Minden, Stadttheater, DIE MEISTERSINGER VON NÜRNBERG – Richard Wagner, IOCO
Mit Richard Wagners „Die Meistersinger von Nürnberg“ vollendet Minden seinen Bayreuther Kanon. Unter Frank Beermanns musikalischer Leitung begeistert eine ebenso kluge wie fantasievolle Inszenierung von Jakob Peters-Messer mit herausragenden Solisten, Chor und Orchester. Ein weiteres Wagner-Wunder!
von Karin Hasenstein
Die Meistersinger von Nürnberg oder Das Wunder von Minden wird vollendet
Dem Richard-Wagner-Verband Minden, dem Stadttheater Minden und der Nordwestdeutschen Philharmonie mit einem illustren Solistenensemble ist es wieder einmal gelungen, ein Werk von Richard Wagner im Stadttheater Minden auf die Bühne zu bringen. Und nicht nur das: Mit den Meistersingern vollenden die Genannten den sogenannten Bayreuther Kanon, also den Kreis der zehn Opern (ohne die Frühwerke), die Richard Wagner selbst in Bayreuth zur Aufführung bringen wollte.
Im Jahr 2002 fing das ehrgeizige Projekt mit „Der fliegende Holländer“ an. Es folgten „Tannhäuser“ (2005), „Lohengrin“ (2009) und „Tristan und Isolde“ (2012). Dabei war das Orchester immer auf der Bühne hinter den Solisten positioniert, der Chor, soweit erforderlich, hinter dem Orchester auf einem Chorpodest. Der abgedeckte Orchestergraben diente als Bühne. Die Initiatoren wurden immer mutiger und die Pläne immer ambitionierter. Aber ließ sich in dieser Konstellation auch Wagners Gesamtkunstwerk, der Ring des Nibelungen, aufführen? 2015 bis 2018 war es erstmalig soweit. Jedes Jahr fand ein Ringteil seinen Weg auf die kleine Bühne des Mindener Stadttheaters. Im Jahr 2019 schließlich wurde die gesamte Tetralogie zweimal hintereinander aufgeführt, ein unglaublicher Kraftakt für alle Beteiligten und ein riesiger Erfolg. Damit hatte Minden sich den Ruf als „Bayreuth des Nordens“ erworben. Nach einer längeren Pause von vier Jahren konnte schließlich auch in einer beeindruckenden Regie von Eric Vigié zur Eröffnung der Spielzeit 2023/2024 das opus summum Wagners, der „Parsifal“, aufgeführt werden. (s. IOCO – Rezension K. Hasenstein vom 07.11.2023)

Zur Eröffnung der Spielzeit 2026/2027 wurde der Bayreuther Kanon mit Wagners einziger komischer Oper, den „Meistersingern von Nürnberg“, vollendet. Alle, die die Geschichte des Wagnerwunders von Minden über die letzten fast 25 Jahre verfolgt hatten, mussten sich fragen, wie dieser letzte Kraftakt gelingen kann, wie diese rund viereinhalb Stunden dauernde große Oper mit ihren Massenszenen auf der Festwiese und nicht weniger als 17 Solorollen auf diese kleine Bühne zu bringen ist. Das bewährte Team aus Richard-Wagner-Verband Minden, dem Stadttheater Minden, der Nordwestdeutschen Philharmonie, dem freien Opernchor coruso e.V. und namhaften Solisten unter der kundigen Leitung von Frank Beermann hat im September 2026 mit sechs Vorstellungen und einer geschlossenen Schulvorstellung bewiesen, dass noch einmal eine Steigerung möglich war. Dabei haben alle Beteiligten wieder einmal bewiesen, dass mit klugem Blick auf Musik und Libretto und viel Kreativität und Liebe zur Sache etwas Großes geschaffen werden kann.
