks von Arno Schreier mit dem Libretto von Joscha Schaback steht Peter van Pels. Er war die aus dem Tagebuch der Anne Frank bekannte erste Liebe Annes in der Zeit, die sie versteckt in der Amsterdamer Prinsengracht 263 gemeinsam verbrachten. Die Regie in der auf nur vier Personen reduzierten Handlung - neben Peter van Pels (Florian Wugk) noch seine Mutter Auguste (Susann Vent-Wunderlich), neben Anne (Susanna Edelmann) noch ihr Vater Otto Frank (Jan Friedrich Eggers) – liegt mit klarer Personenführung in der Hand von Hausherr Ulrich Mokrusch, am Pult des Osnabrücker Symphonieorchesters stand Benjamin Huth.

Für die an drei Orten spielende Handlung haben Okarina Peter und Timo Dentler, die auch für die Kostüme verantwortlich zeichnen, eine äußerst sinnige, zu drei Vierteln gewendelte Metallrampe auf die Drehbühne gebaut. Die erste Station Osnabrück, dem Wohnort der van Pels, spielt vor der Rampe, wie noch auf heimatlichem Boden. Hier bekommt Peter von seiner Mutter zum fünfzehnten Geburtstag ein Fahrrad geschenkt, während im dämmrigen Hintergrund schon ihre Mitbürger zu deutschem Liedgut und zunehmendem Marschtakt die Hand zum Hitlergruß hochrecken.
Die zweite und längste Station, die Zeit des Untertauchens im Versteck Prinsengracht, spielt auf der Rampe, die so treffend die Entwurzelung der Emigranten und Fragilität ihrer Situation ausdrückt. In der dritten und kürzesten Station, nach der Entdeckung des Verstecks, verwandelt sich die Rampe zwanglos in den Zug, der die Verhafteten erst ins Durchgangslager Westerbork, und dann ins KZ Auschwitz deportiert.
Der Peter Florian Wugks ist ein recht normaler Jugendlicher. Er nimmt das Verschwinden von jüdischen Mitschülern zwar zur Kenntnis, ohne sich allzu viele Gedanken darüber zu machen. Er turnt durch das Gerüst, träumt von der Liebe zu einer Mary Loo und tanzt statt ihrer mit seinem Fahrrad.
In der Emigration in Amsterdam weiß er mit sich nicht viel anzufangen. Er tischlert ein wenig und schläft viel. Für Anne ist er ein Irgendwer, einfach bloß ein langer Lulatsch. Erst als sie sich aus Anlass eines Streits zwischen seiner Mutter und Otto Frank um den Besitz an den knappen Lebensmitteln auch körperlich näherkommen, sich erst spaßhaft kitzeln, dann aber auch ernstere Vertrautheit zulassen, verliebt er sich in Anne; beim ersten Kuss wird in der Musik ihr Herzschlag hörbar. Er träumt von ihr, und wenn er wieder zu Mary Loo tanzt, hat er nicht Anne, sondern nur ihren Mantel im Arm. „Zum Mann“ wird er, wie er Anne aus dem KZ zuruft, erst durch seine erschütternden Erfahrungen dort.

Die Anne Susanna Edelmanns ist trotz ihrer dreizehn, vierzehn Jahre viel selbstsicherer als Peter. Ihren Überlebenswillen setzt sie dem Elend des Versteckens auf engem Raum entgegen und will auch von Peter mehr Entschlossenheit, letztlich mehr Männlichkeit. Als er diese in ihren Augen nicht aufbringt, zieht sie sich von ihm zurück.
Die Erwachsenen haben ihr eigenes enges Leben, das sie nur selten wie mit einem mozartesken Kanon über Mutter van Pels' Nachttopf oder beim gemeinsamen Sprachenlernen mit den Kindern teilen. Sonst verbringen sie die Zeit hauptsächlich mit Lesen. Ihre Höhepunkte sind die BBC-Nachrichten, die vom Vormarsch der Alliierten berichten und ihre Hoffnung auf Rettung nähren.
Der Gesang hält sich über weite Strecken nahe beim anstrengenden Sprechgesang. Dabei gefällt vor allem Florian Wugk mit jugendlich lyrischem Tenor. Susanna Edelmann gibt mit lyrischem Sopran eine junge, über ihr Alter gereifte Anne. Susann Vent-Wunderlich mit zurückhaltend eingesetztem Sopran und Jan Friedrich Eggers mit gepflegtem Bariton runden das Ensemble gelungen ab. Der von Sierd Quarré einstudierte Chor trat in verschiedenen Rollen effektvoll auf, und das Osnabrücker Symphonieorchester unter der Leitung von Benjamin Huth setzte sängerfreundlich die Musik von Arno Schreier um. Diese begleitet das Geschehen der 34 Szenen illustrierend mit musikalischem Material aus verschiedenen Epochen, ohne tiefer in die Gefühlswelten der Figuren einzudringen oder die zwischenmenschlichen Belastungen ihrer existenziellen Situation auszudrücken. Erst im dritten Teil, wenn sich der Schrecken Peters im KZ auf die Höhe des Schreckens der Wirklichkeit erhebt, wird dieser auch musikalisch fassbar. Ganz zum Schluss treten die vier Darsteller noch einmal an die Rampe, um die Lebensgeschichten ihrer Figuren zu Ende zu erzählen : Peter starb mit 18 Jahren im KZ Mauthausen drei Tage nach der Befreiung, Anne Frank starb in Bergen-Belsen an Typhus, Auguste van Pels im KZ Raguhn, Otto Frank überlebte. Als sie dann als das Einzige einfordern, das wir tun können, nämlich aus der Vergangenheit zu lernen, hämmern das dissonante Kakophonien in die Köpfe des Publikums. Das erscheint ästhetisch unterkomplex; Deutlich eindringlicher wäre der Schluss eine Szene früher mit Peter im KZ.

Was die Oper sehr deutlich macht, ist die Willkür, mit der das nationalsozialistische Deutschland in Peter van Pels einen ganz normalen Jungen treffen und vernichten konnte - wie Anne Frank oder jede andere Person auch. Das lädt zur Identifikation ein, besonders für Jugendliche, die das Triumvirat Ulrich Mokrusch, Arno Schreier und Joscha Schaback szenisch, musikalisch und mit der kurzen Dauer auch deutlich als Adressaten im Auge haben. Doch liegt darin auch die ästhetische Schwäche des Werks, dass bei der betonten Normalität des Protagonisten gerade nicht gezeigt wird, was ihn „zum Mann“ gemacht hat. Die Identifikation bleibt eher oberflächlich und beruhigt sich damit, schon auf der richtigen Seite der Geschichte zu stehen – ohne die Probe aufs Exempel bestehen zu müssen.
Der Geburtstag des in Osnabrück geborenen Peter van Pels jährt sich am 8. November 2026 zum 100sten Mal.
Die weiteren Termine: 23.9., 1., 6., 16.und 25.10,jeweils um 19.30 Uhr, am 18.10. um 15.00 Uhr.