Mannheim, Nationaltheater, SIMON BOCCANEGRA – Giuseppe Verdi, IOCO
Giuseppe Verdis „Simon Boccanegra“ begeistert am Nationaltheater Mannheim. Yona Kims düstere Inszenierung über Macht, Intrigen und Versöhnung überzeugt mit eindringlichen Bildern, einem hochkarätigen Ensemble und einer musikalisch herausragenden Leistung unter Roberto Rizzi Brignoli.
von Uschi Reifenberg
Nationaltheater Mannheim Neuinszenierung
Giuseppe Verdi „Simon Boccanegra“,
2. Vorstellung am 28.10.26 im OPAL.
Oper in einem Prolog und drei Akten
Libretto: Arrigo Boito nach dem Libretto zur 1. Fassung von Francesco Maria Piave und Giuseppe Montanelli nach dem Drama „Simon Boccanegra“ von Antonio García Gutiérrez
Der Preis der Macht
Ein musikalisch und szenisch großer Verdi - Opernabend ist derzeit am Mannheimer Nationaltheater zu erleben. „Simon Boccanegra“ feierte in der Neuinszenierung von Yona Kim im OPAL eine umjubelte Premiere. Ein packendes Polit- und Familiendrama, das in beklemmenden und intensiven Bildern die Kreisläufe der Macht beleuchtet und ein Geschichtsdrama von bestürzender Aktualität offenlegt.
Erzählt wird die Geschichte der historischen Figur Simon Boccanegra, der im 14. Jahrhundert in Genua lebte, wo Patrizier und Plebejer einen erbitterten Kampf um die Vorherrschaft des Stadtstaates ausfochten und die Plebejer ein Ende der Willkürherrschaft des Adels forderten. Simon Boccanegra wurde als Vertreter des einfachen Volkes an die Spitze der Republik Genua gewählt, was den Widerstand der Oberschicht hervorrief. Seine Herrschaft war von ständigen Verschwörungen und Kämpfen geprägt bis er schließlich 1336 vergiftet wurde.
Die Uraufführung der Oper 1857 war kein Erfolg für Verdi, die verworrene, kompliziere Handlung sowie der Mangel an nachvollziehbaren Arien, die man von Verdi gewohnt war, hielten das Publikum auf Distanz. 1881 machte sich Verdi mit seinem Librettisten Arrigo Boito noch einmal an das Werk, überarbeitete die Partitur grundlegend, die nun Merkmale des Verdi‘schen Spätstils aufwies: Eine harmonisch komplexere Partitur im durchkomponierten Stil im Sinne des Musikdramas, psychologisierende Charakterzeichnung, dramatische Stringenz, Schwerpunkt auf den politischen Implikationen. Die Neufassung wurde ein großer Erfolg und etablierte Verdis Spätwerk endgültig.

Verdi verbindet in seiner Oper den Klassenkampf zwischen Adel und Volk mit der persönlichen Tragödie Simon Boccanegras. Er zeigt die scheiternden politischen Ziele eines aufrichtigen Mannes, der sich nur zum Herrscher wählen lässt, um die Tochter seines adligen Widersachers Fiesco heiraten zu können, mit der er bereits ein Kind hat. Die Geliebte stirbt, das Kind ist verschwunden, gleichzeitig wird Boccanegra zum Dogen ernannt. Ein Amt, das er 25 Jahre ausfüllt im unentwegten Bemühen um die Einigung Genuas, um Frieden und Versöhnung. Als er für den intriganten Höfling Paolo um die Hand der vermeintlichen adligen Amelia anhält, erkennt er in dieser seine verloren geglaubte Tochter, die den Patrizier Adorno liebt.
Nach vielfältigen Verwicklungen, Mordkomplotten und überraschenden Enthüllungen finden sich letztendlich die richtigen familiären Allianzen auf dem Weg, nicht nur zum persönlichen, sondern auch zum politischen Frieden und zur Aufhebung der zerstörerischen Spaltungen.