1. Aufzug
Das Vorspiel zum ersten Aufzug erklingt. Wir sehen das Orchester eng aufgebaut auf der Bühne, dahinter den hohen Chorpodest, der sich über die gesamte Bühnenbreite erstreckt. Über dem Portal prangt ein golden verziertes „W“ als Zeichen des Richard-Wagner-Verbandes. Auf der linken Seite steht ein Tisch mit Stuhl und einem Spiegel, ebenso auf der rechten Seite. Zwei Leitern auf der Bühne reichen jeweils in die rechte und linke Loge im ersten Rang. Auf beiden Bühnenseiten befinden sich Kleiderständer mit Kostümen und auf der linken Seite zusätzlich eine große, schlichte Holztruhe. Zwei Treppen führen von der Vorderbühne an den Seiten ins Parkett. Das Vorspiel zum ersten Akt kommt mit prominenten Pauken und satten tiefen Streichern in unaufgeregtem Tempo daher. Zunächst gemäßigt wird es dann etwas bewegter und konzentriert sich auf das Meistersingermotiv. Die oben mittig positionierten Kontrabässe sind sehr präsent. Das Tempo wird drängender und spielerisch-leicht. Während des Vorspiels betreten David (Stephen Chambers) und Magdalene (Kathrin Göring) die Bühne. David trägt eine Latzhose, Eva eine elegante Hose. Die vorherrschenden Farben sind Schwarz und Weiß. Eva begrüßt den Chor, also die Menschen in der Kirche. Als der Chor den Choral anstimmt „Da zu dir der Heiland kam“, stehen David, Stolzing, Lene und Eva mit Meistersinger-Klavierauszügen in den Händen mit dem Rücken zum Publikum, dem Chor zugewandt.

Der Choral zeichnet sich durch differenzierte Dynamik und gute Textverständlichkeit sowie saubere Intonation aus. Da das Stadttheater Minden nicht über eine eingebaute Orgel verfügt, wurde der Orgelpart im Eingangschoral über ein digitales Orgelmodul über die Saallautsprecher übertragen. Nachdem der Chor abgegangen und der Choral verklungen ist, betreten nach und nach Eva, Stolzing, Magdalene und David die kleine Bühne. Alle tragen Kleidung in den Farben Schwarz oder Weiß oder Kombinationen aus beiden. Einzig Eva fällt mit ihrem gepunkteten Shirt und ihrem roten Brusttuch etwas aus der Rolle. David bringt Stolzing eine rote Kappe und seine Jacke, die ihn als Ritter ausweist. Stolzing lehnt diese jedoch ab. David erklärt Stolzing die Regeln des Singgerichts, denn heute ist Freiung. Dabei zieht er an beiden Portalseiten große weiße Tücher hoch. Stephen Chambers gestaltet seinen David mit leichtem lyrischem Tenor und schönem Piano. Das Orchester geht gut abgestimmt mit dem Tenor mit, gerade auch in den Pianostellen. Die ersten vier Meister kommen auf die Bühne und nehmen ihre Gewänder von den Kleiderstangen. Vier weitere Meister kommen und nach ihnen die Lehrbuben. Diese begeistern durch guten Text und präzisen Gesang. David bringt die Merkertafel über die Leiter links in den ersten Rang. Behände klettert er über die Brüstung und erklärt, was es damit auf sich hat. Die Meister staffieren sich mit farbigen Mützen und Krägen aus. Der österreichische Bass Christoph Seidl ist ein ungewöhnlich junger Veit Pogner. Durch seinen Habitus und seinen wohltimbrierten Bass verleiht er dem Goldschmied die nötige Würde und Seriosität. Besonders aufhorchen lässt Michael Borth als Stadtschreiber Sixtus Beckmesser mit wandlungsfähigem Charakterbariton und großer Spielfreude, ganz in Schwarz und mit weißem Kragen. Hans Sachs betritt als letzter der Meister die Bühne. Als alle aufgetreten sind, fährt die Gaze runter und trennt das Orchester optisch von den Solisten auf der Vorderbühne. Die Meister nehmen auf schlichten Holzbänken und Hockern Platz. Meister Pogner erinnert daran, dass das Johannisfest bevorsteht, und lobt seine Tochter Eva als besonderen Preis für den Gewinner des Singgerichts aus. Unter den Meistern macht sich Aufregung breit und Beckmesser wird sichtlich unruhig. Sachs meldet Bedenken an: „Lasst das Volk auch Richter sein!“ Simon Bailey gestaltet den Sachs mit warmem, wohlklingendem Bariton und hervorragender Deklamation. Er erzählt spannend und überzeugt mit großer Bühnenpräsenz. Pogner berichtet, dass ein junger Ritter namens Walther von Stolzing die Freiung begehrt. Stolzing erscheint, die Meister wundern sich (zauberhaft gespielt vom Ensemble und dezent vom Orchester untermalt). Gerade noch verbürgt Meister Pogner sich für Stolzing, da begeht er auch schon den ersten Fauxpas und wirft seinen Mantel über den Meisterstuhl.

