Malchin, Stralsund, Festspiele MV, Bundesjugendchor - „Psychogramm Schostakowitsch“, IOCO

Malchin, Stralsund, Festspiele MV, Bundesjugendchor - „Psychogramm Schostakowitsch“, IOCO
Malchin, Bundesjugendchor ©Festspiele Mecklenburg-Vorpommern
  1. August 2026

 

Reine Chorprogramme gehören selbst im überaus reichhaltigen Programmangebot der Festspiele MV zu den Raritäten.

Wenn es sie aber gibt, dann darf man sich auf Besonderes freuen. So wie am 28. August, als zu einem Konzert mit dem Bundesjugendchor nach Malchin eingeladen wurde. Bundesjugendchor? Ja, den gibt es. Im August 2021 gegründet, war er allerdings erstmals in Mecklenburg-Vorpommern.

Dies aber gleich mit einer Arbeitsphase in Vietgest und besagtem Konzert in Malchins monumentaler gotischer St. Johannis-Kirche. Zu erleben waren gut zwei Drittel des sonst ca. 50 Mitglieder umfassenden, beim Deutschen Musikrat angesiedelten und auch ministeriell geförderten Chores, was aber angesichts bundesweiter Mitgliederauswahl und höchster sängerischer Standards für ein Programm jedweder Stilistik und jedweden Anspruchs dennoch ausreichte.

Schon die Vorschau verriet, was da zu erwarten war. Anne Kohler, national wie international geschätzte Professorin für Chorleitung an der Hochschule für Musik Detmold und Chefin des Ensembles, konnte die Latte künstlerischer Ansprüche ziemlich hoch legen. Dies mit Werken von Schütz über Bach und Schumann bis Mahler, und – hier ein wenig grob nach Geburtsjahrgängen geordnet – von R. Murray Schafer, Peteris Vasks, Perttu Haapanen, Michael Ostrzyga und Eriks Esenvalds bis Laura Jekabsone. Alle Werke doppelchörig und chargierend zwischen Zehn- und Sechzehnstimmigkeit! Das Ganze stilistisch zwischen Schütz´scher Deklamatorik, Bach´scher Motettenbrillanz und – teils in Arrangements – deutscher Romantik sowie variabel und unorthodox gehandhabter, allerdings längst bewährter Praxis freier chorischer Modernität, wie sie etwa in Skandinavien oder im Baltikum gang und gäbe ist. Das Thema des Abends: „Outer Space: Kometen der Chormusik“. Oder wie das Programmheft formuliert: Der Himmel als Klangraum, und das quer durch die Musikgeschichte.

Das entsprechend originelle und anspruchsvolle Repertoire kann sich der Bundesjugendchor allemal leisten. Seine Souveränität im Umgang mit der Stimme ist beeindruckend, der Gesamtklang nicht minder: noch im piano bestechend klingend und glanzvoll strahlend im fortissimo. Perfekt die Intonation, ohne Tadel eine für das deutsche Repertoire besonders wichtige Artikulation, von sängerischer Transparenz und Lockerheit mit höchst variabler Tongebung ganz zu schweigen. Nicht zuletzt deshalb dürften – wir wählen stellvertretend aus - eine Bachmotette (Singet dem Herrn ein neues Lied, BWV 225) sowie Arrangements von Schumann (Mondnacht op. 39/5, Fassung von Clytus Gottwald) und Mahler (Ich bin der Welt abhanden gekommen, vom gleichen Bearbeiter)  besonders im Gedächtnis geblieben sein.

Sängerische und gestalterische Kompetenzerweiterungen präsentierte der Chor nicht minder überzeugend mit seinem zeitgenössischen Repertoire. Ob Readymade Alice (2011) des Finnen Perttu Haapanen mit Textcollagen aus dem Internet (Eingabe: „Alice“), Michael Ostrzygas (Köln) 2007 preisgekröntes Stück Iuppiter, das auf überaus konrastgeschärften antiken Anrufungen des römischen Göttervaters basiert oder R. Murray Schafers (Kanada) Trauergesang für den (mölglicherweise) durch erste Besuche (1969) bedrohten Mond (Epitaph for Moonlight) – sie alle leben – individuell jeweils mehr oder weniger stark ausgeprägt – von experimentellen Vokaltechniken, unverkennbar aber auch von wirkungsstarken Musizierhaltungen samt nicht minder offensichtlichen Freude am vatriabel Klanglichen..

Das betraf etwa auch Eriks Ēšenvalds (Lettland)  Stars, das mit vielen klingenden Gläsern und stimmungsvoller Melodik atmosphärisch Himmlisches beschwor, auch den (schon) modernen Klassiker Peteris Vasks (Litauen) und sein Tradition und Moderne verbindendes Māte saule (Mutter Sonne) sowie – kurzfristig in das Programm genommen - Laura Jēkabsones teils ekstatisch rituell wirkendes (Stampfen, Bewegungen)) Father Thunder. Alles in allem ein zwar kleiner, aber durchaus repräsentativer Einblick in zeitgenössisches chorisches Denken; mit Beispielen, die natürlich nicht alles, aber viel von jenem stilistischen und künstlerischen Potenzial verraten, das Komponisten heute zur Verfügung steht. Und das in Ensembles wie dem Bundesjugendchor so wichtige, weil kompetente und zudem auch noch begeisternde Vermittler besitzt.