Da Amelia für Paolo unerreichbar ist, rächt dieser sich an Boccanegra, indem er ihm ein langsam wirkendes Gift verabreicht. Sterbend versöhnt sich Simone in einer bewegenden Szene mit Fiesco, segnet das Brautpaar und übergibt die Macht in die Hände von Adorno. Es bleibt am Ende eine fragile Utopie der Hoffnung.
Yona Kim misstraut zu Recht der Friedensutopie am Ende der Oper. Sie zeigt ein Nachtstück, das in seiner abstrakt anmutenden Reduktion auf zeitliche Verortung verzichtet und die Psychologie der Figuren in ihren innersten familiären und politischen Verflechtungen seziert. Ein korruptes System, in dem die verfeindeten Parteien in ihrer Gier nach Macht nicht vor Intrigen, Überwachung oder Mord zurückschrecken und die politischen Verhältnisse Familien und Lebensentwürfe zerstört. Fast alle sind Opfer, deformiert von den politischen Strukturen und Gefangene eines gewachsenen historischen Machtapparats. Kim lässt die Figuren oft statuarisch interagieren, was zwar die Beziehungsunfähigkeit und Kälte unterstreicht, aber auch bisweilen die Spannung beeinträchtigt und die physische Dynamik reduziert.
„Das Stück ist düster, weil es düster sein muss, aber es ist fesselnd“ beschrieb Verdi sein Werk. Yona Kim und ihr Team setzen genau dieses um und kleiden die Bühne in schwarz-grau-weiße Farben, die Personen wirken mit ihren schlichten Kostümen von Frank Schönwald wie Farbtupfer im dunklen Geschehen und unterstreichen mit ihrer Farbsymbolik die einzelnen Charaktere. Das Bühnenbild ist minimalistisch und konzentriert sich mit wenigen Requisiten auf das Wesentliche: umgefallene Stühle, als Zeichen der desolaten Situation, ein Sessel als Thron, ein Wasserglas aus dem Boccanegra später das Gift trinkt. Der Bühnenbildner David Hohmann hat für die schwarze Bühne helle Jalousien geschaffen, die als vielfältige Raumteiler fungieren, scharfe Kontraste bilden und die Figuren ungeschützt sich selbst aussetzen. Neonröhren umrahmen die Spielfläche, eine Drehbühne ändert schnell die Perspektive, Spiegelungen der Decke und Wände lassen eine faszinierende glatte Oberfläche entstehen, eine Ästhetik der kalten Seelenräume. Die Lichtregie von Damian Chmielarz setzt wirkungsvolle Farb-Akzente oder verstärkt die Schattenhaft-bedrohliche Düsternis der Szene.

Der Chor, einstudiert von Alistair Lilley, verkörpert als uniforme, schwarz gekleidete Masse, teilweise mit dunklen Brillen und Gesichtszeichnungen, als dramatischer Protagonist die Spaltung der polaren Klassen. Eindringlich und stimmgewaltig wird er zum wichtigen Akteur in der aufgeheizten instabilen Szenerie.
GMD Roberto Rizzi Brignoli und das Nationaltheater Orchester ließen Verdi-Kultur vom Feinsten erleben, brachte die dunkel- melancholische Farbe der tiefen Register von Streichern und Bläser, den speziellen „Tinta“-Klang der Partitur zum Glühen, wunderbar die Soli der Bassklarinette, vor allem in der bewegenden Ratsszene. Die lautmalerischen Naturschilderungen werden von Fagotten und gedämpften Streichern zum Spiegel der Einsamkeit und Sehnsucht des Titelhelden. Rizzi Brignoli führte den durchgehenden Klangstrom elastisch, mit pulsierender Energie, bestach im zweiten und dritten Akt mit dramatischem Zugriff und vorwärtstreibenden Tempi. Betörende Pianofarben entlockte der Dirigent den Streichern bei Boccanegras wehmütiger Meeres-Sehnsucht. Die marschartigen Signale der Blechbläser erklangen in gedecktem Klang in unerbittlicher Stringenz. Jederzeit perfekt die Balance zwischen Bühne und Graben.