Mit dem Lied, das er dann aber anstimmt, nimmt Stolzing die Meister für sich ein. Währenddessen vollzieht sich der Umbau zum Singgericht. Die Meister positionieren die Holzbänke auf der rechten Seite in zwei Reihen. Beckmesser, der Merker, nimmt mittels der Leiter seinen Platz in der Loge ein. Per Videoprojektion erscheint auf der Gaze auf der Bühne und den Seitenwänden des Zuschauerraumes die Tabulatur. Fritz Kothner stellt die Regeln vor, nach denen der Gesang bewertet wird. Stolzing merkt, dass es jetzt ernst wird: „Für dich, Geliebte, sei’s getan!“ und nimmt auf dem Sängerstuhl Platz, kommentiert von den anderen mit „Der Sänger sitzt!“ Ein Spot wird auf Stolzing gerichtet. Während seines Vortrages merkt Beckmesser energisch jeden Fehler auf seiner Tafel an. Zu den Worten „Seid ihr nun fertig?“ zeigt er den anderen die Tafel voller Striche, für jeden Fehler einen. Michael Borth begeistert nicht nur mit seinem wandlungsfähigen Bariton, sondern ganz besonders auch mit seinem Spiel und seiner starken Bühnenpräsenz. Aufgeregt stellt er die Eignung des jungen Ritters infrage. Auch die anderen Meister sind ganz aufgebracht und reden durcheinander, bis Sachs ihnen Einhalt gebietet und sie gemahnt, den Vortrag zu Ende zu hören. Stolzing fährt mit seinem Lied fort und plötzlich verschwimmen die Worte an den Wänden. Der Ritter hält sich nicht an die Tabulatur, an die alten Regeln, er findet Neues. Die Meister gehen ab und Sachs nimmt die Merkertafel mit den vielen Fehlern. Aus Beckmessers Kommentar „UNGENAU“ macht Sachs nach kurzer Überlegung das Urteil „NEU“.
2. Aufzug
Nach der Pause geht es so weiter, wie es aufgehört hat: mit begeistertem Applaus für das Orchester und seinen Dirigenten Frank Beermann. Die Möbel sind verschwunden, die Lehrbuben bereiten sich auf den Johannistag vor. Lene und Eva tragen Reifröckchen in Rot und Weiß. Die Lehrbuben überzeugen mit guter Textverständlichkeit und großer Präzision. Sachs und David erscheinen, dann Pogner und Eva. David spannt in der Loge auf der linken Seite die Schuhe für Meister Sachs auf den Leisten. Kathrin Göring überzeugt mit ausgezeichneter Textverständlichkeit und engagiertem Spiel. Die Gaze im Hintergrund wird heruntergefahren, Sachs tritt davor und macht sich an das Schuhwerk. Auf Rück- und Seitenwänden erscheint in einer Videoprojektion der Fliedermonolog von Hans Sachs. Dazu werden die Wände des Zuschauerraumes fliederfarben angestrahlt. Sachs, mit einer Schürze bekleidet, lässt sich mit den Schuhen und seinem Werkzeug auf einem Hocker nieder. Im Orchester erklingen die Motive des Schusterliedes. Schließlich sinniert er darüber, wie Stolzing sich in der Freiung geschlagen hat: „Dem Vogel, der heut‘ sang, dem war der Schnabel hold gewachsen!“ Eva tritt hinzu und will aus ihm herauslocken, ob er sich wohl auch um den Preis, also um sie, bewerben will: „Könnt’s einem Witwer nicht gelingen?“, doch Sachs winkt ab: „Hatt‘ einst ein Weib und Kinder genug.“ Mittlerweile ist es Nacht geworden und Pogner ruft Eva und Lene ins Haus.

