Hagen, Theater Hagen, CAVALLERIA RUSTICANA / I PAGLIACCI - Pietro Mascagni / Ruggero Leoncavallo, IOCO

Hagen, Theater Hagen,   CAVALLERIA RUSTICANA / I PAGLIACCI - Pietro Mascagni / Ruggero Leoncavallo, IOCO
Theater Hagen, Foto: Boris Golz, Arnsberg

Der überaus beliebte Verismo-Opern-Doppelabend

oder:

Zwei Opern wie Pech und Schwefel: Bauern-

Ehre und Bühnen-Wahnsinn

Von Iris Flender und Uli Rehwald

I Pagliacci, Insu Hwang, Ensemble, Foto: Sinah Osner

Fast immer werden sie im Doppelpack aufgeführt - die beiden prominenten Einakter des Verismo. Als Einzelabend wären die beiden Opern zu kurz. In Kombination mit einem anderen Einakter haben sich beide beim Publikum nie durchgesetzt. Man stelle sich als Doppelabend vor:

  • Cavalleria und Wozzeck
  • Bajazzo und eine Kurz-Oper von Mozart.

Also hören wir sie heute auch in Hagen so: Zusammen und in genau dieser Reihenfolge. Das Haus ist fast vollständig ausverkauft, das Publikum am Sonntag Nachmittag gut gelaunt und applausfreudig.

Hagen ist zwar ein kleines Opernhaus - und gespart werden muss hier auch. Aber das merkt man heute nicht, nur einige Doppelbesetzungen künden still davon. Serenad Uyar singt sowohl die Santuzza als auch die Nedda. Die beiden Rollen des Alfio und des Tonio werden von Insu Hwang dargestellt.

Cavalleria rusticana, Ensemble, Foto: Sinah Osner

Die Regie von Pamela Recinella stellt die beiden Stücke weitgehend naturalistisch dar. Es wird jedoch eine Zusatzdeutung entwickelt, welche die beiden Stücke effektvoll verbindet:

  • Die Stücke haben einen gemeinsamen Rahmen und gehen diesmal ineinander über: Das 2. Stück entwickelt sich aus dem 1. Stück.
  • Eine zusätzliche Person findet sich in dieser Inszenierung, welche in der Originalfassung nicht vorgesehen ist: Ein kleines Mädchen mit langen Zöpfen und weißem Kleid, welches einfach überall ganz natürlich dabei ist. Dabei immer seltsam still und zurückgenommen ist. Soll sie nun die reale Tochter von Santuzza und Turiddu sein? Steht sie als Symbol steht für Santuzzas ehemalige Unschuld? Oder für das Kind, das sie von Turiddu erwartet, welches aber noch nicht geboren ist - also ein Blick in die Zukunft?

Cavalleria rusticana, Serenad Uyar, Daniel Schliewa, Foto: Sinah Osner

Die Ouvertüre reißt uns, glutvoll gespielt von dem Philharmonischen Orchester Hagen unter der Leitung von Sebastian Lang-Lessing, hinein in das dramatische Spiel auf der Bühne: Eine schwangere Santuzza im Brautkleid auf dem Weg zum Altar, wo Turiddu auf sie wartet - als aber unversehens Lola auftaucht und ihn auf dem Altar verführt. "Oh Lola, rosengleich glüh´n deine Wangen." Was Santuzza mit Entsetzen sieht. Das Brautkleid wird ihr entrissen und es "fliegt" nach oben aus der Kirche.

Dieses Entree kann eigentlich nur als Wunschtraum von Santuzza interpretiert werden, der unversehens zum Alptraum wird. An dessen Ende sie sich dann real und "wach" am Ostermorgen in der Kirche wiederfindet. Als eine von der Dorfgesellschaft Geächtete, die dann auch den Gottesdienst verlässt, da sie als Unreine kein Recht hat, dort zu sein.

Das schlichte, aber sehr effektive Bühnenbild (gestaltet von Julia Katharina Berndt) besteht aus einer alles dominierende Kirche, welche auf einer Drehscheibe stehend immer wieder durch auf- und zuklappende Elemente so verändert werden kann, dass sie genial veränderte Räume darstellt: Die Kirche von innen, das Haus von Mamma Lucia, den Platz vor der Kirche, die Straßen im Dorf.

Cavalleria rusticana, Insu Hwang vor dem Märtyrinnen-Kirchenfenster, Foto: Sinah Osner

Das streng katholische in diesem Dorf wird symbolisiert durch die Kirchenfenster, welche die Leidensgeschichte einer Märtyrerin zeigen und die in jeder Szene präsent sind. Sowie einer räumlichen Enge im Kirchenschiff mit einer übergroßen Jesusfigur am Kreuz, die immer vom Schnürboden abgesenkt wird, wenn es verurteilend oder hoffnungslos wird.

Cavalleria rusticana, Serenad Uyar, Daniel Schliewa, Foto: Sinah Osner

Die Kostüme sind real nachvollziehbar. Santuzza in einem schlichten Baumwollkleid mit langen Haaren, Mamma Lucia (Gundula Hintz) als italienische Mamma mit Kittelschürze und wogendem Busen. Lola sehr modern in engen Hosen, Bluse und modischem Kurzhaarschnitt. Turiddu in städtisch-locker geprägtem Anzug - er hat während der Soldatenzeit eben auch mehr kennengelernt als die dörfliche Kleiderordnung. Alfio und die anderen Dorfbewohner sind schlicht und solide gekleidet, ohne Extravaganzen.

