Lübeck, Theater Lübeck, SWEENEY TODD – Stephen Sondheim, IOCO Kritik, 17.10.2023
Sweeney Todd – The Demon of Fleet Street ist ein schauriges Musical von Stephen Sondheim, das auf dem gleichnamigen makabren Schauspiel von Christopher Bond basiert. Es erzählt die Geschichte des Londoner Barbiers Benjamin Barker, der eines Verbrechens beschuldigt, welches er nicht begangen hatte,
Sweeney Todd von Stephen Sondheim, Theater Lübeck, Lübeck, 17.10.2023.


SWEENEY TODD – Musical von Stephen Sondheim
– schaurig: die so delikaten Hackfleich-Pasteten …… –
von Wolfgang Schmitt
Sweeney Todd – The Demon of Fleet Street ist ein schauriges Musical von Stephen Sondheim, das auf dem gleichnamigen makabren Schauspiel von Christopher Bond basiert. Es erzählt die Geschichte des Londoner Barbiers Benjamin Barker, der eines Verbrechens beschuldigt, welches er nicht begangen hatte, vom Richter Turpin verurteilt und nach Australien deportiert wurde. Nach 15 Jahren kehrt er nach London zurück, nennt sich nun Sweeney Todd und eröffnet einen neuen Friseursalon im Haus von Mrs. Nellie Lovett in der Londoner Fleet Street, die dort einen Laden für Fleischpasteten führt. Getrieben von Racheplänen gegenüber Richter Turpin, der seine Frau Lucy und seine Tochter Johanna entführt hatte, entwickelt er gemeinsam mit Mrs. Lovett einen Plan, wie man seine Feinde bestrafen und gleichzeitig die Geschäfte erfolgreich florieren lassen kann. Während also Sweeney Todd oben in seinem Salon den Kunden mit seinem Rasiermesser die Kehlen durchschneidet, werden unten die Leichen durch den Fleischwolf gedreht – dreimal, damit sie schön zart sind – und von Mrs. Lovett zu Fleischpasteten verarbeitet.

Stephen Sondheim (1930 – 2021) ist einer der bekanntesten amerikanischen Musical-Komponisten. Erste Berühmtheit erlangte er 1957 als Librettist zu Leonard Bernsteins West Side Story. Auch für Jule Stynes Erfolgs-Musical Gypsy schrieb er 1959 die Songtexte.
Sein erstes Musical, zu dem er auch die Musik komponierte, war 1962 „A funny Thing happened on the Way to the Forum“ (deutscher Titel „Toll trieben es die alten Römer“). Insgesamt schrieb er 19 Musicals, darunter Company, Follies, A little Night Music, Into the Woods, und Sunday in the Park with George, allesamt in den USA und auch international höchst erfolgreich.
Sondheim hat acht Grammys, acht Tony Awards sowie zahlreiche weitere Auszeichnungen für sein künstlerischen Schaffen und seine musikalische Brillanz erhalten und er gilt als einer der erfolgreichsten Komponisten des modernen Musicals. Seine Songtexte sind anspruchsvoll und komplex, mit Texten, die die Charaktere und deren innere Konflikte widerspiegeln. Seine Musik reicht von leidenschaftlichen Balladen bis hin zu energiegeladenen Ensembleszenen.
Sweeney Todd ist ein fesselndes Musical mit zwar düsterer Handlung, doch am Theater Lübeck hat Regisseur Werner Sobotka eine wunderbar amüsante und temporeiche Inszenierung mit herrlich komischen Einfällen und voller schwarzem Humor geschaffen, die das Premierenpublikum am 14.10.2023 am Ende mit lang anhaltenden Ovationen belohnte.