Plötzlich taucht Stolzing auf. Die Meister kommen in Zeitlupe und stellen Kerzen auf. Plötzlich ziehen sich die Geister zurück und der Nachtwächter lässt sein Horn erklingen. Es ist zehn Uhr. Auf den Wänden erstrahlt das Kerzenlicht, dazu tönt das Horn des Nachtwächters. Sachs ahnt: „Üble Dinge, die ich da merk…“ Stolzing und Eva (in Lenes Kleidern) halten sich am rechten Bühnenrand verborgen, als erneut das Horn des Nachtwächters erklingt. Plötzlich ertönt Beckmessers Harfe. Sachs bearbeitet auf der linken Seite weiter seine Schuhe, während Beckmesser auf der rechten Seite bemüht ist, Eva ein Ständchen zu bringen. Dabei wird er jedoch ständig von Sachs durch heftiges Klopfen auf die Schuhsohlen gestört. Die Szene zwischen Sachs und Beckmesser gehört immer zu den Highlights einer jeden Meistersinger-Inszenierung. Simon Bailey (Sachs) und Michael Borth (Beckmesser) gestalten diese Szene auch ausgesprochen liebevoll und detailliert. Die subtile Begleitung durch Frank Beermann rundet die Szene ab. Lene erscheint als Eva verkleidet oben rechts auf dem Balkon und fragt sich lustig machend: „War das euer Lied?“ Aus dem Video im Zuschauerraum verschwindet plötzlich die Farbe, die Kerzen sind nur noch schwarz-weiß. Beckmesser erklimmt die Leiter, weiterhin bemüht, die vermeintliche Eva mit seinem Lied zu gewinnen. Sachs klopft unermüdlich die Fehler auf der Schuhsohle, was Beckmesser zunehmend sauer macht. Das macht Sachs sichtlich nur noch mehr Spaß. Beckmesser singt aus der Loge links, während „Eva“ auf dem Balkon rechts tanzt. Unterdessen hat Sachs die Schuhe fertig. David kommt, das Licht färbt sich rot, die Meister kommen und die ersten Töne der Prügelfuge erklingen im Orchester. Beckmesser und David prügeln sich im Rang, die Meister prügeln sich unten auf der Bühne. Der Chor im Hintergrund beeindruckt durch große Präzision und Sicherheit in einem der komplexesten Stücke für Chor in der gesamten Opernliteratur. Sicher kommt dem Chor hierbei zugute, dass er hinter dem Orchester steht und nicht auf der Bühne agieren muss. Die Meistersinger sind die einzige komische Oper von Richard Wagner. Das nutzt Regisseur Jakob Peters-Messer aus, indem er Beckmesser und David durch den ganzen Zuschauerraum scheucht. Pogner schaut aus der Loge oben rechts zu, wie die Meister ihre Klavierauszüge auf Beckmesser werfen. Auf dem Höhepunkt des Chaos verschwindet der Spuk und der Ruf des Nachtwächters beendet die nächtliche Prügelei. Das Orchester beruhigt sich, die leisen Flötenmotive laufen aus, Beckmesser humpelt mit seiner Laute von der Bühne. Noch bevor das Licht verlischt, branden Applaus und begeisterte Bravorufe auf.