Als Simon Boccanegra ist Theo Magongoma eine Idealbesetzung. Er zeigt die bewegende Entwicklung eines Staatsmannes, der an der Unvereinbarkeit von privatem Glück und politischer Macht zerbricht und an seinem Traum von Liebe und Versöhnung bis zum bitteren Ende festhält.
Magongomas variabler Bariton verfügt über ein großes dynamisches Spektrum, überzeugt in seiner großen Szene „Plebe! Patrizi! Popolo!“ mit Dramatik und Autorität, findet in der Begegnung mit seiner Tochter zu inniger Kantabilität. Die lange Sterbeszene gestaltet er zutiefst anrührend, fast liebevoll erlebt man das Versöhnungsduett mit Fiesco, bestechend seine Pianokultur, wenn er in tonlosen Seufzern sein Leben aushaucht.
Sein Widersacher Fiesco wird von Sung Ha mit edlen, schwarzen Bass-Farben ausgestattet, mit unnachgiebiger Härte verweigert er Boccanegra seine Tochter, ein Aristokrat, gefangen in seinem Standesdünkel. Trotz der feindlichen Haltung bleibt Sung Ha‘s Bass immer kultiviert, gefährlich auftrumpfend in den dramatischen Ausbrüchen, voll und tragend in den weiten Kantilenen. Im Schlussduett vereinigen sich die beiden tiefen Stimmen zu einer harmonischen Einheit.
Die einzige Frauenfigur in dem männlich dominierten Stück ist Boccanegras Tochter Amelia, die ein schweres Schicksal zu tragen hat. Yona Kim zeigt in einer Art Rückblende immer wieder Boccanegras Geliebte mit einem kleinen Mädchen schemenhaft über die Szene wandeln. Die Mutter begeht Selbstmord, man sieht die Erhängte von der Bühnendecke baumeln während Boccanegra zum Dogen ausgerufen wird. Das Mädchen wird Zeuge des Suizids der Mutter, ein verstörendes Symbol von größter Tragik. Sonja Šarić singt die Amelia/Maria wunderbar, mit ausgeglichenem klarem Sopran, leuchtenden, mühelosen Spitzentönen, schwebenden Piani, präzisen Trillern, viel Wärme und Schmelz. Sie ist als blonde Engelsfigur gezeigt, trägt ein weißes Kleid, im Grimaldi Palast wird sie wie eine Gefangene gehalten. Ihre Sehnsucht nach Freiheit manifestiert sich in ihrer Liebe zu Adorno und der Überwindung des generationenübergreifenden Hasses.

Der idiomatische Verdi Tenor Irakli Khakidze als ihr Geliebter Adorno singt mit viel italienischem Schmelz, strahlender Höhe und perfektem Legato. Mit seiner hellen Stimme setzt er ein glanzvolles Gegengewicht zur vorherrschenden dunklen Farbe im Bund der tiefen Männerstimmen. Impulsiv, von Eifersucht getrieben, verkörpert er die ungestüme Jugend, in den Duetten mit Amelia gelingt ihm eine bewegende Wandlung von packender Dramatik zu versöhnlicher Wärme.
Der frisch ernannte Kammersänger Joachim Goltz verkörpert bravourös die wichtige Rolle des fädenziehenden Intriganten Paolo Albiani, der hinter der Fassade des angepassten Handlangers sein zerstörerisches Werk vorantreibt. Goltz beeindruckt mit stählernen dramatischen Ausbrüchen, facettenreicher Dynamik und deklamatorischer Prägnanz, formt ein eindrucksvolles Porträt zwischen Machtgier, Dämonie und Angst. Äußerlich erscheint er als glatter Durchschnittstyp, der ständig seine Brille putzt und sich elegant im Hintergrund hält.
Renatus Mészár überzeugte mit profundem und wohlklingendem Bass in der Rolle des Pietro, der als Paolos Vollstrecker im Geheimen die schmutzigen Arbeiten ausführt.
Ebenfalls auf hohem Niveau sang Zacharias Galaviz-Guerra die Rolle des Hauptmanns der Bogenschützen.
Ein rundum hochkarätiger und bewegender Opernabend, den das Publikum mit langanhaltendem Beifall und großer Begeisterung feierte!