Die von Stephan Prattes konzipierte Bühne ward abgehängt mit heller Plastikfolie, die bis in den Balkon des ersten Rangs reichte und den Szenen entsprechend in blutrot und vielen weiteren raffinierten Lichteffekten (von Falk Hampel) illuminiert werden konnte. Auf der Drehbühne sah man Mrs. Lovetts rustikalen Pastetenladen und die Treppe nach oben zu Sweeney Todds Friseursalon, oder auch den mit Blumen geschmückten Balkon von Johanna, die als Mündel bei Richter Turpin lebt.
Die von Elizabeth Gressel entworfenen farbenprächtigen Kostüme entsprechen größtenteils der Zeit der Handlung, Mitte des 19. Jahrhunderts, einige Statisten und Choristen waren allerdings auch wie heutige Punker in armseligen und zerrissenen Klamotten gekleidet.
Sondheims ambitionierte farbenreiche, fast opernhafte Partitur wurde perfekt umgesetzt vom Philharmonischen Orchester der Hansestadt Lübeck, das auch unter der Leitung des Zweiten Kapellmeisters Nathan Bas wieder einmal bewiesen hat, daß es nicht nur in der Oper und in der Operette, sondern auch im Musical zuhause ist, sorgte es doch auch hier für temporeichen, wunderbar ausbalancierten und großartig differenzierten Klang. Die Prelude begann mit einem bombastischen Orgel-Intro, welches an den Beginn vom Phantom der Oper erinnerte, doch da dieses sieben Jahre nach Sweeney Todd geschrieben wurde, kann man nur mutmaßen, daß Lloyd-Webber sich von Sondheim hat „inspirieren“ lassen.
Hochdramatisch setzte der Chor ein – wie immer großartig einstudiert von Jan-Michael Krüger und eindrucksvoll choreographiert von Nathalie Holtom, besonders auch später in der gruseligen Irrenhaus-Szene – mit der „Ballade von Sweeney Todd“. Dieser hatte in Patrick Stanke einen charismatischen Sängerdarsteller mit angenehm klingendem modulationsfähigen Bariton, dessen Lebensinhalt Vergeltung und Rache am Richter Turpin ist, und der in Mrs. Lovett die ideale, wenn auch berechnende Komplizin und Partnerin „in crime“ gefunden hat.

Carin Filipcic als Mrs. Lovett war eine überragende Komödiantin mit heller Stimme und von herrlicher szenischer Präsenz, die in jedem ihrer Auftritte stets der humorvolle fröhliche Mittelpunkt war und die ihre Partie der Pastetenbäckerin in Mimik und Gestik schlichtweg umwerfend gestaltete. Ihre Arie „Die schlimmsten Pies von London“ oder auch ihr Duett mit Sweeney Todd „An der See“ – wenn plötzlich die Hauswand herunterklappt und die beiden vor einer Meereskulisse mit Strand und Palmen sitzen – erhielten besonderen Szenenapplaus. Während diese beiden Musical-erfahrenen Protagonisten Gäste am Theater Lübeck waren, konnten die weiteren Gesangspartien aus dem exzellenten Lübecker Ensemble optimal besetzt werden, denn auch sie haben die besonderen Anforderungen des Musical-Stils bestens bewältigt.
Der Bariton Steffen Kubach als Furcht einflößender Richter Turpin hatte seine großen Auftritte im Duett mit Sweeney Todd, „Hübsche Frauen“, und am Schluß, wenn die Rache an ihm endlich vollzogen werden kann.
Das junge Liebespaar waren die lyrische Sopranistin Elvire Beekhuizen als Johanna Barker – mit ihrer schön gestalteten Vogelarie -, Sweeneys Tochter und Richter Turpins Mündel, die er eigentlich gerne heiraten wollte, sowie der lyrische Tenor Laurence Kalaidjian als gefühlvoller Anthony Hope, der Johanna schließlich aus der Irrenanstalt, in die der Richter sie hat einweisen lassen, befreien kann.
Andrea Stadel gestaltete eindrucksvoll die Partie der Bettlerin in ihren wiederkehrenden Szenen, bis auch sie, als Lucy Barker bis zuletzt unerkannt geblieben, von Sweeney Todd getötet wird.
Der lyrische Tenor Noah Schaul beeindruckte in der Partie des Tobias Ragg, mit viel Schmelz in der Stimme und Glanz in der Höhe, zuerst als Assistent des Quacksalbers Pirelli, später als Gehilfe von Mrs. Lovett in ihrer Backstube, mit der er das Duett „Denn ich bin bei euch“ zum besten gab.
Auch die Tenöre Gustavo Mordente Eda als Büttel Bamford, Begleiter des Richter Turpin, mit seiner Arie „Ladies sind ja so empfindlich“, sowie Franz Gürtelschmied in der Partie des Quacksalbers und Friseurs Pirelli, der in seiner buffonesken Auftrittsarie glänzte, und schließlich Thomas Stückemann als Leiter der Irrenanstalt Mr. Fogg, sie alle konnten überzeugen.
Der überwältigende Schlußapplaus im restlos ausverkauften Theater Lübeck zeigte, daß diese eindrückliche und überaus gelungene Inszenierung ihre Wirkung besonders auch auf das diesmal zahlreich anwesende jüngere Publikum nicht verfehlt hat und ein großer Erfolg fürs Haus werden wird. Am Ende gab es Ovationen fürs Regieteam, fürs Orchester, den Chor und sämtliche Solisten, besonders aber für Sweeney Todd und ganz besonders für Mrs. Lovett.
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Wie fällt das Urteil über Werner Sobotkas Inszenierung am Theater Lübeck aus?
Sobotka schuf trotz düsterer Handlung eine wunderbar amüsante, temporeiche Inszenierung voller schwarzem Humor, die das Premierenpublikum mit lang anhaltenden Ovationen belohnte.