3. Aufzug
Auch zum 3. Aufzug begrüßt das begeisterte Publikum Dirigent und Orchester mit enthusiastischem Beifall. Zu Beginn wird wieder eine neue Videoprojektion gezeigt. Im Wesentlichen sieht man abblätternde Farbe auf den Wänden. Die Fassade bröckelt buchstäblich. Sachs liegt inmitten der verstreuten Klavierauszüge. Zustand nach Prügelfuge. Das „Wach auf“-Motiv erklingt in den Hörnern. Sehr ruhig und fließend geht die Melodie in die Flöten und Streicher über. Die Hörner begeistern durch ruhigen und erhabenen Fluss. Die Melodie wird in den Posaunen immer intensiver. Der Wendepunkt in der Handlung wird auch in der Musik immer deutlicher. Sachs erwacht wie aus einem Traum, setzt sich auf. Plötzlich wird die Musik lebhafter, er erblickt David, der mit einem Korb und Blumen herbeikommt. David sagt sein Sprüchlein zum Johannistag auf und plötzlich wird ihm bewusst, dass der Meister heute auch Namenstag hat. Der Wahn-Monolog von Sachs gerät dank Simon Bailey zu einem weiteren Höhepunkt des Abends. Sachs sitzt auf einem Hocker mitten auf der Bühne. Die Video-Projektion ist nun in Schwarz-Weiß gehalten mit ein wenig Rot. Dieser Sachs ist nicht alt, verbraucht und verbittert, er wirkt ziemlich frisch und entschlossen. Zu den Worten „Der Flieder war’s. Johannisnacht; nun aber kam Johannistag!“ Die Farbe blättert wieder von den Wänden. Stolzing kommt und berichtet von einem Traum. Es ist eine Freude, wie Simon Bailey auch im dritten Aufzug nach fast vier Stunden noch immer noch unangestrengt singt, mühelos agiert und ausdrucksstark deklamiert. Er hat sich seine Kraft über den Abend perfekt eingeteilt und lässt seine schöne Höhe strahlen. Sachs verlangt von Stolzing: „Erklärt mir euren Morgentraum!“

Als Stolzing beginnt und die ersten Takte „Morgenlich leuchtend“ erklingen, wird der gesungene Text auf die hintere Gaze projiziert. Die nächste Strophe „Abendlich glühend“ wird auf die linke Wand projiziert, weiter geht es mit „Lieblich ein Quell“ auf der rechten Wand. So erfüllt Stolzings Traumlied nach und nach den ganzen Raum. Schließlich fährt die Gaze hoch – das Lied ist fertig. Die Farben wechseln von weiß auf schwarz zu schwarz auf weiß. Sachs hat das Lied niedergeschrieben, und was man schwarz auf weiß besitzt, kann man getrost nach Hause tragen. Sachs legt das Blatt mit dem Text auf den Tisch und beide gehen ab. Beckmesser erscheint, offensichtlich von schlimmen Schmerzen geplagt. Er leidet und jammert. Die Geister räumen die Bänke ab, im Orchester klingen die Erinnerungen an die Prügelfuge an. Beckmesser findet den Klavierauszug und blättert darin. Er kauert sich unter den Tisch und findet das Blatt, „die Weise“. Als er zu lesen anfängt, verschwimmt der Text in der Videoprojektion, die Buchstaben verwischen. Der Sinn erschließt sich ihm nicht. Sachs kommt und will das Blatt holen. „Das Gedicht, hier ließ ich’s. Stecktet ihr’s ein?“ Beckmesser wittert seine Chance: „Ein Lied von Sachs! Das will was bedeuten!“ Sachs versichert, das Lied sei nicht von ihm. Beckmesser jedoch ist davon überzeugt und verlässt begeistert die Bühne. Eva kommt und begrüßt Sachs. Sie trägt einen Reifrock und roten Kragen sowie die neuen Schuhe. Aber es gibt ein Problem: Die neuen Schuhe passen nicht recht. Stolzing kommt hinzu, er hat eine lila Jacke wie die eines Junkers oder Ritters dabei. Als Stolzing zu singen beginnt, wird der Text wieder klar und deutlich lesbar. „So licht und klar.“ Während Stolzing singt, passt Sachs Eva den Schuh an.

