Lübeck, Stadttheater, Idomeneo - W. A. Mozart, IOCO
24. Oktober 2026
Als Wolfgang Amadeus Mozart (27. Januar 1756 – 5. Dezember 1791) seine Oper Idomeneo, Re di Creta komponierte, war er gerade einmal 24 Jahre alt. Das Werk, das im Januar 1781 am Münchner Hoftheater uraufgeführt wurde, zählt zwar nicht zu seinen international bekanntesten Opern, markiert jedoch unverkennbar den Beginn seiner künstlerischen Reife.
Mozart selbst schätzte seinen Idomeneo, dieses „Dramma per musica“, zeitlebens als seine beste Oper. In ihr verband er italienische und französische Operntraditionen zu einer eigenständigen musikalischen Synthese.
Gemeinsam mit seinem Librettisten Giambattista Varesco setzte sich Mozart in diesem Werk mit dem spannungsreichen Verhältnis zwischen Mensch und göttlicher Macht auseinander. Die literarische Grundlage des antiken Stoffes bildet die Tragödie Idoménée des französischen Dichters Antoine Danchet (1672–1748).

Im Mittelpunkt der Handlung steht der kretische Prinz Idamante, der zwischen zwei Frauen steht: Ilia und Elettra. Nach Jahren der Abwesenheit kehrt sein Vater Idomeneo aus dem Trojanischen Krieg zurück. Auf der Heimfahrt gerät seine Flotte in einen heftigen Sturm, den der Meeresgott Neptun entfesselt hat. In seiner Not verspricht Idomeneo, Neptun den ersten Menschen zu opfern, dem er nach seiner glücklichen Landung begegnen wird. Ausgerechnet sein eigener Sohn Idamante ist dieser Mensch – eine schicksalhafte Begegnung, die den König in tiefste innere Konflikte und seelische Qualen stürzt.
Für seinen Sohn hat Idomeneo die mykenische Prinzessin Elettra als Braut vorgesehen. Idamante jedoch hat sich inzwischen in Ilia verliebt, eine trojanische Prinzessin, die nach dem Fall Trojas nach Kreta verschleppt wurde. Als Idomeneo versucht, seinem verhängnisvollen Versprechen zu entgehen, indem er Idamante gemeinsam mit Elettra nach Mykene schicken will, lässt Neptun erneut seine Macht walten und verwüstet die Insel mit einem Sturm. Schließlich bietet sich Idomeneo selbst als Opfer an, um seinen Sohn zu retten. Auch Ilia ist bereit, ihr Leben für Idamante hinzugeben. Doch die Tragödie nimmt eine versöhnliche Wendung: Neptun verzichtet auf das geforderte Opfer, verlangt jedoch, dass Idomeneo abdankt. Idamante soll den Thron besteigen und Ilia zu seiner Gemahlin nehmen.

Die Inszenierung von Philipp Himmelmann rückt sowohl den Konflikt zwischen Vater und Sohn als auch die Auseinandersetzung des Menschen mit übergeordneten Mächten – den Göttern ebenso wie den Naturgewalten – in den Mittelpunkt. Das von Paul Zoller entworfene Bühnenbild zeigt Kreta zunächst als üppig grünes, blühendes Paradies. Mit Idomeneos Auftritt wird diese Idylle jedoch zunehmend von schwarzen Wänden verdeckt und schließlich vollständig zerstört. Das Bühnenbild wird so zum eindringlichen Sinnbild für den Verlust von Unschuld und Harmonie.
Idomeneo erscheint als gebrochener, vom Krieg und den Naturgewalten gezeichneter König, dessen schwarze Kleidung – Kostüme: Carola Volles – seine innere Zerrissenheit unterstreicht. Michael Schade verkörperte diese leidende Gestalt mit großer Eindringlichkeit. Seine Stimme, die sich inzwischen stellenweise einem Charaktertenor annähert und gelegentlich rau klingt, passte durchaus zu dieser vom Schicksal gezeichneten Figur. Man hatte sich für die schlichtere Tenorfassung ohne die anspruchsvollen Koloraturen entschieden. Dafür überzeugte Schade mit bemerkenswert zarten Piani; auch die dramatisch zugespitzten Passagen der Partie gelangen ihm respektabel.

