Lübeck, Theater, L'Incoronazione di Poppea - C. Monteverdi, IOCO
07. Juni 2026
Ausverkauft war diese Nachmittags-Vorstellung am Sonntag dem 7. Juni bedauerlicherweise nicht, Barockopern sind eben nicht jedermanns Geschmack. Doch den barock-interessierten Besucher erwartete eine eindrucksvolle Inszenierung von Claudio Monteverdis letzter Oper, komponiert 1642 für das Teatro Santi Giovanni e Paolo in Venedig.
Claudio Monteverdi (1567-1643) gilt als einer der bedeutendsten Opernkomponisten der Frühbarockzeit und als eine Art Schlüsselfigur im Übergang von der Renaissance zur frühen Barockmusik. Seine allererste Oper, „L'Orfeo“, 1607 komponiert, wird als erste „große Oper“ der Weltgeschichte bezeichnet. Neben Messen und weltlichen Vokalwerken schrieb Monteverdi mehr als ein Dutzend Opern, von denen viele jedoch als verschollen gelten. Heutzutage erfreut sich neben der „Poppea“ und „L'Orfeo“ auch seine Oper „Il Ritorno d'Ulysse in Patria“ größerer Beliebtheit und ist bisweilen in den Spielplänen internationaler Opernhäuser zu finden.

Wenngleich Monteverdi mit all seinen Allegorien in der modernen Regie gern dazu benutzt wird, den Sängern alles mögliche anzutun, so haben wir es in dieser Lübecker Inszenierung des Regisseurs Johannes Pölzgutter mit einer dem Werk durchaus gerechten, optisch mehr als nur ansprechenden und auch zweckmäßigen Produktion zu tun. Stimmungsvolle Lichtregie (Falk Hampel) sowie einige nett anzuschauende Video-Einspielungen von den Gesichtern der Hauptakteure (Tassilo Tesche) trugen ein Übriges zu den positiven optischen Eindrücken der Vorstellung bei.

Die Bühne, von Susana Mendoza entworfen, wird zunächst beherrscht von einer hohen grauen Wand mit römischen Rundbögen. Sechs Türen lassen sich öffnen und geben den Blick frei auf eine erotische Szene mit Statisten, die viel Haut zeigen, oder auf ein opulentes Festmahl mit einem Schwan als Tischdekoration. Das Schlußbild mit Poppeas Krönungszeremonie stellt dann den besonders wirkungsvollen optischen Höhepunkt mit goldenem Strahlenkranz vor einem gemalten barockem Bühnenhintergrund mit schwebenden Engeln dar.
Sophie Naubert als Poppea brillierte wieder einmal mit ihrem schön timbrierten, technisch perfekten Koloratursopran. Temperamentvoll in ihrem Spiel, charmant in ihrer Ausstrahlung und von charismatischer Bühnenpräsenz, so gestaltete sie die ehrgeizige, durchtriebene Poppea hinreißend und ließ keinen Zweifel aufkommen, daß sie mit List und Tücke alles und jeden aus dem Weg zu räumen weiß, der ihr bei ihrem Ziel, Neros Frau und Kaiserin zu werden, hinderlich ist. Dazu paßte auch ihre meist Babydoll-artige knappe Bekleidung in rot (Kostümentwürfe ebenfalls von Susana Menodza). Überaus prunkvoll gewandet war sie dann allerdings bei ihrer Krönung im goldroter Robe.

Der Countertenor Meili Li sang den machtbewußten, unberechenbaren Nerone mit geschmeidiger Kopf-Stimme durchaus kraftvoll und wirkte trotz der Ambivalenz seines Charakters doch irgendwie sympathisch. Das wunderschöne Schlußduett Poppea-Nerone, „Pur ti miro, pur ti godo“, war das glanzvolle Highlight des Abends, und wenn man es nicht besser wüßte, könnte man an ein romantisches Happy-End der Beiden glauben.
In der Partie der Ottavia hatte die in schwarz gekleidete Andrea Stadel große emotionale Momente in ihren Szenen mit Nerone und mit Ottone, doch mit ihrer großen Arie „Addio Roma“ im dritten Akt setzte sie stimmlich einen absoluten Glanzpunkt.

Den Ottone, von Poppea verlassen, von Drusilla geliebt, von Ottavia zur Ermordung Poppeas gedungen, sang Jacob Scharfman, ganz in blau gekleidet, mit kraftvollem, dunkel timbriertem Kavaliersbariton.
Mit klangvollem schwarzem Bass gestaltete Changjun Lee die Partie des ehrbaren römischen Ratgebers Seneca, von Nerone auf Geheiß Poppeas zum Selbstmord gezwungen. Mit sonorem Tiefenregister beeindruckte er besonders in seinem Monolog, dem seine Todesszene folgt.
Die drei Soprane Nathalie Beck als opferbereite Drusilla, Janina Mae Dettenborn als geflügelter Amor und Aditi Smeets als in rosa gekleideter Valetto mit Menjou-Bärtchen, sie alle glänzten mit strahlenden Stimmen und durch neckische, temperamentvolle Spielfreude.
Delia Bacher als Ottavias Amme Nutrice präsentierte ihre wohlklingende lyrische Alt-Stimme, und der Charakter-Tenor Thomas Stückemann machte aus seiner humorigen Partie der Arnalta, Poppeas Amme, ein wahres Kabinettstückchen. Der lyrische Tenor Wonjun Kim im rosaroten Overall als Lucano, und der Bassist Valentin Anikin als Littore komplettierten das hochkarätige Ensemble.
Unter der inspirierenden und einfühlsamen Leitung von Takahiro Nagasaki interpretierten die Mitglieder des Philharmonischen Orchesters – erweitert durch zwei Theoreben und Blockflöten –Monteverdis wunderbare Komposition, erreichten eine enorme atmosphärische Dichte und machten diese Matinee-Vorstellung zu einem musikalischen Ereignis. Den Sängern gab er stets genügend Raum zum Ausdruck, und so erreichte er eine perfekte Balance zwischen Bühne und Orchester. Alles in allem war dies eine grandiose, virtuose Ensemble-Leistung, welche dem begeistert applaudierendem Publikum verdeutlichte, welch ein Meisterwerk Monteverdis letzte Oper ist.