Eva fällt Sachs um den Hals, er schiebt sie jedoch von sich. Den folgenden Gefühlsausbruch spielt Simon Bailey großartig und überzeugend. Er macht ihr mit einem Gleichnis klar, dass es hier nicht um ihn geht. „Mein Kind, von Tristan und Isolde kenn ich ein traurig Lied. Hans Sachs war klug und wollte nichts von Herrn Markes Glück.“ Das im Endeffekt ja auch gar kein Glück war, wie wir wissen. Lene kommt hinzu, ihre Farben sind wieder schwarz und weiß. David trägt nun eine grüne Jacke. Als alle versammelt sind, stellt Sachs fest, dass mit der neuen Weise ein Kind geboren wurde, die selige Morgentraumdeutweise. In dem folgenden Quintett, das so zauberhaft schön und feierlich ist, dass einem fast die Tränen kommen, zeigen alle Solisten noch einmal, mit welcher Professionalität und Liebe zur Musik sie dabei sind. David, Lene, Eva, Stolzing und Sachs stehen ruhig und zentral auf der Bühne, fassen sich für einen kurzen Moment an den Händen und lösen den Griff wieder. Zwei Paare finden sich: David und Lene sowie Eva und Stolzing. Auf Sachsens Ruf „Auf nach der Wies!“ fahren alle fünf in den Orchestergraben. Zu Beginn der Festwiese kommt die Bühnenmusik von der rechten Seite. Die Video-Projektion zeigt unzählige Porträtfotos von Menschen aus dem Publikum, von Unterstützern und Sponsoren und den Personen, die diese Produktion ermöglicht haben, wie u.a. Andrea Krauledat (Intendantin des Stadttheaters Minden) oder Dr. Jutta Winckler (Richard-Wagner-Verband Minden und Gesamtleitung). Zu den Bildern werden nach und nach die verschiedenen Zünfte in Nürnberg besungen. Leider kann diese Szene unter den gegebenen Raumverhältnissen nicht auf der Bühne stattfinden. Die Bilderflut wird immer dichter. Der Tanz der Mädels von Fürth wird durch die Meister mit gelben Tüllröckchen und Pompons angedeutet, wieder eine lustige Szene, die Lacher provoziert, ohne lächerlich zu wirken. Als David feststellt: „Ihr tanzt?“, bekommt er auch ein Tutu. Die Meister bringen eine lange Stange, auf der ein aufgerolltes Plakat angebracht ist. Dabei zitieren sie noch einmal die Regeln des Meistergesangs. Nachdem sie das Banner hochgezogen haben, nehmen die Meister in einer Reihe Platz. Das Video zeigt nun die Gegend um Minden, die Weser, die Porta Westfalica und das Kaiser-Wilhelm-Denkmal. Das „Wach auf!“ des Chores gerät so bombastisch, dass sich wirklich die Nackenhärchen aufstellen. Umso stärker ist der Kontrast bei „Es nahet gen den Tag“.