Stralsund, Grauchumacher Armida Quartett_Ulrich Noethen (c) Christian Rödel

       

„Vermittlung“ war dann auch der entscheidende Begriff für eine weitere Veranstaltung der Festspiele MV. „Psychogramm Schostakowitsch“ hieß es im Großen Haus des Theaters Vorpommern in Stralsund. Zur Debatte stand ein „Literarisch-musikalisches Porträt“, das  umfangreichere Textstellen aus Julian Barnes Schostakowitsch-Roman „Der Lärm der Zeit“ mit Musik (Werkausschnitte) des Komponisten verband.  

Dieser Roman hat sich bislang als sehr erfolgreich erwiesen und wurde öffentlich ausgiebig gelobt. Angesichts eines hiermit auf spezifische Weise vorgelegten Lebensweges von gravierend problematischem Verlauf in der Sowjetunion nach der Revolution 1917 und den bleiernen Jahren der Herrschaft Stalins und danach, erscheint eine literarisch-musikalische Darstellung durchaus als von größerem Interesse. Hier hat Dorothee Kalbhenn als Dramaturgin (Konzept) eine Textauswahl getroffen, die ganz auf die Wirkung brutal ausgeübter politischer staatlicher Macht gegenüber einer bestimmten Person – Schostakowitsch – setzt, und zwar genau so, wie Barnes es darstellt. Das ist in der damit verbundenen Konzentration auf wenige wichtige, sehr problematische biographische Situationen und einer entsprechend literarisch- emphatisch gekonnten, einfühlsamen Sprache von großer Attraktivität und starker emotionaler Wirkung. In Stralsund war das deutlich spürbar, zumal mit dem Armida-Quartett und dem GrauSchumacher Piano-Duo diverse Klangbeispiele für zusätzliche Expressivität sorgten; etwa aus den Zwei Stücken für Streichquartett (Elegie), der d-Moll-Cellosonate op. 40, dem 2. Klaviertrio op. 67, dem 8. Streichquartett op. 110 und den Sinfonien  Nr. 5, 7 und 10 (in Auszügen und vierhändig).

Ulrich Noethen, Signierstunde (c) Christian Rödel

Im Mittelpunkt aber stand der als Schauspieler bekannte und geschätzte Ulrich Noethen. Er las seine Text nicht lediglich ab, er verlieh ihnen den hohen Stellenwert ruhigen, permanent fesselnden, auch mal länger überlegenden, konzentrierten Nachdenkens, eines Reflektierens, dem gedanklich zu folgen so notwendig wie lohnend erschien. Das passte zu einem ganz bestimmten, von Barnes dezidiert vermittelten und vom Konzept der Veranstaltung her noch verstärkten Bild eines Menschen Schostakowitsch, der nur noch Angst hat, sich als Feigling sieht, permanent um sein Leben und das seiner Familie fürchtet und letztlich völlig perspektivlos erscheint.

Stralsund, Grauchumacher Armida Quartett_Ulrich Noethen (c) Christian Rödel

Auch das hat Wirkung, und sie ist offensichtlich genau so beabsichtigt. Insofern dürfen die Festspiele MV diese Veranstaltung im bestens besuchten Theater Stralsund als Erfolg werten. Daran soll mit nachfolgender Anmerkung auch nicht gerüttelt werden. Vielleicht könnte (sollte!) sie Anlass sein, jeweils eigene (Er)Kenntnisse zu Schostakowitsch und seinen persönlichen, gesellschaftlichen  und politischen Lebensumständen erweitern zu wollen. Denn Barnes Quellen sind – ohne dass das hier erörtert werden könnte – schmal und umstritten, seine Schlussfolgerungen eben romanhaft (und nicht historisch, wie er meint). Seriös nachgefragt wird zum Beispiel, ob ein Mensch von solch ausschließlich scheinender Gequältheit und dem völlligem Fehlen jeden Selbstbewusstseins eine Musik schreiben könne, die ein  ganzes Zeitalter geprägt  hat und mit jedem Ton viel mehr über ihren Schöpfer sagt als jede Buchzeile. Abgesehen davon, dass Musik – ein Manko, dass Barnes bewusst eingeht! - im Roman keine Rolle spielt und damit jedes Gegengewicht zu widrigen Lebensumständen – und das ist als kompositorisches Gesamtwerk gewaltig – fehlt. Auch, ob der Roman nicht psychologisch eher (nur) eine Person beschreibt und nicht einen ganz bestimmten K ü n s t l e r (Gerhard Müller 2023). Man muss nicht soweit gehen, wie Richard Taruskin in der New York Times (vom 28. 8. 2016), der Barnes Roman als „schön geschriebenes Flickwerk“ bezeichnete. Aber man sollte seine unbestrittenen literarischen Qualitäten nicht mit historischen „Wahrheiten“ verwechseln. Was man aber tun sollte: mit Genuss lesen, kritisch lesen! Nachfragen! 

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