Frederike Schulten verfügt in der Hosenrolle des Idamante über einen hellen, wohlklingenden Mezzosopran. Sie gestaltete die Partie gesanglich wie stilistisch überzeugend, mit klarer Diktion und bewegender Natürlichkeit. Bereits in ihrer ersten Arie, „Non ho colpa“, in der Idamante die Rückkehr des Vaters freudig erwartet, setzte sie einen ersten Glanzpunkt.
Als trojanische Prinzessin Ilia gefiel Andrea Stadel in einem blauen Kleid mit ihrem strahlenden Sopran und der virtuosen Gestaltung ihrer Arien. Schon mit ihrer Auftrittsarie „Padre, germani, addio“, in der sie sehnsuchtsvoll an ihre Heimat Troja denkt, setzte sie einen vokalen Höhepunkt. Während sie sang, öffnete sich der Bühnenvorhang allmählich und gab den Blick auf sie frei – ein wirkungsvoller szenischer Akzent. Besonders schön gelang auch ihr Duett mit Idamante im dritten Akt, „S’io non moro a questi accenti“, in dem sich ihr klarer Sopran und Frederike Schultens lyrischer Mezzosopran auf wunderbare Weise miteinander verbanden.

Evmorfia Metaxaki verkörperte die von Idamante zurückgewiesene mykenische Prinzessin Elettra in einem ausladenden, apricotfarbenen Rokokokostüm. Mit starker Bühnenpräsenz und einem zu dramatischen Steigerungen fähigen Sopran bewältigte sie ihre anspruchsvolle Partie kraftvoll und expressiv, sowohl in der Höhe als auch in den tieferen Lagen. In ihren Arien „Tutte nel cor vi sento“ und „Idol mio“ setzte sie ihre stimmlichen Mittel wirkungsvoll ein. Umso bedauerlicher war es, dass Elettras besonders eindrucksvolle Arie im dritten Akt, „D’Oreste, d’Ajace“, in dieser Aufführung gestrichen worden war.

Die beiden lyrischen Tenöre Noah Schaul als Arbace, Idomeneos Vertrauter, und Jorge Luis Martinez Zazueta als Oberpriester vervollständigten das ausgezeichnete Ensemble. Changjun Lees Neptun war hingegen lediglich aus dem Lautsprecher zu hören.
Der von Jan-Michael Krüger einstudierte Chor und Extrachor des Lübecker Theaters überzeugte in seinen Szenen einmal mehr durch seine musikalische Qualität. Auch die Rokoko-Kostümierung fügte sich stimmig in das Gesamtbild der Inszenierung ein.

Die musikalische Leitung des Philharmonischen Orchesters der Hansestadt Lübeck lag in den bewährten Händen von Generalmusikdirektor Stefan Vladar. Er präsentierte Mozarts frühes Meisterwerk mit beeindruckender Intensität und Spannung. Dabei gelang ihm eine ausgewogene Balance zwischen lyrischer Ruhe und dramatischer Aufgewühltheit. Mit bemerkenswerter Transparenz legte er die Feinheiten der Partitur frei und fand stets das richtige Maß zwischen kantabler Eleganz und dramatischer Zuspitzung. Zugleich erwies er sich als einfühlsamer Begleiter der Sänger. Takahiro Nagasaki leistete am Hammerflügel in den Rezitativen ebenfalls Hervorragendes.
Bedauerlicherweise blieben im schönen Lübecker Theater zahlreiche Plätze leer. Barockopern und weniger bekannte Mozart-Werke scheinen offenbar nicht jedermanns Geschmack zu treffen. Das anwesende Publikum jedoch zeigte sich begeistert und spendete dem Generalmusikdirektor, seinem Orchester sowie sämtlichen Mitwirkenden lang anhaltenden, herzlichen Applaus.