Beermann wählt sehr ruhige, getragene Tempi und kostet die Feierlichkeit der Musik entsprechend genüsslich aus. Die Paare stehen in den Logen und Sachs fährt aus dem Graben nach oben, mit einem Lorbeerkranz. Ein Spot ist auf ihn gerichtet, als das Volk von Nürnberg ihn auf der Festwiese feiert. Als großen Kraftakt am Ende der Oper hat Wagner dem Sachs noch einmal einen großen Monolog gegeben, der je nach Dirigat fünf bis sechs Minuten dauert. Auch diesen meistert Simon Bailey mit Leichtigkeit und zieht das Publikum noch einmal in seinen Bann.Die Meister lauschen, alle jetzt im festlichen und farbigen Ornat ihrer Gilden. Hans Sachs übergibt den Lorbeerkranz an Eva und Pogner dankt Sachs für seine Ansprache. Fritz Kothner bestimmt, dass Sixtus Beckmesser beginnen soll: „Herr Beckmesser, ihr fangt an!“ Darauf reagiert der Chor ablehnend: „Scheint mir nicht der Rechte, scheint mir nicht der Rechte, an der Tochter Stell‘ ich den nicht möchte!“ Auch diese Fuge präsentiert der Chor souverän und mit großer Präzision. Beckmesser nimmt umständlich auf dem Stuhl Platz und stimmt seine Laute, was bereits Heiterkeit bei den Zuschauern hervorruft. Die Beckmesser-Harfe ist in der Loge platziert. Der Text der ersten Strophe ist vollkommener Blödsinn und die Meister wundern sich und tuscheln untereinander. „Was ist das? Ist der von Sinnen?“ In der zweiten Strophe wird der Text immer sinnloser, was wieder entsprechend von den Meistern und dem Umstehenden kommentiert wird. In der dritten Strophe wird es dann so absurd, dass die Meister sich vor Lachen nicht mehr halten können und Beckmesser beschimpft Sachs, weil er ahnt, dass hier etwas nicht stimmen kann. Auch der Chor stellt fest, dass dieses Lied niemals von Hans Sachs stammen kann. Dieser macht sich noch einen Spaß mit Beckmesser, indem er unter den Anwesenden nach Zeugen sucht („Ist jemand hier, der Recht mir weiß?“). Mit Walther von Stolzing erscheint dieser Jemand. Er nimmt auf dem Sängerstuhl Platz und der Chor ahnt bereits nach der ersten Strophe: „Das ist was Anderes!“ Nach der zweiten Strophe sind alle begeistert von Stolzing und nach der dritten gibt es kein Halten mehr: Für die Menge steht der Sieger fest: „Keiner so hold zu werben weiß!“ Eva setzt Stolzing den Lorbeerkranz auf und Sachs ist sicher, dass er seinen Zeugen gut gewählt hat. Meister Pogner will Stolzing in die Meister-Gilde aufnehmen, doch dieser winkt bestimmt ab: „Nicht Meister, nein! Will ohne Meister selig sein!“ Auf diese forsche Zurückweisung und Ablehnung der Meisterehren holt Sachs zum letzten Teil seiner Schlussansprache aus.
„Verachtet mir die Meister nicht!“
Eva legt nun alles Rote an ihrem Kostüm ab. Stolzing zieht seine Junkerjacke aus. Beide tragen nun wieder ihre Kleidung aus dem ersten Aufzug. Die Meister tun es den beiden gleich und legen alle ihre Tracht ab, ebenso die Insignien ihrer Zünfte. Magdalene zeigt Stolzing den Klavierauszug, als wolle sie ihn auf den richtigen Weg bringen. Als Sachs sagt „zerfällt erst deutsches Volk und Reich …“, halten alle Meister ihre Klavierauszüge. Wenn Sachs an der Mahnung ankommt: „Ehrt eure deutschen Meister! Dann bannt ihr gute Geister!“ sind alle wieder in ihren ursprünglichen schwarz-weißen Kleidern. Der Chor wiederholt noch einmal zur Bestätigung die Aussagen von Sachs „Ehrt eure deutschen Meister…“. Dazu drehen sich alle Meister nach hinten um zum Chor, nur nicht Sachs. Die Meister gehen zu den Seiten ab und Sachs bleibt alleine auf der Bühne zurück, mit seinem Klavierauszug auf dem Stuhl sitzend. Der Chor beendet den Abend mit den Rufen „Heil! Heil! Nürnbergs teurem Sachs!“