Cavalleria rusticana, Hyejun Melania Kwon, Foto: Sinah Osner

Diesem undramatischen, gut einzuordnenden Set steht dann aber die pralle, hochdramatische Handlung gegenüber: Verzweiflung, Eifersucht, Leidenschaft, verschmähte Liebe, Rache - alles mit so einer Wucht und Bühnenpräsenz dargeboten, dass Gänsehaut, Mitgerissen-Werden, Tränen in den Augen im Publikum wie von allein entstehen. Das braucht keinen großen philosophischen Überbau und auch keine intensive psychologische Durchleuchtung - sondern nur die Bereitschaft, sich dem Rausch der Gefühle hinzugeben. Wer bei dieser Vorstellung nicht berührt wird, ist wohl ein Stein. Oder wie es zu Recht auf einem Flyer des Theater Hagens steht:

" Für alle, die Dramen nicht nur streamen, sondern spüren wollen".

Cavalleria rusticana, Serenad Uyar, Chor und Extrachor des Theater Hagen, Foto: Sinah Osner

Der Bajazzo beginnt mit der Szene, mit der die Cavalleria endet - in der Kirche mit der stürzenden Leiche von Turiddu und einer aus der Kirche stürzenden ... Santuzza? Oder Nedda? Das Ende der einen ist der Anfang der anderen. Ja, das kann man so machen bei dem gemeinsamen Rahmen für beide Stücke.

Der Bajazzo beginnt mit dem Aufzug der Schauspielergruppe - Canio (Aldo di Toro) schlägt dazu an der großen Trommel den Aufmarsch-Takt.

I Pagliacci, Aldo Di Toro, Foto: Sinah Osner

Ein besonderes Bonbon ist, dass auf der Bühne echte Artisten - Gaukler, Trapezkünstler, Tänzer - zu bestaunen sind, welche auch die "Theater-Rollen" der Figuren spielen. Damit wird die Illusion der Wandertruppe ganz real.

I Pagliacci, Ensemble und Trapezkünstlerin, Foto: Sinah Osner

Und natürlich warten dann alle auf eine der bekanntesten Opern-Arien überhaupt: Rasend vor Eifersucht muss er sich schminken, um auf der Bühnen den betrogenen, tölpelhaften Liebhaber zu spielen. "Lache Bajazzo ...". Aldo Di Toro zieht uns alle mit hinein, wie der Bühnen-Wahnsinn aus diesem Schmerz entsteht.

I Pagliacci, Aldo Di Toro beim Schminken zum "Lache Bajazzo", Foto: Sinah Osner Foto

Sobald die "Vorstellung" begonnen hat, weiß man am Ende gar nicht mehr, auf wen man achten soll: Auf "unsere" verstrickten Figuren der doppelbödigen Haupthandlung oder auf die Puppen, die sie wie Marionetten auf der Bühne als Columbine und Bajazzo spielen lassen. Bis die Puppen schlussendlich von der Bühne gedrängt werden und das echte, nicht gespielte Drama mit Mord und Totschlag seinen Lauf nimmt.

I Pagliacci, oben die Sänger und unten die "Marionetten-Artisten" , Foto: Sinah Osner

Auch das Publikum auf der Bühne (der spiel- und singstarke Chor der Bühne Hagen, verstärkt durch den Extrachor) weiß bald nicht mehr, was Spiel und was Realität ist. Bis - ja, bis Silvio (Manos Kia) getötet wird. Und auch diesmal endet das Stück mit einer Nedda, die lebend davon kommt und die Türen der Vergangenheit hinter sich zuschlägt - eben nicht nur Opfer ist.

I Pagliacci, die Artisten, welche die Sänger spielen: Mikkel Stamp, Johanna von Dobbeler, Foto: Sinah Osner

Das Publikum wird mit beeindruckenden Leistungen von der schauspielerischen und sängerischen Bühnenpräsenz aller Darsteller getragen. Serernad Uyar ist als Doppelbesetzung der Santuzza und Nedda heute sicherlich der Star des Abends. Sie öffnet mit den großen Ausdrucksmöglichkeiten ihres Soprans heute alle Abgründe von Verzweiflung und Zerrissenheit. Aldo di Toro als Bajazzo / Canio singt und spielt mitreißend mit voller Wucht, Rage, Eifersucht. Insu Hwang zeigt uns eine seinen beiden Rollen (Alfio und Tonio) nicht nur 2 abgrundtiefe Bösewichte, denen man nicht nachts auf der Straße begegnen möchte. Sehr glanzvoll gerät ihm auch der große Einführungs-Prolog im Bajazzo. Daniel Schliewa als Turiddu und Hyejun Melania Kwon als Lola runden die sehr gute Performance der Sänger ab.

Das Publikum dankt mit einem begeisterten, andauernden Applaus. Auch einige Bravos sind dabei, völlig berechtigt.

Die Termine der weiteren Aufführungen finden Sie hier.

Cavalleria rusticana, Gundula Hintz, Seranad Uyar, Chor und das Kind, Foto: Sinah Osner

Am Ende der beiden Kurzopern wird noch ein Format namens

"Nachspielzeit - Stunde der Kritik"

angeboten: Ein Diskussionsformat im Foyer von gut einer Stunde - es wurde heute ja schon um 15 Uhr begonnen. Die Absichten der Künstler und das Erlebnis des Publikums werden gemeinsam diskutiert. Fast in der Atmosphäre eines Lagerfeuers: Alle können sich gemeinsam noch einmal das Herz an der vorher entfachten Opernglut wärmen. Wer dabei blieb, ist sicher zusätzlich bereichert nach Hause gegangen.

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