Nach einem kurzen Moment feierlicher Stille bricht überwältigender Applaus des Publikums los. Immer wieder klatschen die Zuschauer die Solisten nach vorn. Der Applaus wird aber auch der Regie (Jakob Peters-Messer), dem Bühnenbild (Guido Petzold) und den Kostümen zuteil. Besonders jubelt das Publikum an diesem Abend dem Dirigenten Frank Beermann zu, der die fantastische Nordwestdeutsche Philharmonie wieder einmal meisterlich als großartiges Opernorchester präsentiert hat. Nicht minder fällt der Zuspruch für den freien Opernchor coruso e.V. in der Einstudierung von Raymond Hughes aus. Die Publikumslieblinge in den Meistersingern sind fast immer Hans Sachs und sein Gegenspieler Sixtus Beckmesser. Das sah auch das Mindener Publikum der Dernière so. Simon Bailey begeisterte über die ganze Marathonstrecke der drei langen Aufzüge immer wieder mit seinem noblen, warm timbrierten Bariton, ausgezeichneter Textverständlichkeit und besonderer Bühnenpräsenz. Darin stand ihm Michael Borth als Stadtschreiber Sixtus Beckmesser in nichts nach. Mit wandlungsfähiger Stimme und differenziertem Spiel verlieh er dem Beckmesser die nötige Portion Komik, ohne die Figur ins Lächerliche zu ziehen. Der junge Christoph Seidl überzeugte als Meister Pogner sowohl vom Habitus her als auch stimmlich mit profundem sonorem Bass. Emma McNairy gab in Minden ihr Rollendebüt als Eva. Sie sang und spielte die Eva mit jugendlicher Leichtigkeit und zeigte dennoch eine selbstbewusste Tochter, nicht das vom Vater als Preis ausgesetzte willenlose Kind. Vom Publikum besonders gefeiert wurde Kathrin Göring als Magdalene. Sie gehörte von Anfang an der Mindener Wagner-Besetzung an. Ihr runder warmer Mezzosopran passte hervorragend zur besonnenen fürsorglichen Magdalene. An ihrer Seite der wunderbare Stephen Chambers als Lehrbube David. Mit jungenhaftem Charme und jugendlicher Leichtigkeit gestaltete Chambers mit seinem flexiblen und obertonreichen Tenor die Rolle des David, gepaart mit großer Spielfreude. Die Rolle des jungen Ritters Walther von Stolzing lag bei Jussi Myllys in guten Händen beziehungsweise Stimmbändern. Auch er teilte seine Kräfte gut ein und lieferte auch auf der Festwiese im dritten Aufzug noch alle drei Strophen seines Preisliedes mit seinem schlanken lyrischen Tenor überzeugend ab. Alle Meister boten eine überzeugende Leistung und begeisterten das Publikum nicht nur mit ihrem Gesang, sondern auch mit vielseitigen schauspielerischen Leistungen. Die unterschiedlichen Video-Projektionen in den einzelnen Szenen waren ästhetisch und klug eingesetzt und unterstrichen zu jeder Zeit die Handlung, ohne zu verfremden. Interessante Effekte wie die unterschiedlichen Farben der Schrift oder das Verschwimmen der Buchstaben betonten Wendungen im Stück und lockerten die Szene auf. Die durch die räumlichen Gegebenheiten bedingte etwas sparsame Ausstattung der Bühne ließ immer erkennen, wo die Handlung gerade spielte, und unterstützte, anstatt zu überfrachten. So zeigte sich in Minden wieder einmal, dass große Oper nicht zwingend eine große Bühne braucht. Sie braucht Verständnis der Partitur, des Textes, Kreativität und Begeisterung, aber vor allem Liebe zur Sache. All dies war beim Produktionsteam, dem Ensemble, Chor, Orchester und dem Dirigenten vorhanden.
Fast ist es schade, dass der ganze Bayreuther Kanon bereits in Minden aufgeführt wurde. Nun gibt es zwei Möglichkeiten: auch noch die Frühwerke spielen oder wieder von vorn anfangen.
Danke an alle Beteiligten für dieses erneute Wagner-Wunder von Minden!